Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 schafl'icher und politischer Beziehung. Wir dürfen uns heute nicht auf die Besprechung kultureller Fragen beschränken. Dann spricht Heinrich M a r g u I i e s' und po- ' lemisiert gegen Blumenfelds theoretische Ausführungen. (Fortsetzung folgt.) Tretet dem Jüdischen Nationalverein bei! Anmeldungen: Zirkusgasse Nr. 33 Aus der allgemeinen Presse Der Berliner „Vorwärts“ brächte am 18. Dezember folgenden Beitrag des Reußer sozialdemokratischen R i hstagsabgeordneten Al a x Cohen zu dem Kapi.el „Polen und Juden“: Die Wiedererrichtung des Königreichs Polen ist eine Tatsadie geworden, mit der sich audi die abfindai müssen, Sie der nunmehr getroffenen Lösung nicht ohne groüe Bedenke^ gegenüberstehen. Auch Sozialdemokraten sind unter diesen. Nichtsdestoweniger ist es notwendig, sich aut den Boden der gefällten Entscheidung zu stellen, in der Hoffnung, dah es bei den Friedensverhard’uogen, die den augenblickHdien Zustand erst zu einem dauernden machen werden, gelingen möge, weitere Sicherungen zu finden. so daß wir mit Vertrauei die weitere Entwicklung erwarten körnen. Freilich wird man' fordern müssen, daß für die Folge keine wichtige. die zukünftige Friedensgestaltung betreffende Maßnahme von der Regierung endgültig angeordnet wird, bevor man nicht zumindest mit der deutschen Volksvertretung beraten hat Aber auch nachträglidi hätten die im Hauptausschuß des Deutschen Reichstags vertretenen Abgeordneten diese Unter'assungssünde viel schärfer rügen müssen, als es geschah; denn in diesen Dingen ist feste Entschieden!' it vonnöten, wenn sie sidi nidit wiederholen sol'en. Das darf man aber nun wohl ann rinnen. denn der Reichstag hat ein Redit darauf, nicht mit der russischen Duma verwechselt . zu werden. Doch das nur bri'äufig. Der Hauptzweck dieses Artikels ist, die Aufmerksamkeit weiterer Kreise aut eine Angelegenheit zu lenken, die für das neue polnische Königreich von der größten Bedeutung ist: auf die Stellung der mehr als zwei Millionen starken polnischen Juden. Man weiß von ihnen in Westeuropa nidit dien sehr viel, meist. nur, daß sie zum: überwiegende.! Teil in großem Elend und in strenger Abgeschlossenheit leben. Beides ist richtig. Die Lebensgewohnheiten des Ostjuden ums, die Art in der es denkt und fühlt, bilden in der Tat eine Welt für sidi. Die jüdische Bevölkerung Polens ist ein besonde er und selbstständiger Volksteil, nichts anderes als eine nationale Minderheit. Die unglaublich schlechte soziale Lage des'größten Teils der polnischen Juden, zugleich aber ihre Bedeutung für die Wirtschaft des Landes, haben die Erörterung des Ostjudenproblemsnie ganz von der Tagesordnung verschwinden lassen, und audi der „Vorwärts“" hat sich verschiedentlich mit ihm besdiäftigt. Die Auferstehung des polnischen Königreichs läßt die Wiederaufnahme der Dcbaite dringlich erscheinen. Es ist die Absicht dieses Aufsatzes, sie hervorzurufen. Wenn schon im Frieden die Unterdrückungsmaßnahmen einer rn'ähigen lussisdien Bureaukraue und die Feindschaft der Polen schwer auf dem Judentum lasteten und ihm die Aufwärtsentwicklung so gut wie unmöglich machten, so hat die Kriegskatastrophe auch den winzigsten Ansatz zur Besserung erstickt und die Atlasse der jüdischen Bevölkerung in ein Elend geworfen, das jeder Beschreibung spottet. Gute Kenner dieser Zustände, die die Lage der Ostjuden seit Jahr und Tag studiert und sich' während des Krieges durch den Augenschein' unterrichtet haben, behaupten, daß die schlimmsten Teile von Newvork und London wahre Lichtblicke seien verglichen mit den schauerlichen Verhältnissen, in .denen hier Menschen dahinvegetieren. Wer die Erzählungen derer hört, die dort zn arbeiten und zu helfen versucht haben, wird, gi ich viel wie er politisch steht, im Tiefsten erschüttert sein über soviel-menschlichen Jammer — obgleich der Krieg uns alle miteinander etwas abgestumpft bat. Und wie ein Wunder muß es erscheinen, daß der Lebenswille dieses Volkes noch nicht vollständig zerschlagen ist, sondern dab er sich immer wieder erhebt, um Herr zu werden' dieser tiefen Not und ‘gegen seine Vergewaltigung anzukämpfen. Alle Völker müssen gegenwärtig viel Kriegselend aul sich nehmen. Aber es ist ein Unterschied zwischen dem, was unvermeidbar ist und dem, was nicht zu sein braucht. Und vieles brauchte dort im Osten nicht zu sein, wenn die Polen mehr guien Willen zeigten und die eben erst für sidi selbst errungene Freiheit nicht der jüdisdien Bevölkerung ihres Landes vorenthielten. Es ist merkwürdig; mit Ingrimm haben die Polen die preußische Ausnahmegesetzgebung gegen die polnisdie Minorität bekämpft, aber sie selbst haben sich keinen Augenblick gescheut, Ausnahmebestimmu'gen gutzuheißen, die sich jüdische zeitunq gegen die jüdische Minderheit ihres eigenen Landes richteten. Ist es nicht unerhört, wenn man in Warschau die Kriegsunterstützung an die Frauen der jü~i - sehen Soldaten im russisdien Heere nicht mehr auszahlt, obwohl sie aus allgemeinen Steuern aufgebracht W’-erden? Ist es nicht unerhört, daß diese Auszahlung urplötzlich an die Bedingung der Vorzeigung eines offiziellen Trauscheins geknüpft wird, den die jüdisdien Frauen nicht besitzen? Die weitaus größte Zahl der jüdischen Ehen (und nicht die schlechtesten) ist in der gebräuchlichen. jüdisch-rituellen Form (kirchliche Trauung), iabejr lohne diesen Schein 'geschlossen worden, man kennt das einfach nicht. Und nun stehen diese armen Frauen und Kinder da, der Not und dem Elend, buchstäblich dem Verhungern preisgegeben, ln Deutschland, wo Unterstützungen bezahlt werden, vermag man zu beurteilen, was ihr plötzliches Aufhören bedeutet, und In Deutschland wrird die gesamte öffentliche Meinung verlangen, daß diese Schmadi aufhört. Ist es zu glauben, daß die polnische Stadtverwaltung in Warschau den Mut fand, im Jahre 1916 eine Art modernen Ghettos einzurichten? Im Oktober wunde nämlich beschlossen, daß in den städtischen Verkaufshallen die Stände der Kaufleute nach' Kontessionen abzusondern sind, den jüdischen Geschäftsinhabern ivurdcn dabei die hinteren Gewölbe zugeteilt. Von liier aus ist es nur ein Schritt, den Juden bestimmte Viertel auch zum Wohnen anzuweiseri, u :<f das Mittelalter wäre wieder auferstanden. Daß der Warschauer Magistrat den Juden, die nahezu die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, keine besonderen Schulen bewilligt, soll nicht gerügt werden, aber midi dünkt, daß 'die polnische Minorität der deutschen Ostmark stets besondere Schulen Tür sich verfangt hat. Um so eher wird man vielleicht in Warschau dazu kommen, besonde-e jüdische Bänke einzurichten, verlangt wird -es bereitst Ist es zu glauben, daß m#n m Warschau der jüdischen Gemeinde 30.0C0 .Rubel monatlicher Unterstützung für die ■— adi so bitter nötigen — billigen Küchen verweigerte, den nichtjüdischen dafür in derse’ben Sitzung eine halbe Million bewilligte? Daß man es fertig gebracht hat, den 'Juden das Wahlrecht zu verkürzen, ist selbstverständlich, und in den anderen größeren Städten Polens sowie in der Provinz liegen die Dinge ganz ähnlich, die Zahl der Uebelstärde ist Legion. Hiermuß die deutsche Verwaltung unbedingt eingreifen, sie kann nicht ruhig Zusehen, wie das Zusammenleben der Polen uni Juden von Grund aus vergiftet wird. Es ist eine der nötigsten Aufgaben, dafür zu sorgen, daß die nun einmal auf demselben Boden in enger wirtschaftlicher und politischer Gemeinschaft lebenden Völksteile in ein gedeihliches Verhältnis zueinander kommen. Es geht nicht, daß die Polen, selbst zur Freiheit gelangt, die Freiheit der anderen nicht duiden wollen. Die Polen müssen einsehen, daß eine gute zukünftige Entwicklung ihres Landes (die ohnehin genug Hindernisse finden wird) aufs schwerste gefährdet ist, wenn die brennende Frage des polnischen Judentums nicht in freiheitlichem Sinne geregelt wird. Aber auch das Deutsche Reich hat ein beträchtliches Interesse daran, daß die fürchterlichen Mißstände beseitigt und die Rechte' nationaler Minderheiten garantiert werden. Das Ostjudentum ist durch mancherlei Fäden mit dem deutschen Leben verbunden Wie es schon vor dem Kriege der Haup träger der wirtschaftlichen Verbindung mit Rußland war, so wird es nach dem Kriege, wriedeurn sein, wrird außerdem für die gär nicht leichte Aufgabe, Peilen wirtschaftlich den Mittelmä.hte.i anzugliedern, wertvolle Hilfe leisten. Deutsche Offiziere und Beamte, die im allgemeinen einer besonderen Vorliebe für polnische Juden nidit verdächtig sind, aber mit offenem Auge die Dinge betrachten, spredier. mit mehr Adhtung von ihnen, als man vielleicht envarien könnte. Sie erkennen an, daß das jüdische Element für Wirtschaft und Handel unentbehrlich ist. Gewiß, es steckt — begünstigt durch die fürdüeriidien Verhältnisse eines dauernden Kriegsgebiets — in diesem Handel noch .viel Unredlichkeit. Die ist aber zum größten Teil eine Folge der allgemeinen Unterdrückung: nehmt sie fort und die' Entwicklung wird sidi nach und hach westeuropäischen Zuständen nähern. Es ist nicht uninteressant, daß der Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung“ ein ganz ähnliches Urtei'l in einem Bericht aus Kurland •fällt. In einer Artikelreihe über eine Reise durch Kurland vom Dezember vorigen Jahres schreibt er u. a. ,,Aber der dadurch (durch die Revolution von 1905) geschaffene Gegensatz (zwischen Balten und Juden) versdnvand doch sehr rasch wieder in den folgenden Jahren des gemeinsamen Kampfes gegen das Russenrum, und wo Stachel zurückgeblieben W'arcn,' da sind sie ganz ..allgemein durch den heroischen Auszug der Juden bei der Vertreibung im jetzigen Krieg beseitigt worden. Die wahre Heldengröße dieses Auszuges hat einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck aut den deutschen Bürger und Edelmann gemacht, und w'o man heute vom Juden spricht, geschieht es in ehrlicher Betrübnis, daß das Nh 1 tüchtige und Solide Handelselement fehlt und dem Lande dadurch großer Schaden entstanden ist.“ Es wird für die deutsche Verwaltung gewiß keine leichte Aufgabe sein, den schweren Mißständen .abzuhei'e.i, indes, das ist eine Aufgabe, der sie sich unmöglich entziehen kann. Auch sie begeht manchen Fehler, meist aus Unkenntnis der Verhältnisse, selten aus bösem Willen. Aber eines müßte sie sich grundsätzlich sagen, daß man nämlich auf dem’ Wege strenger Verordnungen, die für die Verhältnisse der Heimat passen mögen,, nicht eine Bevölkerung. die bis dahin das Gegenteil gewöhnt war, in richtige Bahnen bringen 'kann.. Hier muß langsam begoin.n und am Vorhandenen angeknüpft werden, nur so läßt sich Ersprießliches erreichen. Wenn man Altgewohntes einfach um-, stülpt, so ordnet man gar nichts oder doch nur sclieir bar. Man v rwirrt die Bevölkerung und stellt im besten Falle alles auf den Kopf. Gute Kenner des Landes behaupten, daß auch für die Beschaffung der Ernährung und sonstiger Gebrauchsgegensiände des Heeres viel mehr erreicht worden wäre, wenn man d:e getroffenen Bestimmungen den vorlrndenen Zuc'änden besser angepaßt und sich "der zur Verfügung stehen fen Hilfsmittel geschickt bedient hätte, denn für die wirkliche D:-~chfühning aller Vorschriften fehlt es in Polen von vornherein ah den nötigen Beamten. Und ge-a ‘e die jüdische Bevölkerung, die bereit urd in der Lage gewesen wäre, der Verwaltung' gute Dienste zu leisten, 'hat die Härte vieler Maßrahmen, infolge der nun einmal vorhandenen Berufsgliederung und der allgemeinen sozialen Verhältnisse doppelt und dreifach gespürt. , , Was für diese Bevölkerung vor allem notrut, sind jüdische Beamte. Ebensogut wrie man Dutzende von deutschen Polen als Beamte 1n das besetzte Gebiet geschickt hat, so muß man eine der jüdischen Volkszahl entsprechende Menge jüdischer Beamter, die jidisch wrirklich verstehen, nach Polen senden. So weit mir bekanntist, gibt es deren heute kein Vierteldutzend, in höherer Ste‘1? aber hur den einen Dr. Ludwig Haas. Dieter hat bereits Außerordentliches geleistet, aber der Arbeit äst allzuviel. Es gibt in Deutschland genug Juden, die guten Willens wären, und die die Dint^e am rich'igen Ende anzupacken verstehen, die aber vor allen Dingen wissen, wrie man es nicht machen darf. In Polen so gm wie andersw'o kommt man 'mit bloßer Wohltätigkeit nicht weit, auch dort ist die Organisierung der Selbsthilfe das beste Mittel. Und!es spricht für dein igüten Kern. der polnischen Juden, daß sie keine,bloßen Almosenempfänger sein wollen, ~ sondern“'verziehen, sich mit den vorhandenen Hilfsmitteln zu organisieren und von unten herauf die Kräfte zu sammeln, die sie für ihre Weiterentwicklung und Gesundung brauchen.;,Nie sind in Po'en — so schreibt Julius Berger im 3. Heft des „Juden“ — so viele jüdische Schulen gegründet worden, nie so viel Lesehallen und Bibliotheken, wie gerade jetzt, mitten im Kriege. U:d nicht durch .fürstliche Schcnku"wen einzelner Großer. Aber mit 100 Rubeln Anfangskapital haben z. B. die Zionisten in Warschau ein Schulsystem gegründet, das heute beinahe dreitaueend Kinder umfaßt, Kinderheime, Vo ksscnu'e-’, Mittelschulen, Haiidferiigkeitsschulen für Mädchen.“ Diese Bewegung und diesen Geist zu unterstützen, ist Pflicht der deutsche! Verwaltung. Und. wenn bei einem Empfang durch den deutschen Reichskanzler Professor Brudzinski -u. ä. die' Forderung stellte, daß ein provisorischer Staatsra: aus einheimischen polnischen Elem'nten zu bilden sei, der die Ausarbeitung einer Verfassung und die Organisarion der po'nischen Staatsverwaltung vorzub e-eiten habe,' so muß die weitere Forderung erhoben werden, daß diese Verfassung eingehende Bestimmungen zum Schutz und 'der Eniwicklungsf-rihelt der jüdischen Minderheit jn Po’en erhält; Das erfordert nicht nur das wohlverstandene Interesse des polnischen Staates selber, es ist auch1 ein Interesse Deutschlands. Das. Deutsche Reich hat viele Gründe, die Unterdrückung nationaler Minderheiten in den von ihm besetzten Gebieten nicht zu gestatten. Aus der jüdischen Welt Eine Sammlung für die verfolgten Juden regte der Pfarrer v. Fellenberg in Obe'balni (Kt. Bern) an, als auf einer Versauim’ung der Kantonalen Kirchen;emeinde von ei -er Kollekte für die Armenier die Rede w'ar; Das Ergebnis der Stadtratwahlen in der polnischen Provinz hat bis jetzt folgende Resultate gezeitigt. In Petrika.n wurden urite1- 50Ratsmännern 14 Juden (8 Assimilanten, 4 Orthodoxe und 2 Nationale) gewählt. Durch das Zusammengehen der Orthodoxen mit den Assimilanten erloschen die Aussichten zur Durchführung einer selbständigen Liste für die Zionisten, so daß sie sich in äußerst geringer Anzahl an den Wahlen beteiligten. — In Radom, w o sich die ’ Assimilaotcn mit den po’nisch-nationa’en Antisemiten gegen die Zionisten verbündeten, und dabei auf 6 von 18 Kandidaten verzichteten, W'urden bis jetzt S jüdische Ratmänner, Kandidaten dieses antisemitisch-assimilatorischen Blocks gewählt. —