Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Palästina ist -für den Zionisten 'nicht ntir das Land der Zukunft, sondern auch das Land, in das er sein eigenes Leben zu Verlegen sucht. Daraus entstehen zwei Fragen: ist die Uebersiedlung nach Palästina ^allein schon die Erfüllung des nationalen Ideals und was wird aus dem' Zionisten außerhalb Palästinas? Die Uebersiedlung allein verändert den Menschen nicht, aber werdie Kraft zu einer Entwicklung in sieb hat, der kann auf palästinensischer Erde sich entwickeln und fruchtbar werden, aber auch das palästinensiche Judentum muß immer zionistisch sein wie die Juden der Diaspora. Die Enttäuschung mancher Zionisten in Palästina ist erklärlich, nur dem gebenden Zionisten wird Palästina zum jüdischen Lande, nicht dem, der schon von der Landung die Lösung erwartet. Aber gerade für diejenigen, die im Zionismus den Weg nach Zion sehen, gerade für diejenigen, ist auch das Golusproblem von größter Bedeutung, während diejenigen Zionisten, 'die die „übereilte“ Uebersiedlung nach Palästina bekämpfen, gleichzeitig auch die Golusarbeit, wenigstens für die Länder des Westens, ablehnen. Für sie ist die Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit dem Deutschtum, die natürlich auch notwendig ist, id as einzig Wichtige. Das Golus ist ewig wie Palästina, deshalb muß eine Intensivierung des jüdischen Lebens neben der Entwicklung Palästinas einhergehen, ohne die ein immer palästinafremdes Judentum in der Diaspora entsteht. Die palästinensische Entwicklung geht in ungeheuer schnellem Tempo vor sich; wer 5 Jahre nicht fm Lande war, kann sich kaum in die völlig veränderten Verhältnisse finden. Um Palästina als .unser Land empfinden zu können, müssen wir jüdischer werden. Gewiß soll Palästina das ausstrahlende Zentrum für da? Golus sein, aber Palästina gibt nur in unge-, heuerem Reichtum denen etwas, die zentripetal leben, die nach Palästina streben. Einheit des Zionismus wird dadurch fgeschaften, daß der Zionismus des Auslandes pa'ästinozentrisch ist. Die Gesinnung, der Wille zum Schaffen ist dabei das Entscheidende, aber doch nicht das Einzige. Die Gesinnung allein führt zu einem Palästinaquietismus, der hier zum Nichtstun führt. Wir müssen Palästinaiudcn im Ausland werden. Zu diesem Jüdischwerden wird es freilich keine Führer geben, hier werden wir alle Lehrer und Lernende zugleich sein. Bisheriges Ortsgruppenleben war passiv: man wollte belehrt und informiert werden. Bei Jden Fragen jüdischer Kultur und jüdischen Lebens ist das nicht möglich. Es gibt zwei Wege. Der eine ist der Weg durch (die Gemeinschaft, die im innigen Miteinander- 'leben.. jüdischer werden will. Man meinte hier vielfach, daß man durch die' Erweckung der jüdischen Instinkte, durch die 1 innige Berührung mit der Natur, sich dem jüdischen Kampfe, dem Bewußtwerden der Gegensätze, entziehen kenne Das dürfen wir uns nicht leisten; ohne bewußte Erfüllung mit jüdischen Inhalten werden wir nicht jüdischer werden. Von diesen jüdischen Inhalten sind vor allem zu nennen: die U m f o r m ung uns er er nationalen Idee, die Wir bisher den größten deutschen Nationalitäten (Fichte, Meieke, Lagarde) entlehnt haben. Bisher betonten wir bei uns zu sehr das Allgemeine des Nationalismus, aber nicht das Spezielle eines jüdischen Nationalismus. Daraus entsteht bei uns die mit allgemeinen Grundsätzen begründete Ablehnung der Beschneidung und der jüdischen Formen. Es liegt an den vielen falschen Analogien, wie wir z. B. beim Begriff des jüdischen Bauern in Palästina durch den Typ des deutschen Bauern vollkommen bestimmt wurden. Unser Staatsgedanke ist viel menschlicher, viei weniger formal als der europäische. Das Lernen des Hebräischen wird in den letzten Monaten mit ganz anderem Erfolge betrieben als früher, weil es mit mehr Hoffnung betrieben wird. Dasselbe gilt von jüdischer Geschichte und von der Bibel. Das kann nur durch Kurse geschehen, die überall zu organisieren sind. Die Palästinenser müssen überall hebräische Kurse organisieren. Wir werden unser Parteisekretariat umgestalten, unsere Sekretäre müssen auf mehrere Wochen in eine Ortsgruppe gehen, (jim tdo-t 'die Kurse zu Organisieren. Die Ortsgruppen müssen zu wirklichen jüdischen Lebensgemeinschaften werden. Dazu kommt die Notwendigkeit, wieder die jüdischen Formen zu pflegen, jedoch nicht künstlich. Wir müssen mit den Ostjuden leben, sei es, indem wir zu ihnen gehen, sei es, indem wir in Siedlungshcimen wie in Berlin mit ihnen in Berührung kommen. Die Einheit des Palästinensergedankens wird das jüdische Volk stark mache:;. Hierauf nahm Herr Schocken zu seinem ergänzenden Referat das Wort. Die Arbeit der Ortsgruppen muß neu organisiertwerden, dazu brauchen wir eine Körperschaft, die beratend gnd arbeitend Arbeitskreise bildet, und zwar eine Gruppe für Kultur anst alten, eine zAveite für Parteiarbeit, Teil ‘I Anuß in drei Tei e zerfallen: Hebräisch, nationaje Erziehung, geistige Angelegenheiten.' Der zweite Teil in die Teile: NF-Arbeit, Propaganda und Gemeindearbeit. Jede Gruppe wird aus fünf bis sechs in der Nähe wohnenden Männern gebildet. Jeder Arbeitskreis hat einen kleinen Arbeitsausschuß. Dem Arbeitskreis gehören alle Männer an, die Zionisten sind und an unseren Arbeiten sich beteiligen. Die Arbeitskreise müssen Gelegenheit haben, einmal jährlich zu gemeinsamer Beratung zusammenzufreten. Wir haben zwar eine Wissenschaft des Judentums, aber sie ist Tatsachenzusammenstellung, die aus falschen Gesichtspunkten zusammengestellt sind. Wir müßten einen neuen Typ des jüdischen Wissenschaftlers schaffen, der die vergrabene Kultur der vergangenen Jahrhunderte wieder ans Licht bringen soll. Aber Gelehrte können nur fruchtbringend arbeiten, wenn sie ihr gesichertes Einkommen haben. Hierfür müssen wir sorgen. Wir brauchen Verlagsgesellschaften, die Bücher wissenschaftlicher Natur verlegen, die naturgemäß nicht aut lohnenden Absatz rechnen können. Das ist möglich, das beweist die heutige Abonnentenzahl der Zeitschrift „Jude“, deren Anwachsen niemand vor einem Jahre erwartet hätte. Der erste Schritt wird eine Beratungsschule für Verlagslagsangelegenheiten sein. Erforderlich ist ferner ein literarischer Ratg e'b e r für die deutschen Juden nach Art des Dürerbundes. Für den hebräischen Unterricht brauchen wir eine A n- I e i't u n g zum Unterricht, ferner eine gute Auswahl von hebräischen Lesestücken aus der G eschichte, dem Mid-asch, der modernen hebräischen Literatur. Wir brauchen jüdische Sagenbücher, um unserer Jugend wieder jüdische Helden zu geben. Aufgabe der jüdischakademischen Vereinigungen wird es sein, seminaristische Arbeiten größeren Umfanges zu schaffen. Wichtig ist auch die von Robert Weltsch in der „Jüd. Rdsch.“ angeregte Schaffung eines zionistischen, einjährigen Arbeitsdienstes, sei es am Platz der Zentrale, sei es in Palästina oder im Osten. In der Nachmittagssitzung wird ein Antrag, Reinhardt-Köln, der es den Zionisten zur Pflicht macht, sich um die jüdisch-polrischen Munitionsarbeiter zu kümmern, die vielfach in Deutschland tätig sind, einstimmig angenommen. Jetzt erhält Herr Dr. T ä u b 1 e r das Wort zu seinem Referat über ein ..Kulturprogramm des Zionismus“. Er weist auf die Notwendigkeit hin, dab unsere Presse nicht nur zur Unterhaltung und Informierung, sondern wirklich zur Bildung einer öffentlichen Meinung diene. Für die Hebraisierung hat der Referent spezielle Wünsche eines T aschenw Örterbuches und geeigneter Lehrbücher. Ferner regt der Redner die Gründung einer Sektion für B ch e r e i n, die in jeder Landsmannschaft eine Abteilung hat, an, um überall im Ansch'uß an die gro°e Jerusalemer Nationa'bibliothek, die für die einzelnen Ortsgruppen und 'Vereine notwendigen Bib'iotheken zu schaffen. Steigerung der Erkenntnis vom Juden und vom Judentum in psychischer und biologischer Hinsicht sei erforderlich, um ein Erstarren der Idee zum Dogma zu vermeiden. Der Typus „Jude“ soll im Wandel seiner Beeinflußtheit durch seine Umgebung und in seinem psychischen Wandel beschrieben werden. Ziel ist die Bildung einer jüdisch-soziologischen Gesellschaft. Hier sollen Historiker und Nationalökonom, Statistiker und Mediziner Zusammenwirken. Von diesem Gesichtspunkt aus ist z. B. die jüdische Emigrationsfrage anzugreifen, so wäre die physische Veränderung des in England und Amerika einwandernden russischen Juden darzustellen. Weitere wichtige Aufgaben der Gesellschaft würde die Schaffung .eines geschichtlich - systema‘i.;chen Handbuchs der Judentrage und eine Chronik der zeitgenössischen JudengesChichte. Die Gesellschaft sollte ferner Monographien herausgeben, von denen als erste „Der Nationalismus in der jüdischen Geschichte“ genannt wird, ebenso die Veranstaltung jüdischwissenschaftlicher Vortragszyklen. Die nun folgende Disskussion beginnt Herr B u b e r mit Ausführungen über jüdisch-nationale Existenz. Erziehung ist die Ueber'ieferung geistiger Werke von einer Generation zur anderen, aber nicht ihre unveränderte Ueberlieferung, was zum geistigen Stillstand führen würde, sondern dadurch, daß die in der neuen Generation schlummernden Werte von der erziehenden geweckt werden. Der Erzieher kann nichts tun, als unter dem Aspekt der ewigen Werte die in der neuen Generation liegenden Werte zu fördern, oder richtiger die Selbsterziehung der jungen Generation zu fördern. Diese Grundgedanken wären nun auf die nationale Erziehung anzuwenden. Hier handelt es sich also um die einem bestimmten Volkstum eigenen Werte, die zu überliefern sind. Auch hier mub die zu erzielende Generation diese Werte mit der Hilfe des Erziehers nach 'ihrem Leberesgefühl' neu schaffen. Das Problem wird im Judentum, und besonders im westlichen, noch kompliziert durch die historische Lücke in der Fortpflanzung der WeFte. Es gab'eine Epoche im 19. Jahrhundert, die eine Unterbrechung in der Ueberlieferung der nationalen Werte bedeutet. In .ganz besonderem Sinne gilt hier, daß wahre Erziehung Förderung der Selbsterziehung ist, da wir ja die jüdischen Werte, die unsere Großväter noch hatten, gar nicht haben. Wir haben nur den Wille.i zu ihnen. Wirihäcen mit 20 Jahren überall über unsere Kulturarbeit gesprochen, aber wir stehen noch heute vor dem Anfang dieser Arbeit, deren ungeheure Schwierigkeit wir vorerst klar erkennen müssen. Das, woran es der jungen Generation fehlt, ist jüdisches Material. Es fragt sich, welches wir haben und wie wir das zugänglich machen können. Noch fehlt uns auf allen Gebieten, Geschichte, Hebräisch, jüdische Literaturgeschichte, jüdische Gegenwartsgeschichte, Palästinakunde, ja selbst jüdischer Nationalismus, jedes zu diesem Zweck geeignete Werk. In der Schaffung dieser Bücher liegt die erste Aufgabe. Die zweite Aufgabe ist der Hinweis auf die vorhandenen Werke, d. h. die Werke der hebräischen und jüdischen Literatur. Diese jüdischen Werke müssen aber mit steter Berücksichtigung des Grundsatzes der Förderung der Selbsterziehung überliefert werden. Was den G eschichtsunterricht anbelangt, so kann er nur in eigenen Kursen erteilt werden, die sieb aber im Geist wesentlich von den an den Schulen üblichen unterscheiden. Der Unterricht muß viel lebendiger werden. Der Zögling muß Liebe zu dem Gegenstand verspüren, der besprochen wird, muß merken, daß ihn die Dinge persönlich angehen. Bei jüdischer Heldengeschichte darf aber nicht, wie es heute gesagt wurde, der Dawid zum Beispiel erscheinen wie Siegfried. Denn nicht auf das Gemeinsame kommt es an, sondern aut das Spezielle, das Jüdische. Der spezifischjüdische Heroismus ist aber ein Heroismus des Geistes, ein Heroismus wie der Jeremias’, der der ungebeugt vor der Macht das ausspricht, was der Geist von ihm fordert. Denn ich glaube an die Macht großer Vorbilder. Nicht anders ist es mit dem hebräischen Unterricht. Hier wird im allgemeinen die Berlitz-Methöde angewendet und das Hebräische des gewöhnlichen Lebens zu Grunde gelegt. Ich aber glaube, dab es in Europa darauf ankommt, die in der hebräischen Sprache überlieferten Werke, vor allem die Bibel, wieder lebendig zu machenf Die großen hebräischen Texte von der Bibel bis in die jüngste Zeit sind dem Unterricht zu Grunde zu legen. Das ist wahre Selbsterziehung, denn sie geht aut die Interessendes jungen Menschen ein. Ich muß auch persönlich bekennen, daß es mir widerstrebt, das Hebräische in der Weise anderer Konversationssprachen zu unterrichten, damit tut man der Sprache Gewalt an. Solf der hebräische Unterricht ein wirklicher sein, so darf das Hebräische nicht zum Inhalt werden, sondern nur zu einer Lebensform. Wie die hebräisierung, so ist auch die P a lä s t i n i s i e r u n g des jungen Menschen anzustreben. Dazu brauchen wir die Herstellung eines lebendigen Kontaktes zwischen der Diasporajugend und der palästinensischen. Denn es kommt nicht auf Kenntnisse, sondern auf Lebensgestaltung an. Es muß ein gegenseitiges Bereden, Korrespöndiereo und Anregen geschaffen werden. Der Mitteipunkt des Interesses unserer Jungen und Mädchen müssen die Nachrichten aus Palästina sein, nicht die aus Zeitungen, sondern aus der Korrespondenz mit einzelnen palästinensischen Knaben und Mädchen. Mit ebenfalls großem Nachdruck ist aut das Verhältnis zu den Ostjuden hinzuweisen. Ich spreche hier von der älteren Jugend, besonder? in den ersten Hochschuljahren. Hier genügt es nicht, Bialik zu verstehen, sondern es ist nötig, am ganzen Leben des östlichen Judentums teilzunehmen. Wie am Kontakt zwischen Palästina und der Diaspora, so ist am Kontakt zwischen west licher und öst’icher Diaspora zu arbeiten. Dem stehen einerseits der im Abnehmen befindliche westliche Hochmut und der im Zunehmen befindliche östliche Hochmut entgegen. Beide müssen überwunden werden. Endlich noch eines. Keine nationale Erziehung kann ohne eine gleichzeitige moralische Erziehung geübt werden. Wir müssen auf alle menschlichen, selbst die allerpersön’ichsten Interessen und Wünsche der jungen Menschen eingehen können, wie es z. B. ein guter Blau-Weiß- Führef tut. Die heutige Sitzung darf nicht enden, wie so viele Kongresse und Delegiertentage mit Resolutionen und Theorien, wir müssen einen Weg finden. Heute steht uns ein großer Teil des Judentums durch die Kriegsereignisse nähe. Wir müssen ihnen einen Weg zeigen. Symptomatisch ist z. B. die Haltung der neutralen Jugendbunde. Denen müssen wir antworten können, wenn sie von uns einen Weg verlangen. Und endlich ist es nicht eine Selbstverständlichkeit, daß wir diese Erziehungsarbeit zusammen mit den deutschen Zionisten Oesterreichs leisten, nicht nur um Arbeit zu sparen, sondern auch um der dort vorhandenen, moralisch wie jüdisch hervorragenden Menschen willen. Nach dem Kriege muß auch die engste Verbindung mit dem palästinensischen und östlichen Judentum, sowie bei unbedingtem Festhalten unserer Grundsätze mit jenem neutralen Judentum stattfinden, das sich nach uns sehnt. In der weiteren Debatte spricht zunächst Jakob Reich, München. Er verlangt die Gründung von Propagandazeitungen nach Art des Jüdischen Echo und der Hamburger Jüdischen Nachrichten zwecks intensiver Propaganda. Redner geht dann auf die Aussichten unserer Politik ein, deren Voraussetzung eine hinter uns stehende jüdische Masse sei. Organisatorische Zusammenfassung der östlichen Judenheit sei erforderlich, in wirtr