Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehe 2 JÜDISCHE ZElfUNG Nr. 1 Gebeten, Riten, Festen, Sitten und Gebräuchen erhält kein Schüler ein geschlossenes, anschauliches, am wenigsten ein bewunderungs- und ehrfurchterzwingendes Bild. Von all dem wird eine Auswahl gegeben* die auf der Meinung basiert, als kenne der Schüler dies alles genau und lebendig aus dem täglichen oder doch fast täglichen Leben seiner Familie. Und gerade das ist ein verhängnisvoller' jFehler. Es ist heute in Westösterreich beinahe so weit, daß man den jüdischen Kindern von der jüdischen Konfession sprechen muß, wie von irgend einer ganz fremden, etwa der persischen. Denn entweder ist jsie ihnen überhaupt (unbekannt oder sie kennen von Haus aus nur einige wenige, in ihrer Isoliertheit fremdartig, unverständlich und töricht anmutende Handlungen. Der Religionsunterricht leistet das Einzige nicht, das hier nötig wäre: vor dem jüdischen Kultus als einem großartigen System Achtung zu erregen; wenigstens so viel Achtung, als doch sogar der heftigste Feind jeder Kirche vor dem imponierenden Bau der römischkatholischen fühlt Die Bruchstücke, die der Re- , ligionsunterricht mitteilt und „erläutert“, festigen nur die feindselige Einstellung, w'elche die Jugend mit Recht jedem Fragmentarischen und Unorganischen gegenüberbringt Von der hebräischen Sprache wird noch weniger gelehrt; Lesen ohne Verständnis, Uebersetzeii ohne jegliche Kenntnisse. So muß dieser Sprachunterricht als sinnloser und zweckloser Formalismus empfunden, -verachtet und gehaßt werden. Und was etwa erreicht wird, ist tatsächslieh so lächerlich wenig, so völlig belangslos — mühsames Buchstabieren ‘und gedächtnismäßiges Behalten einzelner Worte und Zeilen — daß die darauf verwendete Zeit und Kraft als Vergeudung erscheinen muß. Die jüdische Literatur muß unbekannt bleiben, weil man sich nicht entschließt, zur freien Uebersetzung zu greifen und weil das Hebräische nie erlernt wird. So bleibt es bei den spärlichen Proben aus dem Pentateuch, den Propheten, Psalmen und Gebeten, die überdies als literarische Pokumente von den <’ Schülern gar nicht gewertet werden können, solange sie nur in der barbarischen Form1 der Interlinearübersetzung kennen gelernt werden. Was nach all deman Zeit übrig bleibt, gehört dem Geschichtsunterricht. Dieser ist gegenwärtig der einzige Teil der Religionsstunde, der einigermaßen fruchtbar ist, weil er von den meisten Schülern als erträglich interessant und immerhin als vernünftig empfunden wird. Aber gerade hier zeigt sich die ganze Schwere des Problems jüdischen Religionsunterunterrichtes. Denn gesetzt selbst den seltenen Fal., die jüdische Geschichte würde so ausführlich, so gut und so lebenidig erzählt, wie die europäische, so kann tsie doch nichts anderes vermitteln, als ein wenig Gedächtnisstoff, vielleicht einen weniger ' quälend anzueignenden, vielleicht einen weniger lästig (zu behaltenden als den übrigen der Religion, aber nicht mehr. Keineswegs kann aus der Erzählung dieser mehr oder weniger interessanten Ereignisse ein spezifisches, affektives Interesse an den jüdischen Dingen entstehen, eine Bereitschaft im Schüler erwachsen, den Religionsunterricht auf sich wirken zu lassen, ihn ganz ernst zu nehmen, sich von seinen Inhalten bestimmen zu fassen. Jüdische Geschichte, die nicht Soziologie und Kulturgeschichte ist, bleibt Legende und Chronik. So ist dem1 Schüler der Religionsunterricht ein Kunterbunt von allerhand überflüssigen Fragmenten, (sinnlosen Forderungen und harmlosen Erzählungen — gerade gut genug, um gesdnvänzt. zu werden oder um. dabei unauffällig mathematische und lateinische Hausaufgaben zu erledigen oder um Langew’eile und Beschämung durch mannigfaltigen Unfug abzureagieren. Eine überragend starke Lehrerpersönlichkeit könnte all diese Mängel und Schwierigkeiten des Lehrplans überwinden. Sie könnte zum Mittelpunkt dieses zerflatternden Allerlei, zur Quelle der ' Begeisterung und des Interesses w'erden. Allein wie überall sind auch hier der Außerordentlichen wrenige. Der durchschnittliche Religionsprotessor ist keineswegs in beneidenswerter Lage. Er spürt, daß sein Unterricht von den Schülern lappalisiert W'ird; er kann sich selbst nicht der Einsicht verschließen, daß er auch mit bestem Willen zu wenig bieten könnte, um mit aller Strenge auf diesem Wenigen zu bestehen. Dazu kmmt noch eins. Die Auswrahl der Religionsprofessoren und ihre Vorbildung geschieht nicht nach pädagogischen Prinzipien. Es kann einer vortrefflicher Theologe, tüchtiger Rabbiner, ausgezeichneter Kanzelredner und dabei dennoch ein sehr schlechter Lehrer und unfähiger Pädagoge sein. Und eben nur Männer, die Jugend begeistern und bestimmen können, würden die Funktion des Religionsunterrichts zur Erfüllung bringen können. Freilich gilt dies ähnlich für alle Mittelschullehrer. Sie müssen Fachleute, aber nicht Lehrer sein (darum sind auch die Erfolge der Mittelschulen überhaupt nicht sehr befriedigend). Als Fachleute aber gewinnen sie meistens die Achtung ihrer Schüler. Während so z. B. der Mathematiklehrer Fachmann für Mathematik ist, so gilt nicht einmal dies für den jüdischen Religionslehrer. Vielfach kann er im Religionsunterricht gar nicht als Fachmann wirken, denn gerade das, was er besonders kann und versteht, ist nicht Gegenstand des Lehrplans oder nur ganz nebenbei. Er hat nicht die Möglichkeit, von seinen Schülern in der Qualität als Prediger, Philologe oder Rabbiner geachtet und also gehört zu wrerden. Die Zahl der Faktoren noch zu vermehren, die geeignei-sfnd, seine Wirksamkeit ganz zu unterbinden, kommt dazu, daß in weiten westjüdischen Kreisen 'der Rabbiner an sich als eine Person zweiten Ranges empfunden wird, eine Einschätzung, die sich der Jugend mitteilt und bei ihr noch verstärkt wird dadurch, daß ihr die Person ihres Lehrers in jeder äußeren Beziehung und in der Weltanschauung als .„ostjüdisch“, wie man heute sagen würde und demnach sehr fremdartig und ein wenig lächerlich erscheint. Verstärkt wird dies Empfinden nicht zum geringsten dadurch, daß mindestens die älteren Schüler fast durchwegs atheistisch, se'bst antireligiös eingestellt sind und ihnen von hier aus der Rabbiner als Vertreter einer unwillkommenen . Menschengattung erscheint. ' Der Lehrer empfindet dies alles umso mehr, je wertvoller er ist Gewöhnlich resigniert er und dann bleibt ihm keine Möglichkeit, als daß er die Anforderungen an sich und seine Schüler herabsetzt, zuweilen bis aut 'Null. Er begnügt sich, die Stunden irgendwie hinzubringen, weil es ja sein muß; und im übrigen treibt ihn seine natürliche Güte in die Rolle des Vermittlers zwischen seinen Schülern und deren christlichen Lehrern. Und dies bringt ihm auch Dankbarkeit. Aber die Lappalisierung der Religionsstunde wird so zum System, förmlich von oben her anerkannt. Diesem Typus des guten, schwachen Lehrers, der keine Disziplin zu halten vermag, bei dem es zugeht „wie in der Judenschule“, steht der andere gegenüber, der sich gegen jede Einstellung der Schüler auflehnt und der durch Strenge sich zwar Achtung erzwingt, aber in jüdischen Dingen umso weniger Interesse und umso mehr Ablehnung und Haß erzeugt. Die ungeeignete äußere Organisation des Religionsunterrichtes, sein Inhalt und seine Lehrer wirken in einem Sinn, die gegebene assimilatorische Tendenz der heutigen westjüdischen Jugend zu unterstützen; andererseits erklärt sich diese bedeutende negative Wirkung der verhältnismäßig nicht übergroßen Schäden und Mängel daraus, daß sie willkommene Vorwände und Mittei für die bestehende Flucht vor dem Judentum, für das übliche Vernachlässigen, Uebersehen und Lappalisieren alles Jüdischen sind. Bestrebungen, die ihre gemeinsame Wurzel darin haben, daß die assimilatorische Jugend, angesteckt von der allgemeinen Verachtung, welche Juden und Judentum, allenthalben erfahren, selbst zur. Verachtung gelangt und um wenigstens der Selbstverachtung zu entgehen, alles jüdische an sich verheimlicht junid |a(n: (andern ablehnt. Man 'begreift, mit welchen Gefühlen und Gesinnungen eine solche Jugend den Religionsunterricht besucht, der die einzige Stelle an der Schule ist, wo Flucht und Verheimlichung unmöglich sind, der geradezu als gelber Fleck gegenüber antisemitischen oder doch nicht gerade judenfreundlichen Mitschülern und Lehrern wirkt. Gibt es keine Gegentatsachen und keine Möglichkeit zu Gegenwirkungen? Das ist die Frage, die jeder stellen muß, dem an der Hemmung jener Tendenzen, an der Reform des Religionsunterrichtes liegt. (Ein zweiter Artikel folgt.) D a s J a h r 1 9 1 6 ist um. Zögern Sie nicht mit der Einsendung des Bezugspreises. Er beträgt doch nur K 3.— im Vierteljahr. Das Jahr1917 st eilt die zionistische Presse vor wichtige Aufgaben. Wir können ihr nur dann den nötigen Einfluß verschaffen, wenn Sie zu ihrer Verbreitung das Ihrige beilragen. ßericht über den Deutschen Delegiertentag Zum ersten Mal w’ährend des Krieges ist in den Weihnachtstagen in Berlin ein deutscher Delegiertentag zusammengetreten. Nach 28 Kriegsmonaten, die der Z. V. f. D. manchen lieben Verlust, manche schweren Probleme, aber auch freudige Erfolge gebracht haben, sind zum ersten Mal die Vertreter der deutschen Ortsgruppen; wieder zusammengetreten, um über die Arbeiten des Landesverbandes zu beraten. Die Tagung wrar sehr gut besucht und der große Saal des Savoyhotels vermochte kaum die Besucher zu tassen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen standen Dr. H a n t k e s Bericht über die Arbeiten der Vereinigung in den verflossenen zweieinhalb Jahren und die Referate der Herren Blumenteld, Schocken un(d T ä u b 1 e r, die von verschiedenen Gesichtspunkten aus dasselbe Thema zu erörtern hatten: Das Problem der Nationalisierung der Diaspora. Denn je stärker der Palästinagedanke in den Herzen unserer Gesinnungsgenossen geworden ist, je 'mehr wir wissen, daß nur im Verknüpfen des eigenen Schicksals mit dem Palästinas eine Lösung liegen kann, um so dringender wird anderseits das Problem, der Judaisierung der Diaspora. Die theoretische Fundierung der Golusarbeit, als einer stets im Hinblick aut Palästina zu leistenden Tätigkeit wird von Blumenfeld gegeben, der diesen Gedanken einer „palästinozentrischen Diaspora“ mit besonderer Schärfe betont und der Hebräisch, jüdische Geschichte, die Pflege der Beziehungen mit den Ostjuden und die Wiedereinführung der alten jüdischen Formen als die wichtigsten .Mittel der Nationalisierung ' bezeichnet. Herr Schocken entwickelte darauf seine hochbedeutsamen organisatorischen Vorschläge, die von einer Kommission überprüft, die Grundlage der praktischen jüdischen Kulturarbeit in Deutschland werden dürften, zusammen mit den Vorschlägen von Herrn Dr. Täubler, die vor allem jüdischwissenschaftliche Arbeit durch einl soziologisches Institut im Auge haben. Sämtliche Referate, obwohl sie bis in die Nachmittagssitzung hineindauerten, wurden vom Delegiertentag und den Gästen 'mit größter Spannung angehört. Sind sie doch in (der (Tat 'geeignet, das Problem der Diasporaarbeit nicht nur theoretisch zu fundieren, sondern auch praktisch in Angriff zu nehmen. Von der Diskussion des ersten Tages sei vor allem Dr. Bub'ers Rede hervorgehoben, der zuerst die Begriffe „Erziehung“, „nationale Erziehung“ und „jüdischnationale Erziehung“ erklärte, mit besonderem Hinweis darauf, daß Erziehung Forderung der Selbsterziehung sein müsse und sich dann eingehend über die Konsequenzen dieser Grundsätze für den hebräischen Unterricht, den Geschichts- und den Palästinaunterricht verbreitete. Er betonte dann die Wichtigkeit der menschlichen Erziehung, die Verständnis für die persönlichen Interessen und Wünsche des Zöglings haben müsse. Er forderte schließlich zur Zusammenarbeit 'mit den Zionisten Westösterreichs aut. Wir lassen nunmehr den eigentlichen Verhandlungsbericht folgen. Der außerordentliche Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland fand am 25. und 26. Dezember im Savoyhotei zu Berlin statt. Die Tagung war von zirka 70 Mitgliedern des Zentralkomitees unjd den Delegierten der Ortsgruppen besucht, ferner wohnten zahlreiche Gäste den Verhandlungen bei. Um 10 Uhr eröffnete Herr Dr. Hantke als Vorsitzender den Delegiertentag. Er’ wies auf die d'urch den! Krieg bedingte große Schwierigkeit der zionistischen 'Arbeit... hin, :in einer Zeit, wo sich die meisten und gerade die arbeitskräftigsten Gesinnungsgenossen im Felde befinden. Von der Betäubung der ersten Monate hat sich aber die Organisation längst erholt. - Das Bewußtsein, daß Palästina der jüdische Mittelpunkt .ist, hat in vielen neuen Kreisen (Eingang gefunden. Daneben ist das Problem der jüdischen Diaspora immer brennender geworden, die Hebräisierung der Golusländer »wird immer mehr zu einer Wahrheit. Die Erhaltung des Bestehenden, unsere wichtigste Aufgabe, ist uns bisher gelungen. Das Hiltsw'erk für Palästina hat in Deutschland 150.000 Mark gebracht und damit Wesentliches zur Erleichterung der wirtschaftlichen Lage Palästinas geleistet. Daneben hat das Hilfswerk und die damit verbundene Zentralstelle für Bücherbedarf der jüdischen. Kriegsgefangenen gut gearbeitet. Der Jugendarbeit war wie immer unser ganzes Interesse zugew’andt; besonders gefördert wurde sie durch die kurz vor dem' Kriege geschlossene Fusion zwischen BSC. und KZV. Der Konnex mit den Gesinnungsgenossen im1 Felde wurde durch die Rundschau und die Feldpostbriefe, sowie die Chanuka- und Pessachsendungen ins Feld erhalten. Die Geldleistungen der deutschen ,Zionisten sind bedeutend; für den NF. wurde der höchste, überhaupt je erzielte Ertrag gesammelt, nämlich über 110.000 Mark. Auch für das AC. kamen wir unseren Pflichten nach. Ebenso werden die nötigen Mittel für den" Landesverband aufgebracht. Darauf nahm Herr Justizrat Dr. Bodenh e i m e r das Wort und gedachte der Verluste, die der Zionismus in idfcn zweieinhalb Jahren seit dem letzten Delegiertentag erlitten hat. David Wolffsohn, der langjährige Präsident dtr Bewegung, Dr. Jeremias, (das Mitglied des deutschen' Zentralkomitees, Frau Prof. Schapira, die in Palästina einer Seuche izum Opfer gefallen ist, und die vielen jungen Zionisten, die den Tod aut den Schlachtfeldern dieses Krieges gefunden haben, sie alle werden unvergessen bleiben. Die Versammlung erhebt-sich zu Ehren der Toten. Aut Antrag des Herrn W'o 1 f -Gunzenhausen wird einstimmig Herr Dr. Hantke zum Vorsitzenden, die Herren Dr. Klein, Justizrat Dr. Bodenhei'mer und Dr. Stein zu stellvertretenden Vorsitzenden, die Herren Doktor Buber, Chamitzer, Joel, Schachtel, Schwabe zu Beisitzern gewählt. Darauf referierte. Herr Blumenteld über zionistische Gegenwartsarbeit. Er führte ungefähr aus: Für eine wirklich fruchtbringende zionistische Arbeit ist vor allem notwendig, daß wrir uns über die gedanklichen Grundsätze klar werden, die unseren Gedanken zugrund liegen. Der schlimmste Riß in unserer Theorie, war stets die Antithese von Palästina und Golusarbeit.