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Jüdische Zeitung · 1917-01-05 · 1 (5.1.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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- r / National-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von il—12 Uhr Manuskripte werden, wenn verlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Mittwoch um 7 Uhr Telephon*Nummer 45325 Mit Beilage: „Der Jüdische Nationalfonds" Freitag, 5. Januar 1917 11. Teweth 5677 XL Jahrgang — Nr. 1 Einzelnummer 2IIHeller Geschäftsstelle: Wien II, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen* Konto 133.404 Großer Sieg der Zionisten in Amerika. Wie uns, knapp vor Redaktionsschluß, aus New-York gekabelt wird, hielt am 25. Dezember das Vereinigte Kongreßkomitee, 140 Mitglieder stark, seine erste Sitzung ab./Die Forderung eines jüdischen Wiederaufbaus in den Kriegszonen durch das Joint Distribution Committee wurde abgelehnt. Die Wahl des Präsidiums ergab einen Sieg der Zionisten auf der ganzen Linie. Zum permanenten Vorsitzenden wurde der Zionist Nathan Strauß, gewählt. Ebenso wurde ein Zionist mit dem Amte des Sekretärs betraut und Zionisten in die Verwaltung und Kontrolle gewählt. Schatzmeister wurde ein Nationalist. Unter den Vizepräsidenten befindet sich .nur ein Antinationalist. Es ist also ein bedeutsamer Erfolg der ursprünglichen Kongreßpartei zu verzeichnen. Aus dem Inhalt: GroßerSiegder Zionisten in Amerika — Dr. Siegfried Bernfeld: Vom Religionsunterricht in den Mittelschulen. — Bericht über den Deutschen Delegiertentag. — Aus der allgemeinen Presse. — Aus der '.JftdiscJien^Welfc — Krieg^archiv. — Gesuchte. ’t— Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen. — Zionisten im Felde. — Diversa. Vom Religionsunterricht an den Mittelschulen. Von Dr. Siegfried Bernfeld. Die Keligionsstwide ist die einzige Stelle an der gegenwärtigen öffentlichen Schule, an der die jüdische Jugend mit jüdischen Dingen in Berührung kommt. Dies allein schon muß unser Interesse ihr zuwenden Aber sie ist überdies die Steile, und zwar erst recht die einzige, an der diese Berührung von Gesetzes wegen stattfinden muß. Gegenüber den mannigfaltigen Tendenzen, Tatsachen und Bestrebungen, die eine völlige Entjudung der jüdischen Jugend bezwecken oder zur Folge haben, ist so der Religionsunterricht die einzige Einrichtung, die dazu bestimmt ist, diese Entjudung, und wäre es auch nur an einem Punkte, nach einer Richtung hin, aufzuhalten Aus dieser Tatsache heraus, ist die Stellung gegeben, die wir ihm gegenüber einzunehmen' haben: wir müssen dafür sorgen, daß der öffentliche Religionsunterricht im Aeußern ur.d ttrt Innern so eingerichtet werde, daß er diese seine überaus wichtige Funktion auch wirklich erfülle. Und dies ist nicht der Fall. Es bedarf keiner besonderen Beweisführung, um die Einsicht zu erwecken, daß der heutige Religionsunterricht seinen Zweck nicht erfüllt. Er vermochte'bisher nicht im leisesten die Entfremdung der westlichen jüdischen Jugend von ihrer Religion und noch weniger von ihrer Nation zu hemtnen. Man könnte sogar ohne Uebertreibung sagen, er sei ein Faktor, Her sie beschleunigt. Im Frühjahr 1914 wurde von einem Wiener Studentenverein bei den Schülern eine Umfrage über den Zustand des israelitischen Religionsunterrichtes an den Wiener Mittelschulen durchgeführt, deren Ergebnisse mir Vorgelegen haben, und seinerzeit publiziert werden sollen. Die. Antworten der Schüler waren in so überwältigender Masse betrüblich, daß die geringe Zahl ertreulicher Mitteilungen kaum ins Gewicht fällt und dies um so weniger, als diese alle aus denselben Schulen kamen Man kann es kurz formulieren: der Religionsunterricht wird von den Schülern lappalisiert, sie nehmen ihn überhaupt nicht ernst, sie kümmern sich um ihn nur gerade so weit, als unerläßlich ist, um nicht durchzufallen, und das ist geradje in diesem Fach bei weitem weniger als in irgend einem anderen. Eine solche Einstellung schließt von vornherein jede tietere Wirkung vollständig aus und die des Religionsunterrichtes müßte "wahrhaftig eine sehr tiefe sein-, soll er auch nur einen geringen Wert besitzen, und dies um so mehr, je stärker die assimilatorischen Tendenzen der Zeit und des Ortes sind. Darum Jieißt,für. ims. In/ero-se-. ,am . Religionsunterricht Interesse an seiner Reform. Es kann nicht die Aufgabe der folgenden Bemerkungen sein, ein detailliertes Programm dieser Reform zu entwickeln, wohl aber mögen die Ursachen angedeutet werden, die den Tiefstand und die Wirkungslosigkeit des Religionsunterrichtes herbeiführen, und die Kräfte aufgezeigt werden, die seiner Reform zu Gute kommen könnten Heute schlummern sie noch; sie zu wecken, wäre die erste und vernehmlichste Aufgabe einer ernsthaften Reform. Zunächst ist der Religionsunterricht ein Unterricht und leidet somit in allen jenen Beziehungen, an denen jeglicher Unterricht notwendigerweise leiden muß. Heute, wo alles Erziehen nachgerade zum bloßen Unterrichten wurde, ist man sehr geneigt, die erzieherische Wirkung des Unterrichtes weit zu überschätzen Seine Sphäre in der Erziehung ist aber in Wahrheit schmal'und wo man gar keinerlei Ergänzungen dem bloßen Unterricht hinzufügte, dürfte füglich von einer Erziehung überhaupt nicht gesprochen werden. Der Unter: i:ht als solcher vermag natürlich Ke ninisse zu vermitteln und fertige Wertungen den Schülern bekannt zu machen. Zweitellos kann es sein, daß diese Kenntnisse in ihnen Gefühle, Entscheidungen und Handlungen erwecken, daß die Jugend nach jenen Wertungen auch handeln will und wird, aber eine systematische, sicher wirkende Beeinflussung ist durch ihn unmöglich. Kann man von Schulwegen auf solche ergänzende Erziehungseinrichtungen in allen anderen Fächern verzichten, weil man mit Recht hoffen darf, daß sich diese in der Familie und im übrigen Leben der Nation finden werden, so geht dies beim jüdischen Religionsunterricht nicht, am allerwenigsten dort, wo er umgekehrt, das einzige Gegengewicht gegen diese entscheidenden Einflüsse sein will und soll. Seine Reform wäre daher auch dann (unerläßlich und müßte ü'oer die berechtigten Reformwünsche, die gegenüber dem ganzen heutigen Unterrichtsbetrieb . geltend" gemacht werden, hinausgehen, wenn er genau so gut wäre, wie der beste Fachunterricht. Aber an seinem gegenwärtigen Tiefstand ist noch Anderes schuld als die allgemeine erzieherische Unzulänglichkeit des Unterrichtes überhaupt. Liebe, Interesse, Ehrfurcht muß der Schüler dem Unterricht entgegenbringen, sonst kann dieser nicht auf ihn wirken, sondern der Haß, die Gleichgiltigkeit oder Verachtung, welche dem Unterricht entgegengebracht werden, strahlen auch auf seinen Gegenstand aus, für den es dann besser wäre, überhaupt nicht Gegenstand solchen Unterrichtes gewesen; zu sein Man begreift, .welche Verantwortung auf den Organisatoren und Leitern der Religionslehre liegt: die jüdischen Dinge selbst in ihrer Gänze sind bedroht, wenn dieser Unterricht negative Gefühle in seinen Zöglingen erweckt. Da er als bloßer Unterricht jüdische Gesinnung doch nicht zu erzeugen vermag, so muß zum mindesten jede negative Wirkung mit aller Kraft und Einsicht verhindert werden. Daß solche negative Wirkung leider Tatsache ist, hat zunächst sehr äußerliche, aber dennoch sehr wirksame Gründe. Seine Einfügung in den Gesamtplan des Unterrichtes ist die eines Zwitterwesens, eines ob'igaten Freigegenstandes könnte man sagen. Die jüdische Religionsstunde ist fast überall — nämlich an allen Schulen, an denen die Zahl der jüdischen Schüler nicht sehr beträchtlich ist — außerhalb der üblichen Schulzeit angesetzt, zugleich mit Singen und Stenographie. Der jüdische Religionslehrer ist . an der Anstalt ein Fremder; er gehört nicht zu ihrem Bilde, er kommt ,nur an wenigen Tagen, erst um zwölf Uhr oder nachmittags; er ist ini den Pausen der eigentlichen Schulzeit nicht auf den Gängen,; er ist beinahe kein Lehrer und jedenfalls nur einer für die israelitischen Schüler (während doch der kathoische Reiigioasiehrer meist dauernd anwesend ist, Ganginspektion abhält usw.). Im Größten wie im Kleinsten fühlt der. Schüler, wenn -auch er sich dessen nicht klar bewußt .ist, daß diese Stunde aus dem organischen Bau der Schule losgelöst ist. Damit könnte;marr sich nun freilich beruhigen, weil erstens dieser ganze Bau kein Wunderwerk ist und weil ihn zweitens die Schüler auch nur wenig ehrfürchten. Aber die Tatsache der Isolierung des jüdischen .Religionsunterrichtes erzeugt ihm gegenüber eine spezifische Einstellung, die einer gewissen Indifferenz. Und oft genug geht solche Indifferenz geradezu in Ablehnung über, und zwar aus denselben zunächst äußeren Gründen, die jene Gleichgiltigkeit erzeugten. Wenn die Freigegenstände außerhalb des Rahmens der eigentlichen Schule , stehen, wenn sie zu den Lehrern und Methoden, den Anforderungen an Zeit und Arbeit, mit denen man sich mehr minder abgefunden hat, neue stellen, so geschieht dies unter dem wohltätigen Einfluß einer gewissen Freiheit. Der Freigegenstand israelitische Religion ist aber ein obligater. Man muh ihn besuchen. Unter diesem Zwang werden manche seiner äußerlichen Einrichtungen besonders unangenehm empfunden, vor allein die meist sehr ungelegene Zeit dieses Unterrichtes als fünfte Vormittags-, als einzige Nachmittags- oder gar als Sonntagsstunde.. Von hier aus kann zuweilen aus jener Indifferenz eine recht lablehnende, feindselige Stimmung gegen die Religionsstunde erwachsen. Wenn man auch mit Recht einwendem dürfte, daß “schwerlich aus diesen äußeren Schwierigkeiten allein, die fast nur Unbequemlichkeiten oder Fremdartigkeiten sind, sich tietere Wirkungen ergeben können, so ist doch nicht zu vergessen, daß diese oberflächlichen Gründe der Ablehnung dennoch zum festgehaltenert Vorwand für innerliche Kräfte werden, die in jedem einzelnen Schüler wirksam sind, dahin zielend, einem möglichen Einfluß des Religionsunterrichtes sich zu entziehen; und ferner, daß es unsere Aufgabe ist, auch solche Vorwände der judentumflüchtigen jugendlichen Seele zu nehmen. Die wichtigeren Ursachen für die Wirkungslosigkeit des Religionsunterrichtes liegen aber tatsächlich tiefer. Sie liegen zum Teil schon! im wesentlichen Inhalt dieses Unterrichtes. Er bietet vielerlei und doch nichts, weil nur Halbes, nicht einmal das, weil nur Hundertstel gebracht werden. Er vereinigt in sich die Vermittlung der Konfession, der hebräischen Sprache, d.er jüdischen Geschichte und Literatur, und das alles beinahe zugleich in ein, zwei Stunden wöchentlich. Von. der Konzession, den Gesetzen, Erneuern Sie Abonnement i l-5. 4: Y '.f : I;' T? ' *#•

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