Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 51 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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I Dr. Albert Schönhof I I ES Mit Dr. Schönhof, .der vor wenigen Wodien als Oberleutnant auf dem östlichen Kriegsschauplatz den Heldentod gefunden hat, ist nicht nur ein lieber Mensch, ein treuer Kamerad, sondern — (man kann es ohne alle Uebertiieibung sagen — einer der tüditigsten Vertreter des jüngeren Zionismus dahingeschieden.' .Tüchtigkeit! Das Wort kommt einem immer wieder in die Feder, wenn map vom Verstorbenen sprechen will. Gar viele waren ' beredter und belesener als er, manche glänzten durch Talent und Gewandtheit viel mehr, ater ich habe selten einen jungen Mann gekannt, der so konsequent, so arbeitsfreüdig stets so ganz bei der Sache blieb als Dr. Schönhof. Er war eben außerordentlich tüditjg, darin eine wahre Verkörperung jüdisCh-mährischer Eigenschaften. Schon als Mittelschüler dem Zionismus ergeben, arbeitete er als junger Student mit außerordentlichem Eifer. Als in einem gefährlichen Augenblick für den Wiener Zionismus die Studentenschaft zu versagen drohte, stellte er sich mit größter Aufopferung der Leitung zur Verfügung. Heute nodf ist es den älteren Gesinnungsgenossen in Erinnerung, was bei der entscheidenden Kultuswahl, als wir beinahe 45 Prozent der abgegebenen Stimmen erlangten, Dr. Schönhot leistete. Er war Organisator und Agitator, Bürochef und Kassierer, Generalstäbler und Feldwebel zu gleicher Zeit. Ebenso tüchtig“, ebenso energisch arbeitete er später im mährischschlesischen Distriktskomitee. Ein Gefühl unendlicher Wehmut und tiefer Trauer beschleicht uns, die Vertreter der älteren Generation, wenn wir an den Tod von Männern denken müssen, die um1 so vieles jünger waren als wir selbst. Vielleicht dient uns die Hoffnung, daß der heranwachsenden Generation gar mancher Schönhdf erstehen wird, als geringer Trost. Dr P. W. Das Jüdische Kriegsarchiv Neue Büros: Wien, II. Praterstraße 43 ist aut die Beteiligung aller Juden, denep.. das Interesse der Judenheit am Herzen liegt, in seiner Arbeit angewiesen. Zu dieser Arbeit’gehört auch die Durchsicht der Zeitungen und Zeitschriften nach Berichten und Artikeln über Leistungen, Erfahrungen und Leiden der Juden in der Kriegszeit und eie Ausscheidung In den 11. Jahrgang tritt die „Jüdische Zeitung“ am ersten Januar 1917 .-. Bezugspreis vierteljährig . K 3.— halbjährig . . K 5.— der betreffenden Publikationen. Die Leitung des Jüdischen Kriegsarchivs ersucht daher dringend um Hilfe in der erwähnten Richtung und Einsendung der Zeitungsausschnitte ’ (mit Angabe des Titels und Datums der Blätter) an die Adresse des Archivs. Ein Täufling Vizepräsident der Wiener Advokatenkammer Die am1 . 18. Dezember 1916 stattgeli’abten Wahlen in den Ausschuß der niederösterreichischen Advokatenkammer haben ein für jeden aufrechten Juden betrübendes und für die - jüdischen Advokaten tiefbeschämendes Ergebnis gezeitigt Zum 11. Präsidenten-Stellvertreter wurde nämlich mit 217 gegen 99 Stimmen Herr Dr. Gustav Harpner gewählt, welcher im Jahre 1902 samt seiner Frau vom Judentum abgefallen ist und sich später zum römisch-katholischen Glauben bekannt hat. Vor fünf Jahren noch ist Dr. Harpner, als ihn die gleiche Präsidentenstelle lockte, über diesen Stein des Anstoßes gestolpert Sollte sich wirklich seither das Volksbewußtsein und die Selbstachtung der jüdischen Advokaten Wiens, welche ja die Wahl in den Kammerausschuß vollständig beherrschen, um' so vieles verringert haben? Es ist dabei ein geringer Trost, von zahlreichen Wählern Dr. Harp- .ners zu hören, daß sie zwar seine Apostasie mißbilligen, ja verabscheuen, daß sie aber seine berufliche Tüchtigkeit und seine Tatkraft in Vertretung der Standesintcressen nicht entbehren wollen. Vielmehr müßte es als ein unumstößliches Axiom gelten, daß einem abgefallenen Juden hie und nimmer von Juden zu einer Ehrenstelle verholfen werden darf. Den Worten, welche unsere Gesinnungsgenossen Dr. Egon Zweig und Dr. Leopold Plaschkes jüngst in. offener Advo- ~katenversammlung ihrem Kollegen Dr. Harpner zugerufen haben, daß jeder, der eine angefeindete, in ihren Rechten verkürzte Minderheit verläßt, einen; untilgbarein Makel auf sich nehme, muß künftig allgemeine Geltung' und Anerkennung verschafft werden. Ein 18. Dezember darf sich ein zweites Mal nicht ereignen! Aus der jüdischen Welt Der polnische Staatsrat soll aus 20 Mitgliedern bestehen, von denen 8 aus dem österreichischen, 12 aus dem deutschen Okkupationsgebiet (stammen sollen. Die 12 aus idem 'deutschen Okkupationsgebiet zu wählenden Mitglieder werden aus 7 der nach1 Berlin und Wien entsendeten Abgeordneten gebildet sowie aus 5 anderen Personen, von denen eine der Generalgouverneur v. B e s e I e r wählen wird. Die Verteidigung der jüdischen Reckte. In der am 28. November stattgefundenen Versammlung des Warschauer „Merkas“ (der zion. Jugendgruppe) nahm man einstimmig folgenden Beschluß an: „In Anbetracht der Wichtigkeit und des Ernsees des gegenwärtigen Augenblicks und der großen Verantwortlichkeit, die das jüdische Volk für alle seine Schritte zu tragen hat, fassen wir den Beschluß, daß die zionistische Organisation in Polen verpflichtet ist, sofort die I n i-, i i a t i v e und Anführung wegen der Verein iguhg a 11 er jüdischen nationalen Richtungen zu übernehmen, (Zwecks Schaffung einer zentralen jüdischen Liga z.ur Verteidigung der nationalen und bürgerlichen Rechte der Juden in Polen.“ Die Bewegung gegen den Ruhezwang am Sonntag nimmt in Ben Warschauer jüdischen . Kreisen stetig zu. Außer dem’ Memorandum des Orthodoxen Vereins, das 20.000 Unterschriften 'aufweist:, wurden nun auch Petitionen vom „Jüdischen kaufmännischen Verein“ mit über 4000, vom Hand werk erverein mit 2000 Unterschriften eingereicht. Ein Schulrat wurde dem Kuratorium! der zionistischen Volksschulen in Warschau beigegeben, der von den Lehrern dieser Schulen gewählt und vom Kuratorium Bestätigt worden ist. Der Schulrat wird folgende Aufgaben haben: 1. Herstellung eines einheitlichen Lehrprogramms, 2. Durchführung dieses Programms und 3. Aufsicht über die innere Ordnung der Schulen. Durch häufige Zusammenkünfte mit. den Lehrern wird der Schulrat sich bemühen, die Lage der Schulen zu bessern, für die materiellen und ^geistigen Interessen der Lehrer Sorge zu tragen. Der Schulrat besteht aus den Lehrern G u 11mann, Jaffe, Kaplan und R a s w i 1 o w s k i. Die jüdische Presse aller Richtungen begrüßt diese neue zionistische Einrichtung. Ein jüdischer Ordinarius der Zoologie wurde in der Person des Dr. Julius Zw ei bäum von der Universität Warschau ernannt. Die Wähler der' Stadt Lublin, die sich in die Listen eingetragen haben, sind in folgender Weise auf die einzelnen Kurien verteilt: in der ersten Kurie 9 JvJden und 168 Christen, der zweiten - 4989 Juden :und 1186- Christeh, der -> dritten 229 Juden und 1815 Christen, der vierten 138 Juden und 627 Christen, der fünften 1524 Juden und 6959 CJhristeii. Auf diese Weise kön- •' nen die Juden, die 68°,b der Gesamtbevölkerung der Stadt ausmachen, nur auf die Wähl Von 15 jüdischen unter den 60 Ratmännern der Stadt rechnen, und zwar: in der zweiten (Kurie auf 10, in der 'dritten auf 1, in der vierten ' und fünften aut je 2 jüdische Rätmänncr.- Vorläufig' gelang es nicht,, eine Verständigung zwischen den nationalen und assimilatorischen Kreisen zu erzielen. Unter den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung, die bei den gegebenen Verhältnissen wenig Hoffnung auf die Durchführung der Wahl ihrer nationalen Kandidaten haben, macht sich eine gleichgiltige Haltung, den -Wahlen gegenüber bemerkbar. Ein Memorandum der jüdischen Gemeinde von Lublin .an den Generalgouverneur v. Kuk wegen der Zurücksetzung des Jüdischen bei der letzten Volkszählung, wurde beantwortet: „Wir teilen Euch aut Eure Bitte vom 25. Oktober d. J. mit, daß für diese Frage die in Oesterreich geltenden Bestimmungen maßgebend waren.“ Es wäre, wohl an der Zeit, «laß in Oesterreich diese Bestimmungen einer Revision unterzogen würden. — Auch die jüdische Gemeinde von Samosz hat ein gleiches Memoriale an den Generalgouvemeur gerichtet. Wer der Fremde im Lande ist, das kann die Mehrheit (entscheiden; es ist eine Machtfrage, wie alles im Völkerverkehre. * Als Fremde werden wir angesehen, im günstigsten falle als Fremde, die man sich gefallen läßt — bis auf Widerruf (jusqu’ä nouvel ordre). * Man kann die gesetzliche Gleichberechtigung’ der Juden, wo sie einmal besteht, nicht aufheben; denn schon die einleitenden Versuchewürden Sofort alle Juden, ob arm und reich,.' den Umsturzparteien zujagen. Die soziale Schlacht müßte . . . jedenfalls' (wenn wir im Golus bleiben) auf unserem Rückengeschlagen werden, weil wir im kapitalistischen wie im sozialistischen Läger auf den exponiertesten Punkten stehen. * Das ist wohl der ergreifendste Zug in unserer Volkstragik, daß das hochkonservative Volk der Juden immer den revolutionären Bewegungen: zugejagt wird. * Es sind das einfache Dinge: sind wenig' Juden da, so wünscht man ihre Assimilation; vermehren sie sich, erkennt man in ihrer Assimilation eine Volksgefahr. * Eine Anzahl Juden verträgt gewiß jedes- Land, und sie dürfen -sich auch assimilieren, siewerden resorbiert. Ist aber diese unbestimmbare Anzahl überschritten, dann' ruft der Antisemitismus Halt. \ * ■ Ich selbst bin ein assimilierter Jude und spreche aus Erfahrung., Ich denke, daß die Juden eine natürliche Tendenz haben, sich zu assimilieren. Dann kommt ein Moment, wo sie auf bestem .Wege dazu sind und gerade in diesem Momente entsteht der Antisemitismus. * Der auf uns ausgeübte Druck macht uns nicht (besser. Wir 'sind nicht anders als die anderen Menschen . . . Der Druck erzeugt bei uns natürlich eine Feindesligkeit gegen unsere Bedränger — und unsere Feindseligkeit steigert wieder den Druck. Aus diesem Kreislauf herauszukommen, ist unmöglich. - * Da ist die .tiefe Wurzel aller Uebe.l, von denen die Juden heimgesucht sind. Von außen wird unsere Solidarität angenommen, un'd danach handeln iunsere Feinde. Für Fehler und Vergehen einzelner unter uns wird die Gesamtheit haftbar gemacht, aber im jüdischen Volke besteht das Gefühl der Solidarität nicht — noch , nicht. - * Solange (sie (die Juden) scheu und unaufrichtig von Partei zu Partei, von Nation zu Nation taumeln werden, nur um für das ein. wenig Schutz zu erlangen, was sie für unein- .gestehbar halten, nämlich für ihr Judentum — solahge, wird man sie nicht achten, noch lieben, nicht einmal dulden. Wer sich für anderes ausgibt, als er offenbar ist, erregt Mißtrauen, und dieses dumpfe Gefühl, setzt sich herabsteigend bei den Pöbelmassen in Gewalttaten um. * Man spricht bekanntlich nicht gern von der Judenfrage; man glaubt noch immer, sie durch Schweigen totm.aehen zu können^.Es ist, wie wenn jemand >an einem Ort, wo nicht geraucht werden soll, die brennende. Tabakpfeife in die Tasche steckte. Er kriegt ein Brandloch in den Rock und wird nachher doch erwischt, * Ueber die Judenfrage kann man heute nur als offener Parteigänger schreiben. Das heißt: die Judenfrage hat zwei Aspekte, einen geschichtlichen hnd einen (aktuellen. Der historische läßt sich.. mit kühler Ruhe betrachten, ja die akademische Gelassenheit ist dabei sehr verdienstlich. Aber die aktuelle Judenfrage verträgt diese kühle Art der Behandlung nicht. Hüben und drüben leidet und kämpft man, hübea ist mehr Leiden, drüben mehr Streiten . . . Wer jetzt in der Judenfrage mittün will, muß zunächst erklären, ob er Welf oder Waibling ist, * Man kann kein judengerechter Antisemit sein, kein welfischer Waibling.*) . *) Die drei letzten Aussprüche Sind dem Aufsatz: „Leroy-Beaulieu über den Antisemitismus“ (1897) entnommen.