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Jüdische Zeitung · 1916-12-29 · 51 (29.12.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
51 (29.12.1916)
Date
1916-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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gMC NRTnNRL -JÜDISCHES DREFIN rtinmrm Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Ersehekit wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inserateaaufnahme: Wien, IL, ZHungMW Nr. 33. — Sprechstund 3 täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abomemenstspreise: Für OesterreietF^Jngarn:' Ganz jähr. kTo"-? Halbjahr. K 5-, viertelte 3.-. Für Deutschland: GajnjSbr. MfclO.-, talbjäbr. Mk. 5viert^ar. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Qanzjähr. Frcs. 15.—. Emzelexemplare 20 h. — Poetsparkaseenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 51 Wien, Freitag, den 29. Dezember 1916 — 4. Tewes 5677 X, Jahrgang Das Verhältnis der Partei zu ihrer Presse Der. Krieg, hat das ganze Zeitungsgewerbe in seiner*lü'jüstenz bedroht. Wenn es dem Publikum oft .auch gleichgültig sein mag, daß dieses oder jenes Blatt sein Erscheinen einstellen müßte, so verhält es sich doch ganz anders bei den Organen, die der Vertretung bestimmter vitaler Interessen, wie der einer politischen Partei, dienen. Im allgemeinen läßt sich feststellen, daß eine Seite, die Herausgeber und Redaktionen solcher Blätter, sehr große Opfer gebracht, haben, um die ihnen von Berufständen oder Parteienübertragenen Aufgaben nicht im Stiche zu lassen. Daß diese bis zur Selbstlosigkeit gewachsene Pflichterfüllung nicht immer offenbar wird, liegt in der Natur der Sache: der, Leser ist nicht erstaunt, daß seine Zeitschrift regelmäßig eintritft, er wäre es aber umsomehr und würde zu stillen und lauten Vorwürfen geneigt sein} wenn sie einesTages ausbliebe. Und doch‘sind heute die Schwierigkeiten nach der technischen und finanziellen Seite derartig groß, daß sie den Lesern eindringlich zur Kenntnis gebrachtwerden müssen. Papierpreise und Druckkosten sind bekanntlich bedeutend gestiegen. Trotzdem aber hat die „Jüdische Zeitung“ den Bezugspreis nicht erhöht; sie kann im Gegensatz zu vielen anderen Blättern zum alten Bezugspreis bezogen werden. Wir richten auf Grund dieser Umstände an die Empfänger unseres Blattes die ausdrückliche Bitte, daß sie ihr Abonnement rechtzeitig begleichen. Nur in diesem Falle können wir än die schon in der nächsten Nummer ersichtliche Verbesserung, Ausgestaltung und Vergrößerung unseres Parteiorgans denken, dessen wir zukünftig, wie aller Überzeugung ist, dringender denn je bedürfen. Ausbreitung, Fortschritt und Einfluß der zionistischen Presse ist ganz in die Hand der einzelnen Zionisten gelegt. Wir können daran nur erinnern, Eure Sache ist es, danach zu handeln. Leon Pinsker ziim Gedächtnis (Zu. seinem 25. Todestag.) Die stärkste Rechtfertigung einer Idee ist immer die Verknüpfung mit der geistigen Geschichte des Volkes. Darum weisen: die Verkünder des Zionismus unaufhörlich darauf hin, daß der meteorgleiche Aufstieg Herzls. kein flüchtiges Ergebnis augenblicklicher Nöte war, sondern die historische Begründung in den Vorläufern Moses Heß und Leon Pinsker finde. Selbstverständlich hat die lichtvolle und erfolgreiche Persönlichkeit des Führers die Gestalten der älteren Repräsentanten in den Schatten gerückt, aber die Namen dieser Beiden sind doch auch dem unkundigsten Novizen geläufig. Moses Heß, der Mitarbeiter von Karl Marx und Friedrich Engels, besitzt dabei noch einen europäischen Rut in der Geschichte der modernen Arbeiterbewegung und sein „Rom und Jerusalem“ ist umwittert von dem Mysterium tiefsinniger philosophischer Schwerversrändlichkeit, während Leon Pinsker bereits in dem klaren Lichte uns nächster Vergangenheit nur. mit seiner dünnen, jedem verständlichen Schrift steht. . Das heutige Erinnern an den Verfasser der „Autoemanzipation“ gibt uns Gelegenheit, auf einzelne Tatsachen au9 seiner Herkunft und seinem Entwickelungsgange hinzuweisen, die auch Pinskers Persönlichkeit in einen weiter ausgreifenden Zusammenhang stellen.' Da3 der Vater Simcha Pinsker eigentlich aus Tamopol nach - Tomaschow ausgewandert ist, bietet bei dem’ lebhaften Durcheinanderströmen der östlichen Judenheit nichts Auffallendes. Merkwürdiger schon ist, daß dieser Vater seine Liebe als Schriftsteller der Erforschung religiöser Erschütterungen im Judentum' zugewendet hat, indem sein Hauptwerk „Likutte Kadmoniot“ den Prim zipien des Karäertums gerecht zu werden sucht und die „Einleitung in den assyrisch-babylonischen Talmud“ mitTiebevoIIem Eingehen bei den bibelketzerischen Vermutungen Abraham ibn Esras . verweilt. Dazu fügt sich passend das Losreißen vom Beruf des Chederlehrers und die Begründung der ersten modernen jüdischen Volksschule Rußlands in Odessa. Das Milieu ist damit für den jungen Leon Pinsker gegeben: nach fleißigen Jahren an dem ganz westeuropäisch eingerichteten Lyceum Richelieu in Odessa die Mithilfe in der Schule, die auch durch die schwierigen finanziellen Verhältnisse des Vaters gefordert war, und sodann das Studium der Medizin an der Moskauer Universität als beste Vorbereitung für die humanitären und menschenbeglückenden Ideale, wie sie Pinsker im Jahre 1S48 anläßlich einer Choleraepidemie mit wahrer Selbstaufopferung betätigte. Wir stehen ja mitten in den Assimilätionsversuchen Nikolaus’ I. und Alexander II. Pinsker kehrt nach Odessa zurück. Die Zustände in diesem südlichen Zentrum der russischen Judenschaft, die er als vielgesuchter Arzt nur noch deutlicher sieht, veranlassen ihn, sich mit den Bestrebungen bekannt zu machen, die aut Moses Montefiores und Adolf Cremieux Anregung die Kolonisierung der Juden im Orient auf humanitärer Basis wollen. Seine Mitarbeiterschaft im „Zion“, im „Den“ und „Raßwiet“ genügen ihm, bis de: Beginn der Achtzigerjahre mit den grauenhaften Judenverfolgungen ein jähes Erwachen d^r Gebildeten aus dem Emanzipationstraum bringt. Der Philanthrop Pinsker wird zum Nationaljuden. Die „Autoemanzipation“ ist das glühende Zeugnis dieser Umwandlung. Die Tat der „Bilu“ kündet, daß das ganze Volk, sich' entscheide, indem es seinen Ver sacrum aussendet. Der vielbeschäftigte Arzt hat seine Stimme erhoben, er darf auch selbst nicht mehr in der Enge seines bisherigen Wirkungskreises verbleiben. Hat er in seiner .Schrift nur ein Land, irgend ein Fleckchen Erde für die Millionen Heimatloser gesucht, ein Jahr nachher in Bermanns Sammelschrift „Palästina“ fühlt er sich schon eins mit denen, die ihrer Sehnsucht schon das Ziel wissen. Zeiten heißer, selbstloser Arbeit im Dienste des Volkes machen Pinsker mit seiner Umsicht und Energie zum Führer; auf der Kaitowitzer Konferenz begrüßt er als Präsident die Delegierten* der zahlreichen Vereine im Osten und Westen, die die Kolonisation Palästinas anstreben. Die Begründer der. „Chowewe Zion“, die als „Odessaer Komitee“ noch heute einer der wichtigsten Faktoren der gesamten Palästinabewegung sind, gehen auf Finskers Werk, zurück. Von der praktischen Tätigkeit Pinskers wird unverdienterweise gar zu selten gesprochen. Die starke Sprache der „Autoemanzipation“, die Klarheit, .mit der darin die wahren Verhältnisse eigentlich'der gesamten Juklenheit aufgezeigt werden, und vor allem die Angabe der Mittel zur Abhilfe haben dieses unscheinbare Schriftchen zu einem Programm werden lassen, das ein Merkstein in der allmählichen Entwicklung der zionistischen Bewegung ist. Die Ideen und geistigen Grundlagen des Herzischen Zionismus sind mit kurzen Strichen bereits angedeutet, ebenso wie die Wege, die zur Erreichung des Zieles zti gehen sind, gezeichnet werden. Mit dem Skalpe! des Arztes zerlegt er darin die jüdische Wirklichkeit. Das Gefühl der Nichtjuden lehnt sich gegen die Gleichstellung, die der Verstand und das Recht verlangen, auf. Das Judentum selbst ist ihnen ja eine ungreifbare Erscheinung, ein Gespenst, und nichts kann diese Judäophobie aus ihren Seelen reißen als die Tat der Juden selbst; die müssen ihren Mangel an Lebenswillen überwinden und eine Nation werden wollen. Man wird niemals vergessen dürfen, daß dieser „Mahnruf eines russischen Juden an seine Stammesgenossen“ im Grunde über die Grenzen Rußlands hinaus die Lage des gesamten Volkes analysiert, denn die Grundgebrechen des jüdischen Daseins sind auch unter gänzlich anderen Worte Theodor Herzls Gesammelt von Wilhelm Berkelhammer. III. Judönfrage. Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale; noch für eine religiöse, wenn sie sieb audh noch so und anders färbt. Sie ist eine nationale Frage, und um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem zu einer politischen .Welttrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird. * Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird »sie durch hinwandernde Juden eingeschleppt. - *• So. fliehen sie (die Juden) vor dem Haß und erzeugen ihn überall, wo sie erscheinen. # Sie (die Judenfrage) ist ein verschlepptes Stück Mitteialter, mit dem die Kulturvölker auch heute beim besten Willen noefh nicht fertig werden konnten. * In demselben Jahre (1492), in welchem eine neue Epoche für die Menschheit begann, mußten die Juden plötzlich, heimatlos, besitzlos, hinauswandern in Exile, die für sie voll von Schrecken waren. * Es sei unumwunden eingestanden, daß wir Zionisten das moralische Leiden der Juden für das größere halten, obwohl wir m manchen Ländern Brüder haben, welche blutig verfolgt, mißhandelt ... werden. * Einer der.vielen wunderlichen Widersprüche , unseres .Volkslebens ist: daß wir weit auseinandergestreut und doch, auf allen einzelnen Punkten unbehaglich zusammengepreßt sind. Der moderne Verkehr, der die Völker einander so nahe bringt, hat die politische und soziale Lage der Juden verschlimmert, während er ihre ökonomische, oder sagen wir lieber finanzielle Macht steigerte. Der Jude ist unsteter und dadurch unglücklicher und verhaßter geworden, als er je war. » Darum (im Hinblick auf die technischen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts) ist die Judennot ein Anachronismus —■ und nicht weil es schon vor hundert Jahren eine Aufklärungszeit gab, die in Wirklichkeit nur für die vornehmsten Geister bestand. * Ueberall findet man also Juden und nirgends läßt man sie zu Hause sein. * Wo wird man uns denn mögen, so lange wir keine eigene Heimat haben? *

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