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Jüdische Zeitung · 1916-12-22 · 50 (22.12.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
50 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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s Nr. 50 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Aus der jüdischen Welt . Gegen die Judenstatistik wendet sich ein Artikel des Reichstagsabgeordneten Ludwig A1p e r s in der deuisch-nanoveranischen „Deutschen Volkszeitung“, aus der wir diese Stelle wiedergeben: „Da wind der jüdische Soldat, der sein und unser Vaterland verteidigt, nicht nur in der Etappe, sondern ebenso ari der Front durch' die Zählung aus der Reihe seiner Kameraden h e r a u.s ge h o ben; die Zählung bringt ihn in Beziehung zu den bekannten Beschuldigungen; er fühlt sich gekennzeichnet, gekennzeichnet an einem Orte — wie oft im Bereiche der unmittelbaren Kriegshandlungen! — wo es nichts anderes als treue Pflichterfüllung unter Einsetzung von Leib und- Leben gibt. Die Wirkung auf den Seelenzustand des so „Gezählten“ läßt sich denken. Das aber hat der deutsche Jude n i ch t ,-v e r di en't. Auch aus der jüdischen Jugend sind-bei Beginn des Krieges Tausende in edler Begeisterung hinausgezogen zur Verteidigung des Vaterlandes., 8500 schmückt heute das Eiserne Kreuz 2. Klasse, SO das 1. Klasse. Wie viele jüdische Kämpfer deckt der Rasen! Aus dem Reichstag zog der sozialdemokratische Abg. Frank freiwillig aus; beim nächsten Zusammentritt des Reichstags huldigte das Hohe Haus dem Andenken des gefallenen Helden. ^Will nun das deutsche Volk seinen jüdischen — gefallenen und lebenden —| Verteidigern lohnen, indem es ihre Glaubensgenossen im Schützengraben „zählt“? Die Absicht des Kriegsministeriums in Ehren. Will es zugeben, daß im deutschen Heere die Soldaten jüdischer Abkunft „sich drücken“ können, glaubt es, entsprechende^Feststellungen treffen zu sollen, so blieb eben nichts übrig, als alle Angehörigen des Heeres an der Front und in der Etappe nach’ religiösem Bekenntnis und nach Ankunft zu zählen .... Hier handelt es sich nicht um Neigungen und Abneigungen, sondern um G erechtigkeit. Als Vertreter des Reicfnsprinzips können wir nicht zugeben, daß jüdische Soldaten, welche innerhalb des deutschen Volksheeres in diesem Existenzkampf unzweifelhaft ihre Pflicht tun, durch eine, wenn auch gut gemeinte, aber verfehlte Maßnahme tief gekränkt werden. Das Kriegsministerium sollte die Verfügung schleunigst rückgängig machen. Es darf sich sonstnicht wundern, wenn trotz seiner loyalen Erklärung die Verfügung in gerecht denkenden Kreisen angesehen werden kann als eine unwürdige Konzession an die Instinkte derer, die blind ihren Leidenschaften gehorchen, die Gerechtigkeit aber gering schätzen.“ Die Mischehen in Holland behandelt die Monatsschrift -der holländischen Arbeiterpartei „De SocialistisChe Gids“. 15'Vo von den protestantischen Eheschließungen sind Mischehen, während fast i/i ader Katholiken in Hoiiand gemischte Ehen eingeht. Bei den J u d e n kamen auf 839 Ehen 153 Mischehen, also 18.2°.«. Dieser verhältnismäßig .geringe Prozentsatz ist auf die merkwürdige nationale Geschlossenheit dey holländischen Juden zurückzuFühren, auf die Macht der Orthodoxie bei den sozial tiefern Schichten der großen Städte und des Zionismus bei den jüngeren Intellektuellen. Eine Verständigung zwischen den Zionisten und der jüdischen Volksgruppe ist dem „Haint“ zufolge erzielt worden. Am Donnerstag, den 23. November, fand im Lokal des „Hasamir“ in Warschau eine Beratung der zionistischen Ratmänner Färb stein und Seidemann mit den Ratmännern der Volksgruppe P r i 1 u t z k y und Efron und anderer Vertreter^-beider Parteien statt, die eine Kommission von 9 Personen zur Ausarbeitung eines Vereinigungsprojektes wählten. Die Volkszählung in Warschau und Lublin hat folgende Ziffern ergeben: am 1. März 1916 betrug die Bevölkerung Groß-W arschaus 984.640 Köpfe, darunter 596.939 Christen und 351.521 Juden; in Lublin wurden 33.460 jüdische und 25.260 Chris.liche Einwohner he; einer Gesamtzahl von 58.720 Köpfen gezählt. - Nahezu 26.000 Unterschriften gegen die E;nführung der Sonntagsruhe wurden unter den Juden Warschaus gesammelt. Die diesbezüglichen Memoranden werden dieser Tage dem Magistrate und dem. Stadtrat vorgeiegt. Der Poiizeipr,äsident Von Lodz erläßt folgende Bekanntmachung: „ich habe dem Repräsentantenkollegium der Jüdischen Gemeinde in der Stajdt Lodz Für die Heberollen der Jahre 1915 und 1916 die Vollstreckbarkeit verliehen. In -den Fällen, in denen Gemeindemicglieder ihre Beiträge für 1915 und 1916 nicht ordnungsgemäß zahlen, behalte ich mir geeignete Zwangsmaßregeln gegen die Säumigen vor. Lodz, den 21. November 1916.- Der Kaiserlich Deutsche Polizeipräsident: Loehrs.“ Die Einziehungen zur Zwangsarbeit haben in Wilna wie in der Umgegend begonnen. Der- Zwang erstreckt sich auf männliche Personen vom 17. bis zum 60. Lebensjahre. Von der Arbeitspflicht sind befreit die. geistlichen Personen, Beamten der Kirche und Hörer der theologischen Seminare, -ebenso die jüdischen Geistlichen und Schüler der Rabbinerschulen, ferner Lehrer, Aerzte, Zahnärzte, Heilgehilfen und Apotheker. Besitzende, zu körperlicher Arbeit Unfähige, können sich vom Zwange befreien, indem sie am Tage der Untersuchung der Kreiskasse die Summe von 600 Mark entrichten. Diese Gelder werden zur Anschaffung von warnten Kleidern für die Arbeitenden sowie zur Unterstützung von deren Familien verwendet. Die Erlaubnis des Fleischverkaufs an Freitagen wurde den Juden im Militärbezirk Dwinsk nicht gewährt. - Die hebräische Zeitung „Hazefirah“ hat seit Ende November Ihr Erscheinen eingestellt, da ihre Geldmittel völlig erschöpft waren. Die Gründung eines Vere'nes zur Förderung der Genosienschaftsbewegung unter den Juden wurde in Rußland verboten. Eine Dumarede des Abg. Friecbnann wandte sich gegen die in Rußland noch aufrecht erhaltenen . Beschränkungen des Universitätsstudiums der Juden. In Warschau sei die Prozentnorm aufgehoben. Wenn in Czernowitz unter der gegenwärtigen russischen Verwaltung die Prczentnorm nicht eingeführt sei, so liege das daran, daß die dortigen Juden geflüchtet seien. Auch in der neuen russischen Städteordnung bestünden die. Beschränkungen der Juden fort. Die Duma habe ihre Versprechungen bezüglich der Besserung der jüdischen Verhältnisse nicht gehalten. Das neuerliche Verbot des Aufenthaltes in Petersburg trifft insbesondere die jüdischen Mittelschüler. Gemäß der geltenden Vorschriften brauchen die Mittelschulen bei der Aufnahme von Juden sich nicht darum zu kümmern, ob die Betreffenden das Wohnrecht in Petrograd haben oder nicht. Bis vor kurzem durften die nach Petrograd evakuierten Schüler als Flüchtlinge sich daselbst aufhalten. Da aber den jüdischen Flüchtlingen das Aufenthaltsrecht in Petrograd genommen wurde, mußten die jüdischen Schüler in der Umgebung sich niederlassen, was ihnen viel "Zeit und Geld raubte. Die unbemittelten Schüler, die von 3en jüdischen Komitees ausgehalten werden, müssen, da sie kein Wohnrecht haben und daher keine Wo'nnstelle mieten können, ganze Nächte hindurch in den Straßen der Stadt wandern. Ein Mitarbeiter der Zeitung „Djen“ stieß zufällig in der Nacht aut einige dieser unglücklichen Wanderer. Es war zwei Uhr nachts, es regnete in Strömen. Jüdische Schüler, darunter auch Kinder von 10—13 Jahren in zerlumpten Ueberziebern und zerrissenen Schuhen ohne Galoschen tändelten in der Ligowka (entlegener Stadtteil) herum ... Daß 'die Juden keine russischen Untertanen sind, geht aus einem im Charkower „Jushnij Kraj“ abgedruckten Befehl des Generals Brussilow vom 10. August 1916’ Nr. 1193, über das Verbot des Photographierens im Gebiet der Eisenbahnen, Wasser- und Landwege der Süd- Westfront hervor; er enthält unter Nr. 6 folgenden Satz: „Däs Photographieren Für den dienstlichen Bedarf muß vorzugsweise Militärpersonen des aktiven Dienstes übertragen werden und nur als Ausnahme Zivilpersonen, aber nur russischen Untertanen, keinen Juden.“ Ein neuer jüdischer Verein zur Verbreitung von Kultur; namens Obrasowanje (Bildung) ist in Rußland gegründet und von der Behörde bestätigt worden. Er hat die Erlaubnis erhalten, alle Arten von Bildungsanstalten zu errichten, Kindergärten, Volksuni versitä:en, Bibliotheken-, Lesehallen, Semharkurse udgl. Die Arbeit dieses Kulturvereins wird sich auf ganz Rußland erstrecken. l- ' Die „Hebrew Sheltering and Emigrant aid Company“ hat mit dem Präsidenten Wilson vereinbart, daß für die Dauer des Krieges die aus den kriegführenden Ländern Eingewanderten nicht zurückgeschickt werden; dafür aber verpflichtet sich diese Gesellschaft, die Sorge und Verantwortung für die Emigranten zu übernehmen. Einziehung der russischen Juden in Canada. Der russische Konsul' von Canada hat Mitteilung gemacht, daß alle russischem Untertanen, die sich in Canada befinden, sich zum Militärdienst in Rußland stellen müssen. In einem Brief an die Rekrutierungsliga in Toronto erklärt der Konsul, daß die russische Regierung alle diejenigen russischen Untertanen zur. Verantwortung ziehen wird, die sich in .Canada befinden und sich nicht zum Militärdienst melden. Er erinnert auch an die Strafe, die in Rußland über diejenigen verhängt wird, die sich' nicht melden. Der Konsul erklärt gleichzeitig, daß denjenigen, die sich der kanadischen Armee anschließen werden, die Straffe erlassen und ihr Militärdienst ihnen angerechnet werden -wird, als ob sie in der russischen Armee dienten. Zionistische Bewegung Zionistische Arbeit in Amerika. Am 20. Oktober haben die Herren Dr. S c h m a r j a Levin und Dr. Mossinsohn Newyork'verlassen, um größere Propagandareisen anzutreten. Herr Dr. Levin wird in einer zunächst auf sechs Wochen festgesetzten Tournee eine große Anzahl amerikanischer Städte besuchen, um dort Vorträge über den Zionismus zu halten. Herr Dr. Mossinsohn geht zunächst nach Kanada, das er vom äußersten Osten bis zum äußersten Westen durchkreuzen wird, um von dort nach Kalifornien zu gelangen und auf seiner Rückreise den Süden der Vereinigten Staaten zu besuchen. Seine Tournee wird erst Anfang März abgeschlossen sein. Kleinere Propagandareisen werden von den Herren Raskin, Epstein und Scheinkin unternommen werden, während Herr Leo Motzkin sich an der Propagandaarbeit in Newyork beteiligen wird. Die American Zionist Federation hat während der Monate Juli, August, September 153 Versammlungen veranstaltet und eine ganze Reihe neuer Gruppen gegründet. Die Föderation beschäftigt sichin letzter Zeit auch mit der Herausgabe von Propagandamaterial und hat kürzlich Mr. BrandeiV „Botschaft an die Zionisten“ in englischer und jidischer Sprache herausgegehen- Die zionistische Frauenorganisation Hadassah hat eine Reihe von unentgeltlichen Kursen über jüdische Geschichte und Zionismus sowie . einen Einführungskurs in die Lektüre der Bibel in he-, bräischer Sprache eingerichtet, deren Besuch allen Zionisten freisteht. Ferner wurden Kurse für hebräische Unterhaltung eingerichtet, die von Herrn B e n a w i geleitet werden, der außerdem eine Reihe von Vorlesungen über hebräische Literatur hält. Das P. E. C. hat im September d. J. 18.337 Dollar eingenommen. Die Gesamteinnahmen in den Monaten Juni September betrugen 106.500 Dollar. Das Ueberweisungsdepartement hat während des Monats September 32.000 Dollar überwiesen gegen 20.000 im Vorjahre. In den Monaten Juni-September erhielt das Ueberweisungsdepartement 131.000 Dollar gegen 97.000 in den entsprechenden Monaten des Vorjahres. Im Ganzen sind durch dieses Departement bisher 509.000 Dollar nach Palästina überwiesen worden. Zum Vizepräsidenten des P. E. C. würfele Herr Dr. Harry Friedenwald gewählt. Vom amerikanisch-jüdischen Kongreß. Die neue Vereinbarung, die das „Amerikanisch-Jüdische Kongreß-Comite“ mit dem' Sub-Komitee der „Konferenz amerikanisch-jüdischer Organi: sationen“ in der Frage des amerikanisch-jüdischen Kongresses getroffen hat, ist den Delegierten der Philadelphia-Vorkonferenz in einem zweiten Referendum ' zur Abstimmung unterbreitet worden. An der Abstimmung haben sich 221 Delegierte beteiligt, von denen 217 für und nur 4 gegen das neue Abkommen gestimmt haben. Es seneint demnach, daß In dieser Sache nun docheine einheitliche Aktion der amerikanischen Judenheit erwartet werden darf. Die zionistische Studentenorganisatinn m Amerika. Die zionistische Studentenorganisation Amerikas (IntercoUjegiate Zionist Association), die anläßlich des Delegiertentages der amerikanischen Zionisten ihre zweite Jahresversammlung in Philadelphia abhieit, ist jetzt offiziell der amerikanischen Zionisienföderation beigetreten. Die Organisation umfaßt zionistische Studcnleivereine an zwölf amerikanischen Universitäten und einer Reihe anderer Hochschulen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung der zionistischen Organisation in Amerika haben die zionistischen Studenten in letzter Zeit begonnen, den Zionismus in ihren eigenen Reihen zu vertiefen und eine lebhafte Propagandatätigkeit zu entfalten. Sie haben zu diesem Zweck ein Informationsbüro gegründet, das Aufklärungen über den Zionismus und die jüdische Arbeit in Palästina erteilt. Sie haben eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten über die Vorgeschichte des Zionismus, die ökonomischen Möglichkeiten in Palästina usw. herausgegeben und sind bestrebt, den Zusammenhang zwischen ihrer Zentrale und den Einzel-Vereinen durch Herausgabe monatlich erscheinender Bulletins zu festigen. Es steht zu erwarten, daß die Entwicklung der zionistischen Studentenschaft Amerikas für den Zionismus in den Vereinigten Staaten von Bedeutung sein wird. Louis D. Brandei» wurde auf einem großen Meeting aufs neue zum Präsidenten der Bostoner Zionisten gewählt; bei diesem Anlaß wurden 10.000 Dollar für den Palästina-Hilfsfonds gezeichnet. Vom Bezalel Anfangs November ist beim Verein Bezalel in Berlin die erste Sendung sei: Kriegsausbruch aus Jerusalem eingetroffen. Sie enthält ausschließlichdie unter 'der Leitung des neuen Werkmeisters Lazar Strich wähi-end des Krieges hergestellten kunstgewerblichen Erzeugnisse. Die kunstgewerblichen Fachleute, die bisher Gelegenheit hatten, die neue Sendung im Vereinsbüro zu besichtigen, sind von der Schönheit, der sauberen Ausführung der neuen Arbeiten überrascht. Sie sind alle darüber einer Meinung, dab der neue technische Leiter der Werkstätten, Herr Strich, reiche Erfahrung im Kunstgewerbe mit großem bildhauerischen Talent verbindet. Die neuen Zuckerdosen, der Bibeleinband und ein Damenspiegel erwecken allgemeine Bewunderung. Auch die neuen Entwürfe der kleinen Gebrauchsgegenstände und Ritualien werden sehr beifällig beurteilt.

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