Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 50 (22.12.1916)
- Date
- 1916-12-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Aus der allgemeinen Presse i * * ■ •* In Nr. 4 der zur Information der allgemeinen Presse bestimmten „Neuösterreichischen Korrespondenz“ schreibt der ReiChsratsabgeordnete Dr. Eugen Lewicky über die „Sonderstellung Galiziens und der Ukrainer“. Er erklärt, dab die Manifeste in Sachen der Wiederherstellung Polens und der Sonderstellung Galiziens in der gesamten ukrainischen Bevölkerung „tief- ’ gehende Beunruhigung und Bestürzung“ hervorgerufen hätten.“ „Vom österreichischen Standpunkte aus,“ , schreibt er, „bringt ' eine Sonderstellung Galiziens mit der vollständigen Ausschaltung der zentralen Staatsgewalt im größten österreichischen Kronlande und Schaffung eines neuen Staates im Staate eine bittere Enttäuschung für. diejenigen Politiker, die vom Kriege und nach demselben die Auferstehung eines neuen, JÜDISCHE ZEITUNG festgefügten, auf der nationalen Autonomie aufgebauten Neu-Oesterreich erwarten.“ — Herr Dr. S. K a ß n e r, Vizepräsident des „Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich“ äußert sich in derselben Nummer über „die erweiterte Autonomie Galiziens |und die Juden“ folgendermaßen: „Nach dem kaiserlichen Handschreiben erfolgt die Erweiterung der Autonomie, „um der Bevölkerung Galiziens die Gewähr ihrer nationalen und wirtschaftlichen Entfaltung zu bieten. Die Bevölkerung Galiziens setzt sich bekanntlich aus Polen, Ruthenen, Deutschen und Juden zusammen. 900.000 Juden sind ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung und im Sinne des kaiserlichen Handschreibens wird zweifellos seitens . der Regierung auch die Formel gefunden. werden müssen, um’ den Juden Galiziens gleichfalls: die Wahrnehmung’ ihrer V o I k s rechte zu ermöglichen. Der Kommentar der „Wiener Zeitung“ spricht wohl nur davon, daß eine Grundlage für ein Einvernehmen zwischen beiden, das Land bewohnenden Volksstämmen geschaffen werden müsse. Gemeint sind offenbar Polen und Ruthenen. Das kaiserliche Handschreiben-jedoch spricht von der „Bevölkerung“, nicht bloß von zwei Voiksstämmen, und daran muß festgehalten werden.“ * ■ * * Das letzte Heft der katholischen Zeitschrift „Das neue Oesterreich“ brachte einen sehr gut orientierenden Aufsatz über den Zionismus aus der Feder eines ungenannten Gesinnungsgenossen. Zionisten im Felde Fhr. Hallenberg ist am 1. November in italienische Gefangenschaft geraten. Adresse: Venosa potenza. Lt. David Klugman’n, Mitgl. der Agudarh-HerzI, Przemysl, ist zum zweiten Male mit der silbernen Tapferkeitsmedaille II. Klasse ausgezeichnet worden. Lt. Dr. E m i I M. ü 11er, A, H. der Jüd. Akad. Verb. Ivria in Wien, erhielt für tapferes Verhalten vor dem Feinde das'Signum laudis. Sah.-Fhr. Ernst Borger, Fux der Jüd. Akad. Verb. Ivria in Wien, wurde für tapferes. Verhalten vor dem' Feinde mit der bronzenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Gesuchte V Gerson Menyes, Tobolsk, Sibirien, Rota 38, Nr. 8004, sucht seine Frau und 5 Kinder. Für Herrn Her sch Kalz ist ein Brief von Mordechai Albreclit auf der Redaktion der „Jüd. Ztg.“ eingetroffen. Ankündigungen Der Allgemeine Jüd. Arbeiterverein „Poale Zion“ begeht am Samstag, den 23. ds., 8 Uhr abends, seine Makkabäerfeier mit reichhaltigem Programm, II., Stefaniestraße 2, III.,, Türe 3-1. Eintritt,20 h. Der Humanitäre Unteritützungsverein der Kolomeaer veranstaltet Montag, den 25.Dezetnb., halb 8 Uhr abends, im Cafe Prückl, I., Stubenrmg. 24, seinen ersten Gesellschaftsabend unter Mitwirkung des Regisseurs Egon Brecher u. a. Herren und Damen. Karten ä K 1.50 sind bei R. Lötvif, I., Rotenturms.tr. 22, und bei den Komiteemitgliedem ^erhältlich. Der Zionistische'Verband ehemaliger Hochschüler wird seinen Abend am 27. Dezember im Dom-Cafe, I., Singerstraße, dem Feste der Makkabäer widmen. Gäste Sind willkommen geheißen. I. Zionistischer Frauenverein. Im Saale des Wissenschaftlichen Klubs, VI., Getreidemarkt Nr. 7 (Eingang Dreihnfejsengasse 1), findet Donnerstag, am 28. Dezember 1916, präz. 7 Uhr abends, ein Vortrag Seiner Ehrwürden des Herrn Dr. D. Feuchtwsng über die „Ostjudenfrage“ - statt. Berichte und Korrespondenzen Jüdischer Bildungsverein („JüdiSdi-Iiierarischer Klub“). Infolge eines drucktechnischen Versehens-ist in der vorigen Nummer, dieses Blattes der letzte Teil des JBeridhtes über die General-' Versammlung des;-;Jüdisdien * Bildungsvereihes“ weggeblieben. Es sollte dort weiter heißen: Die Neuwahl des Ausschusses ergab folgendes Resultat : Präsident Dr. Heinrich T a u b e 1 e s, Vizepräsident Lothar Hof mann, Schriftführer Rudolt I m m e r g u t, Schriftführer-Stellvertreter Paul Bruck, Kassier Salomon Körner, Kassier- Stellvertreter Erna B a r b e k, Beiräte : Bernhard Nf. 50 Tag, Dr. Markus Krämer und Dr. Karl Meis eis. Adresse des Vereines: II., Zirkus-, gasse 33 . L. Hj „Der Chassidismus und seine zeitgenössische Apotheose“. Ueber dieses Thema sprach Dr. Nathan’ Birnbaum am 13. Dezember im vollbesetzten Saale 41der Universität. Der Redner betontezunächst die Bedeutung des Chassidismus, der in einer Vertiefung und Verinnerlichung des religiösen Lebens bestehe und einer Erstarrung und. Mechanisierung desselben vorge-. beugt habe. Hierauf wandte sich Birnbaum mit’ der ganzen Glut seiner überwältigenden Beredsamkeit gegen die idealisierende Darstellung des Chassidismus in unserer zeitgenössischen Literatur. Der Chassidismus sei nicht eine Opposition gegen das bestehende Religionssystem im Sinne eines religiösen Subjektivismus gewesen, sondern vielmehr eine Bekräftigung, eine Verstärkung der objektiven, positiven Religion, was seinen Ausdruck vor allem in der Schaffung der Institution des Zadik. gefunden habe. Auen habe der Chassidismus nie e;ne Beseitigung von althergebrachten Satzungen erstrebt. Nie sei er als eine revolutionierende Bewegung. hervorgetreten, die etwas niederreißen wollte. Im Gegenteil, er habe die Gesetzesreligion befestigt, indem er unbedingte undumfassende Befolgung aller Vorschriften bis in die kleinsten Verzweigungen des Alltags gefordert habe. Birnbaums Ausführungen, die in unerbittlicher Gedankenschärfe der Klärung historischer Wahrheiten dienten und von ’ tiefem religiösen Empfinden getragen . waren, haben auf die Zuhörerschaft einen nachhaltigen Eindruck ausgeübt und werden sicher vielfach eine Revision der bisherigen Ansichten über den Chassidismus angeregt haben. L. H. Jn der „Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler“ sprach' am 16. ds. Mts. Dr. Abraham Schwadron über „Zionismus1 und Pazifismus“. Pr. Schwadron unterzog die bisherigen Wege und Methoden des Pazifismus einer eingehenden Kritik. Er zeigte;n äußerst konsequentem Gedankengang, in welch hohem Maße die Lösüng unseres nationalen Problems dem Pazifismus dienen würde und deckte So zahlreiche Beziehungen zwischen diesem’ und dem Zionismus auf. Dem interessanten Vorfrag schloß sich' eine lebhafte Diskussion an. L.H. Der Vortrag Max Brods über seine „Erlebnisse mit den Ostjudeh“ im „Komitee zur Aufklärung der ostjüdisch'eii Fragen“ am 17. Dez. s;ah’ einen: übervollen Saal. Der Redner schilderte seine-Erlebnisse mit den Ostjuden, die der Strom der'Geschichte in Massen nach seiner; Heimatstadt Prag geworfen hatte. Den Dichter, den die Kriegse.-eighisse vom Schreibtisch weg mitten in wirk'ätigeHiif :arte;t hi Anrissen, er begegnete den. Flüchtlingen beim Empfang von milden Gaben, pr unterrichtete ihre Jugend und sah die Väter, die ihn aufsuchteri, um sich mit ihm über ihre Kinder zu besprechen. Und überall drang sich ihm die Erkenntnis ihrer najven, weil angeborenen und vererbten Geistigkeit und ihrer Liebe zum Geist als der Grundlage ihres Wesens auf. ln Scharen strömten diese materiell schwer bedrängten Vertriebenen in die Jüdische Bibliothek. Empfindungen tiefer Menschlichkeit entdeckte er in den Antworten seiner Zöglinge. Und selbst in weniger' liebenswürdigen Zügen gewahrte er verständliche Motive.- Mußte diesen Leuten, die den ersten ostgalizischen Flüchtlingen mit brüderlicher. Impulsivität ihre eigenen Betten abgetreten hatten, die westliche wohlgeordnete, aber gemäßigte und abgezirkelte Bureau-Wohltätigkeit nicht kalt Vorkommen? Die Ostjuden leben den Talmud; ihr Leben ist gelebter Talmud. Diese Erkenntnis bewog''Brod, den Talmud zu studieren. Und Was er in diesen Büchern fand, veranlaßie ihn zu dem Wunsch und der -Aufforderung an seine Hörer: Lernt den Talmud kennen. Der Talmud soll als die reinste und stärkste Sittenlehre die Grundlage unserer Kindererziehung bilden. (Ein Gedanke, den wir auch’ bei Albert Ehrenstein in -dem soeben erschienenen Heft, „Das Jüdische Prag“ finden.) Ja, es wäre an der Zeit, daß er zum' allgemeineuropäischen Kulturgutwürde. Eine neue, gute Ausgabe wäre vonnöten, um . ihn den . weitesten Kreisen zugänglich zu machen. — Der Redner, 'seihst erfüllt und beglückt von seinen Erkenntnissen, zog die Zuhörer ganz in die Stimmung eines freudigen Erlebens. Seine Worte gaben ihnen die Gewißheit, daß der Kern des jüdischen Volkes, unberührt^ rein und stark geblieben ist. W.-St. Die zionistische Mädchenverehvgung „Moriah“ veranstaltete am 17. d. M. in ihren Räumen 'feine Makkabäerfeier. Nach einer kurzen Absprache der Präsidentin Frl. Ruza Sachsei, welche die zahlreich erschienenen Gäste, bescinders aber Herrn k.k. Reichsratsrevisor Rudolf Taussig und' Herrn Abraham Sonne aufs herzlichste begrüßte,' hielt Herr Adolf Stand eine zündende Festrede, in welcher er die große, national-kulturelle Bedeutung, des Makkabäerkampfes würdigte und zqr 'persönlichen tätigen Anteilnahme an ' unserer (heutigen jüdischen Renaissancebewegung aufforderte. Es folgten Gedicht- und Gesangsvorträge, , die Frl. Buchwald, Frl. Fried und Herr Reis in geradezu