Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-12-22 · 50 (22.12.1916) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
50 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438621--5079-2445020
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 \ - / JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5Ö fruchte unserer geistigen Wiedergeburt gewesen. Die frohen Wandervögel, ihre Lebendigkeit, ihre Vertrautheit mit Gottes Natur, ihr Bund mit' den Schönheiten von Feld und Wiese, sie sind ■ die ersten gewesen, die den großen Gedanken von 1897 in die Tat .umgesetzt haben. Es Waren schüchterne Versuchs, wiees uns schien. Bescheidene Anfänge Uebermüfiger, Frohgelaunter, Uebereifer, wie wir meinten. Es war das große Ahnen, ein Wetterleuchten auf dem Horizont 'der jüdischen Renaissance. Diese Bewegung, die bald größere Formen ännahfti, die fast die ganze jüdische Jugend ergriff und aus sich’ heraus schuf, unbeeinflußt von den Alten und Großen, sie konnten und durften sich diese Selbständigkeit erlauben, weil sie ja der zu Leben gewordene Gedanke der Männer und Geister von 1897 waren. Es war eine _ Selbstverständlichkeit, daß diese frohen Wanderer, die sich bezeichnend „Blau-Weiß“ nannten, ein jüdisches Leben führten. Und ebenso folgerichtig war die. Belebung der hebräischen Sprache. Nicht die Führer im Zionismus, die zuerst auf den! Kongressen das Hebräische sprachen, sind die Verwirklicher der Neugefcurt der alten nationalen Sprache gewesen. Nein, diese Jungens waren es, die das altheue Idiom' aut freiem Felde gebrauchten, beim' Lagerleben und im Spiele. Ihnen vorausgegangen waren allerdings die Pioniere in Palästina, doch1 möchte ich als Tatsache fest- , stellen,,daß eine Beeinflussung auf direktem Wege ' hier nicht in Betracht kommt. Ganz selbständig , entstand hier eine Konsequenz der Wiedergeburt des jüdischen Lebens, des jüdischen Volkes. Diese Tatsache sei darum so markant hervorgehbben, weil sie die Gewähr dafür bietet, daß es sich hierV um eine .naturnotwendige Sache handelt, die keiner Zufälligk:!:, keiner Eitelkeit, keinem Sensationsgelüste entspringt, sondern dab hier gerade eine reife Frucht aus langer, ernster und schwerer Arbeit dem jüdischen Volke 'zugefallen ist. Eine Frucht,, die uns niemand entreißen ' wird, nicht der blinde Stammesgenosse, nodi der gehässige Feind. Diese neue Jugend gibt uns eine Gewähr, eine Kraft und Hoffnungsfreudigkeit, daß wir mit vollstem Vertrauen in die .Zukunft 'blicken können. Die „wandernde“ hebräische Jugend der Diaspora, so möchte ich sie nennen, hat von nun. an das Banner Judas in die Hand' genommen und mit ihnen zieht das ganze Volk der Erfüllung seiner Wünsche und Träume, der Verwirklichung seiner Ideale und einer schöneren glücklichen Zukunft entgegen. - Das soll’uns.aber nicht hindern, die großen Hindernisse zu erkennen, die uns noch' zu überwinden bevorstehen. Die Zerstreuung, die Art der Erziehung von heute, ihr Leben unter fremden Völkern, diese Hindernisse, die uns gerade in. dieser großen Zeit klarer zum Bewußtsein gekommen sind, denn ehedem, sie wollen wir jedoch nicht als unüberbrückbar bezeichnen, denn damit kämen wir nicht weiter und wreiter kommen (wollen wir. Ueberhaupt gibt es nichts Unüberwindliches, -wenn ein Wille da ist. Ein eiserner und eherner Wille, der sichden Tatsachen nicht verschließt, aber die Möglichkeiten sieht und (die Auswege sucht. - Der große zionistische Gedanke hat jetzt Wurzel geschlagen, und das kann?nicht mehr aus der Welt geschaffen werden, auch nicht durch die dialektischsten Ah- ■ I Zum (MaMsel | 1 | ersuchen wir unsere | | | | gesdi.fceser, öasHbon: § § | | nement sofort zu er; | | | ( neuern, damit in Oer | | |1 Versendungder Zeitung j J I I Keine Störung eintrift | | | Die RSministration der „Jüöisitien Zeitung“ | | Wien, II. Bezirh, Zipftusgasse Hr. 33 | handlungen oder durch Betonung von individualistischen Auffassungen. Diejenigen; die heute im Judentumnoch - führende Stellungen innehaben und einen Gedankengang predigen, der dem nationalen entgegengesetzt ist, stammen aus einer früheren Zeit der jüdischen Geschichte. Ihr Standpunkt ist in einer Zelt gereift, als die Jugend des jüdischen Volkes nodi nicht hebräische Lieder singend, im Freien biwakierte. Die Männer dieser Geistesrichtung 'haben eine andere jüdische Jugend gelebt und darum sind die Konsequenzen logischerweise auch andere. Nur wenige (haben vor zwanzig Jahren demi neu aufgetauchten Ideal Folge geleistet, aber die Früchte der Arbeit dieser wenigen, der emsigen, zielbewußten Arbeiter, die nur auf die Erneuerung des Judenvolkes, des Judenlums, der jüdischen Seele und des jüdischen Geistes bedacht waren, diese Früchte beginnen jetzt zu reifen. Sie reifen in einer Pracht, wie (sie der aufgewandten Mühe, 'des 'verbrauchten eisernen Willens, der auf den Altar ldes; Judentums dargebrachten Liebe zum' Volke nur hätten entsprechen können, ln knapp "einem Jahre werden wir ein schönes Fest begehen,, das Fest des zwanzigjährigen Bestandes des Herzl’schen Zionismus. Diese Feier, wird vor Allem von unserer neuen, von unserer jüdischsten Jugend gefeiert werden. Ein schönerer Erfolg .konnte dem' Herzl’schen Gedanken nicht blühen. In Erkenntnis der Bedeutung unserer neuen Jugend wollen wir unser Augenmerk vor allem’ ihr züwenden, unsere .Mitarbeit vor allem ihr angedeihen lassen. Es kommt für alle Völker, vor allem aber für das jüdische Volk! (eine1 schwere Zeit, die ihre Fürsorge zuerst dem Gedeihen der- JugencT zuwenden wird. Wir Juden dürfen diese Gelegenheit, da die Existenz des ganzen Volkes davon abhängt, nicht ganz unbenützt voräbergehen lassen. Zu, diesem Zwecke gehört Vertrauen, guter, eiserner Wille, bewußtes Judentum ftind aktive M i ta rbei t.-^Diese sei somit von allen, die das.jüdische Volle lieben, gefordert. R. Zionisten -Chanukah In unserer Ausgabe vom 8. Dezember 1916 (13. (Kislew' 5677) hatten wir an leitender Stelle den Koerberschen Beamienerlaß begrüßt und die Unterstützung des jüdischen Teiles der Bevölkerung bei einer gerechten und vorurteilsfreien Amtsführung der Behörden zugesagt. Das ärgert die „Ostdeutsche’^Runds’chau“,' die natürlich dort nicht zu finden sein will, wo Recht und Gesetzlichkeit zu finden ist. Wjr hätten auch das Walten der-Zensur besprochen, die uns in früheren Zeiten unmöglich gemacht hatte, die ^unterschiedlichen Frechheiten der. „Reichspost“ 'und der „Ostd. R.“ geziemend zurückzuweisen. Das alles unterschlägt die t.Osrd. R.“ und. faselt von „den tiefsten Verbeugungen vor dem 'hochgeschätzten Manne (Dr. v.' Koerbsr), dessen philosemitisdhe Herzensneigung ihnen (sc. den Zionisten) schmunzelnde Wonnen bereitete.“ ,Kein Wort wahr! Wir haben uns nicht verbeugt, sondern ledig-\ lieh einen ruhigen Ton eingehalteh. Und Philosemitismus ist uns wursdht. Heiter stimmt es uns, daß die „Ostd. R.“ uns ein jiddisches .Nadererblärtchen nennt. Teut, der alltäglich im „Briefkas.en“ die unverschämteste Denunziation betreibt, wagt es von Naderertum zu reden! Es ist löblich von ihm, daß er verspricht, unser ' Blatt zu lesen. Er kann bei uns vielerlei lernen, vor allem: deutsch schreiben. Er scheint dies auch; zu wissen, denn er hat unsere nächste Nummer .vom 16. Dezember gelesen und macht im Briefkasten am 19. Dezember einen fingierten „Hauptmann v. R.“ auf die Makkabäer-Feier aufmerksam. Wir laden Herrn Hauptmann v. R. ein, zu unserem Feste mit recht vielen-Freunden zu erscheinen. Sie würden sich bei uns sicherlich in aijs.ändigerer und besserer Gesellschaft befinden als bei dem verkrachten Schmierenkomödianten Teut. Und sie würden bei uns finden, was sie bei der Sippschaft der „Ostd. R.“ vergeblich suchen: Ehrlichkeit und Achtung vor fremder Ueberzeugung. -ys. Aufruf! Die Büros des Jüdischen Kriegsarchivs sowie die Redaktion „Jüdisches Archiv? sind nach: II. Praterstrasse 43 übersiedelt. — Telephon Nr. 43319 Das Jüdische Kr i egsar Chi v appelliert neuerdings an die jüdische Oeffentlichkeit. Es ist Pflicht jedes gutgesinnten Juden, über alle seine Erlebnisse und Erfahrungen', die sich in gleicher Weise auf den Krieg und das jüdische Interesse beziehen, an das jüdische Kriegsarchiv zu berichten. Entgegennahme der Berichte brieflich und mündlich' (täglich außer Samstag zwischen 11 und 1 Uhr mittags). gabs für Zuck ermann kein Halten mehr: er begann dichtend zu singen, "er schwang seinen Knüttel, er rief laute Kommandoworte und im' Laufsdhritt gings,.wie er nicht ganz im Spaß versicherte, gegen Beigerad. Damals ist sein „Reiterlied“ entstanden, damals sein „Was liegt daran?“ Am nächsten Morgen erfuhren wir, daß — sage und schreibe — zwei Studenten sich vor der Theaterkasse eingefunden hatten. * Neben einer jüdischen Schauspielerin, deren Name in der Welt der Bühnenkunst Klang und Gewicht hat, trat im' Frühjahr 1909 in unseren Kreis die russische Staatsbürgerin Frau S. Aus Rußland ihrer politischen Gesinnung wegen und — Wie besser Unterrichtete zu erzählen wußten — aus Furcht, wegen eines Attentates verbannt zu werden, flüchtig, hatte sich diese Frau zuerst nach' Palästina, von da nadh Aegypten gewendet, wo sie als Korrespondentin in einem Geschäftshause' ihren Unterhalt fand.- Der Gatte, ein Arzt, war in Rußland verblieben, ihr Söhnchen würde in Berlin un .ergebracht. Nach einer schweren Verletzung durch einen tollgewordenen Maulesel unglücklich operiert, wandte sich Frau S. nach’ Wien und wurde hier, nachdem sie mit den zionistischen Kreisen in Berührung gekommen war, ins Allgemeine Krankenhaus gebracht Zuckerinann sorgte für sie in aufopferungsvoller Weise. Allabendlich' kam sie' verstohlen zu uns. Sie erzählte stundenlang, mit tonlos verschleierter Stimme. Ihr Gesicht war wachsgelb, die großen schwarzen Augen glühten im stetigen Fieber; uns kam sie als der Typus einer Märtyrerin vor. Im übrigen war sie Morphinistin geworden. Ihr einziger Gesprächsstoff war das jüdische ' Palästina,. dessen Wesen sie in charakteristischer Art zu malen verstand. Zuckermann war von dem Dulderdasein dieser Frau tief ergriffen; leuchtenden Gesichts wurde er mcht müde, ihren Erzählungen zu lauschen, und seine Teilnahme, die ihn nach und nach völlig erfüllte und seinen dichterisdien Neigungen eine tägliche Quelle des Staunens und der Beseeltheit wurde, riß uns, alle mit. In Frau S. glaubte er eine vom Schicksal persönlich Gepeinigte und dabei Begnadigte zu sehen und gewiß hätte er freudig ein Märtyrertum' auf sich genommen, das ihm die Erfüllung seiner Zionssehnsucht versprach. Vor unseren Augen siechte die Frau, mehr Schatten als Körper, mehr Seele als Nerv, dahin. Am meisten Schmerz bereitete es ihr, daß man im Krankenhaus, ihrem starken Willen mißtrauend, ihr die Morphiumspritze nicht beließ, obwohl sie versprochen hatte, sich die Giftrationen.' nur vttai Arzt verabreichen zu lassen. Unablässig klagte sie über Mangel an Vertrauen, es empörte sie geradezu, daß man ihr, der Dulderin, so wenig Entsagungskraft zumutete, wodurch' auch tatsächlich ihr fast unüberwindliches Selbstvertrauen geschwächt wurde. Dieser Zustand dauerte Solange, bis die arme Frau bei Nacht-,und Nebel aus dem Krankenhaus floh,, schnurstracks zu uns. Zuckermann verschaffte ihr häusliche Pflege. Sein Herz war im' innersten getroffen und gerade die Forderung nach blindem Vertrauen war es, dem er sich' in seinen schönsten Stunden verbunden fühlte. Er sali dieses Glaubens Opfer täglich vor Sich, und während jes unter bittersten Quälen erlosch', rang er sich’ an ihm empor. — Dem .Wachstum seiner Seele hier weiter nachzuspüren, steht mir nicht zu. Leicht könnte sich Wahrheit in Dichtung verwandeln. Was sich’ in jenen Friihlingsmonaten des Jahres 1909 an Geschehnissen zusammendrängte, ist, wie ich schon eingangs bemerkt habe, an keine Anekdote gebunden. Es ist die Blütezeit einer inneren Entwicklung gewesen, _ deren "Frucht wir zu unserem Kummer nicht völlig reifen sahen; ein Arbeiten an sich Selbst, ein Bilden und Formen, uns allen ein Vermächtnis. Zum Helden war Zuckermann nicht bestimmt. Was nach dieser Hinsicht über ihn gefabelt wird, ist Mißverständnis. Wir wollen ihn so sehen, wie er selbst sich' gesehen haben wollte, wir wollen ein wenig innehalten, wenn wir in seinen Versen lesen und ihm ein Gedenken weihen, dessen er, der edle Jude, sich im Tode nicht erwehren muß. . .. "; .Wien, 1916. Dr. Oskar Rosenfeld. Neue Literatur „Moriah“, Monatsschrift der jüdischen Jug.end' in Polen (polnisch). Verlag: Wien, II.,- Zirkusgasse 36/4. Das Dezemberheft enthält folgende Artikel: „Kaiser Franz Josef“ (Nekrolog), „Die. Tat der Makkabäer“ (Z. Pa tisch), „Das ' unabhängige Polen“ (W. B.), „Hasthomer und die Wiedergeburt des Judentums“ (B. Zimmermann), , »Hugo Zuckermann“ (W. Berkelhammer), „Soldatengrab“, „Makkabäer“ (Gedichte von Hugo Zucker mann, übersetzt von K. Rosenfeld und H. Saf- : i n), „Das polnisch-litauische Judentum und Palästina“, ein Beitrag zur Geschichte der romantischen Epoche im Zionismus, 2. Tejl (Dr: Ignaz Schipper), „Gedenktafel für die im Felde gefallene jüjdisdt'e Jugend Galiziens“,; Rundschau (die jüdische Presse über die Unabhängigkeit Polens,, das gegenwärtige hebräische Schrifttum in Palästina usw.), Bibliographie, neue Bücher. ‘ Abonnement jährlich K 6.—, M. 5,—;. halbjährig K 3.—, M. 2.50; vierteljährig K 1.50, M. L25; Einzelheft K 0.60, M. 0.50.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.