Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-12-22 · 50 (22.12.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
50 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438621--5078-2445019
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

NRTIHNFIL -JÜDISCHES Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, .? Administration und lnaerateamifnahmr: Wien, II-, Zhtcoagme Nr. 33. — Sprechsturnt s täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr. nachmittags, — Manuskripte werden nicht curQckgesteDt — Aboanememtsprefee: Für Oesterreich-Ungarn:- Ganzjähr. K 10.—, halbjihri K 5.—, vierteljihr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, balbjäbr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrigfc Ausland f^Ganzjihr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 hu — Poetsparkasnenkonk» 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 50 Wien, Freitag, den 22. Dezember 1916 — 27. Kislew 5677 X.Jahrgang Makkabäertage Als HerzI an die Stelle des häuslich-innigen, wenn auch im Westen fast vergessenen Cnanukafestes ’ die heute allen sichtbare Feier der heldenmütigen Hasmonäer setzte, ließ er sich nur scheinbar von dem Prinzip der Nützlichkeit für die Ausbreitung des nationalen Gedankens durch die Erinnerung nationaler Helden leiten. In Wirklichkeit begriff er die tiefe Verschiedenheit zwischen .den beiden Auffassungen des gleichen historischen Ereignisses. Auf der einen Seite eine von Wundern und Sagen umrankte, kaum der Wirklichkeit angehörende Legende, die . so recht zum duldenden, nur auf Gottes Eingreifen hoffenden Charakter seiner Zeitgenossen paßte und auf der andern die Kraft und Stolz zeugende Geschichte von Männern, die einer Welt von Feinden zu trotzen wagten, gleich1' denen, die HerzI zum Sturm gegen die weltbeherrschenden Mächte der Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit führte. Hier hieß 'es eine starke lind glutvolle Vergangenheit zu beleben, um sie einer nach Stärke und Mut verlangenden Gegenwart aufzuzeigen. Unser Volk' besitzt sicherlich' kein historisches Verständnis im. landläufigen Sinne. Die geschichtlichen Tatsachen sind nicht um ihrer selbst willen wert, vol. genug erforscht zu werden, sondern erhalten erst ihren Wert durch den Sinn den ihre eigentümliche Verknüpfung für den Gesamtverlauf, gleichsam für dieWeltregierung hat. Nicht die Buntheit und das Wechselvolle der Kämpte ist zu betrachten; vielmehr die Frage nach1 der Stellung dieser Tatsache im ganzen Geschehen. Dann aber wurden diese Kriege' zu einem Streite Gottes mit seinen Widersachern, dessen Ausgang ganz selbstverständlich war. Die nationale Strömung entkleidete nun mit einem Male diese Ereignisse ihres transzendentalen Beiwerks und stellt sie in ihrer natürlichen Tatsächlichkeit in das klare Licht der Geschichte. Sie nimmt ihnen dabei keineswegs ihren Sinn. Im Gegenteile wird nun mit einem; Male die Gewißheit sichtbar, daß-ilas Ringen dieses kleinen Völkchens mit dem politischen und kulturellen Erben des großen Alexander eine Entscheidung um das Schicksal der Erde war: soll griechisches Streben nach äußerer Formung des Lebens das jüdische Mühen um die Reinheit der Seele erdrücken? Die. Geschichtsschreiber des deutschen Volkes rühmen die Folgewirkung der dunkel umwobenen Schlacht im Teutoburger Walde, sie habe das Antlitz Europas verändert. Wir wollen gar nicht zu Ende denken, was die hemmungslose Ausbreitung syrisch-hellenislischer Zivilisationsbestrebungen bedeutet hätte. In unserer Zeit der Selbstzerfleischung und der demütigenden Selbsterniedrigung des zivilisierten Europas, die so recht seltsam die vielgerühmte moralische Hochwertigkeil der arischen Rasse hervortreten läßt, darf und muß von dem historischen Verdienst der Makkabäerkämpfe für die gesamte Menschheitsentwickelung gesprochen werden. Müssen wir doch! hoffen, daß eine Wahrheit suchende Wissenschaft endlich den wirklichen Wurzeln der Kultur im mißachteten Orient nachgräbt. Nicht in hochmütiger Geringschätzung schauen wir diesem grauenvollen Zusammenbruch von seit Jahrtausenden geleisteter Arbeit zu, nein, wir ahnen nur, dab dies nicht der Weg war, den die Menschheit gehen mußte, -setadern dab jenes Erbe wahr gemacht werden muß, das die Hasmonäer (der Welt erhalten haben : äußerer Fortschritt und technische Vervollkommnung genügen nicht, sind jiur Formen, die innere Forderung, die den ganzem Menschen, verlangt, muß es sein: dem Staate, der durch Gewalt entstanden ist, und von seinem Wollen zur Macht lebt, nach Fichte, Hegel und Ranke, dem größten Stolze des schöpferischen Europa, steht die jüdische Gemeinschaft gegenüber, die bedingungslose Hingabe des Einzelnen verlangt, weil sie ihn gesteigert und erhöht zurückgibt; jenes Ideal einer Gemeinschaft, das die Generatioinen . seit Moses gebaut und das so oft seiner Verwirklichung nahe schien und doch niemals Wirklichkeit wurde. Das Ringen der Makkabäer mit dem übermächtigen Feinde war kein Kampt um die Güter der Erde, nicht einmal um die bloße nationale Eigenart einer besonderen Menschengruppe, aut diesem schmalen Streifen Vorderasiens ging es um zwei Weltanschauungen, die heute noch nicht ausgekämpft haben, mag auch die eine alle äußere Macht für sich in Anspruch nehmejß, die andere aber erst ihrer Auferweckung und Verwirklichung harren. Und darum ist uatser Zionismus keine nationale Strömung, wie alte anderen Völker sie besitzen, er stellt' die Sehnsucht nach einem inneren, menschenerhöhenden Zusammenleben dar, dem die Form des Staates nur äußere Schale, nicht innerer Zweck ist. st. Jugendproblem Die große Zeit hat eine Umwälzung und Durchwühlung in allen Begriffen, allen Problemen "der Menschheit mit sich gebracht. Die außerordentlichen Anstrengungen, die Anforderungen, die an die Gesamtheit wje an den Einzelnen gestellt wurden, sie haben uns neue Wege und Mittel gelehrt, die wir vorher vielleicht geahnt, aber von deren möglichen Durchführung wir nichts gewußt haben. Diese Wege und Mittel, unsere Jugend für unser Ideal heranzuziehen, fanden da und dort Aufmerksamkeit. Es tauchten Anregungen, Pläne auf, die wie Blitze auf dem Firmament des zionistischen Geschehens aufleuchteten. Es war wie ein Wetterleuchten, das man wahrnimmt, ohne sich der Bedeutung dieser Blitze so recht zu besinnen. Eines jener Wetterleuchten vor der großen Zeit, in der Wir leben, war die Rückkehr der Jugend zur Natur. Allüberall hörte man von der Schaffung von Wanderbünden in allen Arten und Formen. Diese jungen Wanderer aber waren mehr als Genießer der Natur an den freien Tagen. Sie waren Pioniere. Pioniere der Gesundheit ihres Volkes, Pioniere der Renaissance [der Körperkraft» Gerade jene ersten Wanderer, die sich draußen inr Freien al9 Brüder und Schwestern im Lager- Feben fanden, sie waren und sind die ersten In dunkler Nacht... In dunkler Nacht 1 Ein Licht. erwacht Und schimmert mild und leise ... Der Vater spricht Beim kleinen Licht Die alte, alte Weise ... Das Flämmch’en trinkt Votn Oel und winkt Und. deutet in die Ferne . . . Ein heller Schein Ins Haus zieht «in Verblaßte Heimatsteme . . . Im stillen Raum Geht um ein Traum ' Und ziehet goldne Kreise . . . In dunkler Nacht Ein Licht erwacht , Und schimmert mild und leise . . . v E1. L a d i e r. Erinnerungen an Hugo Zuckermann (Zu seinem Zweiten Todestage.) Rückblickend in jene Tage und Jahre, die ich mit Hugo Zuck ermann gemeinsam in Leiden und Hoffnungen, in Erhebung und der Erfüllung nahe, verlebt habe, sehe ich sie zum1 größten Teil in Schwermut gehüllt, und ich mußte sie in eine Art verklärt literarischer Gewandung kleiden, damit sie dem Leser als Erinnerungen, der Ueberlieferung wert, erscheinen. Hugo Zuckermanns Leben, will man es in eine Formet pressen, die seine menschliche Erscheinung und Existenz restlos in sich schließt, war durchaus allem' Episodenhaften abgewandt; die Schlichtheit seines Wesens vertrug sich nicht mit der Pose, in der die Epigonen das Original am liebsten schauen; die ihnen erst das Recht gibt, den Gewesenen zu feiern. Keiner seiner Charakterzüge hat sich zu einer Anekdote verdichtet, und darum soll das, was ich hier als „Erinnerungen an Hugo Zuckermann“ niederschreibe, als ein Stück der Atmosphäre verstanden sein, worin seine Geistigkeit, seine menschliche und dichterische, sich nährte: seines Herzens geheimstes Glück, das man am besten mit dem verrufenen Worte Keuschheit bezeichnet. Dieses Stück gehört einer vergessenen Epoche an: Wir hatten (Zuckermann, der Schauspieler Egon Brecher und ich), mehr einer Inspiration als einem' Bedürfnis folgend, einen Verein „Jüdische Bühne“ gegründet und das Intime Theater für 10 Nachmittagsvorstellungen gemietet. Nach neun qualvoll absolvierten Vorstellungen — es war Mitte März 1909 — kam der letzte Sonntag unserer Theaterherrlichkeit. Er fand uns, so. recht' zwischen Himmel und Erde schwebend, vor dem materiellen Niederbruch. (Dies ist nicht ganz richtig; wir hatten schon ursprünglich mit voller Begeisterung und leerer Kassa begonnen.) Im Uebrigen war auch mit Eintrittsgeldern nicht zu rechnen; denn es waren die Tage der politischen Höchstspannung in der serbischen Krise, viele unserer Freunde standen an der Donau gegenüber Belgrad. Wir entschlossen uns also, halb verzweifelt, halb vom Alpdrücken befreit, die Vorstellung abzusagen. Ein sonniger, warmer Sonntag lag vor unserem Fenster, zum erstenmal hatte der Vorfrühling seine Faust niedersausen lassen — da rüttelte Zuckermann uns auf, und wir marschierten neben seinem wuchtigen Soldatenschritt hinaus — nach Pötzleinsdorf. Einer lächeRe dem Andern schweigsam z«, Egon Brecher und ich in schwere Röcke eingepackt, während Zuckermann seinen Mantel über die Schulter geschlagen hatte. Und als wir keine Häuser mehr neben uns hatten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.