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Jüdische Zeitung · 1916-12-15 · 49 (15.12.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
49 (15.12.1916)
Date
1916-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 __JÜDISCHE ZEITUNG___Seite 3 tistik, wobei sich |iibrigens die nationalliberalcn Mitglieder in Gegensatz Zu ihrer Fraktion gestellt hätten. Der Vorgang in der Kommission sei eine grobe Ungeschicklichkeit, eine Dummheit gewesen. Man hatte Bismarck zum Vor-, bild nehmen sollen, der 1874 jede, konfessionelle Statistik entschieden abgelehnt hatte. Eingehend erörterte Redner die hervorragenden Verdienste von jüdischen Männern der Wissenschaft und der Praxis, wie Walter Rathenau, Frank, Caro, Haber, auf dem Gebiete der Kriegsindustrie und erwähnte den Anteil der Juden an den Kriegsanleihen. An den Kriegsgewinnen seien Juden wie Christen beteiligt, der unheilige Goldhunger sei konfessionslos. Nähmen nicht auch die christlich-germanischen Landwirte die Prejse, die sie kriegen können? Ferner hob Abg. Gothein die Leistungen der jüdischen Aerzte im Kriege hervor und die Beteiligung jüdischer Männer und Frauen an der Kriegswöhlfahrtspfiege und an der sozialen Fürsorge. Darum sei es unerhört, daß man die Juden entrechten' will, eine schwere Versündigung an dem guten Geist des deutschen Volkes. Stürmischer Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Der Korreferent, Landtagsabgeordneter Justizrat Wald st ein, bezeichnete es als eine Pflicht nicht bloß der Jtfden, gegen die Verunglimpfung eines Teils des deutschen Volkes Verwahrung einzulegen. Wenn manche Juden meinten, man sollte die Opposition gegen die Statistik unterlassen, um nicht den Eindruck hervorzurufen, als ob man etwas zu verbergen hätte, so dürfe das deutsche Volk, ein deutscher Volksvertreter einen solchen Standpunkt nicht vertreten. Jeder habe seine Pflicht zu erfüllen; welchen Glaubens er sei, gehe niemand an. Das jetzige Verhaltendes Zentrums stehe in Widerspruch zu dem von ihm seinerzeit eingebrachien Toleranzantrag. Von einem antisemitischen Exzeß dürfe man hier nicht sprechen. Der rehler liege auf dem Gebiete der politischen Moral, der politischen Intelligenz. Beim Kriegsminister liege ein Mangel an psychologischem Empfinden vor. Wie es den Deutschen schlecht gehe auf dem internationalen Bewertungsmarkt, so 'gehe es den Juden schlecht auf dem inneren Bewertungsmarkt. Der Staat begehe Selbstmord, wenn die eigenen Organe seine Gesetze, seine Verfassung nicht achten. Es entspreche auch einem internationalen Bedürfnis des Deutschen Reiches, daß in Deutschland und Preußen Gesetz und Recht gelten. Möge unser Auswärtiges Amt aus diesem Gesichtspunkt die Dinge betrachten. Er glaube, daß der auf Neid und Mißgunst verankerte Antisemitismus nicht so lejeht verschwinden werde, zumal große Parteien ihn als. Mittel für ihre Zwecke benutzten. Wenn sie sich selber nicht damit befaßtein:, iso ständen innen die Spezialisten zur Verfügung,-- die dasunsaubere Handwerk gegen fremde Rechnung übernehmen. In der ersten Zeit des Krieges habe sich der Antisemitismus verkrochen. Als sich im weiteren Verlaufe des Krieges die Sc'nwierigkeilen und Mühseligkeiten häuften, Sei er wieder hervorgekrochen. Nun sei er am Werke. Trotzdem solle man sich1 nicht dem Pessimismus ergeben. Dje gewaltigen Tatsachen des Krieges würden ein Gegengewicht bilden. Dem Antisemitismus gegenüber gebe es hur ein Mittel: weiter seine Pflicht, tun und sich mit dem Mut wappnen, der die stumpfe Welt besiegt, den Blick auf das große Vaterland richten und dafür sorgen, daß aus den Schrecken des Krieges ein ehrenvoller, dauernder Friede nach außen und nach innen hervorgehe. Nachdem, sich der stürmische Beifall, der auch diesem Redner zuteil wurde, gelegt hatte, knüpfte sich an .beide Vorträge eine Debatte, an welcher sich die Herren Hirsch- Mannheim, der über die Stimmung seiner Glaubensgenossen in Süddeutschland berichtete, Hoffst e d t - Berlin, ein Veteran von 1870, der sich jetzt als 70jähriger zu seinem großen Leidwesen vergeblich — der Heeresverwaltung zur Verfügung gestellt hat, und Abg. Kanzow beteiligten. Letzterer betonte, daß der bayrische Kriegsminister das Verlangen nach e;ner Judenzählung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen habe,*) beleuchtete den in. der letzten Zeit von rechtsstehenden Blättern betriebenen Antisemitismus, riet seinen jüdischen Mitbürgern, sich durch die unliebsamen Vorkommnisse nicht verbittern zu lassen, sondern ihre Pflicht gegen das Vaterland doppelt zu tun, und schloß unter lebhaftem Beifall mit einem Appell' an die Erschienenen, die Bestrebungen des Abwehrvereines mit allen Kräften auch materiell zu unterstützen. Mit einem von Herrn Hirsch-Mannheim, allsgebrachten, von der Versammlung mit jubelndem Beifall aufgenommenen Hoch auf den Vorsitzenden, Abg. Gothein, fanden die Verhandlungen ihren Abschluß. *) (Daß diese Behauptung unzutreffend ist, geht aus unserer entsprechenden Notiz, vgl. „Jüd. Welt“, hervor. D. R.) Aufruf! Wien, Marcheschwan 5677. Werte Gesinnungsgenossen! Liebe TB und TS! Die beiden unterfertigten Verbände wollen gleich wie im Vorjahre auch heuer die Versendung der Chanukahi-Eiebesgaben ins Feld gemeinsam besorgen. Sie bitten nun wieder alle Gg. Gg. und Freunde um gütige Zuwendung von Spenden an Geld und Material (als letztere sind erwünscht: Ausrüstungsgegenstände, Bücher, Rauch-Material und -Requisiten; alle sonstigen Gebrauchsge-i genstände werden hier leicht und billig besorgt). Den Spendern versandbereiter Pakete wird es freigestellt, den einzelnen Collis Feldpostkarten mit ihrer Rückadresse beizulegen, damit dem Empfänger Gelegenheit geboten sei, seinem Sender den Erhalt der Sendung zu bestätigen. Feldpostadressen, an welche Sendungen expediert werden sollen, werden gern vorgemerkt. An alle, den gefertigten Organisationen und der Expd. d. BI. bekannten Feldpostadressen wird auch die Chanukah-Nummer der „Jüdischen Zeitung“ gesandt werden. Selbst" die kleinste Spende trägt bei, unsere Zw-ecke zu fördern, hilft, an dem Bande weben, das uns und unsere Brüder draußen fest umschließen soll! . Geldun,d Materialien-Spenden werden in der „Jüdischen Zeitung“ ausgewiesen. Zionistisches Zentralkomitee für Westösterreich : Wien, 11., Zirkusgasse Nr. 33. 2. Kreis (Westösterreich) der Jüdischen Turnerschaft, Wien, IX., Liechtensteinstraße Nr. 20. Aus der jüdischen Welt Die Erklärung des Kriegsrmnisteriums zum Erlasse über die Judenzählung hat folgenden Wortlaut: Die unterm 11./10./I6 angeordnete Nachweisung über Angehörige des israelitischen Glaubens hat in der Oeffentlichkeit und auch bei einigen Kömmanciostellen eine den Absichten des K.-M. nicht entsprechende Auslegung gefunden. »Zum Erlaß wird daher bemerkt: 1. Die verfügte Erhebung ist nur zur eigenen Unterrichtung des Kriegsministeriums bestimmt, 2. sie soll die Unterlagen bieten, um Klagen und Beschwerden über Versuche der Juden, sich dem Heeresdienst zu entziehen, nachzuprüfen, 3. keineswegs sollien Behörden usw. daraus Gelegenheit nehmen, Juden aus ihren bisher innegehabten Stellungen zu entfernen. Für eine solche Maßnahme dürfen nur sachliche Gründe in Frage kommen.“ Für eine endgültige Regelung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in Polen traten in der Budgetkommission des deutschen Reichstages Rednerder freikonservativen, der sozialdemokratischen und der Fortschrittspartei ein. Einer Abordnung der Münchener und Nürnberger Kultusgemeinden erklärte der bayrische Kriegsminisier, die Tendenz des Erlasses über die Zählung der jüdischen Heerespflichtigen richte sich nicht gegen die Juden; er solle vielmehr die Unterlagen beschaffen, um den Anschuldigungen ‘ gegen die Juden enrgegentreten zu können. Eine Zusammenkunft von 14 größere Kultusgemeinden Galiziens fand vor kurzem auf die Einladung des Krakauer Kultusgemeindevorstandes in Krakau statt. Die Orthodoxen, geführt von den Rabbinern aus Sambor und Rzeszow, und die Chassidiin unter der Führung des Skawiner Rabbis und desjenigen von Wieliczka, waren in der Mehr-; zahl. Dr. T i 11 e s, der Präsident der Krakauer Gemeinde, gab eine geschichtliche Darstellung der Rechtsverhältnisse der österreichischen Juden und wies darauf hin, daß schon 1300 die weitere Ausgestaltung der Kultusgemeinden geplant wurde. Dr. Fischlowitz beantragte einige Aenderungen des Organisationsentwurfes. Direktor Feldstein wandte sich namens der Lemberger Kultusgemeinde gegen die Teilung Galiziens in zwei Verbände und forderte einen einheitlichen Landesverband. Rabb. Dr. Thon erklärte die Organisation für unabweislieh notwendig. Oberrabbiner L e w i n schlug namens seiner Gemeinde Sambor einen Kompromiß vor: Einen einheitlichen Landesverband für ganz Galizien, Erhöhung der galizischen Mandate im Reichsverband:? von 10 auf 15, 5 Mandate der orthodoxen Rabbiner im Lartdesverband, 1 Mandat für die orthodoxen Rabbiner auch im Oberrat. Der Rzeszower Rabbiner und der Vertreter der Chassidim stimmten diesem Komproinißvorschfag bei. Die Zahl 'der jüdischen Kriegswaisen in Galizien beträgt nach zuverlässigen, auf Aufzeicnnungen zurückgehenden Schätzungen im ganzen etwa 12.000. Die Zahl 20.000, die wiederholt genannt wurde, ist zu hoch. Davon befinden sich gegen 2500 in Evakuiertenlagern. Wirklich gesorgt, ist nur für 250, die im Leinberger, zu diesem Zwecke errichteten Waisenhause untergebracht sind. Der Rest fällt der Verwahrlosung anheim oder erliegt den Seuchen, da, wie man in den Flüchtlingslagern beobachten Anfang und Ende. Darum bekamen seine Bilder den Charakter der lebendigsten Impressionen, auch in technischer Hinsicht; die Strichelmanier, besonders beim Pastell, kam auch den intimsten Wirkungsabsichten entgegen. So erhob sich der Künstler weit rüber daS Wesen der nachbildenden Landschaftsmalerei, er schuf Gedichte in Farben, sonnige, melancholische, ernste, heitere, ja sogar tragische. Er schuf die tragische Landschaft. Seine Gewitterszenen sind von einer drohenden Gewalt, von einer explosiven Verdichtung, daß!man von ihnen wie von einer Tragödie erschüttert werden kann. Aber sie fallen niemals über den . Rahmen des rein Malerischen hinaus, sie sind Form und Farbe, Licht und Luft. Ihr Stil ist ein malerischer, obwohl sie in einer Epoche der Mischformen geschaffen sind. Die Formen der Natur nachzubilden und mit einem persönlichen Inhalt zu erfüllen, genügten dem rastlos Strebenden nicht. Die Ueberwindung des Formalen, das Erfüllen der Körper mit Licht und Farbe erschöpften den Denker. Taten wollte er sehen, lebendiggewordene Träume, Materialisierungen seiner seelischen Erlebnisse. Und er fand sich in den großen Schicksalen der Menscheitsgeschichte, dort wo sie ihren realen Ursprung hat, wo sie sich der Kultur der Intelligenz noch nicht preisgeben mußte: in der Bibel. Schon in dem Triptychon „Der Mensch“ kündigt" sich das Elementare seines Naturells an. Selbstherrlich bricht er die Schranken der Tradition, faßt in seinem Konzept das Kühnstezusammen, das seine Erfindung gebietet, so daß diese Schöpfungen zuerst fremd anmuten. Je eingehender man sich mit ihnen beschäftigt, desto natürlicher tritt einem das entgegeif, wras früher als Laune und Willkür erschienen war. Werke wie der „Jesaias“, „Die Trauernden“, „Vergänglichkeit“, „Davids Gebet“, „Der zürnende Mos e s“ sind so voll originaler Kraft, daß man sich darüber wundem muß, warum Ury in der Kulturwelt nicht , jenen Platz einnimmt, den ihm eine spätere Generation gewiß zuweisen wird. Die großen, einfachen Linien, wie sie sich in der Bibel offenbaren, finden wir in Urvs Bildern wieder, machtvoll gesteigert zu Symbolen einer selbstsicheren Persönlichkeit. Die angeführten Bilder, auch sein jüngeres Werk „Die Sintflut“ haben inhaltlich ihren Nährboden in der Historie; aber sie sind ebensowenig von ihr abhängig, wie Goethes Tasso vom Geschichtlichen. Die Energie eines schöpferischen Geistes hat es umgestaltet und zu einer Form geprägt, daß sie unabhängig von jeder Anekdo:e zu einer eigenen Welt geworden sind. In dieser schaffenden Energie, in dieser Wesensart liegt auch die Tragik L e s s e r U r y s, und ich will auch nicht verschweigen, daß er sie mir enthüllt' hat. An einem kalten lichten Wintermorgen vor dem großen Kriege War iqs,;ii (de.n .weiten Atelier, worin es nichts gibt als Bilder und Bilder, Zeichnungen und Malerrequisiten, nichts, das an modische Bequemlichkeit erinnert, nur neben den zarten Landschaften die Eibelgestalten mit ihren ausdrucksvollen Augen und wuchtigen Gebärden. „Was sind denn das für kleine Dinge,“ begann Ury, „die Bäume und Wolken, die anspruchslosen Studien, die man ein .paar glücklichen Augenblicken verdankt! Oder die .Porträts auf der Radierpfatte, die irgend ein Bürger bestellt und mit kleiner Münze abnimmt. Jedes Talent mag sich damit bescheiden. Was aber soll der tun, dem das Höchste gerade genug ist, der den größten Raum und das tiefste Erleben braucht, um sich auszusprechen? Sehen Sie hier meine meterhohen Leinewande! Jahr um Jahr schaffte ich aufs Neue, reibe mich auf, opfere Nerven, Zeit und Geld für Material und Studien, aber von den Bilderkäufem fällt keinem ein, auch nur bei mir anzufragen. Meine ersten Bilder, die ich heute vielleicht verleugne, begehren sie. Die Kolossalgemälde der jüngsten Zeit machen sie erschrecken. Ich zeige ihnen den Haß und das Grauen, die bittersten Instinkte des Menschengeschlechtes mit solcher Eindringlichkeit, daß sie davon die Augen abwenden müssen, um sich nicht in der eigenen Niedrigkeit und Hilflosigkeit zu sehen. Nicht darin liegt das Bittere, daß sie mich nicht würdigen. Ruhm ist Mißverständnis und was ist Glück und Besitz? Aber daß ich immer aufs Neue beginne, Jahr um Jahr, daß ich innerlich verblute und immer wieder dahin gedrängt werde, den Kampf aufzunehmen, das ist meine Tragik.“ Und nach einer Pause, die Zuversicht erwachsen ließ: „Aber ich will nicht klagen, sondern warten. Ich habe das Bescheidenste für meine Notdurft und bin damit zufriedrfi. So bin ich frei, an keine Stunde, an keinen Menschen, an keine Anhängerschaft gebunden und kann alles das überwinden, was sich in meiner Arbeitsstube an mich herandrängt.“ Derart sprach der einsame Mensch, dem kein Geschick mehr etwas anzuhaben vermag. Sein Ringen, das er mir entblößte, rechtfertigt

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