Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 48 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Ein Feldpostbrief aus dem Osten Von Robert Welt sch Dieser . Aufsatz aus dem letzten Heft des „Juden“ (vgl. Lite; irische Neuigkeiten), der den Finger auf einen Krebsschadendes gegenwärtigen ostjüdischen Lebens legt, kann nicht anders als mit Emst gelesen werden. Der Krieg, hat bei allen Völkern Verheerungen kultureller und sittlicher Art gezeitigt, so daß gewißlich auch die jüdische Bevölkerung, die wohl am stärksten unter seinen Schrecken gelitten hat, sich ihnen rirht entziehen konnte, großer Liebe und Sorge das Uebel Vielleicht hat der Verfasser in überstärker und verbreiteter gesehen, als es in der Tat sein mag — der Schaden ist schwer und Hilfe vonnöten. D. R. Das Schicksal des Krieges hat zahllose Judenzu Boden geworfen; es hat sie ihres Dasejnsgrundes beraubt un|d zu flüchtigen Landstreichern gemacht Der Krieg hat mehr jüdische, Massen in wirfceln|de Bewegung gebradit als irgendein Ereignis der letzten Janrhunderte. Kaum ist noch zu übersehen, welche Wandlungen vorgegangen sind, und niemand kann wissen, ‘welche äußern und inneren Veränderungen dem Judentum noch bevorstehen. Ein endgültiges Urteil kann niemand fällen; aber ich will nur einige Beobachtungen berichteji, die mir von größter Wichtigkeit scheinen, und denen, wie ich glaube, bisher nicht die gebührende Beachtung geschenkt wurde. Ich meine den Umstand, [daß der weibliche Teil .unseres Volkes einen unwiederherstellbaren Schaden genommen hat; Imari denke aber nicht an Leiden durdi Gewalt, Schändung und Vergewaltigung (was ja insbesondere in den von russischen Heeren besetzten Gebieten oft genug vorgekommen ist), sondern ganz jenseits dieser Greuel steht dietraurige Tatsache, daß die Wirkung der durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse eine verderbliche war. Der Krieg bat die innere Struktur des jüdischen Volkes zerbrochen; in die Enge des jüdischen Lebens drang viel Neues, und durch' die Erschütterung ‘ der alten Gemeinden, durch die Erweiterung der Grenzen in der durch die neuen Verbände neu geordneten Gesellschaft werden Verlockungen geschaffen, denen die bisher in der Abgeschlossenheit Lebenden nicht immer besonnenen Widerstand zu leisten vermöchten. Das Element, für das die Versuchung am1 stärksten war und das am schlechtesten bestand, sind die Frauen und Mädchen. Was der Krieg aus ihnen gemacht hat, halte ich für das größte nationale Unglück, das uns betroffen hat. Beinahe das ganze Ostjudenland ist Kriegsgebh. und Etappe; es wurde plötzlich von den Rie- .seriheeren überflutet; und die jüdische * Bevölkerung kam1 mit allen möglichen, verschiedenartigen Menschen aus fremden Ländern in Berührung und Verkehr. In die Ruhe und das Einerlei des Städtels drang das lärmende und ungebundene Treiben; die von ihrer Heimat getrennten, in (Untätigkeit und (nie gekannter Schrankenlosigkeit lebenden Männer suchen Abenteuer, Zeitvertreib, Vergnügen — welcher Art dieses ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Die völlige Veränderung, auf die das Leben eingestellt ist, macht auch aus Philistern Wollüstlinge. Imm'er waren für den Krieger (die hübschen Mädchen ein besonderer Anziehungspunkt, und auch in* diesem Krieg, der noch nie dagew'eser.e Riesenverbände ins Land wirft, ist die Lockerung der Sitten eine Begleiterscheinung, die unerschöpflichen Stoff für unsere — Witzblätter bietet. Auf dem russischen Kriegsschauplatz, wo die*niedere bäurische Bevölkerung für einen Verkehr so gut wie überhaupt nicht in 'Betracht kommt, gibt es eine gesuchte Attraktion: die. ,,sdhöne Jüdin“. Die Jüdin ist in den Wirbel dieses wechselnden Lebens hineingerissen, sie ist gesendet durch den Glanz des ungewohnten Umgangs. Das zieht sie auf der höheren Stufe in die neue Welt; auf der niederen Stufe nützt sie einjach die Konjunktur aus. Der Soldat folgt nür seinem1 primitiven Unterhaltungstriebe, um sith sein Leben erträglicher zu machen; er ahnt ja nicht, daß er dabei an unser Heiligstes tsstct« Die erste größere Stadt, die ich auf meinem Kriegszug betrat, war (nach dem1 Karpathenkrieg, der Schlacht bei Gorlice und der polnischen Offensive) Lublin, und schon am Tage nach der Besetzung durch' unsere Truppen wrar der Korso auf der Krakauer Straße so dicht gedrängt; wie auf der Friedrichsstraße, _ es wimmelte dort von Offizieren und Judenmädeln. Ich kann nicht sagen, wie mir zumute war, als dann im Kreise der Kameraden mit dem in Männergesellschaft üblichen frivolen Ton und in JÜDISCHE ZEITUNG leicht zu erratendem Zusammenhang gesprochen wurde. Ich habe vielleicht niemals die Erniedrigung unseres Volkes so schmerzhaft ' verspürt wie damals, und empfand brennende Scham und ein schauderhaftes Gefühl der Ohnmacht, da ich nicht Widersprechen konnte, und eine wütende Empörung über die Töditer Israels, die die Würde ihres königlichen Blutes preisgeben. Sei;- dem1 bin ich' demselben Schauspiel in allen mög- , liehen Formen unzählige Male begegnet. Nicht nur, daß die berufsmäßige Prostitution zugenommen hat (diese ist trotzdem noch relativ verschwindend klein), sondern auch nur aus Leichtsinn lünd Uebermut lassen sich die Mädchen mit den Offizieren ein und merken nicht, welche Erniedrigung für sie in diesen Scherzen liegt, die sie sogar noch als Freundlichkeit, ja als Ehre, jedenfalls als gute „Unterhaltung“ hinnehmen. .Man bedenke, daß dieser Zustand schon zwei Jahre dauert. Ein Mädchen, das be; Kriegs-1 aushruch vierzehn Jahre war, ist jetzt völlig, verdorben (ich meine „verdorben“ in einem höheren Sinne; dem Ernst ihrer Pflicht verloren). Ich sprach einmal mit einer Frau über diese Zustände und sie sagte: Ich danke Gott, daß meine Tochter erst zwölf Jahre alt ist. Die Quelle des Ueb’els ist offenbar eine zweifache. Einmal ist da das Bestreben, dem Militär in jeder Hinsicht entgegenzukommen, um seine Loyalität zu beweisen. Man kann das das erst_ verstehen, wenn man die grenzenlose Verängstigung dieser Menschen in Betracht zieht, an. deren Wohnort mehrmals der Gewalthaber gewechselt hat, die schon allerlei Greuel gesehen h!.aben und ja in den meisten Fällen roher Gewalt völlig preisgegeben sind. Da lernt man sich ducken und sich fügen, und so mancher Vater wagt dem' Wunsch des fremden Herrn nicht Zu widersprechen, obwohl er zitternd das Wohl seines Hauses bedroht siehb Dazu kommt aber noch, daß der Jude für sein Geschäft fürchtet; und nie war ihm - der alles vermögende Wert des Geldes so deutlich' wie durch den Krieg: wras fängt der Flüchtling, der unbewegliches und bewegliches Gut zurücklassen muß, an, wenn er nicht das eine hat, daß er mitnehmen kann und 'das ihm an seinem Zufluchtsort eine halbwegs menschliche Lebensführung ermöglicht? Nun ist aber der Hauptteil des Geschäftes der Juden int Kriegsgebiet der Verhaut an Militär, dessen Wohlwollen sje daher nicht zu verscherzen wagen. Offiziere sind auf Quartier bei Judenfamilien, Offiziere sitzen," oft als einzige Stammgäste, in den zahlreichen, jüdischen Gasthäusern und Weinstuben (auf dem Lande ist jeides jüdische Haus ein „Gasthaus“), und überall sind' Töchter. Die aus „Geschäftsrücksichten“ geduldete Vertraulichkeit, dieich unzählige Male mit ansehen mußte, war mir vielleicht noch peinlicher und widerwärtiger als irgendeine völlige Verkommenheit. — Die andere Ursache wurde schon angedeutet. Das ist die innere Schwäche der Mädchen selbst, die oft eine geheimnisvolle Sehnsucht nach Leben und fremdem Glück haben, der hier Erfüllung zu winken scheint, oft auch nur Vergnügen und Unterhaltung suchen. Alle Abstufungen von ahnungsloser Torheit bis zu raffinierter Gemeinheit -wird Inan hjer finden. Diese Stimmung kommt jedenfalls den Wünschen der Soldaten entgegen; so kommt es, daß in größeren Städten sicher jeder deutsche oder österreichische Soldat sein jüdisches Mädchen fjndet. Anklagen ist zwecklos. Aber um1 Hilfe soll gerufen werden. Warum’ ist dieses furchtbare nationale Unglück so wrenig beachtet worden? Warum1 venvendet man Energie auf ohnehin zwecklose Apologetik, „widerlegt“ allerlei anti- * semitisches Geschwätz und kümmert sich nicht um’ das Geschwür, 'das an der zartesten Stelle unseres GemeinsChäftskörpers frißt? Unsere öffentlichen Organe, Rabbiner, Lehrer, Presse, müssen allen ihren Einfluß aufbieten, die Eltern müssen verhalten werden, ihre Pflicht zu tun; Vor allem aber sollten die Organisationen' ein- - greifen, die ejne Widderbelebung unseres Volkes zur Parole haben; mir ist nicht bekannt, daß dies geschehen wäre, ja nicht einmal die sozialistischen Organisationen w’ie Poale-Zion haben etwas unternommen, um dem Uebel wenigstens in den jüdischen Proletarierkreisen Zu steuern. Und doch ist die Erhebung des Volkes1 zu nationaler Denkungsart die einzige Rettung, die ich1 ‘ sehe. Sie vermag, insbesondere wo die Fessel der Religion versagt, den sittlichen Halt zu schaffen, der die Bedingung für ejne reine Lebensführung ist. - " * Eine schöne trostreiche Erinnerung ist mir eine Begegnung, von der ich kurz erzählen will. Ich kam1 mit all diesen trüben Gedanken in ein kleines, fast völlig zerschossenes Städtchen Ostgaliziens und als ich, die Gesellschaft der Kameraden verlassend, allein in den Straßen ging, lernte ich durch ejnen Zufall mehrere Mädchen kennen, an die ich schnell ejnige Fragen über die Lage der Juden stellte. Da erfuhr ich, Nr. 48 daß diese JVläddheh Zionistinrien sind, daß sie per-’ fekt Hebräisch können und mit echter Begeisterung und innigem1 Glauben jüdisch sein wollen. Es gab durch' fünf Jahre eine hebräische Schule in der etwa 4000. Einwohner Zählenden Stadt; die Kinder lernten fast alle Hebräisch, und für die Mädchen, die auch ejnen hebräischen Klub mit großer Bibliothek hatten, gab es keine andere Verkehrssprache, Nun ist alles zersprengt, die meistenwaren geflüchtet, dje Bibliothek ist von den Russen vernichtet, die Leute’ haben andere Gedanken — „alles denkt jetzt nür an Geldverdienen“, sagte die eine traurig, „es ist schlimmer als jemals“. Seitdem geriet das Städtchen sehen wieder in die Gewalt der Russen Aber diese wenigen Mädchen, die ich zu treffen Glück hatte, halten zusammen, ' und halten fest an der Idee ihres Lebens, für die die Zeit wiederkommen wird. Sie waren überrascht, bei einem Offizier Interesse für hebräische Sprache und sogar einige Kenntnisse zu finden; und ich fühlte nach langer Zeit wieder dankbar Verbundenheit mit Menschen. So gingen wir ein paar Stunden und sprachen von den gemeinsamen, teueren Dingen; sie kannten Bialik wje Frischmann, Jesaia wie Jere- ■ mia, undihre Augen leuchteten, wenn sie die Verse zitierten. Und als wir gegen Abend zur Stadt zu rück kehrten, geschah etwas Seltsames: die Mädchen blieben verlegen stehen und baten mich, sie jetzt zu verlassen; sje könnten nicht mit einem Offizier in die Stadt gehen. So übertrieben dies auch scheinen möge, sagte die Wortführerin schüchtern, es geschähen solche Dinge in der Stajdt und die meisten Mädchen hätten .sich’ so sehr vergessen, daß ,die wenigen, die dieses Treiben mißbilligen und dagegen protestieren, auch uichi den leisesten Schein erregen dürfen, als gingen sie ähnliche Wege. „Es kennt Sie ja niemand und man we;ß nicht, was wir sprechen, und es wird nur heißen: auch die und die schon . . .“ Ich hätte jubeln mögen ob dieser Worte, aber ich' erklärte nur, daß . ich verstehe, und fragte, warum1 sie, statt nur sich abseits zu halten, nicht auf die anderen Mädchen — die meisten waren ja früher Klubschwestern! — einzuwirken und den guten Gejst zu wecken trachten. Die Mädchen waren sehr erregt, man merkte, wie nähe ihnen die Sache ging, die jhr eigenes Leben so eng betraf, und es war, als ob sie sich1 für die Verbrechen aller irgendwie schuldig fühlten. Und mit gequältem und verhaltenem' Ton entrang sich einer Brust der Ruf: „O, wenn wir nur .einen Führer hätten, ich 'möchte mich ja aufopfern . .-.“ H;er hörte ich die Sehnsucht nach' ejner erlösenden, befreienden Tat; dieses Mädchen, litt unter der Schuld der Gemeinschaft, der sie angehörte,■ und wußte, daß alles darauf ankommt, diese Schuld zu sühnen. Vielleicht ist dies die Verzweiflung, die wir brauchen1; vielleicht hat uns der Krieg zu allem Elend audh diese Verzweiflung beschert, die „der höchste der Sendlinge Gottes“ ist; die Einsicht in den völligen Zusammenbruch, die den Menschen und das Volk, im Bewußtsein der letzten Entscheidung, das Aeußerste wagen und sein Leben mit seiner Tat verbinden läßt. - Diese Mädchen haben verständen, was Nationalistnüs ist. Daß Nationalismus nicht ein Programm von Schlagworten ist, sondern ein’ Lebensprogramm. Der Wille zur. Heiligung _ des Lebens, der Wille, für die Gesundung und Reinheit der Gemeinschaft selber einzustehen. So wie sie die hebräische Sprache mit der ganzen Glut ihrer jungen Herzen erfaßt und den Geist der Propheten ebenso wie die unvergängliche Schönheit ihrer Worte begriffejn haben, so wie sie die nationalen Werte für sich w i r k I i ch machen wollen, so wissen sie auch, daß Nationalismus vor allem Wahrheit, Wirklichkeit des eigenen Lebens bedeutet; daß es schlechthin unvereinbar und eine Farce ist, sich national zu nennen und in jener egozentrischfrivolen Lebensauffassung zu verharren, die ein trauriges Merkmal der richtungslosen Juden ist. Und daß uns nicht nur angeht, ob einer für nationale Zwecke etwas zahlt oder in diesem' oder jenem’ Verein sitzt, sondern daß in gewissem Sinn die gesamte Lebensführung dieses Juden eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung ist. Das großartigste Dokument unserernationalen Bewegung ist Herzls „Mauschel“-Aufsatz, der die Scheidung mit genjaler Klarheit ausspricht und den Kampf gegen die Unsittlichkeit im eigenen Volk als nationale Aufgabe ausruft. Nationalismus ist vor allem das Ringen mit der Gemeinheit und Unehelichkeit im' eigenen Herzen und im Volke. Das „Heilig sollt ihr sein“ (man beachte schon den Plural!) ist das nationalste aller Gebote, und niemand verstand den Sinn des’ Nationalismus besser, als der Mann, der sein Volk zu einem Volk von Priestern machen wollte. Wenn Fichte in seinem1 natürlichen Volksbewußtsein schlechthin sagt: Deut’sch-sein und Chärakterhaben ist ein und“ dasselbe, — so hat er vom deutschen Volke den Nationalismus gefordert, den der Zionismus vom jüdischen fordert. - mr &esi it das „Jüdische fl Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“ ' HPClflll Letzte Lieferung Heft 6/7 . &HI tBlB tr Verlag R. Löwit, Wien, I. Rotenturmstraße Nr. 22