Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 48 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438572-2438619--5060-2444999- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NflTIINRL -JÜDISCHES DRGRN Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Erscheint wöchentlich. -- Redaktion, Administration und InseratawMne: Wien, IL, ZnkuMase Nr. 33. — Sprechstund n tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden rocht xuröckgesteUt — Aboanemenstsprehe: Für Oester- Kungärn Gaizjähr. K lO.-f halbjähr. K 5.-, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Alk. 5—, Vierteljahr. Mk. 3—. FÜr das übrige Ausland: Ganzjähr. Fr«. 15—. Einzelexemplare 20 h. - Portsparkassenkonto 133.404. - Telephon 45.325. Nr. 48 Wien, Freitag, den 8. Dezember 1916 — 13. Kislew 5677 X.Jahrgang ü | Mittwoch, ( den 20. Dezember I 1916 l" - 8 Uhr abends - Grofje Makkabäer-Feier der Wiener Zionisten Hotel Continental Wien, D. Taborsfra$e 4 Der Beamtenerlaß des Ministerpräsidenten Dr. v. Korber Es ist nicht wahr, daß die Zeitungen unserer Tage das Bild des öffentlichen Lebens zeigen. Es ist nur ein Spiegelung: Was links ist, ist rechts; was rechts, steht links. Dazwischen blinde Flecken. Wer z. B. auf einer Fahrt aus einem beliebigen Landesteil nach Wien die Zeitungen liest, merkt eine eigentümliche soziale Krankheit. Nehmen wir den Gerichtssaal. Die Namen der kleinen Wucherer, Preistreiber und ähnlicher Hyänen lassen nirgends den jüdischen Händler erraten, vielmehr sind es in der Hauptsache Kleinbauern, Milchgreisler, durchwegs Wähler der „R e i c h s p o s t“-Partei. In Wien treten diese Namen zurück und machen solchen jüdischen Charakters Platz. Soll man daraus schließen, daß sich' die Moral in konzentrischen Schichtungen mit Wien als1 Zentrum nach' dem religiösen Bekenntnis abstuft? Oder daß der so viel besungene Seelenaufschwung die zumeist arische Provinz übergeht? Beides ist unrichtig. Die Erklärung ist einfacher. Die Flüchtlinge aus dem Osten, die in ihrem aktiveren Teil jüdisch sind, haben sich in Wien stärker angesammelt, kommen, da sie eben jüdisch sind (wir können uns begreiflicherweise nicht deutjicher ausdrücken), leichter und öfter mit Polizei und Gericht in Konflikt, werden abgeurteilt und dann — in der Gerichtssaalrubrik der Blätter der Oeffentlichkeit dargestellt. Da nun 'die Zeitungen nicht übler viel Raum verfügen, so neh’men sie eben nur die „interessanteren“ Fälle, ziehen also sagen wir den Chaim Gitterbaum dem weniger interessierenden Mathias Hubermaier vor und der Zeitungsleser hat den sich von Tag zu Tag verstärkenden Eindruck: Nur die Juden sind die Preistreiber in Wien. Dazu kommt die Gepflogenheit unserer obersten Behörden, von den tausenden Prozessen gegen Lieferungsschwindler, Drückeberger usw., die publiziert werden sollen, nur solche bekannt zu geben, bei denen es sich um Missetäter mosaischen Glaubens handelt. Daraus erwächst dann eine gewisse Voreingenommenheit, eine Stimmung, die auch' auf weitere Aburteilungen ihren Einfluß übt. Und. das Resultat ist, daß der Denkfaule Philister (auch der westjüdische) beunruhigt wird und wütend erklärt: Nur die Juden sind die Drückeberger! Von den tausenden von Juden, die auf dem Schlachtfeld gefallen sind, oder verstümmelt 'wurfden, erfährt die Oeffentlichkeit gar nichts, sie erfährt nichts von den „enthobenen“ Millionenwucherern arischen Geblütes, von dem Treiben der Agrarier, gegen die in Deutschland sich Hindenburg persönlich bemühen mußte. Wir haben längst erkannt, daß der Antisemitismus solcher Art eine schwere Gefahr für den Staatsorganismus bedeutet; es gibt Volksschichten, denen Logik nicht ganz wetterfest ist und die sich sagen: Wenn man die jüdische Klasse rechtlos machen kann und ungestraft bleibt, so kann doch das gleiche Beispiel auch auf andere angevvendet werden. So erklären sich die vielen Bauernaufstände in Rumänien, die mit Judenexzessen anfiengen und mit Anstürmen auf' die Bojarensitze aufhörten; so erklärt sich, daß die großen Judenpogrome Rußlands stets in revolutionäre Erschütterungen des Staatsganzen ausliefen. Wenn wir nun auch nicht annehmen, , daß bei der besseren Selbstdisziplin des Westens derartige Konsequenzen entstehen könnten1, so haben wir doch bedauerliche Wirkungen der . Rechtsungleichheit des öfteren beurteilen können. Prügelte man anno 1897 in Prag die deutschem Kuleurstudenten, so kriegten die Tschechen in Eger und Reichenberg mit absoluter Sicherheit ihre Prügel, bis der Staat mit Standrechten ein- (griff. ' : Das System, das mit dem1 ermordeten Grafen S t ü r g k h ins Grab stieg, war solchen politischsozialen Erwägungen meilenweit fern. Ebenso die Zensur, die ihres Amtes derart waltete, daß es uns z. B. unmöglich war, den Ritualmordgelehrten der „Reichspost“ und ihren Nachbellern in der „Ostdeutschen Rundschau“ die gebührenden Maulschellen zu geben. Aber es scheint eine bessere oder sagen wir vernünftigere Anschauung zu kommen, die sich in einer Zirkularverordnung ankündigt, die der neue Ministerpräsident Dr. v. Koerber am 1. Dezember erlassen hat. Diese Verordnung besagt: Als oberste Norm für die staatlichen Behörden hat die strengste Beobachtung der bestehenden pesetze und Verordnungen zu 'gelten. Vor dem Gesetze ist jedermann gleich Die Außerachtlassung dieser Forderung wäre nicht bloß ein Unrecht, sondern eine Gefahr, denn sie würde das Rechtebewußtsein erschüttern und damit die Achtung und Anhänglichkeit an den Staat. Sie würde überdies von der Bevölkerung, deren Standhaftigkeit und großer Opfermut in diesem furchtbarsten aller Kriege eine verheißende Gewähr für die sittliche Wiedergeburt unseres Vaterlandes versprechen, als Undank empfunden werden. Die Behörden haben sich daher bei ihren Entscheidungen ausschließlich von sachlichen Erwägungen leiten zu lassen. Sie haben sich stets vor Augen zu halten, daß dem- Staate dient, wer für die Bevölkerung wirkt, und haben es als Pflicht zu erkennen, im Rahmen ihres amtlichen Wirkungskreises an der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung mitzuarbeiten. In der rastlosen und selbstlosen Arbeit für dasöffentliche Wohl liegt die Quelle des Ansehens und der Geltung. Ich verlange von den Beamten nicht bloß tadelloses Benehmen im Verkehr mit jedermann und unverzügliche Erledigung der Geschäfte, ich verlange auch warmes Interesse und Anteilnahme Tür die Wünsche und Geschicke der Bevölkerung, die na ch den dargebr achten Opfern an Out und Blut Anspruch darauf hat. Dies 'erfordert aber strikte Befolgung der Gesetze fand Verordnungen auch seitens der Bevölkerung und unnachsichtiges Vorgehen gegen jene, welche zum' eigenen Vorteil, aber zum Schaden'der Allgemeinheit diese zu umgehen versuchen. Denn die Gesetze werden zum Schutze der Bevölkerung erlassen, und selbst die Bestimmungen, die der einzelne vielleicht hart empfindet, haben einsichtsvoll befolgt zu , werden, weil nur dadurch das siegreiche Durchhalten und damit das Wohl der Gesamtheit gesichert .werden kann. Diesem zu dienen ist unser aller Pflicht. Sie kann niemandem erlassen werden. Inder Pflichterfüllung, haben aber die Be« börden und Aemte r beispielgebend vor an z ugehen.“ Dr. v. Körber hat, wie dieser Satz zeigt, die Schäden erkannt und will sie ausmerzen- Der jüdische Teil der Bevölkerung wird ihn gerne unterstützen. Wir empfehlen gleichzeitig, während wir diesen Erlaß begrüßen, dem Mi- I nisterpräsidenten die tägliche und aufmerksame Lektüre der schon oben bemeldeten „Reichspost“ und der possierlichen „Ostdeutschen Rundschau“. Vor dem Gesetze muß jedermann gleich sein und bleiben. — ys. .