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Jüdische Zeitung · 1916-12-01 · 47 (1.12.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
47 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 47 Setzung des Reichszentralismus und vielmehr Anhänger der nationalen Autonomie. Immerhin schließt die Verwirklichung der Völkeräutonomie nicht das Auflösen der Länderindividualitäten unbedingt in sidh, ja selbst bei einer erweiterten Landesautonom'ie ist die Selbstverwaltung der einzelnen Volksstämme möglich'. Keinesfalls aber wird auf die Dauer ein Verfassungsorganismus lebensfähig sein, auf Grund dessen in dem* einen Teile der Monarchie die Nationalitäten gegen einander abgegrenzt werden, in dem' zweiten ein einseitiger Landeszentralismus mit Ignorierung der nationalen Bedürfnisse ganzer Völker herrscht und im' dritten Teile eine Vorherrschaft eines Voiksstammes über alle anderen sich geltend “macht. Die Juden, welche in der ganzen Monarchie zerstreut unter allen anderen Völkern leben und selbst überall eine Minorität bilden, haben darum ein nationales Interesse daran — welches tnit dem gesamtstaatlichen zusammenfällt —, daß . a 1 i e Minoritäten durch nationale Kataster (die Juden daher durch einen jüdischen Kataster), sowie durch Einführung des gleichen direkten Wahlrechtes mit Proportionalwahisystem und durch ein modernes Nationalitätengesetz mit Minoritätenschutz in ihrem "politischen und national-kulturellen Lebensinteressen geschützt Werden. Wir Nationaljuden nehmen gegen kein Volk der Monarchie, wieder gegen die Deutschen, noch' gegen die Tschechen, wefder gegen die Polen, noch' gegen die Ruthenen in seiner Gänze Stellung, sondern nur gegen allen und jeden Chauvinismus sowie Antisemitismus, wo auch immer er sich' äußern mag. Um“ Aber unsere Volksinteressen mit derselben Energie wie alle anderen Völker gegen sämtliche Anfechtungen mit Erfolg verteidigen zu können, ist es unerläßlich, daß, sowie dies in anderen nationalen Lagern bereits geschehen ist, auch' im“ jüdischen Volke auf national-soziä'er, j'üdisch-jdembkra'ische,- und modern-öslerreidiischer Grundlage endlich eine Einigung und ein Zusammenschluß erfolge. Nur unter dieser Voraussetzung und durch Ausbau, sowie durch eine zweckentsprechende Tätigkeit des „Jüdischen Nationalvereins in Oesterreich“ wird es möglich sein, daß die Juden in Neuösterreidh' jene Bedeutung erlangtem, [die jhnetn lauf Grund' ihrer alten Kultur, ihrer Bevölkerungszahl und Steuerleistung auch' gebührt. Wenn aber an der Zeitenwenjde ein großer historischer Moment ein kleines Geschlecht vorfindet, dann werden auch in Neuösterreich die Juden nicht zu ihrer vollständigen politischen, sowie'sozialen, nationalen-"und religiösen Gleichberechtigung gelangen. Parteinachrichten Beileidsschreiben des Exekutivkomitees an die Kabinettskanzlei. Das Exekutivkomitee sandte an die “Kabinettskanzlei nachstehendes Telegramm ab: Kabinettsdirektor Exzellenz Frh. von Schießl Hofburg Wien. Das Exekutiv-Komitee der Zionisten Oesterreichs bittet den Ausdruck seines tiefstgefühlien Schmerzes und der innigen Gefühle der Trauer ob des Dahinganges des heißgeliebten Kaisers und Herrn an den Stufen des Allerhöchsten Thrones niederlegen zu dürfen. Die Juden Oesterreichs beweinen in dem dahingegangenen, treugelitb.en Monarchen ihren Befreier aus unwürdigen Zuständen, den Spender der staatsbürgerlichen Rechte, den Bringer ihrer Gleichheit vor dem Gesetze, ihren allzeit gütigen Schirmbr und Schützer. Für das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs: Dr. Karl Pollak. Adolf Stand. ' k. k. Reidh'sratsrevisor Rudolf T a u s s i g. TeOnahme des Exekutivkomitees an dem Leichenbegängnisse ST Mej. Kaiser Franz Joset I. Bei den Trauerfeierlichkeiien für weiland Kaiser Franz Josef I. im St. Stefansdome war das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs durch eine Abordnung offiziell vertreten, bestehend aus seinem1 Präsidium: Dr. Karl Pollak, Adolf Stand und k. k. Reichsratsrevisor Rudolf T a u s s i g. Verordnung die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau betreffend. (Die Zensur ließ in der letzten Nummer eine Besprechung der nachstehenden Verordnung nicht zu. Damit sich' unsere Leser selbst ein unbeeinflußtes Urteil bilden können, geben' wrir sie nun in extenso 'wieder. D. Red.) Allgemeine Bestimmungen § 1. Die Juden des Generalgouvernements Warschau bilden eine Religions-Gesellschaft des öffentlichen Rechts. Die Religions-Gesellschaft gliedert sich in Gemeinden und Kreisgemeinden. An ihrer Spitze steht der Oberste Rat der Juden. Die Gemeinden und Kreisgemeinden sowie die Religionsgesellschaft als solche haben Korporationsrechte iund die Befugnis, ein Amtssiegel zu führen. ' Die jüdische Gemeinde. § 2. Die i|n. '.einer polnischen Gem'einde wohnenden Personen jüdischen Glaubens bilden eine jüdische Gemeinde. Die staatliche Aufsichtsbehörde kann jedoch nach Anhörung des Obersten Rats .oer Juden mehrere politische Gemeinden zu einer jüdischen Gemeinde vereinigen oder eine politische Gem'einde in mehrere örtlich getrennte jüdische Gemeinden verteilen. Aufgaben der jüdischen Gemeinden. § 3. Die jüdische Gemeinde hat unbeschadet der Rechte und Pflichten des Staates und seiner Selbstverwaltungskörper folgende Aufgaben zu erfüllen: 1. die Pflegte des religiösen Lebens; 2. die Erziehung der Jugend; 3. die Armenpflege und soziale Fürsorge; 4. die Verwaltung des Gemteindevermögens; 5. die Aufsicht innerhalb der Gemteinde über alle Einrichtungen und Anstalten, namentlich Synagogen und Betstätten des jüdischen Kultus, über die Kultusvereine (§ 44 ff.) und über die Verwaltung der jüdischen Stiftungen iund Wohltätigkeitsvereine. Die jüdische Gemeinde hat insbesondere, soweit nicht dem1 Bedürfnisse anderweitig genügend Rechnung getragen ist, Synagogen, Ritualbäder und Friedhöfe zu errichten ■ und zu unterhalten. Sie hat für Beschaffung ritualmäßigen Fleisches Sorge ze tragen. Es liegt ihr ferner ob, solange nicht dem' Bedürfnis anderweitig genügend Rechnung getragen ist, durch eine ausreichende Anzahl von Schulen für die Bildung der jüdischen Jugend Sorge zu tragen. Als Schulen gelten auch' Religionsschulen (ChederdersChuIen), soweit sie ein genügendes Maß von Elementarunterricht erteilen. Der Vorsiand der jüdischen Gemeinde und seine! WaM. § 4. Die jüdische Gemeinde wird durch eilten Vorstand verwaltet, der aus dem Gemeinderabbiner und aus vier gewählten Mitgliedern besteht. . . § 5. Der Vorstand \vi<d in direkter und geheimer Wahl auf die Dauer von ' 4 Jahren nach“ dem1 Grundsatz der teinfaeh’en Stimmenmehrhei (gewählt. Bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Das « aktive Wahlrecht ist an folgende Voraussetzungen geknüpft: 1. jüdische Religion; 2. Vollendung des 25. Lebensjahres; 3. männliches Geschlecht; 4. .ununterbrochener Wohnsitz innerhalb der jüdischen Ge- Erwiderung auf die Besprechung des „Jüdischen Wörterbuches“ von Prof.Hermann L. Sirack. Zu der freundlich gehaltenen Besprechung meines Jüdischen Wörterbuches durch Herrn M. H en i sch 'in der'„Jüdischen Zeitung“ Nr. 44, bitte ich folgendes bemerken Izu dürfen: Mit Bedacht habe ich „Jüdisches Wörterbuch gesagt; denn Jiddisch ist erstens; eine schlechte und neue Erfindung, die im Baralonglande gemacht ist, zweitens drückt dies Wort bei uns eine Geringschätzung jaus. Das jüdische Volk hat zwrei Sprachen: die hebräische ist die Sprache Seiner heiligen Schrift, seines Gottesldienstes und wichtiger Literatur werke und wird jetzt auch wieder, besonders in Palästina, gesprochene {Sprache. Die andere, .eben die „jüdische“, . ist die Umgangssprache “für mehrere Millionen östlicher Juden und für (zunächst) 'das erste Geschlecht der dem' Zarenreiche nach den Vereinigten Staaten entronnenen Juden. Diese Sprache habe ich lexikalisch festeustellen mich bemüht. Daß das jetzt erschienene Budi viele Lücken' hat, wrußte ich' von vornherein nur zu gut. Gern hätte ich noch ein Jahr gewartet, um den mir beständig zuwachsenden Stoff zu buchen; aber ich wollte jetzt nützen, den Deutschen (ich meine natürlich nicht nur die Reichsdeutschen), weiche als Soldaten, Beamte, Kaufleute usW. in den bisher russischen Gebietenwirken, nützen. Der Verleger (J. C. Hinriths, Leipzig) hat das Buch auf meine Bitte schnell drucken lassen und, trotz den riesig gestiegenen Herstellungskosten, einen niedrigen Preis afigesetzt (5 Mark); daher {mußte ich den Ausdruck so kurz wie möglich halten. Ich weiß auch, daß die jüdische Aussprache mancher Wörter von der ältest bezeugten mehrfach' (abweidit, konnte dies aber nur aus dem1 schon angeführten Grunde nur selten erwähnen. Ohne Widerrede gebe ich auch zu, daß manches zu berichtigen ist. Für baldige Mitteilung recht zahlreicher Zusätze und Verbesserungen (die Schlagw’örter in hebräischer' Schrift) werde ich Herrn M. ri.enisch und anderen Benützerp des Wörterbuches dankbar sein. Das „Jüdische Lesebuch“ gelangt in aen nächsten Tagen zum Druck. Berlin-Lichterfelde West, 24. Oktober 1916. Literarische Neuigkeiten Ein Tagebuch für die jüdische Jugend» da's nach seiner ganzen Anlage und mit seinem' reichen Inhalt das schönste Chanukahgeschenk und die beste Liebesgabe für unsere Soldaten im Felde zu werden verspricht, erscheint zu Chanukah' ifn Verlage R. Löwrit, Wien, I., Wollzeile 6. Was dasstarke, “mit ‘ 12 Zeichnungen von Käthe Ephraim geschmückte Buch enthält, sagt die Annonce. U. a. finden sich' darin Lieder mit Texten "von Ludwig Franz Meyer und Hugo Zuckermann, Musik von Else Kober und Arthur Engländer. Bestellungen wolle man umgehend an den Verlag richten. Die Auflage umfaßt nur 1000 Exemplare .und ist zum“ größten Teil bereits subskibiert. Der Jüdische Verlag in Berlin vereinigt die drei Bande der Sammlung „Vom alten Stamm1“ zu einem Band, das' den nicht sehr glücklichen Titel „Dreibuch“ tragen wird. Zu den von Mathias Acher übersetzten Erzählungen Goreliks, .Perez und Scho lern Aleichems schrieb Max Brod einen Essay: „Wie soll man diese Geschichten lesen?“ In Moskau haben sich Freunde der hebräischen Sprache und Literatur zusam'mengetan, um“ einen großen hebräischen Verlag in Form1 einer Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 300.000 Rubel ins Leben zu rufen. 100.000 Rubel wurden von einer einzigen Persönlichkeit gezeichnet; die Statuten der Gesellschaft sind bereits zur Genehmigung eingereicht. t In London erscheint unter der Redaktion des Herrn Dr. J. L. Salkind eine Wochenschrift in jidischer Sprache, „Di e Jüdrs ch e Stimme“, die voraussichtlich demnächst in eine hebräische Wochenschrift „kol hajehudi“ unter der gleichen Redaktion umgew'andelt werden wird. - TheMaccabaean, die offizielle Zeitung der Förderation der Amerikanischen Zionisten, widmete ihre September-Nummer dem Andenkefn von David Wolffsohh. Die Gedenknummer enthält Aufsätze von Dr. Max Nordau, Prof. Otto Warburg, J. H. Kann, Dr. M. J. Bodenheimeru. a., die hier persönliche Erinnerungen an David Wolffsohn wiedergeben. „Moriah“ Die von den vereinigten Organisationen der galizischen national-jüdischen Jugend vor dem Kriege in. Lemberg in polnischer Sprache herausgegebene Monatsschrift „Moriah“ beginnt soeben in Wien unter der Redaktion von Dr. Wilhelm1 B e r k e 1 h a m m e r wieder zu erscheinen. Das vorliegende November-Heft enthält folgende Aufsätze: „Im Zeichen des Krieges“ von Wilhelm“ B e r k e 1 h a m“ m e r, „Brief an die Moriah“ von Martin B ub tr, als' Vorwort zum“ Abdruck seines .bekannten Aufsatzes „Was ist zu tun?“, eine literarische Studie über den jüngst verstorbenen Dichter Simon Samuel Frug von Dr. Z. F. Finkeistein, ein Gedicht Frugs „Ich bin.die Aeolsharfe“, in ausgezeichneter Uebersetzung M. Ch m i e 1 n i ck i s, Ado|t Stands interessante Auseinandersetzung mit Bubers Monatsschrift „Der Jude“ und den Anfang einer größeren Arbeit über das polnischlitauische Judentum“ und Palästina von Dr. Ignaz Schipper, in welcher der Verfasser auf Grund historischer, bisher meist unbekannter Quellen nadnveist, daß ider mittelalterliche jüdische Messianismus sich' keineswegs auf das inbrünstige Sehnen des Volkes nach Palästina beschränkte, sondern in mehrmaligen realen Taten “seinen Ausdruck fand. Eine Gedenktafel für die im“ Kriege gefallene jüdische Jugend Galiziens, eine reichhaltige Rundschau und Büch'erschau beschließt das interessante Heft. Aus den Rundschauärtikeln über die Jugendbewegung ist mit-Freude zu entnehmen, daß die galizisdhe Jugend sowohl in Wien, als auch “in den einzelnen! galizischen Städten pflichteifrig ihren nationalen Aufgaben obliegt und die beiden Jugendorganisationen „Zirei Zion“ und „Haschömer“ allseitig ausbaut. — Der Wiedererstandenen „Moriah“, die ein gediegenes Organ für (die jüdische Jugend' wie auch1 für .die jüdische Intelligenz in Polen zu> wrerden verspricht, ist viel Glück auf den Weg zu wünschen, schon aus dem1 Grunde, weil sie gegenwärtig die einzige, in Galizien sowohl als auch“ In Polen in polnischer Sprache erscheinende jüdisch-nationale Zeitschrift ist, (die der zionistischen Idee “dient. — Adresse des Verlages: Wien, II., Zirkusgasse 36/4.

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