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Jüdische Zeitung · 1916-12-01 · 47 (1.12.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
47 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NRTIONRL -JÜDISCHES GRGRN Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Ersehen! wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnatiine: Wien, II., Zirkugaae Nr. 33. — Sprechstund «s täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittag». — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstapreise: Für Oesterreieh-Ungam: Ganziähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, balbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Gancjähr. Frcs. 15— Einzelexemplare 20 h. — Poetspark asaenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 47 Wien, Freitag, den 1. Dezember 1916 — 6. Kislew 5677 X. Jahrgang Das Manifest s des Kaisers Karl I. Von Julius Löwy. Aus dem wirren, Rufen, das in unsere Tage hineinklingt, tritt das Manifest, in dem Kaiser Karl zu seinen Völkern spricht, in klarer, erzener Sprache heraus, die in ihrer jedes Pathos ablehnenden Ausdrucksweise an 'die Bibel erinnert. Und fcs ist aus dem mystischen Zauber des Gottesgnadentums ohne weiteres erklärlich, daß, wenn „der Gesalbte des Herrn“ spricht, der in der stolzen Reihe seiner Würden auch die des Königs von Jerusalem1 nennt, die Welt aufh'orcht, beglückt, den Waffenlärm für ein kurzes unterbrochen Zu wissen. Je eher den siegreichen Frieden zu bringen, ein Schirmer der Freiheit ün|d Ordnung zu sein, ein Schützer aller Gerechtsame sein zu wollen, verheißt uns Kaiser Karl. Und mit allen anderen Völkern horcht .auch das jüdische Volk auf. Denn gerade dieses hat Sehr viel, ja alles, zu erwarten.- Inder Völkerfamilie, die das Leid dieses Krieges trägt, entfällt' sicherlich auf jedes Glied ein..gerüttelt Maß an Schmerz. Auf keines) aber so viel, wie auf uns. Noch hat der Krieg nicht sein Ende erreicht urtd das Meer von Tränen, die ‘das jüdische Volk weint, brandet an den Ufern. Unter der .Regierungszeit des verstorbenen Kaisers ist die Emanzipation der Juden erfolgt,, das heißt, ihre leibliche Freiwerdung. Die geistige Freiwerdung, die politische Einheitlichkeit haben wir nicht erreichen können, weil die geographischen Schranken dies verhinderten und weil wir aus hunderten Jahren der Knechtschaft das Bewußtsein der Fesseln nicht so ohne weiteres durch das der freien Würde ersetzen konnten. Dazu kam die soziale Schichtung der uns umgebenden Völker, die auch auf uns abfärbte lund uns vielfach zu politischem Helotentum zwang. In den letzten Jahren ist es damit wohl ein wenig besser geworden, weil wir von der Kraft des nationalen Gedankens erfaßt, uns zur politischen Freiwerdung durchzurihgen begannen. Nidht geändert 'hat sich die seelische 'Armut. Und wenn wir die Lage unseres Volkes von heute mit jener vergleichen, die vor dem Krieg bestand, so drängt sich uns die traurige Gewißheit auf, daß es für uns kaum' schlechter werden kann. Konnte man schon früher unter dem1 Begriffe tler sozialen Gesetzgebung eigentlich' eine Judenjustiz verstehen, so ist heute jeder Zweifel geschwunden. Unsere Zeitungen lehren uns täglich, daß der Haß einen kaum' übersteigbaren Gipfelpunkt erreicht hat und daß das Judentum in seiner Gesamtheit für alle Versäumnisse, für alle Halbheiten, für alle Taten des Agrariertüms und der Großbanken solidarisch haftbar gemacht wiqd. Die Worte, mit denen Herzl seinen „Judenstaat“ einleitet, haben nie so sehr der Wahrheit entsprochen, wie gerade, 'heute: „Alle Weir widerhallt vom Geschrei gegen das Judentum.“ Die Tausende von Personen jüdischen Stammes, die der Krieg aus dem Osten von Haus und Herd gejagt hat, fanden in der Zentrale des Vaterlandes eine Aufnahme und Behandlung afs wären sie nicht Kinder des Reiches, für das sie bettelarm wurden. Gewiß, dieser Zustand wird .sich ändern. Denn einmal wird ja auch dieser Krieg enden — aber das Gefühl, das' diese Opfer wieder nach Hause zurücknehmen und ihren Kindern und Enkeln vererben werden, wird bleiben . . . Es ist heute zu früh, von der politischen Neugestaltung der europäischen Karte zu sprechen, denn 'die Friedensverhandlungen können das Bilid, wie es sich heute z:igt, noch sehr wesentlich ändern. Wir haben ja Vom deutschen Reichskanzler gehört, daß z. B. eine Annexion Belgiens nicht beabsichtigt ist. Aber wir können doch’ heute schon mit der Tatsache eines selbständigen Königreichs Polen und der Sonderstellung Galiziens rechnen. Wir gestehen offen, daß wir. diese Entwicklung nicht freudig begrüßen. Man kennt die Stellung 'der Polen zur Judenfrage, man kennt die von den galizischen Polen mit entsetzlichem Erfolg systematisch betriebene KorrumpiCrung der Juden zu gut, um nicht mit den schlimmsten Befürchtungen der Zukunft entgegenzusehen. Hier wollen wir uns an das Manifest des Kaisers Karl halten, der verspricht, die Rechtsgleichheit für alle.sichern zu wollen. Wir werden diese Versicherung im Westen wie im Osten der Monarchie anrufen und .wir haben das Vertrauen, daß unsere Stimme gehört werden wird. Darüber hinaus aber wissen wir genau, daß wir niemanden zur Liebe zwingen könen. Unser politisches Ziel führt uns weitab von Galizien- oder Polen und so sehr wir Oesterreich jede mögliche freie Entwicklung, jedes Aufblühen mit warmem Herzen, wünschen, so hoch und heiligbleibt uns der Zielpunkt unseres Wesens, unseres nationalen Vorwärtsschreitens: die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk. Darin und nur darin erblicken wir die Möglichkeit einer Retiung des Judentums, das sonst, in allen Ländern in wehrloser Minorität lebend, dem- Untergang verfallen müßte. Wir wollen weiter unsere Kräfte organisieren, bis sich innen die Möglichkeit der Konzentration bietet. Dieses Ziel wollen wir erreichen im Einvernehmen mit der Türkei, -um für unser Volk zuder Ruhe und dem Frieden zu gelangen, deren es bedarf. Dann wird all der blutige Haß, der es verfolgte, nur eine Episode sein in seiner vieltausendjährigen Geschichte, in der es sp viele Feirtde sterben sah. Der neue österreichische Kurs und die Juden Von Dr. Hermann Kadisch'. Die Proklamation unseres neuen Monarchen Kaiser Karl an seine Völker, sowie die jüngsten Kundgebungen des Ministeriums K o e r b e r kennzeichnen im wesentlichen Punkten die Ziele des neuen Kurses: Reichseinheit, Rechtsgleichheit aller Bürger, kulturellen und sozialen Fortschritt. An allen diesen Zielen sind wir nationale Juden bereit, mitzüarbeiten, weil deren Realisierung nicht nur unseren österreichischen, . sondern auch unseren jüdischen Volksinteressen entspricht. Wir sind bereit, wie wir in der Resolution der Generalversammlung des „Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich“ zum- Ausdruck brachten, festhaltend an unserer Kardinalforforderung der Anerkennung der Juden als gleichberechtigter Nation« alle Gruppen sämtlicher Reichsvölker zu unterstützen, welche die Erhaltung sowie die Erneuerung des Donaureiches und zu diesem Zwecke den inneren Vöikerfrieden -und eine großzügige Wirtschaftspolitik erstreben. Darum sollten auch die maßgebenden Faktoren unserer Monarchie die Bedeutung unseres Zwei-Millionenvoikes il,ür die Siärkung des Reichsgtrdankens -und ganz besonders die staatliche Bedeutung, von 900.000 national-organisierten, einen* -.jüdisch-österreichischen Programme huldigenden * Bewohnern für die künftige Gestaltung der Verhältnisse, besonders in Galizien und Bukowina entsprechend würdigen. Denn weil wir jüdische Moderne selbst auf nationalem Boden fußen, achten wir jedes nicht vom- Chauvinismus vergiftete nationale Empfinden bei anderen Völkern genau so wie das religiöse Gefühl jeder anderen Konfession. Da die Massen unseres Volkes schwer unter dem Drucke der wirtschaftlichen Not und unter den Auswüchsen des Kapitalismus leiden, Isind wir picht (bloß -energische Vorkämpfer für eine radikale Sozialreform, sondern auch immer bereit, eine solche tatkräftig zu unterstützen, von wem' sie auch immer ausgeht. Darum lassen wir -Uns aber auch von keiner Seite als Sündenbock für das internationale und interkonfessionelle Parasitentum verantwortlich machen. Als die Vorbedingung der Erneuerung des Habsburgerreiches, sowie die Herstellung' des nationalen Friedens erscheint uns die Gesundung unseres Parlamentarismus und hiezu auch eine Verfassungsreform unerläßlich. - Die Verfa&sungsreform ist sowohl durch die Proklamierung des Königreichs Polen als die Sonderstellung Galiziens aktuell geworden. Durch die Sonderstellung Galiziens wurde allerdings in erster Linie nur die polnisch-ruihenisch-jüdische Frage aufgerollt — wohlgemerkt aufgerollt — aber noch nichr gelöst; aber die Hoffnungen einerseits und die Befürchtungen anderseits, die sich an die Sonderstellung Galiziens in den verschiedensten Lagern äußerten, zeigen den engen Zusammenhang der böhmischen, galizischen, rumärischen, südslavischen und — ungarischen Fragen. Bis zur Lösung all dieser Probleme ist noch ein weiter Weg. Er könnte aber nach 50 Jahren unfruchtbarer staatsrechtlich-nationaler Kämpfe und nach so Vielen Irrwegen doch endlich von den Regierungen der Monarchie gefunden werden, wenn ihn schon nicht die parlamentarischen Parteien dies- und jenseits .d-er Leitha finden. Allerdings ist hiezu eine ganz andere, vor allem publizistische Aufklärungsarbeit unter allen Völkern der Monarchie, und nicht in letzter Linie unter den Juden,- als vor dem Kriege nötig. Sie muß in erster Linie darin gipfeln, die Massen in diesem 50-MilIionenreiche darüber zu belehren, daß keine Nationalität, die Juden eingeschlossen, auf Grund irgendwelcher Verfassung und Sonderstellung einzelner Reichsteile mehr assimiliert und entnationalisiert werden kann, daß aber anderseits in unserem von 11 Völkern bewohnten Nationalitätenreiche alle Sonderinteressen den Reichsinteressen unbedingt untergeordnet werden müssen. Eine starke Habsburger-Monarchie mit gl';e ich berechtigten national-autonomen Völkern fordert unser Krakauer Programm und diese Forderung müßten alle demokratischen Jungösterreicher sämtlicher Nationen, Konfessionen und Klassen jetzt aufstellen. Wir Naponaljuden sind der Anschauung, dab die Rechte eines jeden unserer Voiksstänrme so weit reichen, als die Rechte anderer Völker und d»2 Lebmshedinguagen der Gesamtmonarch-e dadurch nicht geschädigt werden. Weil wir aber durch Erweiterung der Ländexautonomie, wenn nicht parallel mit ihr Fürsorge für den Schutz der Re ich sin reressen und der nationalen Minoritäten getroffen wird, eine Zuspitzung der staatsrechtlich-nationalen Kämpfe in der Monarchie befürchten, sind wir Gegner der Er-

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