Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 46 (24.11.1916)
- Date
- 1916-11-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 die Juden an? Sie bilden ehva 36 Prozent der Bevölkerung, es entfallen auf sie nur etwa 25 Prozent des Gesamtbudgets. (Für die Polen lauten die Zahlen 52 und 56.) Das gegenwärtige ganzjährige Budget (April 1916—191/) in der rlöhe von M. 1,841.000 weist eine angemessenere Verteilung auf. Für polnische Schulen wurden 850.000, für deutsche 448.000, ■ für jüdische 533.000 Mark ausgeworfen. Zu den Stadtratswahlen im österr. Okkupationsgebiet Die Vertreter der jüdischen Gemeinde Verwaltungen in Lublin, Radom, Kielce und Petrikau überreichten dem österreich-ungarischen Gouverneurin Lublin ein MeiTiorandum über die Wahlverordnungen für die Stnjdträte. „Die Statuten der städtischen Selbstverwaltung,“ heißt es in dem' Memorandum, „sih'd für die jüdische Bevölkerung ein leuchtender Hoffnungsstrahl für die Zukunft, da sie keine engherzigen Beschränkungen für Angehörige einer anderen Religion enthalten und die Juden nicht als Bürger zweiter Klasse be- ' handeln.“. Die Durchführung dieser Statuten sei aber von den Wahlbestimrüungen abhängig. Leider sei kein einziger Vertreter der jüdischen Oe ff entlieh keit bei der FestsetzungdieserW ah londnung befragt worden. Andererseits hätten die Zeitungen Mitteilungen über manche Grundlagen der Wahlordnung gebracht, „die mit den auf den Prinzipien der Gerechtigkeit beruhenden Ho'.fnungen der jüdischen Bürger in kraßem Widerspruch stehen.“ Das Memorandum unterbreitet daher dem1 Gouverneur die Bitte, daß die Wahlordnung so durchgelührtwerde, daß sie die elementaren Rechte der Juden nicht aufhebe. Es verlangt, daß die Wählen in der ersten Kurie nicht proportioneil seien, damit aucn die jüdischen Träger der liberalen Berufe, die den russischen BildungsoesChr.änkungen zufolge eine kleine Minderheit darstellen, aber die Lage und Bedürfnisse der Volksmassen gut kennen, vertreten seien. Dabei sollten auch die Zahnärzte und Absolventen der Warschailer Handelshochschule von Kronenberg zu der ersten Kurie gerechnet werden. Für die Anerkennung der polnischen Staatszugehörigkeit soll nicht der Ort der Geburt, sondern der Wohnsitz seit dem 19. Lebensjahr des Betreffenden maßgebend sein. Im1 Hauptwahlkomitee, das unter der Aufsicht der Okkupationsmacht steht, wie auch in den Exäminationskommissionen, dje die Kenntnis der polnischen Sprache zu prüfen haben, sollen auch die Juden proportioneil vertreten sein. Das Memorandum verlangt auch, daß diejenigen, die vom Kriegshilfskomitee Unterstützung erhalten, nicht dadurch, wie es geplant wird, ihr Wahlrecht verlieren. Das Memorandum1 schließt mit der Versicherung, daß all diese Forderungen nicht etwa aus dem Willen der Absonderung, sondern aus dem heißen Wunsch eines friedlichen Zusammenlebens mit den Polen entsprungen seien, wie es die soeben abgehaltenen jüdischen Konferenzen in Radom und Petrikau bezeugen und huj: das . eine Ziel hätten, die „in' den Statuten verkündeten Prinzipien der Humanität und Gerechtigkeit auch aut die Juden auszudehnen.“ Zum Besuche des Herrn Dr. Magnes Welch ungünstigen Eindruck der kurze Besuch des Herrn Dr. Magnes in den Kreisen der immittelbar beteiligten jüdischen Bevölkerung machte, mögen diese bei uns eingelaufenen Ausführungen erweisen: In Amerika leben gegenwärtig beinahe drei ' Millionen Juden, die zumeist aus Osteuropa, wo Sie ein Leben voll Not und Elend führen, stammen und die unzerreißbare Bande mit ihren jetzt infolge der Verwüstungen des Krieges moralisch und materiell gesunkenen Brüdern verbinden. Kein Wunjder, wenn die des Wohlstandes sich’ erfreuenden Brüder in Amerika, von Gefühlen des Mitleides durchdrungen, gewillt .sind, große Geldopfer zu bringen, damit ihren in den Sümpt des Elenjds geratenen Brüdern geholfen werde. Sie haben sich daher zusammengetan •' und eine Hilfsorganisation ins Leben gerufen, mit der Aufgabe betraut, das Los ihrer hilfsbedürftigen Volksgenossen in Europa zu verbessern, und als diese Kunde hieher gelangte, hat das galizisChe Judentum. erwartungsvoll der Inangriffnahme dieser Aktion entgegengesehen. Insbesondere ist die Nominierung des Dr. J.L.Magnes zum Führer, der Delegation, der es oblag, die Verhältnisse derosteuropäischen Juden zu studieren,.mit Freuden begrüßt worden; da man das mannhafte und jüdische Auftreten dieses Mannes, der bei jeder Gelegenheit bewiesen, . daß die Lebensinteressen unseres Volkes vor den persönlichen Interessen stehen, kannte und daher zu den berechtigten Hoffnungen Anlaß hätte, er werde alles aufbieten, seiner Mission, Heilung und Besserung den von Not und Schmerzen heimgesuChten jüdischen Massen zu bringen, gerecht zu werden. Bedauerlicherweise ist Dr. Magnes so vorgegangen, daß unsere Hoffnungen als trügerisch' sich erwiesen haben. Die Juden Galiziens, die in diesem unerbittlichen Völkerringen mehr als alle anderen Teile unseres Volkes an Blut und Gut einhüßteri, sind ob des unvorsichtigen Vorgehens des Dr. Magnes bitter enttäuscht; ihre Hoffnungen, die sie an ihn knüpften, sind zerronnen, Nur eine kurze Weile hat Dr. Magnes in Lemberg und in Wien geweilt. -Diese kurze Zeit hat er nicht einmal dazu benutzt, um mit den unmittelbar Kriegsbeschädigten, die ihm so viel zu erzählen hatten, Rücksprache zu pflegen; er hat es nicht für wert gefunden, in dem Buche ihrer Gesichter, wo die Griffel dieser grausamen Zeit so viel Jammer und Schmerz niederkritzelten, zu‘ lesen. Dr. Magnes Kardinalpflicht war es, zuerst unsere Meinungen anzuhören, wie unserer Not zu steuern sei. Er hätte mit uns wie ein seiner Pflicht oewußter Arzt mit seinem' Hilfe suchenden Patienten verfahren sollen; unsere Diagnose hätte er zuerst feststellen müssen und dann uns Hilfe bieten. Seine Handlungsweise zeigt aber auch, daß er über die hiesigen Verhältnisse und Stimmungen bezüglich de? bisherigen philanthropischen Praxis völlig unorientiert sei. Noch am1 27. April d. J. hatte in der Deiegiertenversammlung lür das jüdische Armenwesen, Herr Heinrich Mendl, erklärt: „Die bisherigen Methoden, nach welchen jeder Verein und Private separat gehandelt haben, haben gjanz entgegengesetzte Ziele erreicht und sie haben zu Züchtung des Bettels geführt,“ worin -ihm sämtliche Teilnehmer dieser Versammlung beipflichteten. Herr Dr. Magnes hat die ganze Hilfsaktion solchen Leuten anvertraut, die „die bisherigen Methoden“ in Anwendung bringen und daher „ganz entgegengesetzte Ziele“ erreichen werden. Die zionistischen Theoretiker haben seit jeher jene Anschauung verfochten und nun haben die Vertreter der philantbrof ischen Vereinigungen am 27. April ds. J. diese. Anschauung geteilt. Demnach hat Dr. Magnes die Bahn, die die Assimilanten als unrichtig erkannten, betreten und die großen materiellen Opfer, die von den amerikanischen Juden, im Glauben gebracht, den notleidenden osteuropäischen Juden zu helfen, werden ihr Ziel verfehlen. Außerdem dürfte Herrn Dr. Magnes'bekannt sein, hinter welchen Männern die jüdisch gesinnten Massen stehen. Mit den Männern, die aufrichtig das Wohlergehen unseres Volkes im Sinne haben, hätte er in Verbindung treten sollen und sie zur Mitarbeit an das Hilfswerk heranziehen sollen. Nur von echt jüdisch gesinnten Männern erwarten wir Trost und Hilfe und diese müssen nicht in paar lumpigen Groschen inren Ausdruck finden. Wie erwähnt, haben doch die Assimilanten allein zugegeben, daß ihre bisherigen Methoden in der WohltätigkeitswirtsChaft, ihr einziges Betätigungsfeld, als schädlich sich erwiesen; während der Geist Theodor Herzfs, der echt jüdische Geist, in den Massen fortlebt und ihre Zuversicht stärkt, daß sie noch schöne Tage erleben und im Körper der Menschheit ein gesundes Glied bilden werden. Allein wir hofften, Dr. Magnes werde alle aktiven Elemente unseres Volkes anrufen, daß sie am Hiljswerke für das Judentum mitwirken und so ihren Stempel darauf aufdrücken, damit die Interessen der Volksgesamtheit und nicht die einer winzigen Gruppe vertreten werden. Er hat nicht . so gehandelt. Unsere Hoffnungen, die wir an ihn knüpften, sind wje Schnee zerronnen. Osias Modlinger, ■Kriegsflüchtling aus Bobrka, Galizien. Zionistischer Distriktstag in Böhmen Am1 Mittwoch, den 1. November 1916, fand in Prag der Distriktstag der böhmischen Zionisten statt. Herr Friedrich Mautner eröffnete als Distriktsobmann die Tagung und begrüßte die Delegierten und Gäste. Sodann hielt Herr Emst Bechert eine Begrüßungsansprache, die er mit herzlichen Worten des Gedenkens für die auf dem1 Felde der Ehre gefallenen Gesinnungsgenossen schloß. Herr Prof.‘Viktor Freud verlas die eingegangenen Begrüßungen, darunter ein Telegramm vom Zionistischen Aktionskomitee und dem Wiener Zionistischen Zentralbureau. Der erste Punkt der Tagesordnung war die Erstattung des Rechenschaftsberichtes, der nach kurzer Debatte einstimmig genehmigt wurde. Es . wurde einstimmig beschlossen, Herrn Friedrich Mautner zum1 Zeichen der dankbaren Anerkennung für die Leitung des Distriktes ins Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds einzutragen. Dem' Obmann und dem Distriktskomitee wurde Dank und Vertrauen ausgesprochen. Nach Entgegennahme des Berichtes der Revisoren wurde" der Kassenbericht einstimmig genehmigt. Folgende Kandidaten wurden für die Neuwahl in Vorschlag gebracht und nach längerer Debatte per Akklamation mit allen gegen eine Stimme angenommen: als Obmann Ing. Hugo Slonitz, als DK.-Mitglieder die Herren: Friedrich Mautner, Albert Bobasch, Filipp Lebenhart, Dr. Felix Kornfeld, JUC, Ernst Deseny und Frt. Nelly Thieberger. Zu Revisoren wurden gewählt die Herren: Max S a u d e k, Kolin, Moritz Bauer, Prag. Nach den Wahlen erstattete Herr Friedrich Mautner ein eingehendes Referat über den Ausbau der Organisation. Das Referat gipfelte in der-.Forderung riach Schaffung von Büros bei den großen Vereinen mit angestellten Sekretären. Herr Ernst Bechert erklärte in der folgenden Debatte diese Einrichtung in den Provinzvereinen nicht für nötig, ist aber für die versuchsweise Einführung eines Sekretariates in Teplitz-Schönau. Herr Prot. J. Wertheimer wies darauf hin, daß von böhmischen Vereinen nur Kolin vertreten ist. Er beantragte, das neue Distrikts-Komitee möchte der Arbeit in dem tschechischen Sprachgebiete große Aufmerksamkeit zuwenden. Herr Ing. Slonitz befürwortete die Schaffung von Sekretariaten, die erst die dringend 'notwendige .Erweiterung des Arbeitsgebietes der zionistischen Organisation auf alle jüdischen Angelegenheiten ermöglichen werden. Herr Dr. Hermann Hirsch beantragte, dab ein Sekretariat eingerichtet wurde, um den, Zusammenhang mit der größeren jüdischen Oeffentlichkeit und den KuJtusgemeinden zu heben, flerr Louis Schiffer meinte in Besprechunglokaler Verhältnisse, daß ein Sekretariat in Aussig vorläufig nicht errichtet werden könne. Herr Dr. Eppstein, Arnau, beantragte, man möge jedem Zionisten eine bestimmte Arbeit zuweisen. Der Wirkungskreis sei bis jetzt viel zu klein, es arbeite nur das Distrikts-Komitee. Er sprach über das Wesen des Zionismus und forderte ein positives Kultusgemeindeprogramm. Herr Dr. Kornfeld ceantragte, man möge in Böhmen in den größeren Städten je ein Sekretariat errichten. Eine Propaganda in den tschechischen Gegenden sei notwendig. Herr Dr. F edermann in Pilsen sprach sich ebenfalls für ein Sekretariat und eine Erweiterung der Tätigkeit aus. Fri. Dr. Lola Schanzer regte an, junge Mädchen und Frauen für den Zionismus zu interessieren; dies solle durch Gründung von Vereinen, ähnlich dem in Prag bestehenden „Klub jüdischer Frauen unsd Mädchen“, auch in der Provinz erfolgen. Herr Lebenhart besprach jüdische Gemeindefragen und .war für die Erweiterung des Wirkungskreises in den Gemeinden. Herr Dr. Max Brod sprach für die Ausbreitung der Propaganda. Er erwähnte das» Schulwcrk des Prof. Dr. Engel und lenkte das Hauptaugenmerk auf die Jugendvereinigungen und die Frauenorganisation. Herr Dr. Hirsch befürwortete nochmals* das Sekretariat und die Kultusgemeinde-Arbeit. Nachdem noch mehrere andere Redner zu den Referaten der Herren Mautner und Dr. Epstein das Wort ergriffen hatten, beantragte Herr Dr. Epstein folgende Resolutionen: 1. Der Distriktstag verlangt von den Vereinen, dab sie Ausschüsse einsetzen, die dafür sorgen, daß die Kultusgemeinden reorganisiert werden. Dieser Antrag wurde abgelehnt. 2. Der Distrikts tag fordert das Aktionskomitee auf, die vor einer Reihe von Jahren in Aussicht genommene Gegenwartsarbeit sofort aufzunehm e n. Dieser Antrag wurde angenommen. Zum Schlüsse dankte Herr Mautner den Delegierten für die rege Teilnahme an den Verhandlungen. Nach Absingung der Hatikwah wurde die Sitzung uml 6 Uhr abends geschlossen. Aut der ersten Sitzung des neuen Distrikts- Komitees am 2. November konstituierte sich das Komitee wie folgt: Obmann: Ing. Hugo Slonitz; Obmannstellvertreter: Albert Bobasch; Kassierer: Friedrich Mautner; Schriftführer: Ernst Deseny; Beisitzer: Filipp Lebenhart, Dr. Felix Kornfeld, Nelly Thieberger. Zionistische Bewegung Deutschland. Das Zentralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat beschlossen, einen außerordentlichen Delegiertentag einzuberufen, der am' 25. und 26. Dezember 1916 in Berlin tagen wird. Da es sich um einen außerordentlichen Delegienentag handelt, finden Neuwahlen zum Zentralkomitee nicht statt. Die Sitzungen sind nicht öffentlich. Tagesordnung: 1. Bericht des Vorsitzenden Dr. Arthur Hantke; 2. Referate S. Schocken, Zwickau und Kurt Blumenfeld, Berlin, über „Zionistische Gegenwartsarbeit“. Bulgarien. Das Organ der Förderation der bulgarischen Zionisten „Hamischpath“ legt durch seine Berichte Zeugnis ab für die schöne Aktivität der Zionisten Bulgariens. Trotz des Krieges werden in verschiedenen Ortsgruppen Versammlungen abgehalten; die Pa.'äsiina-Hilfs-Aktion wird trotzyl es Krieges stark propagiert. —. Die Föderation hat einen Kalender für das Jahr 5677 erscheinen lassen, der schön ausgestattet ist und viele wertvolle Beiträge oringt. England. Nachdem die von der English Zionist Federation innerhalb der ganzen Judenheit Englands verbreiteten „Deklarationen“ (Zustimmungserklärung zum Programm des Zionismus) gute Erfolge gezeitigt haben, und dadurch