Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 44 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 . JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 beruht. Ein solches Gemeinwesen wäre zugleich die jüdische Antwort aut alle jene Verzweiflungsschreie, die aus dem heutigen Welikrieg die ‘Unmöglichkeit oder Unmoral aller nationalen Sonderbestrebungen, die Notwendigkeit eines „christlichen“ Kösmopolitismus ableiten, wie es z. B. Helene Stöcker in ihrer Broschüre „Menschlichkeit“ tut. Nein gerade das iChristentum hat meiner Ansicht nach in diesem Kriege gezeigt, dal! sein übertriebener Altruismus 'unbrauchbar in und deshalb direkt schädlich wirkt. Was r.ülz::: die hohen christlichen Liebesgi'undsätze der ,,Vö:-' her“, die 'tm, vornherein als politisch .unerfüllbar und deshalb gar nicht einmal mit dem Ansprüche auf ernste 'Erfüllbarkeit auftreten? „Wer zuviel verlangt, verlangt gar nichts“ kt n ite man das bekannte Sprichwort variieren. Trefflich formuliert Achad Haam in seinem geradezu auswendig zu lernenden Essay „Oie Schwankenden“ („Am Scheidewege“, (I. Band; Jüdischer Verlag, 1916): „Weil die christlichen Völker ihre gegenseitigen (Beziehungen nicht auf die sittliche Basis ihrer Religion gründen konnten, blieb bei ihnen der nationale Egoismus naturgemäß unbeschränkter Herrscher in den internationalen Beziehungen und erhob sich der „Patriotismus“ im Sinne Bismarcks und seiner Anhänger zum Range einer absoluten sittlichen Basis“. Goldene Worte! , Reinigen wir unseren jüdischen Nationalismus! Stoßen wir gleich von Anfang alles Imperialistische aus unseren Gedankengängen aus- und durchtränken wie sie dafür mit dem echten Sozialismus unserer Nationalheroen, mit dem Ideal der tätigen Gerechtigkeit! So aufbaue.id. wenn auch mit bescheidensten Mitteln, geben wir jenen Ueberschätzern des Christentums die beste Antwort, die (auch unter uns Juden) aus einigen politisch undurchführbaren Worten des Evangeliums und einigen politisch wirkungstosen Bullen des heutigen Papstes die Überlegenheit der Christlichen Moral über den jüdischen .Nationalismus, der auf der jüdischen Religion, beruht, ableiten möchten. Das 'Judentum verlangt freilich nicht das A.ufgeben des individuellen und nationalen Ich, cs bestellt auf unzweideutiger Selbstbehauptung. Verlangt es also weniger als das Christentum oder als irgendein Kosmöpolitismus? Nein, es verlangt mehr. Denn es stellt mit größter Strenge die Selbstbehauptung unter das Gesetz, unter die Sittlichkeit. Niemals hat das Judentum gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt4. Es verlangt ja eben das Allerschwierigste von seinen Bekennem: In dieser Welt zu leben und dennoch mit jedem Atemzuge nur für Gott zu leben. Es durchdringt die Dinge der Welt, also auch Nationalismus und Politik, mit seinem göttlichen Hauch, während das Christentum einen, ängstlichen (Bogen rund um alles Unbequeme, alles Materienhafte macht. Daß die Juden (aber hoffentlich nicht nur einzelne, sondern das ganze Volk) während dieses Krieges durch die Kriegslandspende den Grund zu einem Mustergemeinwesen und damit zu ewiger Sicherung des Weltfriedens gelegt '.haben, diesen Ehrentitel möge einmal die Weltgeschichte uns heutigen Juden beilegen und er wird uns schöner schmücken als alle kriegerischen Ehrenzeichen. Nach ihm laßt uns streben, o meine geliebten Brüder! Von der Hechaluz- Bewegung In Polen. Aut einer allgemeinen Versammlung der zionistischen Jugendorganisation „M e r k a s“ in Warschau hielt am 17. Oktober Herr Sokolko, der Vertreter der Palästina-Kommission, einen .Vortrag über die unmittelbar bevorstehenden Aufgaben des „Merkas“ hinsichtlich der Palästinaarbeit. Die Kommission ging von dem ' Standpunkt aus, daß mit der Einkehr des Friedens jn Palästina ein dringendes' Bedürfnis nach Menschenmaterial entstehen wird, und daß es die Pflicht der jungen Zionisten werden muß, die: ser Forderung gewachsen zu sein. Zu diesem Zwecke habe die Kommission eine Reihe Kurse für- Palästinakunde gegründet, in denen die zur Uebersiedlung nach Palästina entschlossenen Mitglieder Kenntnisse über die Geographie und Geschichte Palästinas, 'über die Entwicklung des alten und neuen Jischuw, über die Arbeiterfrage lind Kulturprobleme des Landes etc. sich aneignen werden. Die Kommission beabsichtigt auch, allgemeine Versammlungen einzuberufen, in denen Palästinafragen für die weitere Oeffer.tlichkeit erörtert werden sollen. Da: aber viele Mitglieder, die eine Uebersiedlung nach Palästina wünschen und die für die Palästinaarbeit wertvoll werden könnten, aus materiellen Gründen ihren Beschluß nicht auszuluhren imstande sein werden, sei ‘es Pflicht des „Merkas“, ihnen die nötigen Mittei zu diesem Zweck zu versdiaTien. Die Kommission beantragt daher die Gründung eines Hechaiuz-Fonds, der den Uebersie- •delnden Anleihen für ihre Reisekosten zu gewähren hat. Jütischer HafionalhalenOer 5677 Zweiter Jahrgang Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Batö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Urteil der Presse: „Ein herrliches zionistisches Sammelbach“ Lemberger Tagblatt. „Durch den ganzen Almanach weht ein Zag von Jugendfrische, trotz aller Kriegsnöte — ungebrochener Jugendkraft und ernstem Wollen.“ Das Jüdische Echo (München). ’ „Der Jüdische Nationalkalender ist eine wohldurchdachte, nach innen gerichtete Kundgebung national-jüdischen Wollens . . . ein aktuelles und mit orientierendes Jahrbuch. 7 Jüdische Rundschau. Leichtes Feldpostformat Preis K 2.80 — M 2.-—, 20 h Porto. Zu beziehen: Durch den Verlag „Jüdische Zeiiung“, Wien, II. Zirkusgasse 33, sowie durch alle Buchhandlungen Die Herren Dr. Klumel, S. W e i z m a n n und Rechtsanwalt Olschwa^ger begrüßten diese Initiative der zionistischen Jugend. Herr S. Vfeizraann führte aus, daß er in dem Vorschlag der finanziellen Subventionieiiing eine Gefahr für die Zukunft der Unternehmung sehe. Aut Grund der bisherigen Erfahrungen des Pioniertums glaubt der Redner annehmen zu dürfen, dab derjenige Pionier sich als wertvoll herausstellt, der selbständig ohne jegliche Unterstützung, die die innere Entscheidungsfreiheit des Unterstützten beeinflußt, nach Palästina fährt und aut e igene Verantwortung um seiner Befreiung willen sich dort niederiäßt. Die unbemittelten Pioniere müßten daher auf andere indirekte Weise unterstützt werden: durch Ermäßigung der Fahrkarten bei den Schiffsgesellschaften, durch Erleichterung der Paßangelegenheit etc. Herr Olschwanger versicherte, daß -die Kommission mit ihrem Vorschlag nur diejenigen im Auge hat, von denen der „Merkas“ sicher ist, daß sie zu einer produktiven Tätigkeit in Palästina berufen sind und mit den Abenteurern, von denen Dr. Klumei gesprochen habe, ri.hts gemein haben. Er meinte aber, daß der Rahmen, den die Kommission vorgeschlagen hat, angesichts der großen bevorstehenden Aufgaben zu eng sei. Für ein Pioniertum kämen nur Einzelne, Auserwählte in Betracht, aber eine Massenbewegung könne sich nicht bloß auf einzelne Persönlichkeiten stützen. Um die jüdische Siedlung in Palästina bedeutend zu vergrößern, müsse cjne ausgedehntere Tätigkeit entfaltet werden. Der „Merkas“ müsse mit den Gesellschaften „Geuia“ und „AcWusa“, mit Ortskomitees etc. in Verbindung treten, um nach dem1 Kriege eine jüc'ische Palästinaeinwanderung in größerem Stil zu erzielen. Auch die Informierungstätigkeit müsse im größeren Maßstabe durchgeführt werden. Palästina-Vorträge im „Merkas“ seien nicht ausreichend. Der „Merkas44 müsse daiarii streben, daß die Palästinakunde ln allen jü fischen Schulen Warschaus obligatorisch w;-d. Nach einer Schlußrede des Herrn S o k o I k o wurden die einzelnen Paragraphen des von der Palästinakommission vorgeschlagenen A britsprogramms abgestimmt und angenommen. Es wurde auch beschlossen, eine populäre Geog.aphie samt einer Landkarte Palästinas zu billigem Preis herauszugeben, die neuerschienenen hebräischen Publikationen Palästinas zu verbreiten und mit der Gründung des Hechaiuz-Fonds sofort zu beginnen. Es wurden sofort die ersten Beiträge gesammelt und mit ihnen der Grundstein des Fonds gelegt. In Amerika. Im Zirkular Nr. 6 teilt die Newvorker Verwaltung des „Hechahiz“ mit, daß der Sekretär des „Hechaluz“ in Amerika, der ehemalige Redakteur der „Achduth“ in Jerusalem, Herr J. Ben-Zwi sich von Newyork nach Washington begab, wohin auch die Zentrale des Flechaluz- Ausschusses veriegt wird. Hechaluz-Gruppen bestehen gegenwärtig in Newyork, Milwaukee, Chicago, Cincinnati, Detroit, Minneapolis, St. Paul, Pittsburg, Boston und Washington. Die Gemeindefrage in Rußland Dje Einführung von 4 fleischlosen Tagen hat die jüdischen Gemeinden Rußlands in eine kritische finanzielle Situation versetzt. Mit Ausnahme von Polen und Kurland bestehen in Rußland eigentlich keine legalisierten Jugendgemeinden mit Steuerrechten. Die Gemeindefunktionen werden von den sogenannten Wirtschafts-Vorständen der Synagogenvereine erfüllt. Die Haupteinnahmequelle zur Deckung der Gemeindeausgaben — wie Erhaltung Von Kranken- und Waisenhäusern, Greisenasyien, Bezahlung von Rabbinern usw. — bildete die Steuer auf koscheres Fleisch, die sogenannte Kistensteuer (koropka). Die außerordentliche Einschränkung des Fleischgenusses infolge der fleischlosen Tage und der allgemeinen Teuerung und Verarmung hat diese Einnahme derart vermindert, daß die Juden Rußlands nicht imstande sind, ihre Gemeindeanstalten zu erhalten und ihre Beamten zu bezahlen. Die Situation hat einen geradezu katastrophalen Charakter angenommen. Zwar hat die Steuer so bedeutende Beträge geliefert, daß beträchtliche Fonds für Gemeindezwecke noch zur Verfügung stehen sollten. Aber die Verwalter der Kistensteuer waren die russischen Gouverneure, und das erklärt ihren raschen Verbrauch. Die jüdische Fleischsteuer war für die russische Regierung eine unerschöpfliche Quelle zur Deckung der Ausgaben für Polizei, Gendarmerie und ähnliche staatliche und Gemeinde-Organe, die mit dem jüdischen Gemeindeleben nichts zu tun haben. Nun stehen die jüdischen Gemeinden Rußlands völlig mittellos da. Dje Oeffentlichkeit bespricht darum in der letzten Zeit sehr lebhaft die Frage der'Schaffung bezw. Lega'isierurig der jüdischen Gemeinden (äjmlich wie in Polen) mit dem Rechte der direkten Besteuerung ihrer Mitglieder, um) Tür die hinfällig gewordene Fleischsteuer Ersatz zu finden und die Gemeindeanstalten erhalten zu können. Die Frage wurde auch bei der letzten Konferenz der jüdischen Hilfskomitees in Petersburg diskutiert und die Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung eines Planes der Gemeinde-Organisation beschlossen. Möglicherweise werden die jüdischen Deputierten in der Duma einen Initiativ-Antrag in dieser Sache einbringen. Zahlreiche jüdische Gemeinden appellierten telegraphisch auch an das Ministerium des Innern und verlangten das Eingreifen der Regierung. Dje Stellung des. neuen Ministeriums! des Innern, des Oktobnsten Protopopow in de- Judenfrage ist wahrscheinlich nicht günstig, trotzdem er als Deputierter sich nach der Rückkehr der Reichsduma-Deputation aus England und Frankreich für eine Kursänderung ausgesprochen hat. Die galizischen Verschleppten in Rußland Dje Zahl der nach Rußland verschleppten Einwohner Galiziens dürfte mindestens 30.000 betragen, darunter 20.000 Juden. Die Reise nach dem Bestimmungsort dauert gewöhn ich Wochen, ja sogar mehrere Monate, da die'Mehrheit nach Sibirien gebracht wurde. Sehr viele ‘müßten den ganzen Weg zu FulT zurücklegen. Sie litten furchtbar an Kälte und Hunger, bekamen nichts außer Brot und Tee, oft auch das nicht. So durchzogen sie in Gruppen von hundert und mehr Schicksalsgenossen die verschiedenen russischen Gouvernements, überall Mitgefühl hervorrufend. Zum' „Ausruhen“ waren die russischen Gefängnisse bestimmt, die immer von Verschleppten überfüllt waren, da immer neue Scharen herangetrieben wurden. Die Verbannung von Juden beim Herannahen des Feindes wurde zuerst in dem berüchtigten Befehl des Großfürsten Nikolai von Anfang 1915 angeordnet. Mit dem Wechsel des Oberkommandos im August 1915 wurde die gewaltsame Evakuation hinter der russischen Front eingestellt und im Gegenteil angeordnet, die Juden womöglich in „der Richtung des Feindes durchzustoßen44. Ende 1915 setzte die russische- Regierung eine spezielle Kommission ein mit der Aufgabe, alle Begleitumstände der Massendeportation zu erforschen. Diese Kommission fand Tausende von Personen in den verschiedenen Gefängnissen. Keiner konnte den Grund seiner Verhaftung angeben, es waren gar keine Akten vorhanden, aiis denen man irgend weiche Aufklärung hätte schöpfen können. Ueberall reinste Willkür der russischen Polizei-Organe, die Tausende mit ihrer Existenz, hun'derte sogar mit dem Leben bezahlten. Die Tätigkeit .der Kommission Hatte zur Folge, daß die in den Gefängnissen Schmachtenden befreit wurden. Die Verschleppten wurden dann eingeteilt in Geiseln, administrativ Verschickte und sbTche, bei denen Gruna und Charakler der Verschleppung nicht restgestefft werden Konnte. Geisern wurden aus jeder verlassenen Ortschaft mitgenommen; es weiß aber bis heute kein Mensch in Rußland, wofür diese „Geiseln“ zu haften (haben. Zu den administrativ Verbannten gehören manchmal sämtliche Einwohner eines Städtchens. Im Bestimmungsorte angelangt, werden die Verschleppten der „Obsorge“ der Ortspolizei übergeben, die sie in den meisten Fällen brutal behandelt. Die meisten befinden sich, wie erwähnt, in Sibirien. Wovon sie leben oder ob sie über irgend welche Mittel verfügen, wie sie sich vor der oft 50 Gra,d erreichenden Kälte