Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1916-11-10 · 44 (10.11.1916) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
44 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2438141-2438572-2438615--5023-2444958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 deren Faktoren diktiert wird. Unsere heutige Freude kann daher unsere kühlen Bedenken nicht überwiegen, daß wir der weiteren Gestaltung des Schi.ksales unserer Brüder im' neuen Königreiche nicht mit Sorge gedenken sollten. Allzu starke Störungen sind in den letzten Jahren inden jüdisdi-pojnisdien Beziehungen, besonders in Kongreß-Polen, zutage getreten, dis daß wir ohne'Bedenken-der weiteren Zukunft entgegensehen könnten. Angesichts dieser unfreundlidien Verhältnisse, wie sie durch gewisse polnische Parteien geschaffen wurden, ist es nicht verwunderlich, dab die jüdischen Kreise jetzt ein gemischtes Gefühl beherrscht, daß sie neben der Freude cjne gewisse Unruhe und sogar Furcht vor der neuen Lage empfinden. Die Enttäuschungen, die wir Juden bald hier, bald dort erleben, haben unseren realen Blick geschärft, wir müßten leider lernen, daß wir uns 'mit bloßen Versprechungen, mit den schönsten und besten sogar, nicht begnügen dürfen. Wir glauben zwar absolut, daß das befreite -polnische Volk •im eigensten Interesse seine Beziehungen' zu den 21/2 Millionen jüdischen Bürgern in seinem Lande radikal revidieren wird. Denn zu groß ist die jüdische Minorität imneuen polnischen Königreiche, zu fest ihre handelswirtschaftliche Position und zu notwendig ihre Mitarbeit an der neuen .großen Konsolidierung. Der innere Aufbau Polens in administrativer, finanzieller, militärischer, wjrtsdiaftlicher Beziehung bedarf eines langjährigen, wahren Friedens. Dieser wird 'die ganze Bevölkerung bis auf den letzten Bürger zur angestrengtesten Arbeit für das Wohl des neuen Staates vereinigen müssen. Und das polnische Volk, das von Gereiztheit und vom fremden Drucke befreite und auflebende polnische Volk wird aus seiner unglücklichen Geschichte gelernt haben, wie -gefährlich die ständigen Reibungen und Zwistigkeiten sind und wie notwendig die absolute Einigkeit aller Bürger im neuen Königreich ist, um ihmeine ruhige Entwicklung auf jedem Gebiete zu sichern, deren ein moderner europäischer Staat benötigt. Wir hoffen deswegen auf eine neue polnische Orientierung in der jüdischen Frage, da die gesunde 'Logik und der Selbsterhaltungstrieb des' neuen Polen sie diktieren müssen. Wir selber aber müssen uns nach realen Garantien umschauen. Und nicht bloß nach Garantien auf Grund völkerrechtlicher Kontrakte, wrelche 'bekanntlich für uns von geringem Wert sind, wie der Berliner Vertag in der rumänischen Judentrage bewiesen hat. Jene Zeiten, wo tnän an1 völkerrechtliche Abmachungen naiv geglaubt hat, sind im jetzigen Weltkrieg ein für allemal geschwunden- Wenn. 'mächtige Völker 'sich auf einen geschriebenen Vertrag ihres Verbündeten nicht mehr verlassen können, dürfen wir Juden uns ium so weniger auf derartige Garantien stützen. Die Zentralmädite und das neue polnische Königreich werden lim Interesse sei her sicheren Existenz und {seiner ruhigen Entwicklung sicherlich in der zu schaffenden Ver- , tassung reale Garantien bieten, um den Millionen der jüdischen Bürger das sichere Bewußtsein vollberechtigter /Bürger, imit allen menschlichen und nationalen Rechten, 'zu verschaffen, damit sie all ihre Kräfte dem-neuen Königreiche ruhig und in der Ueberzeugung widmen können, nicht bloß für andere zu arbeiten. Eine (solche reale Gewähr erwarten jetzt auch die Million Juden Galiziens. Diese Million Juden hofft bestimmt, daß die österreichische Regierung mit ihrem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Koerber, dem Freunde der nationalen Autonomie, an der Spitze, endlich mit dem -alten System aufräumt, das die Million galizischen Juden baül als Polen, 'bald als Ruthenen zälilt. Wir galizischen Juden erwarten von der österreichischen Regierung, daß bei der Ausarbeitung des neuen Verwaltungsstatutes des autonomen .Galizien die der ganzen Welt bekannte Tatsache deutlich anerkannt werden wird: daß pämlich in Galizien drei besondere Völker leben: Polen, Ruthenen und Juden, von welchen jeder Stamm sein eigenes nationales Leben führt. Und auch die Juden wünschen endlich die Sicherung ilirbs besonderen nationalen Sicnauslebens in Gesetz und Praxis. Die Forderung nationaler Rechte, die das galizische Judentum in den letzten Jahren bei jeder Gelegenhit an die Regierung gestellt hat, soll endlich berücksichtigt werden, damit der stets zunehmende nationale iKampf in Galizien aufhört und die umsonst verbrauchten Energien der Polen, Ruthenen und Juden voll und ganz in den Dien;; des Landes und der drei besonderen Nationen der galizischen Bevölkerung gestellt werde. Die Zentralmächte haben mit ihren Proklamationen einen Akt der Gerechtigkeit geübri Mögen die verbündeten Monarchen und da; polnische Volk bei der Neuordnung der Verhältnisse auch der Forderungen von zweieinhalb Millionen Juden in Polen und der einen Million Juden in Galizien gedenken, die die Sicherung ihrer vollen 'nationalen Rechte in einer bestim'mten, gesetzlich-bindenden Form1 erwarten.“ Die zionistische Partei in Oesterreich wird . zur Neugestaltung Polens demnächst Stellung nehmen. Ihre erste Aufgabe wird es sein, darüber zu wachen und dahin, zu wirken, daß bei der Neuordnung die Dinge der Juden auf Grund ihrer Volkszugehörigkeit die volle Möglichkeit ihrer politischen und kulturellen Betätigung bewahrt werde. Bodenreform, Judentum und Friedensgedanke*) Von Max Brod; Prag. In seinem' schönen Buche „Bodenreform“; das ich allen Gesinnungsgenossen auf das wärmste zu eingehender Lektüre empfehle, bringt der Vorkämpfer der deutschen Bodeweformeir Damaschke auch, ein Kapitel über M o s e s und s e j n Bodengesetz. Es gehört zu dem Herzlichsten, was ein Nichtjude über jüdisches Wesen erkannt und niedergesdi rieben hat. Nach Damaschke hat Moses mit seiner "roßr.rtigen religiösen Konzeption, die tvon vomherbh den Grund und Boden als „heilig“, als;;Gottesei>cntum“ fesflegt und außerhalb aller Machenschaften des Privategoismus stellt, einen so radikalen Schritt gemacht, daß alle späteren Gesetzgeber, auch die volkliebendsten :und einsichtsvollsten, jhn nicht mehr erreicht haben. Die besten jüdischen Herzen, die Propheten, sina ihm in dieser Anschauung .gefolgt. Jesaja und Jeremia haben gegen die Großgrundbesitzer geeifert. Und Damaschke hebt zu unserer . Genugtuung (in der letzten Auflage der „Bodenreform“) hervor, daß der Zionismus diesen alten jüdischen Gedanken durch die Zweckbestimmung des Nationalfonds, der „unveräußerliches Volkseigentum“ (also niemals uneingeschränktes Privatrecht) schaffen will, neu aufgenommen hat- Dieser Gedankenzusammenhang ist innerhalb des Zionismus selbst noch viel zu wenig bekannt- Wenn beispielsweise Achad Haam in seiner Kritik des Herrischen Zionismus immer wieder darauf hinweist, daß in Herzls Kongreßreden, im Judenstaat“ und in „Altneulanjd“ keine eigentlich spezifisch jüdische Nationalkultür pulsiere, so wäre dieser oft unberechtigten Skepsis gegen¬ *) Aus der der „Kriegslandspende“ gewidmeten Sondernummer von Erez Israel, herausgegebc-n im Aufträge der österreichischen Kommission des Jüd. Nationalfonds, auf die wir in nächster Nummer zurückkommen werden. D. R. Wilnaer Bal-ha-Bessel, köstlich in der Schilderung jenes jüdischen Typus, der fürstlichen Reichtum mit fürstlicher Menschlichkeit vereinigt, Schalom Ascli’s „herrschaftlicher Sabbat“. In Perez’ „Erlebnissen eines jüdischen Statistikers in Polen“ w'erden einerseits durch weltentrückte Geistigkeit, andrerseits durch die Abnormalität des materiellen Lebens bedingte „Luftexisfenzen“ humorvoll beleuchtet Hier reihen sich ältere Dokumente des jüdisch-polnischen Lebens an: Salomon Maimons, des Kantjüngers, temperamentvolles/Urteil über die Moralität dieses Lebens und Jos. Elirlichs Kindheitsmemoiren: „Zwischen /Wei Müttern“. Mehr in das Religiös-Legendenhafte münden z.wej Geschichten Agnons, der unter den jüngsten Schriftstellern am meisten den Stil des chassidischen Lebens und Schriftums zu seinem eigenen gemacht hat. Martin Buber bringt aus dem reichen Sdhatze der chassidischen Ueberlieferung, welche ja in Polen ihre Heimat hat, innige Legenden vom heiligen Rabbi Moische Leib von Sassow. In dieselbe Lebenssphäre gehören die tiefsinnig schlichten Allegorien: “Der Schatzgräber“ und „Die Lebensanweisung“, auch' der interessante Bericht von einem weiblichen Zaddik, den Jungfrauen von Ludomir. Mehr in das Derb-Volkstümliche gehö cn die mannigfachen Anekdoten, Geistergeschichten, Schilderungen von Volksbräuchen usw., teilweise einer älteren volkstüm'iriien Zeitschrift „Am Urquell“ entnommen. Dankenswert ist endlich auch die Schilderung der sjnagogalen Kunst in Polen v. R. Bernstein-Wischnitzer, welcher Abbildungen von fcstungsartigen Stein- und von Holzsynagogen beigegeben sind, welch letztere auch in Deutschland gefunden ive den. U be-h :upt bilden die trefflichen illustrativen Beigaben, unter deren sich Porträts einzelner führender Persönlichkeiten, vom Volke geweihte Stätten, künstlerische Reproduktionen (Gottlieb, .Hirschenberg) befinden, einen willkommenen Schmuck des kleinen Buches, dem eine volkstümliche Verbreitung gewünscht sei; E. M. Literarische Nachrichten Unser Brude'blatt jn Prag, die „Selbstweh r“, kündigt Für den Dezember'das Erscheinen einer Sam'melsdirift „D as Jüdische Prag“ an. Unter den Mitarbeitern werden: Buber, Paquet, Prof. Wilhelm Jerusalem1, Pernerstorfer, Hermann Bahr,- Albert Ehrensteii, Mathias Acher, Paul Leppin, Brod, Felix Slössinger, Werfel, Friedrich Adler, Hugo Salus, Oskar Baum u.'. v. a. genannt. Vorausbeste!hingen sind an die „Selb.stwehr“ zu richten. Preis etwa K 2.50. über, die sich' bei vielen Ostjuden zeigt, darauf zu verwaisen,' daß unsere jüdische Nationalidee sich durchaus nicht in ihrer sprachlichen. Form (dem Hebräischen); in ihrer Tradition und Geschichte und dergl. vollständig erschöpft, sondern daß die Erneuerung eines so ursprünglich jüdischen Gedankens, .wie es die mosaische Bodenbefreiung ist, durch den modernen Nationalfond und die Oppenheimerischen Genossenschatten auch mit zum Wesen einer'„jüdischen Kultur“ gehört. Wie Herzl leider die rein -geistige Eigenart des Judentums vernachlässigt hat, so legt meines Erachtens Achad Haam viel zu wenig pewicht auf »die soziale Eigenart der jüdischen Volksseele, die seit jeher, zu besonderen Kulturtaten demokratischer Prägung geführt hat, so auch zum westlichen Kongreßzionismus mit seinem Nationalfond. Ein integraler Zionismus wird geistige Vertiefung und soziale Verbreiterung gleichzeitig ins Werk zu setzen haben. Damaschke hat. neuerdings durch sein Büchlein j,,Der Weltkrieg als Erzieher zum Staatsbürger“ auf die Bedeutung der Bodenreform hingewriesen, (indem er darlegt, wrie die Versündigung gegen Hauptgrundsätze der Bodenreform (so zum Beispiel die Stolypinsche sogenannte „Bauernbefreiung in Rußland) dazu beigetragen hat, die ungesunde Spannung in Europa und die wiifschäftlichen Expansionsnotwendigkeiten aller Staaten zu erhöhen und damit den Krieg herbeizuführen. Statt rationelle Ausnützung des Heimatbodens allenfalls aut Kosten der bevorrechteten Klassen zu bewirken, haben mehrere Staaten z. B. Rußland den Allgemeinbesitz a* Grund und Boden geschmälert, gebundene Bauern zum Verkauf ihrer vorher unveräußerlichen Besitzanteile veranlaßt, dadurch in die Städte getrieben und diem Großkapital als Ausbeiitungsöbjekt zur Verfügung gestellt. Der alte legitime. „Landhunger“ des Volkes jedoch wurde auf Eroberung ausländischer Gebiete hingewiesen. Eben dahin drängte das Exportbedürfnis der ansdhwellendeni Industrie. Innerhalb der Staaten, die einander 'mute wegen einiger Quadratmeilen blutig zer- . fleischen, w-ären aut dem friedlichen Wege einer Bodenbesitzreform (noch ganze Königreiche zu erobern, wrie Damaschke nachweist- So sehen wir. in der Durchführung der Bodenreform eines der besten Mittel zur Befreiung der natürlichen Volksbedürfni:se, damit aber auch — zur Verhindern ng zukünftiger Kriege. Kennern der jüdischen Literatur, insbesondere der Propheten und des Talmud, brauche ich nicht erst zu beweisen, daß auch die „Vision des ewigen Friedens“ eine der tiefsten Schöpfungen der jüdischen Volksseele ist. Indem wir also—für die Kriegslandspende arbeiten, bew'egen wir uns in doppelter Hinsicht,- ,in echt jüdischen nationalen Ideengängen: wir diesen damit dem Bodenbefreiungsideal von Mosche Rasbeni und dem Völker-Friedensideal des Jesaja. ’ ■ Es ist aber auch -■ och. aus einem anderen Grunde für uns Natioia’i/iden lebenswichtig, gerade w'ähreiid des Krieges diese Art des Nationalismus, also Nationalismus in seinen menschlichsten, ' reinsten Form zu pflegen. Verhehlen wir uns doch das .eile nicht und machen wir cs uns möglichst gründ'ich klar: daß -dieser Weltkrieg die Gefahren de; Nationalismus, der nach einem ahnungsvollen Worte Grillparzers „durch Natonalität izur Bestialität“ .führt, erstli "eckend deutlich aufz'rigt. Unser jü ’I rlmr -Naric alismus -darf nun und nimmer ein Narionaiismus nach Art der „Völker“ sein, er darf niemals einen chauvinistischen, staats egoistisch-n, kalten, kaltblütig mordenden Zug in sein edies Gesidht aufnehmen. Die Zahl der Völker und Staaten heutigen Zuschnittes um eine Nummer zu vermehren, das wäre kein würdiges Ziel für jahrtauecndlange Leiden und Anspannungen. Seien wir ein- „außerwähltes Volk“ in dem Sinne, daß wir uns ein allerhöchstes Ziel setzen; die Gründung einer Gesellschaft, in der das gesellschaftliche (National-) Interesse mit den höchsten Interessen der Menschheit harmoniert. Dieses Ziel duldet kein vorläufiges Zwicchenziel in dem Sinne, daß man etwa sagtewir Wollen zunächst Erez Israel schlecht und recht mit Juden besiedeln, nachher wollen wir sehen, wie wir unser Menschheitsideal erreichen. Nein, von vornherein muß unsere Kolonisationsarbeit trolz ihres ungeheuer schwierigen Standes, der zu Kompromissen förm’ich einlädt, das Ideal einer übervolklichen, einer 'musterstaatlichen Gerechtigkeit, himmelweit ' entfernt vom landläufigen Patriotismus, der oft nur Stiaätsegoismus ist, geradenwegs anstrebeh. Eine Handhabe hiezu bietet uns die Bodenreform. Neben der „Erneuerung der Herzen“, also der Wiederaufridifung jüdischer Religiosität läuft sie einher, doch nicht ganz abgetrennt von ihr, sondern in sie eingreifend und in ihrer höchsten (Form auf ihr beruhend. Ein Gemeinwesen auf bodenreformerischer Grundlage,^wie es die Kriegslandspe.ide .schaffen will, würde. zu Konflikten' mit fremden Gemeinwesen wie zu inneren. Klassenkämpfen weit seltener Anlaß bieten als der heutige Macht- und Imperiumstaat,;der wolil auf der Nation, aber auf der Nation in ihrem schlackenhaften Zustand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.