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Jüdische Zeitung · 1916-11-10 · 44 (10.11.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
44 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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rnmmi -jüdisches grern sggg Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Snrtftn Prcrhpm! WndlMttltcll. Redaktion. Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, Zirkuagaase Nr. 33. — Sprechstund Nr. 44 Wien, Freitag, den 10. November 1916 — 14. Cheschwan 5677 X- Jahrgang Polens Erneuerung Am 5. November wurde folgendes Mani'est in den Generalgouvernements von Warschau und .Lublin verkündigt: Seine Majestät der Deutsche Kaiser und Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich und Apostolischer König von Ungarn, getragen von dein festen Vertrauen auf deig endgültigen Sieg ihrer Waffen und dem Wunsche geleitet, die von ihren tapferen Heeren mit schweren Opfern der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebiete einer glücklichen Zukunft entgegenzüführen, sind dahin übereingekommen, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie ' und konstitutioneller Verfassung zu bilden. Die genauere Bestimmung der Grenzen des Königreichs Polen bleibt Vorbehalten. Das neue Königreich wird im Anschluß an die beiden Verbündeten Mächte die Bürgschaften finden, deren es zur freien Entfaltung seiner Kräfte bedarf. In einer eigenen Armee sollen die ruhmvollen UeberlLefemwgen.. der polnischen Heere früherer Zeiten und die Erinnerung an die tapferen polnjsdien Mitstreiter in dem' großen Kriege der Gegenwart fortleben. Ihre' Organisation, Ausbildung und Führung wird in gemeinsamem .Einvernehmen geregelt werden. Die verbündeten Monarchen geben sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, daß sich die Wünsche nadi staatlicher und nationaler Entwicklung des Königreichs Polen nunmehr unter gebotener- Rücksichtnahme auf die allgemeinen politischen Verhältnisse Europas und auf die Wohlfahrt und Sicherheit ihrer eigenen Länder und Völker erfüllen werden. Die großen westlichen Nachbarmächte des Königreichs Polen aber werden an ihrer. Ostgrenze einen freien, glücklichen und seines nationalen Lebens frohen Staat mit Freuden neu erstehen und auFolühen sehen. Gleichzeitig erfolgte ein Handschreiben des Kaisers Franz Josef an den Ministerpräsidenten v. Koerber: Im Sinne der von Mir mit Seiner Majestät dem deutschen Kaiser getroffenen Vereinbarungen wird aus dem voni Unseren tapferen Heeren der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebieten ein selbständiger Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung gebildet werden. Bet diesem Anlasse gedenke Ich bewegten Herzens vieler Beweise der Hingebung und Treue, die [ch im Laufe Meiner Regierung seitens des Landes Galizien erfahren habe, sowie der großen und schweren. Opfer, 'die dieses Land im gegenwärtigen Kriege, dem heftigsten feindlichen Anprall ausgesetzf, im- Interesse der siegreichen Verteidigung deöstlichen Reichsgrenzen zu bringen hatte und! die ihm1 den dauernden Anspruch auf Meine' wärmste väterliche Fürsorge sichern. Es ist daher Mein Wille, in dem Augenb!i:kc, in welchem1 der neue Staat zur Entstehung gelangt; Hand in Hand mit die». - Entwicklung, auch den» Lande Galizien das Recht zu verleihen, seine Landesangelegenheiten bis zumvollen Maße dessen, was mit seiner Zugehörigkeit zur staatlichen Gesamtheit und mit deren Gedeihen im Einklänge steht, vollständig zu ordnen und damit der Bevölkerung Galiziens die Gewähr ihrer nationalen und wirtschaftlichen Entfaltung zu bieten. Indem Ich Ihnen diese Meine Absicht kund- I tue, beauftrage Ich Sje, zu ihrer gesetzmäßigen Verwi-klichimg geeignete Vorschläge auszuarbeiten' und Mir vorzulegen. Unser Lembe.ger Bruderblatt, ,,Lemberger Tagblatt“, äußert sich über die Hoffnungen, die die Juden von diesen geschichtlichen TatsaCnen hegen dürfen, in einemausführlichen Artikel, den wir auszugsweise folgen lassen: „Von heute an ist also die Bezeichnung Königreich Polen kein leeres Wort mehr, keine bloße historische Erinnerung eines Volkes, das einst selbständig und frei war, und das seit 1772 sichnach seiner Unabhängigkeit und dem Aufleben. der altneuen Freiheit sq tief und stark gesehnt hat. Nach 1-14 Jahren ist das polnische Königreich wieder ein lebendiger Begriff mit Form und Inhalt. Das Deutsche Reich und Oesterreich-Ungarn haben schon dadurch die Frage dieses blutigen Völkerkrieges zur Hälfte gelöst. Sie haben ein geknechtetes Volk befreit und sind dadurch die Exekutoren der historischen Gerechtigkeit. Wieder wird ein polnischer Staat, ein freies, glückliches polhijches Volk leben! Und wir Juden, die das Los eines Volkes ohne Heimat stärker und tiefer als jedes andere Volk der Welt empfinden, wir Zionisten, in deren Herzen das Streben zur Freiheit, zur eigenen jüdischen Freiheit auf dem alten jüdischen Boden lebt, in deren Innern die tiefste Sehnsucht nach nationaler Erlösung brennt — wir Juden und Zionisten begreifen die Freude des polnischen Volkes an dem heutigen, historischen Tag tiefer und stärker als die übrigen Freunde Porens. Wir freuen uns aber mit dem heutigen hellen. Tage der neuen polnischen Geschichte auch deswegen, weil gleichzeitig mit dem freien polnischen Königreiche auch zwei Millionen unserer jüdischen Brüder endgültig vom' russischen Joch befreit wurden . . . Sicherlich ist auch dies Ursache genug, dab wir uns an der heutigen großen Freude des polnischen Volkes beteiligen, mit dessen Geschichte und mit dessen Schicksal die Geschichte und d is Schicksal! eines großen Teiles des jüdischen Volkes eng verknüpft ist. So sehr aber wir uns mitfreuen mögen, dürfen wir Juden nicht vergessen, daß neben den Freiheitsbestrebungen und sonstigen Idealen in der Welt urid im Leben der Völker die greifbare Wirklichkeit besteht, die oft von ani „Das Buch von den | polnischen Juden“ j Zu den erstarrten Meinungsgebilden, welche | der Sturmwind des Krieges zerbrochen hat, gehört auch der „polnische Jude“. Ob die Get sinnung jgegen ihn, bei NiChtjuden und Juden, f. sich geändert oder nicht — man konnte und | kann nirgends mehr, bei den gewaltigen SchiCkj salsproblemen, in denen er, ob auch nur leidend, mi^en drinnen steht, an seiner Wirklichkeit vorbeisehen — selbst das Vorurteil mub zumindest : zu ernsten Urteilen sich formen. Für -uns ist die prinzipielle Stellungnahme zu diesem „Problem“ nicht so wesentlich. Ob wir auch für die Gebrechen des Lebens, die gegenwärtig bei diesen unseren B-‘ädern zu finden sind, nicht1 blind uns zeigeu, dieses Leben selbst spricht von innen «und nicht bloß von außen zu uns. Uns geht es um einen Großteil unserer Volksmasse, um1 ejaen Teil der östlichen, um einen Teil der Judenheit überhaupt, dessen Glied wir auCh selber sind. Darum müssen \vir am allermeisten .fehlgehen, wenn nicht einmal wir dieses Leben von innen heraus zu begreifen suchen, es über -die Forderungen des Augenblicks in die historische Perspektive, welche auch die i n ne re Entwicklung in sich schließt, leinstellen. Ansätze hiefür sind in der zionistischen Literatur, nicht zuletzt in der verheißungsvollen Zeitschrift: „Der Jude“ mehrfach zu finden. Keine irgendwie umfassend--Pa-Stellung, aber gleichfalls einen Ansatz zu einem innerlichen Verständnis des polnischen \Lebenls bietet das inmitten der Diskussionen über das politische Problem im Jüdischen Verlag erschienene „Buch von den polnischen Juden“. Denn wenn uns auch durch die ostjüdische schöne Literatur, durch1 einen Perez, Asch, Dienesohn, diese Welt nahe gerückt war, so lag es wohl in der Tendenz dieses Buches, zunächst einmal aus dem reicheren, Umfassenderen „ostjüdischen“ überhaupt das polnisch-jüdische Milieu herauszusondern, andrerseits dieses, über das Literarische hinaus, in einem gewissen Gesamtbilde hinzustellen, in welchem Vergangenheit und Gegenwart sich beide ineinander spiegeln. Seine ganz besonders gelungene Stileinheitlichkeit verdankt das iBuch wohl dem ' Umstand, dab zwei intime Kenner, selbst Kinder dieses Milieus, die Herausgeber sind. In natürlicher Weise gliedert sich der Stoff nach mehr historischer, literarischer und religiös-volkskundlicher Richtung. Das Historische erscheint allerdings mehr aphoristisch in Form volkstümlicher Ueberlieferungen und einiger urkundlicher Auszüge. Wer sich über die Geschichte \Ues polnischen Judentums als solche in großen Zügen orientieren will, kann dies an der Hand der unlängst erschienenen, sehr übersichtlichen „Geschichte der Juden im Zarentume Polen“, von Josef Meisl. Hier finden wir nur Ueberlieferungen von der Einwanderung der Juden im frühesten Mittelalter, welche bereits jüdische Ansiedler vorgefunden hätten, Einzelheiten aus dem verheerenden Kosakenaufstand und den in Polen heimischen inessianistischen Bewegungen, ferner Auszüge aus gesetzlichen Beschränkungen der Juden und Verfügungen aus „eigenem •'Recht“, womit die polnische Judenheit wie in keinem anderen Lande ihr eigenes inneres Leben regelte. Bei der immer wachsenden Abhängigkeit der Juden von den einzelnen Edelleuten, welche das Gefühl für Menschenwürde immer mehr lockerte und zugleich eine gewisse Verehrung auch der jüdischen „Großen“ jheranzüchtete, klammerte sich das Volk an Sagen wie die von der polnischen Esther, der jüdischen Gemahlin Kasimirs des Großen, und andere Ueberlieferungen von besonderenErhöhungen einzelner Juden, wovon die Geschichte: „Wie Rabbi Schaul Wahl König von Polen wurde“ und das Martyrium des Apostaten aus dem Geschlechte der Potocki ihren Wiederklang hier gefunden haben. Seinen treuen Abdruck findet das innere Leben des polnischen Juden in dem literarischen Teil: Perez, Dienesohn, Schalom Asch, Sokolow, Frischmann sind hier vertreten. Rührend in ihrer Art ist besonders Dienesohns Geschichte vom

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