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Jüdische Zeitung · 1916-11-03 · 43 (3.11.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
43 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG __' Nr. 43 sich n i c h t gerade für verpflichtet halten, den englischen Lorkungen dieOhren zuiversclilicßen. Der idi.ri.sche Botschafter in Washington würde gewiß geneigt sein, ein Privatissimum über die vorliegende Frage denen zu halten, die mehr darüber zu wissen wünschen.“ Die Bemühungen des Herrn Scheide m a n n und seiner Genossen sind gewiß dankenswert, denn sie entspringen den besten Absichten. Aber nützlich sind sie nicht. Mit der Opposition gegen die Zählung der in Kriegsgesellschaften und hinter der Front beschäftigten Juden erweist man dem Judentum nur einen Bärendienst, man entfesselt nur ein Geschrei darüber, daß man jüdische Lumpereien verstecken will. Wir verlangen die Zählung der vom Militärdienst enthobenen Juden und die Feststellung dos Verhältnisses zur Gesamtheit. .(Wir Verlangen, daß diese Zählung gerecht vorgenommen werde und alle Zweige der Verwaltung umfasse. Dem Resultate sehen wir sehr ruhig entgegen. Nicht wir sind es, die eine ehrliche, yon der Regierung geleitete und der Oeffentlichkeit kontrollierte Feststellung zu scheuen haben, sondern diejenigen, die unter den Augen der Behörde erlogene Statistiken aufstellen und sich in den niedrigsten Verleumdungen ver-, gehen. Ein Beispiel, wie es jetzt gemacht \yird, bietet eine „statistische“ Zusammenstellung, die sich vor wenigen Tagen die „Ostdeutsche Rundschau“, das Organ des Deutschen Nationalverbandes, geleistet hat. Sie brachte die Zahl der österreichischen Abgeordneten, welche im Felde Stehen, und zwar nach Parteien geordnet. 14m Schlüsse der Tabelle stand: Vo n den Zionisten keiner. Daß im Abgeordnetenhaus nur ein^Mann si + zt. der sich zum zionistischen Programme bekennt, und dieser einzige Abgeordnete im 63 Lebensjahre steht, hat der ehrliche Germane verschwiegen. In demselben Blatte war auch berichtet, daß die jüdischen Soldaten „unter dem besonderen Schutze Jehovas zu stehen scheinen“, nachdem /lange nicht soviel gefallen seien, als der Verhältniszahl entsprechen würde. Die Behauptung wird auch durch Zahlen gestützt. Woher diese Zahlen stammen ist allerdings nicht angegeben. Wir verlangen die Zählung. Wenn die'Armeeverwaltung und die Regierung sich vor der Anklage schützen wollen, daß sie es ruhig geduldet haben, wie man die kämpfenden und gefallenen iüdischen Soldaten, das ganze jüdische Volk in Oesterreich besudelt, dann muß unserer Forderung entsprochen werden. BF":' .. Sammelt für das Palästinahilfswerk für die Kolonien! ---.. Dr. Magnes in Europa Dr. J. L. Magnes weiite als Delegierter des American jewish Relief Comitee Montag, den 1-6. Oktober i016. von '10 Uhr yorni'i'- iags bis 0 Uhr abends in Wien. Mit dem Nadifzuge verließ er Wi-n, begab sich nach Berlin, von dort ans unternahm er einige Tage später die Rückreise nach New-York. Als wir Vor vielen Wochen davon erfuhren, daß die jüdisch-amerikanischen Organiationen einen Delegierten nach Europa entsenden würden, damit er in die materielle Notlage der Judenschaft in den Kriegsstaatei Einsicht nähme, freuten wir uns, denn wir versprachen uns davon die notwendige Regelung der Verhältnis.-;'* und eine kräftige Abhilfe der schrecklichen wi-fschaftiidicn Lage, in der sich die Judenschalt befindet. Unsere Freude war leider voükcmtncn unbegründet. Wir glaubten, daß Dr. Magnes narb Wien kommen "und liier mindestens einige» Wochen bleiben würde, um sich mit den Vertretern aller größeren Richtungen im 'Judentum in Verbindung zu setzen, ihre Wünsche entgegenzimehmen und, sofern sie begründet wären, ihnen Rechnung zu tragen. Er hätte auch' die 'Pflicht gehabt, mit den Massen in Eerührtmg zu treten. Auch das Flüchtlingswesen sollte er kennen lernen, konzentrauonsiager und 'Baracken aufsueben. Nach genauem Einblick in die Verhältnisse hätte er sich, ein Bild über die Gesamtsituation schaffen, seinen Mandanten darüber einen eingehenden Bericht erstatten und Vorschläge zur Lindenvv der materiellen Not unterbreiten können. Nich's davon ist leider geschehen. Herr Magnes verbrachte einige Stunden im Hotel Matschackerhof im Kreise einiger Wortführe' des offiziellen Judentums Wiens, widmete dann einigeweitere Stunden der Erledigung seiner Paßangeiegenheit und verließ Wien. Diese Enttäuschung rief eine große LTnzufriedenheii unter 'den Vertretern der Judenschaft und unter den breiten Massen des Volkes hervor. Wir halten es für unwahrscheinlich, daß der einzige Delegierte, der über den Ozean nach Europa kam, nicht den Auftrag übernommen hätte, die materielle Lage der Judenschaft genau zu studieren. Welchen Zweck hätte sonst eine mühsehge. schwere, in jetziger Zeit nicht einmal ganz sichere Reise über den Ozean? Das alles ist nicht geschehen. Wir bedauern, drücken 7m Namen der bilfsbedü-f'igen jüdischen Bevölkerung uns"-e Unzufriedenheit aus und erfäuben uns den Wunsch, daß andere De'ehjerte aus Ame'ika ihre Aufgabe besser erfüllen mögen als ihr Vorgänger. Die materielle’ Lage des Judentums ist schreck'idi. Ihr Studium erfordert ziem’ich viel Zeit, einen starken Willen und ei-e große Summe- Geld, die nur dann Wirkung haben wird, wenn sie großzügig und planmäßig verteilt wird. Jede andere .Art der Erledigung ist eine Fe'bVtäuschung. In letzter Stunde appellieren wir an die maßgebenden Vertreter der Judenschaft Amerikas, der einzigen zahlreichen Gruppe von Juden, 'die durch den Krieg nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde, und fördern mehr Verständnis für die schwere und ernste Lage dejüdischen Massen. (Vgi. hierzu die Pre-sestimtn’ u auf S. 3.\ Aus der jüdischen Presse Zu dem in unserem heutigen Leitartikel behandelten Thema der konfessionellen Kricgsstrtistik wollen wir zwei Pressestimmen, eine die unseren Standpunkt einnimmt, eine andere, die sich dagegen ausspricht, wiedergeben. Robert Maximilian schreibt in Nr. 4? von Dr. „Bi oclts Wochenschrift“: „Wir begrüßen diesen Beschluß! Wir wünschen ihn nicht nur ausgedehnt auf eine konfess'n-alle Statistik aller vom Militärdienste Enhöbeir. n überhaupt, sondern wir österreichischen Juden wünschen dringendst und sehnlidist, daß auch endlich in Oesterreich von amtswegen statistisch die konfessionelle Zugehörigkeit aller vom Kriegsdienste Enthobenen ermittelt werde. Wir gehen soweit, um unseren hämischen Widersachern jede Gelegenheit zu einem „Aha!“ vorweg zu nehmen, zu sagen, daß wir mit einer Statistik, die lediglich die Gesamtzahl a'ler Enthobenen ohne Unterschied der Beru/szugehörigkeif0 enthält,- absolut nicht zufrieden wären. Wir verlan-fen-vielmehr, vor aller Oeffentiichkeit «De Statistik', berufsweis..' geschieden und innerha'b jeder Berufsgruppe die konfessionelle Zugehörigkeit der Enthobenen ermittelt . . . Es ist ja überhaupt unbegreiflich, daß unsere Behörden diese offen und Versteckt herumgc'.rsgencn Verleumdungen von der Drückebergerei de: Juden widerspruchslos dulden. Bestände eine solche, dann träfe ja der Vorwurf weit m.hr als die Juden selbst ehen -diese Behörden, ohne deren Duldung ja eine solche, freilich r^ar nicht existierende Drückebergerei nicht möglich wäre. Also ium des Ansehens unserer Zivil- und Militärbehörden willen und schließlich auch, weil die Staatsverwaltung er der österreichischen zutiefst patriotischen, für ihren Patriotismus die sd-\v"fslen Opfer bVingtndcn Judenschaft schuldig ist, muß eine solch: amtliche Statistik dri-.- iri und energisch gefordert werden, denn wir Juden wollen nicht für alle unsere Opfer und Leiden auch' noch den schmachvollen Vorwurf auf uns wälzen lassen, samt uni sonders Drückeberger zu sein. Das mir aller Energie abzuwehren, sind wir nicht nur uns, sondern in erster - Reihe den Abertausenden Juden scY’’ ’i~. die für ihr Vaterland draußen auf den Schl iditfelJe n ihr Leben ließe". Es wird Aufgabe unserer jüdischen Presse, der jüdischen Organisationen und der Kultusgemeinden sein, diese Statistik zin ständigenorts unablässig bis zum Erfolg zu fordern.“ Dr. Max M a 5' c r in der „J ü d i s c h e n Rundschau“, glaubt dagegen die Erbg'bimg der in den Kriersgrsellschaftc" heschäfti-ü'-n Juden ablehnen zu müssen: ,,Ma 1 ha' in letzter Zeit viel von dem schädlichen Einfluß gesprochen, iden das Bündnis der Weslmäclite mit Rußland auf die Lage der Juden dieser Länder hatte. Die französische und englische Regierung hat. so konstatierten auch konservative und klerikale deutsche Blätter Geht ohne verurteilenden Hinweis auf die sch’immen Wirkungen der russischen Reaktion, dem Drucke Petersburgs nachgc-geben und den AntiSnni ei beider Länder freiere Hand gegeben. Dieses russischen Druckes scheinen die Antisemiten Deutschlands nicht bedurft zu haben, um die deutschen Juden durch eine Maßnahme an den Scha.ndpfahl zu stellen, die selbst russischen Jude“hc'z~rn a’le Ehre machen würde. Die von der Budget-Kommission des deutschen Reichstages beschlossene Statistik s'eilt mit manch eg russischen Armeebefehlen in ei w: Reihe, über die die-gesamte deutsche Presse, auch die konservative un klerikale, seinerzeit den Stab brach. Ueber den russischen Geheimbcfeh'. die russischen -Soldaten sollten die Haltung ihrer jüdischen Mitkämpfer genaucstens- .beobachten und darüber zu statistischen Zwecken Auskunft geben, herrschte im deutschen: Blätterwald rur eine Stimme der Entrüstung. So sehr es die deutschen Juden unter ihrer Würde halten sollten, sich gegen die antisemitische Insinuation, es -gäbe eine spezifisch .,>üdr-h.c Drückebergerei“, zu rechtfertig-“-. s-S -ehr haben sie die Pflicht, gegen diese „Zahlung“ zu protestieren. Sie ist eine ungeheuerliche“ Verletzung der Ehre und der bürgerlichen Gleichstellung des deutschen Judentums.“ Uebrigens wird der famose Kommissionsabschluß 'dadurch hinfälligdaß er, wie reichsdcutsChe Blätter melden, im Plenum gar nicht zur Sprache kommen wird, da die Antragsteller, durch den Entrüstungssturm und den gefährdeten „Burgfrieden“ bewogen, den Rückzug antraten. # Frau Feige, D vid Wolffsohns Mutter , „Meine .Mutter war eine sehr kluge Frau, sie war sehr stolz auf ihre Abkunft, ihren „Jcliuss*' und sprach, stets von den Ihrigen, besonders vom ihrem Grossvater, Rabbi Leibele Saliras, der ein rei-, eher, angesehener und gelehrter Mann war . . . .“ (Aus Aufzeichnungen David Wolffsohns.) David Wolffsohns Mutter, Feige, war eine schlichte, aber sehr kluge Frau, und ihr Sohn hat bis -an sein' Lebensende manche ihrer Aussprüche, die von ihrer Seelengüte und ihre'- p-aktisclien Klugheit zeugen, im Munde geführt. Ihre Vorfahren waren jüdische Gelehrte, und mancher von ihnen dürfte es auch z m Wohlstand gebracht haben. Sie pflegte ihrem Sohn besonders viel von ihrem Grossvater R. Leib Sahras, zu erzählen. Zu den frühesten Erinnerungen Wolffsohns gehört eine Szene, die er immer wieder mit -dem Schimmer eines seligen Wiedererlebens in seinen Zügen schilderte: Er sitzt als kleines Kind mit seiner Mutter in einem Wagt 11. Der Weg führt durch ein Städtchen. Die 'Mutter läßt anhalten, nimmt ihn bei der Hand und führt ihn in ein Betbaus. Dort zeigt sie dein Kinde Hängeleuchter und andere liei'ige Utensilien und sagt zu ihm: „Dies alles, mein Kind, 'hat der Großvater gestiftet, und hier hat er gebetet und gelernt.“' Sie blieben lange Hort. . 'Eilig kehrten sie dann zur Fuhre zurück,' und den ganzen Weg entlang erzählte die Mutter vom Großvater, seiner Frömmigkeit und seinem wohl-' tätigen Sinn. In seinen Erinnerungen an die erste schwere Zeit, die David Wolffsoltn in der Fremde zugebracht, schreibt er: Als ich abreisen sollte, fehlte mir das Notwendigste und auch die Rehekcslen-. . . Lieber Hungers sterben als von irgend jemand etwas geschenkt erlia'ten, war mein Gedanke *. . . Diesen vornehm-stolzen Zug in seinem Charakter hat er von seiner Mutter. ..Lieber hungern als die Güte der Menschen in .Anspruch nehmen“ war auCh ihr Wahlspruch, dem sie oft unter den schwersten -Opfern nadilcbte. Denn David Wolffsohn kannte in seinem Elternhaus! Tage bitterster Not. Er war noch Kind, als in ihrem Städtchen eine Hungersnot ausbrach. Wie es in jenen Tagen Brauch war, schickten die Juden aus de,- Umgegend, was sie konnten, an Unterstützung. Auf offener Straße wurden Kartoffeln und andere Lebensmittel verteilt. Die Familie Wolffsohn nahm von diesen Unterstüzzungen nichts an. Das duldete ihr Stolz ri hi. Einmal aber .wankte die Charakterfestigkeit des - Vaters. Es was vor Pessach und Rabbi Eisik ließ sich herbei, eine ihm angebotene Unterstützung von der Gemeinde,, , ,Mo:uis-Ci’ittin“ - Wei.zengeld, für die ungesäuerten Brote anziir nehmen. Er brack'e das Geld nach Hause und übergab es seiner Frau. Die Mutter David Wolffsoli.ns, die nie ein unehrerbietiges Wort gegen ihren Mann üfrer ihre“ Lippen brachte, 'überschüttete ihn nm unter heftigem Schluchzen mit bitteren Vorwürfen. Rabbi Eisik wagte nichts zu entgegnen. Zerknirscht nahm er das Geld und tu t es den' Spendern zurück. „Ich“ — so schreib! Wolffsohn in seinen Memoiren — „habe auch nie etwas verlangen können, und darin liegt' vielleicht mein er-

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