Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 43 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Imerateaaufnahme: Wien, 11- Zirkusgaase Nr. 33. — Sprechstund 7 täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zu dickgestellt. — Abonnement tspr eise: Für Oesterreieh-Ungam: Ganziäir. K 10.—,- halbjähr. K 5 —, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: GanzjShr. Mk. 10.—, halbj3br. Mk. 5.—, vierteljSir. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Gamcjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — .Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 43 Wien, Freitag, den 3. November 1916 — 7. Cheschwan 5677 X. Jahrgang Jüdische Drückeberger Das Gerede von der Drücke bergerei der Juden, von ihrer Kunstfertigkeit, andere für sidh’ bluten zu lassen, um fern vom Sdhüß Profit machen zu können, hat endlich seinen offiziellen Ausdruck gefunden. Am 19. Oktober hat der Reichshaushaltsaus -ehuß (Budgetausschuß) des Deutschen Parlamentes mit 'überwältigender Majorität den Antrag des konservativen Abgeordneten v. Gamp angenommen, 'daß eine konfessionel- 1 e Statistik der in den Kriegsgesellschaften beschäftigten Personen zu erstellen {sei. Auch1 [die nationalliberalen Vertreter haben dafür gestimmt. Der Regierungsvertreter hat sich gegen die Annahme ausgesprochen. Dieses Vorgehen des Budgetaussdhusses hat in einem Teil der freisinnigen und sozialdemokratischen Presse Proteste, her vprgerufen. Der Inhalt der bezüglichen 'unzähligen Artikel erscheint durch1 die nachfolgenden, dem Berliner „Vorwärts“ entnommenen Ausführungen am besten charakterisiert. Der Abgeordnete Scheidemann schreibt über den Beschluß: „Daß er überhaupt gefaßt werden konnte (trotzdem1 die Regierung sich dagegen verwahrte. D. Red. des „Vorwärts“), ist ein interessantes Symptom. Schon jetzt zeigt sich ganz deutlich, daß nach dem Kriege zwei "große Richtungen um die Herrschaftim‘ Innern kämpfen werden: eine entschieden f r c i h e i 11 i ch e Richtung, die in der Hauptsache von demmodernen, freien und vorurteilslosen Geist der Arb iterklasse getragen sein wird, und eine reaktionär dein agogisch-nationalistische Richtung, die dann naturgemäß auch a n t i sein-it.se h sein Wuß, -und .deren ausgesprochen judenfeindliche 'Färbung, sich jetzt schon bemerkbar macht. Im Kampf gegen politische Privilegien und Kapitalherrschaft würde die Arbeiterbewegung sehr rasch unwiderstehliche Macht gewinnen, wenn es ihren Gegnern nicht rechtzeitig gelänge, die weniger aufgeklärten Massen der Bevölkerung von der allgemeinen Bewegung abzuzwingen, sie von den eigentlichen Kampfzielen auf bloße Sch;einziele abzuleriken und dadurch ungefährlich.,^11 machen. Diesem Zweck dient d ie antisemitische Bewegung, die -sich an allen 'Ecken 'und Enden hervorwagt und die in dem 'erwähnen Beschluß der Budgetkommission überraschend früh ihren •ersten prinzipiellen Sieg verzeichnen;;,darf. Jener Beschluß ist im höchsten Grade parteiisch. Wenn 'man schon Juden zählen w i 11, so soll man sie doch nicht nur in den Kriegsgesellschaften zählen, sondern auch in den Reihen der Kriegsfreiwilligen und in den Gräbern draußen an der Frojjt! Man soll sie überall 'zählen, wo sie im Leben der Nation Tüchtiges geleistet und Verdienstvolles geschaffen haben, .nicht aber nur Hört, wo man Material zu finden hofft, um si€ ungerechterweise in Bausch und Bogen zu verdanfmen.“ Weiter veröffentlicht der „Vorwärts“ -am1 25. Oktober 1916 die Zuschrift eines Deutschamerikaners, welcher nicht der Partei ang-ehört: „Den Protest des Herrn Abg. Scheidernann habe ich mit .großetrt Interesse gelesen. Da der Verfasser die Angelegenheit nur vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus und in Rücksicht auf die innere Entwicklung Deutschlands betrachtet, gestatten sie wohl einem Bürger der Vereinigten Staaten, der deutscher Abstammung ist und der sein Deutschtum — freilich ohne Chauvinismus — stets in Ehren gehalten hat, die Angelegenheit auch unter internationalem Ges'ichts- Punkt mit ein paar Worten zu beleuchten. Wer jabrzehnte’ar.g sich in. der Welt umgesehen hat, und zwar nicht nur in den Vereinigten Staaten, der wußte auch vor AusbruCh des Krieges, daß Deutschland bei fremden Völkern nicht beliebt ist. Zweifellos verdankt der Deutsche diese seine Stellung-'unter der Nation nicht nur seinen Fehlern, sondern auch' seinen Vorzügen. Aber es wäre ganz falsch anzunehmen, daß nur Neid und Mißgunst den Deutschen zu einer Karikatur entstellt haben. Dieses Kapitel abzuhandeln, wäre weitläufig. Ich möchte in diesem Augenblick nur darauf Hinweisen, daß der deutsche AnFsemitismu; nicht a hin jede 1 iro ‘ernenMcnsdhn n hohem Grade abstoßen muß, sondern daß sein Hervorkehren in diesem Augeib'ick zugleich eine pol/'tische Dummheit ist. Wir Deu'sche in den Vereinigten Staaten haben uns redlich Mühe gegeben, ^alle jene Kräfte 'mobil zu machen, die geeignet isiiid, eine gerechte lind unparteiische Neutralität der Vereinigten Staaten nerbei- ^uführen. Der Stand der Deutschen drüben ist, wie man hier weiß, kein leichter. Wir stehen mit den Iren zusammen, die erklärlicherweise vo.n cerBeiätkung engFsfurWellbeglückuig rieht entzückt sind. Wir suchen auch an einem Strang zu ziehen nut den Juden, die aus Rußland st am'men und die die Entente nicht lieben können, zu der jenes Reich gehört, das aut die niederträchtigste Weise die Millionen ihrer Freunde und Verwandten behandelt. Einen Einfluß aut die Juden zu gewinnen, ist nicht ganz leicht gewesen, denn englische Agenten und 'die der englischen Politik zugängliche Presse machen (mit größtem Nachdruck folgenden Standpunkt geltend: England und Frankreich sind die Länder der Freiheit, und wenn diese Länder siegen, so werden sie die Möglichkeit haben, auch in Ritoland die bürgerliche Freiheit der Juden tfu r c h'zit se t z e n. Immerhin haben, so falsch auch die Folgerungen der Englandfreunde sein mögen, solche Ausführungen einen -gewissen Eindruck gemacht, und es hat Arbeit gekostet, diese Sophistereien einigermaßen unwirksam1 zo machen.- Nun nach dem Beschlüsse der Mehrheit der Budgetkommission sehe ich nach echtamerikanischer Gepflogenheit schon in den proenglischen Zeitungen New- Yörks zollgroße Ueberschriften etwa fo'genden Inhalts: S i e g der Antisemiten im Deutschen Reichstag, oder: Der Deutsche Reichstag skalpiert die luden. Daß diese Ueberschriften zutreffend und geschmackvoll -si'-d, will ich nicht behaunten. aber wirkun g s voll sind sie f ü r die Leser drüben, und man soll nicht vergessen, da*5 es in New-York a'h in über 2 Millionen Juden gibt. Politisch urteilsfähig sind sie gewiß heute noch nicht alle, aber politisch mitzurei’e' haben sie alle, und ihre Stimmen fallen bei -'er bevorstehenden Präsidentenwahl ins Gewi 'h-. Wenn sie im1 Deutschen Rei-hs*agc starke 'tisemkische Tendenzen zu erkennen glauben, dann werden sie David Wolffsohns Eltern Von Abraham Robinsohn.*) Rrbbi. Izchok Eisik, David Wo’fiioiins Vater „Mein Vater war Melamed, ein angesehener, oraver Mann, Talmudgelehrter und sclml'tkundig. Er schrieb ein gutes Hebräisch', Russisch und .auch Deutsch, alles sevo;t gelernt .... Er war eigent'ich de~ Einzige dort, der a'le diese Kenntnisse vereinigte und dadurch audi viel beschäftigt ,und von allen in Anspruch genommen v urdc. Un:l er war seelengut und jedermann gefällig, blühte und p agte sich' für alle (Aus Aufzeichnungen David Wolffsohns.) Rabbi Eisik, der Vater David Wolffsohns, verkörperte in sich einen jener ausgeprägten Typen des ulten Judentums, wie sie das letzte und vorletzte Jahrhundert hervorgebracht, bevor es die moderne Kultur unbarmherzig zerstört hat. Wie Herbstblumen, bevor sie absterben, noch einmal ihre, ganze Farbenpracht *) Aus demin derselben Nunfmer angezeigten neuesten Veröffentlichung des JNF. „Erez Israel“. entfalten, wie eine Kerze vor dem1 Erlöschen noch einmal aufflackert, so prangte das jüdische Lehen, so ‘hell zuckte es in einzelnen Gestalten auf. Dieser schlichte, bescheidene Mann, der sein Leben lang in kleinen, oft kümmerlichen Verhältnissen Iehte,, trug eine Weltanschauung in seinem* Kopfe, deren unerschütterliche Grundlage eine tiefe und doch jeder ausschweifenden Mystik abholde Religiosität war. Eine zärtliche Liebe zu allem* Jüdischen und ein fester Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes im: Lande seiner Vergangenheit erfüllten sein Herz. Und aus dieser unbewußt national-jüdischen Lebensanschauung heraus: eine rein menschliche verklärte. Liebe zu allem, was Gottesantlitz trägt. Müde und Drang noch Wohltun, die allein erst dem eigenen Leben Berechtigung verleihen. Kurz, eine Geistes- und Gemütsrichtung, die man dam'als in der anderen von der jüdischen getrennten Welt als Humanität bezeichnete. Den modernen Ideen und Geistesrichtungen, die auf Gott weiß welchem Wege in sein stilles Kämmerlein gedrungen waren, begegnete er nicht, wie die meisten anderen seiner Zeit, argwöhnisch und feindlich, vielmehr mit'dem stolzen Bewußtsein eines Mannes, der sich seines Besitzes voll bewußt ist. Er konnte ruhig des Fremde un'd Neue an sich h'erahtreten lassen, denn er wußte, daß es ihn seines Eigenen nicht berauben, vielmehr diesem zur Stütze und Zierde gereichen würde. Aus seinem kernigen, auffallend zierratlosen Hebräisch geht klar hervor, daß er die moderne Haska'ah-Literatur sehr wohl kannte. Nicht nur die in-üseh-mitte’aiterlic'he Religionsphilosophie, die de; Maimonides, Jehuda- Ha'evi. des Sohar u. a., r. ndern auch gar manche moderne Doktrinen waren ihm nicht fremd. Mit einer naiven Souveränität wußte er instinktiv, was' er hei seiner streng r •’igiösen Weltanschauung abzulehnen und Was e~ 'nzuerkennen hatte. Denn all die m'oiL-nc Bildung, die Philosophie. die Haskalah-Li e atur, Deutsch, Russisch und die anderen Ingre l enzen der neuen Richtung waren nur Zierr.T des Lebens. Das tägliche Brot war ihm d i Wort Gottes — vom ersten Worte der Biß-' bis zur letzten geistreichen Erklärung sein'*.- Tahnudslelfe, die er von einem Studiengenos e 1 gehört oder die ihm selbst als Erleuchtung ’-ekommen war. Und in diesem G i de hat er auch' seinen Sohn David erzogen. Das ganze Fudentum hat sich seit iener Zeit vom' Grund auf gewandelt. Die alte Welt ist dahin. Das Leben hat David Wolf*'sohn mit Männern und Strömungen zusammengeführt und selbst an Strc-m'mgen hervorragenden Anteil nehmen lassen, die dem oberflächlichen Bück in gar keinem1 oder nur in einem sehr losen Zusammenhang e mit der Ideenwelt jenes schlichten Melamed Rabbi Eisik zu stehen scheinen. Dem tiefer schauenden Auge aher zeigt sich, daß auch der Sohn, wf" der Vater, die tiefsten Wurzeln Seiner Kraft in demselben Boden, im Wesen des alten Judentums, hatte.