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Jüdische Zeitung · 1916-10-25 · 42 (25.10.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
42 (25.10.1916)
Date
1916-10-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 Von der jüdischen Kongreßbewegung Ablehnung des Kompromisses. Das U ebe re inkomm en, das das Sub-Komitee des Kongreß-Organisierungs-Komitees mit dem Sub-Komiteie der. „Konferenz amerikanisch-jü-. disclier Organisationen“ getroffen batte und das vom Kongreß-Organisierungs-Komitee den Mitgliedern der Philadelphier Vorkonferenz zur schriftlichen Abstimmung unterbreitet worden, war, ist Von diesen in seinen wesentlichen Punkten a b g is 1 e h n t worden. Damit ist die Einigkeit im amerikanischen Judentum wiederum in Frage gestellt. Die New-Yorker jüdische Tageszeitung „Die Wahrheit“ sdi'reibt dazu in ihrer Nummer vom 12. September: Die Anhänger eines nationalen und demokratischen jüdischen Kongresses haben einen großen Sieg über diejenigen davongetragen, die die Seele des Kongresses und seinen nationalen Geist toten und sein, demokratisches Gepräge vernichten wollten. Der Jüdische Kongreß, der vor Beendigung des Krieges abgehalten werden wird, wi.^d „nationale Rechte“ für das jüdische Volk iyorziebten, wird Mittel unid Wege suchen, die Zerstörung auf ökonomischem Gebiet, die der Krieg für ’das jüdische (Volk gebracht hat, wieder gut zu machen; er wird siele mit der. Frage der Emigration beschäftigen und eine vollständig demokratische Grundlage haben. Das ist das Resultat des Referendums, das das Kongreß-Exekutiv-Komitee vor drei Wochen an die Delegierten der Vorkonfr renz-von Philadelphia geschickt hat. Die Abstimmung, die ein großer moralischer Sieg für die Anhänger eines Jüdischen Kongresses und für die Nationaljuden überhaupt ist, verwirft das Friedensaibkommen mit einer .bedeuter-den Majorität. Das Resultat des Referendums, wie es gesfürn abend von der Administration des Kongreß-Exekutiv-Komitees mitgeteilt wurde, ist folgendes: Von den 376 Delegierten der Philadelphier Vorkonferenz haben mehr als 250 gestimmt. Die Punkte 1 und 2 des Friedensabkommens wurden abgelehnt, die .Punkte 3 und 4 angenommen. Punkt 1 bezieht sich auf das Programm des Kongresses. Dort heißt es, daß man „Gruppenrechte“ haben will statt „nationaler Rechte“. Dieser Punkt ist also abgelehnt worden. Punkt 2 erlaubte den Organisationen, ihre Delegierten zum Kongreß zu schicken und zwar so viele und auf welche Weise sie wollen. Diester Punkt ist von den Nationalisten als ein Ruin für den. demokratischen Charakter des Kongresses bekämpft und von den Delegierten verworfen worden. Die anderen 2 Punkte, [die angenommen worden sind, beschäftigen sich mit dem' Datum’ des Kongresses und mit der Mitgliedschaft im Exekutiv-Komitee, welches den Kongreß einberufen wird. Das Referendum bestimmt, daß solange tes gesichert ist, d,aß der Kongreß abgehalten Werden wird, bevor der Krieg aufhört; das Exekutiv-Komitee das Datum für den Kongreß zu bestimmen hat. und ferner, daß in dem! Exekutiv-Komitee beide Parteien in gleicher Stärkte vertreten sein sollen. Die den Delegierten zur ‘Abstimmung unterbreiteten Abänderungsvorschläge zu der Plattform, welche die Philadelphier Vorkonferenz für den amerikanisch-jüdischen Kongreß aufgestellt hatte, waren im einzelnen die folgenden: A. Programm. Beschlüsse der Philadelphier Vorkonferenz. Es wird beschlossen, daß sich der Kongreß beschäftigt: 1. Mit der Frage der Sicherstellung freier und gleicher bürgerlicher, politischer und religiöser Rechte für die Juden in allen Ländern,, wo ihnen diese Rechte vorenthallen werden. Mit der Frage der Sicherstellung nationaler Rechtis für die Juden in allen Ländern, wo nationale Rechte anerkannt waren, sind oder sein sollten. 2. Mit dem Problem der jüdischen Entwicklung in Palästina -in allen ihren Phasen. 3. Mit der Frage der Mitarbeit der Juden anderer Länjder zur Fördeiung des Kongreß-* Programmes. 4. Mit der Fragte der Bildung einer Kommission, die die Beratungen des Kongresses der Friedens-Konferenz unterbreiten wind. 5. Mit der Frage der Zweckmäßigkeit, den Kongreß als permanente Institution zu errichten. 6. Alit den Fragen wirksamer Hilfeleistung für die vom Kriege betroffenen Länder. 7. Mit den Problemen der jüdischen Migration in allen ihren Gesichtspunkten. 8. Mit der Frage der finanziellen Verantwortlichkeit, die die Kongreßbewegung mit sich bringen kann. ■ Abänderungsvorschläge des Kompromisses.. Der amerikanisch-jüdische Kongreß tritt ausschließlich zu dem Zweck zusammen, die Wegei zu bestimmen, auf denen in Zusammenarbeit mit den Juiden der ganzen Welt, volle' Gleichberechtigung für die Juden aller Länder erlangt und die Abschaffung aller sie betreffenden Sondergesetze durchgesetzt werden kann. Unter den Worten „volle Gleichberechtigung“ soll verstanden werden: 1. Bürgerliche, religiöse und politische Gleichberechtigung und in Ergänzung dazu: 2. Wo immer die verschiedenen Völker irgend eines Landes separate Gruppenrechte haben (oder als solche genießend anerkannt werden), die Ausdehnung dieser -Gruppenrechte auf die Juden der betreffenden Länder, wenn sie nach Ansicht und Anerkennung des Kongresses von den Juden selbst gewünscht werden. 3. Die Sicherstellung und Wahrung der jüdischen Rechte in Palästina. Auf dem Kongreß soll keine Resolution eingebracht, besprochen oder behandelt werden, die in irgend (einer Weise zum Inhalt hat oder danach strebt: den Kongreß als Körperschaft öden, einen seiner Delegierten oder eine der Gemeinden oder Organisationen, die auf ihm vertreten sein Zierden, dazu zu bringen, irgend eine allgemeine Theorie oder Philosophie des jüdischen Lebens, oder irgend ein theoretisches Prinzip (sei es Rassen-, politischen, ökonomischen oder religiösen Charakters) oder eines, jdas die Ständigkeit eines solchen Kongresses involviert, anzunehmen, anzuerkennen oder zu bestätigen. Die Einberufung und Abhaltung des Kongresses soll in keiner Weise die Autonomie irgend einer bestehenden amerikanisch-jüdischen Organisation .verletzen; aber insofern das Exe- Kutiv-Komitee, durch einen solchen Kongreß erwählt; ein;e -Aktion für die Sicherung der jüdischen Rechte unternehmen-wird, soll während der Periode seines Bestehens, dieses Exekutiv- Komitee das Vorrecht vor allen anderen. Organisationen, die am Kongresse teilnehmen, haben. Der Kongreß hat ein. Exekutiv-Komitee zu erwählen, welches in Mitarbeit mit den Ju,*Jen anderer Länder für die Realisierung der Ziele, für die der Kongreß einberufen ist, zu arbeiten hat. Ein solches Komitee soll bis zum AblauS des ersten Jahres nach der Annahme des Friedensvertrages, durch den der jetzige europäische Kriteg beendet .wird, im Amte bleiben und am Ende des < Zeitabschnittes, oder falls erforderlich, schon früher, den Kongreß von neuem zusammenberufen und ihm einen endgültigen Bericht über seine Tätigkeit erstatten. * B. Wahlsystem. Beschlüsse der Philadelphier Vor- ■ konferenz. Es wird beschlossen, daß diese Konferenz das Prinzip einer demokratischen und allgemeinen Wahl mit Bezug auf den jüdischen Kongreß und die Wahlen hierfür annimmt. Die Mitgliedschaft eines jeden Mannes oder ein'er jeden Frau in einer lokalen jüdischen Organisation genügt , um ein solches Mitglied zu einem ordnungsmäßigen Wähler zu maCnen, der, falls eC es wünscht, seine Stimme durch die lokale Organisation abgegeben kann. Bas Exekutiv-Komitee ist ermächtigt, Mitlel und Wege zu überlegen, die einem jeden Juden oder einer jeden Jüdin, die einer lokalen Organisation angeschiossen sind, _ die Anteilnahme an den Kongreßwahlen ermöglichen. Zusatz des. Kompromisses. Es ist hinzuzufügen: Das Exekutiv-Komitee ist ermächtigt, in den vorangehenden Bestimmungen solche Modifikationen zu machen, die für die Realisierung der darin eingeschlossenen Prinzipien nötig werden. Es wird beschlossen, für die Wahl von Repräsentanten durch die verschiedenen amerikanisch-jüdischen Organisationen, die an einem solchen .Kongreß teilzunehmen wünschen, auf der Basis richtiger Verteilung und in Uebereinstimmung mit einer De!i~i:ioii Vorsorge zu treffen, di« geeignet ist, eine „na iorale jüdische Organisation“ zu bestimmen, und die als solche von dem Ko- miteje anerkannt wird, das mit der Einberufung und der ' Organisierung. des Kongresses betraut ist und das unter dem Namen „Exekutiv-Komitee des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses“ bekannt ist. Diejenigen Organisationen, die danach zur- Repräsentation befähigt sein werden, haben das Recht, ihre Delegierten in einer von ihnen selbst zu bestimmenden Form zu wählen. C. Datum. . Beschlüsse der Philadelphier Vorkonferenz. 1. Es wird beschlossen, daß es die Ansicht dieser Konferenz ist, den Kongreß so schnell wie möglich einzuberufen. Ein anderes Bild. Am nächsten Tag entsteht Verwirrung im Städtchen, die Russen kommen immer näher, die Leute beschließen zu flüchten. Alles eilt auf den Bahnhof. Einer will aber bleiben. Es ist der Diener der Synagoge, der Schames. Der Diener Reb Abraham bleibt. Verwirrt fragen ihn die Leute um die Ursache dieses seltenen Entschlusses. „Euer Leben ist doch in Gefahr, die Kosaken rauben und morden, plündern und schänden, verwüsten und vernichten alles Lebendige, warum bleibt Ihr?“ Der Schames kämpft mit sich' und sagt: „Ich hab die Angelegenheit besprochen mit meinem Weibe Chana. Wir können nicht fahren und dürfen nicht fahren, auch wenn wir die einzigen in der Stadt bleiben. 44 Jahre bin ich Schames in der großen Schul. Als Gott, gelobt sei er, in seiner tiefen Weisheit uns unseren Kadisch, (unseren Jankele, er ruhe in Ganeden, weggenommen hat, sagte ich zu meiner Frau, jetzt haben wir viele teure Kinder, Schätze, die wir hüten müssen, die Bücher der Thora. Die Bücher selbst und die Schmuckgegenstände, die sie zieren, wierden wir hüten und .das ewige Licht wird leuchten und bitten für die Seele unseres Jankele. Wir sind verwachsen mit der Schul, ihr gehört unser Herz und unsere Seele und sie verlassen wir nicht. Fähren Sie gesund,“ sagte der Schames zu den Verwaltern der Synagoge, „wir müssen bleiben, hüten die Schul, das ewige Licht,' die teuren Schätze, die Thoras und die Kleinodien, mit unseren alten zerbrochenen Gliedern werden wir bis zum letzten Atemzug djese Schätze behüten, daß sie eine unreine Hand nicht berührt.“ . Meisterhaft werden diese zwei iypen, wie sie jede Kleinstadt Galiziens hat, diese zwei Greise, die ein Symbol der Charakterstärke aes alten überlieferten Judentums sind, vom Verfasser geschildert. Der in Exstase geratene Vorbeter, der nicht Sänger und nicht Priester, der ein Held ist, der um' sein; Volk ringt und dem das Herz vor Erregung zusammenbricht. Und der alte, einfache Mann des Volkes, ein schlichter Diener — ein wahrer Diener Gottes und seiner Gemeinde. Wie der Kapitän das sinkende Schiff zuletzt verfaßt, so bleibt der Schames auf seinem' Posten, um das Allerheiligste zu behüten, damit es eine unreine Hand nicht berührt. In kurzen, einfachen, aber packenden und erschütternden Worten schildert meisterhaft diese zwei Judentypen Silberbusch .... Wir .erleben die Flucht aus dem Städtchen. In der Verwirrung verlieren sich die Ehegatten. Beile Gitel kommt mit ihren Kindern in die Barackenlager nach Mähren. Mit gewissenhafter Genauigkeit werden die Zustände im Lager geschildert. — Wir unterbrechen hier die Inhaltsangabe, weil wir nicht wollen, daß der Leser sich darauf be schränkt, von uns nur die Fabel des Romans, den Inhalt kennen zu lernen. Ist doch die .Fabel etwas äußeres, der Rahmen, in den der Dichter einen Teil seiner Seele hineinlegt. Der Leser soll dieses Buch selbst lesen. Er wird Starkes erleben, denn dieses Werk ist nicht mit Tinte und mit Feder geschrieben. Geschrieben hat es ein armer jüdischer Dichter mit dem Blute seines Herzens. Neben diesem großen Roman finden wif noch einige Skizzen, in denen Silberbusch große Beobachtungsgabe und feines psychologisches Empfinden gesetzt hat. Silberbusch betrat mit diesem' Werke einen neuen Weg. Jahrzehntelang schrieb er bisher in hebräischer Sprache. Zum erstenmal verfaßte er eine größere Arbeit in jiddischer Sprache. Der Verfasser steht auf der Höhe und ist seinem Thema gewachsen. Bevor Wir schließen, wollen wir noch einen Umstand erwälinen, der uns sehr sympathisch ist. Silberbusch widmet dieses Werk nicht, wie es leider vor Jahren bei allen galizisChen Verfassern der Fall war, irgend einem reichen Manne, um ihm' für Geld seine Reverenz zu bezeugen. Er widmet es Löbl Taubes, wie er selbst sagt, „dem wahren Juden in herzlicher Freundschaft“. Diese zwei Namen, Silberbusch und Taubes, rufen bei uns eigenartige Gedanken hervor. Sie versetzen uns in die Zeit vor 25 Jahren.. Da gaben diese beiden Männer die erste ‘jiddische Zeitschrift in ’Kolomea heraus. “Als sich ‘die unbekannten ~ jungen. Leute in einer galizisChen Kleinstadt verbanden unid die Zeitschrift, die nur einen geringen Teil Von Lesern und einen noch kleineren von Abonnenten hatte, kreierten, ahnten sie nicht, daß dieselben Ideen, die sie damals verkündeten, nach einem vierte'jährhundert die jüdische Welt in Bewegung setzen und' organisieren wurden zu höheren Zwecken. Wien, .25. Tischri 5677. Adolf Stand.

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