Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 42 (25.10.1916)
- Date
- 1916-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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gftK NRTIRNRL -JÜDISCHES DRBRN Hmmmm Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« JÜDISCHE NATIONALFONDS Mit Beilage Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und lnseratenauf nähme: Wien, II., Zirkusgaaae Nr. 33. — Sprechstund » täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester* reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. IS.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 42 Wien, Mittwoch, den 25. Oktober 1916 — 28. Tischri 5677 X. Jahrgang Unserer Kinder Sprache Mit dem zionistischen Schaffen hat es! seine eigene Bewandtnis. Ln den (ersten Jahren' der zionistischen Bewegung war die praktische Palästinaarbeit streng’ verpönt. Als! igrstrebensKvert und zweckmäßig: galt lediglich die T h e o r i (e de|r Arbeit. Im Laufe dernatürlichen Entwicklung und des Wachstums! unserer Bewegung gelangte jedoch die vielumsitrittense Palästinathedrie an einem toten Punkt an. Das erwachte Nationalgefühl, die erstarkte Zionslietp ließen es nicht beim alten bewenden! und verlangten stürmisch und gebieterisch nach praktische/r Betätigung im Lande unserer Sehnsucht. Und alsbald kamen Männer mit starkem und festem Willen, \die den Weg der Theojtie; verhießen, um den Ales praktischen Schaffens einzuschlagen. Der nachgerade glänzende Erfolg, den dieser Schritt zeitigte, machte allen Akademischen Diskussionen ein jähes Eiyie. Die Ta|t trug wi-edetr einmal den Sieg über das Wort davon. Aehnlich erging es. einem anderen kostbaren Gut unserer Nation: der hebräischen Sprache. Ihre Erlernung galt -.zuerst als erstrebenswertes, aber pu'r zu wieit gestecktes Ziel, das wohl mit der zionistischen Idee irgendwie zusammenhing, das jedoch lediglich tnit der Erreichung! des zionistischen Endzieles enger verknüpft war. Der Zionismus ging zunächst der „Kulturfrage“ aus dein Wiege. .Er t,at gut daran, da diese ,heikle Frage iund alles, was drum und dran hängt, einer jungen Volksbewegung großen Schaden hätte .zufügien können. Je inehr sich jedoch die nationale 'Erkenntnis vertiefte, desto tiefer wui'de die Sehnsucht und ungestümer das Verlangen nach der nationalen Sprache. Immer inniger wurde .das Verhältnis zwischen dem Zionismus upd der hebräischen Sprache, immer enger füg([e,' sie sich in unsere Ideenwelt ein. Da entbrannte der Kampf zwischen Hebräisch und Jiddisch und mit ihm schossen die Sprachentheorien wie die Pilze hervor. Man legte sich die verschiedensten Theorien zurecht und war zum großen Teile bestrebt, den ausjjebrochenen Kampt zu schlichten. Aber Hebräisch war immer, noch lediglich das palästinensische Ideal, währenddem das Jiddische weit übdr seinen Wert eingeschätzt wurde. Dann kam vor drei Jahren der Sprachenkampf in Palästina, an der 'die ganze Judenheit der Diaspora Anteil nahm und der Sieg des Hebräischen blieb nicht .ohne Wirkung auf die! Länder der Zerstreuung. Das wunderbare Beispiel der wackeren Pioniere der hebräischen Schule, die in Palästina mit den größten Opfern ein modernes hebräisches Schulwesen ins Lebert) riefen, verstärkte nur diese Wirkung. Und so entstand im Laufe weniger Jahre eine hebräische Bewegung,! die mit dem früheren Theoretisieren nichtsjnehr gemein hat. Sie ging zur praktischen Arbjeit über .und wieder, einmal blieb die Tat Siegerin dem Worte gegenüber. In Ost und West entstanden hebräische .Sprachschulen, in den zionistischen Versammlungen und Kongressen erklang immer öfter unsere altjunge Sprache und das hebräische Schrifttum hatte es nicht mehr nötig, die Frage, die isich seinerzeit Juda Leb Gardon stellte^ zu wiederholen: „Für wen schreibe ich?“ Die 'Ju-t gend gebt begeistert daran, in die Geheimnisse des Hebräischen einzudringen und das Band, das sie an ihr Volkstum- und an trez Jisrael knüpft, gestaltet sich immer inniger. Nun soll aucli in der Stajdt, in der der erste Weckruf des politischen Zionismus erscholl, —• neben den bereits bestehenden Sprachkursert für Erwachsene yine hebräischeSprachschufe für Kinder entstehen, eine ständige Einrichtung, die ies unseren Kleinen ermöglichen* wird, sich das spielend anzueignen, was wir im späteren Alter nur im harten Ringen mit dem „Dikduk“ erllernen konnten. Im zarten Alter sollen unsere Kinder mit der Sjprache LWres Volkes vertraut werden, auf daß sie sie lieben lernen von ihrer frühesten Kindheit an, auf daß sich ihre Seele mit ihren Schönheiten und ihrem süßen Klang erfülle. Sie sollen Hebräisch lernen, auf daß sie volle und aufrechte Juden wenden, — so weit es die Galuth zuläßt. Wir kennen die Kraft unserer Sprache und .wissen, daß sie in den Herzen unserer Kinder Wunder wirken wird. Wir wissen, daß, jeder aufrechte Jude in Wien, dem die Zukunft seines Volkes am Herzen liegt, bei der Gründung dieser Sprachschule mit-, tun 'wird. Wir begrüßen diese erste, für unsere Jugend bestimmte Stätte hebräischer Sprachpflege und hoffen, 'daß ihr bald weitere folgen werden! L. B. Der „Verein für hebräische Sprache und Kultur“ in Wien hat in seiner letzten Sitzung die Gründung einer hebräischen Sprachschule für Kinder im Alter von 5 bis 0 Jahren — Kindergarten- und Sprachschulkurse umfassend — beschlossen. Vormerkungen für die Kurse, die demnächst in der Leopoldstadt eingerichtet werden sollen, nimmt das Zionistische Zentralbüro (II. B., Circusgasse 33) entgegen. Näheres in der nächsten Nummer. FEUILLETON David Jesaia Silberbuschs „Strechalech fin der Mildhume Zeit“ Wien 1916 Der entsetzliche Weltkrieg, der das dritte Jahr bereits unbarmherzig wütet, hat nicht nur eine politische, sondern auch bereits eine belletristische Literatur geschaffen. In Poesie und Prosa äußern sich berufene und unberufene Dichter über die tragischen Ereignisse, die der Krieg hervorgerufen hat. Was' für alle Literaturen gilt, gilt auch für die jüdische. Ist ja doch das Gebiet, auf dem der Weltkrieg am verheerendsten hvütet, gerade dieses Land, wo die Juden in Massenansiedlungen am zahlreichsten wohnen. Galizien und die Bukowina, Polen und Litbauen haben viel Blut vergießen sehen, auch viel jüdisches Blut. Unter den jüdischen Schöpfungen, die ihr Entstehen diesem Kriege zu verdanken haben, werden einen hervorragenden Platz-, die Skizzen von Silberbusch einneh'men. Ani stärksten wirkt der Roman „Beile Gitel“. Mit bekannter Bescheidenheit nennt ihn Siiberbusch Novelle. Es ist aber ein großer Roman, der nicht nur vier Fünftel des ganzen Werkes umfaßt, sondern auch inhaltlich eine bedeutende literarische Arbeit ist. Die Heldin des Romans Beile Gitel Turteltaub ist ein jüdisches Mädchen aus der Kleinstadt, das einen jüdischen Mann aus der Kleinstadt, Mosche ftzik Sternlieb, geheiratet hat. Im zehnten Jahre der Ehe bricht der Weltkrieg los. Bis zu diesem- Momente schildert Uns der Dichter die Idylle der jüdischen Kleinstadt. Mit 'Rührung und Wehmut lesen wir das Leben und Treiben der Männer, Frauen und Kinder der galizischen Provinz.' Es rühren uns die Kämpfe dieser Leute, es erheitern uns ihre komischen Seiten. Besonders geschickt zeichnet der Dichter das innige jüdische Fapiilienleben. Beile Gitef ist ein entzückend schönes Mädchen, das berechtigt wäre, noch manche .Ansprüche an das Leben zu stellen. Und doch entsagt sie dem Leben! ganz, heiratet den Mann, den ihr die Eltern gegeben haben und wird seine treue Gattin und den Kindern eine gute, brave, opferfreudige Mutter. Ihr Mann paßt sich nicht immer den Verhältnissen an, ist unberechenbar und launisch, aber bei Beile Gitel prallt alles ab. Sie hört und schweigt. Die Verhältnisse sind leidlich bis zum Momente, wo der Weltkrieg ausbricht. Wie bisher der Verfasser bald mit jüdischer Sentimentalität die traurigen Bilder, bald mit feiner Ironie die heiteren Ereignisse geschildert hat, so erscheint er vor uns in ganz anderer Gestalt, als er den Eegiim 'des .Krieges 'zu schildern beginnt. Meisterhaft ist der Abschnitt: „Die Kosaken kommen“. Am Samstag sind gerade durch Bolechow — in dieser Kleinstadt spielt der erste Teil des Rojnans — viele Flüchtlinge aus der Stanislauer Gegend vorübergefahren. Es war ein unbekannter Anblick. Juden in ihren. Sabathkleidern, wo es doch verboten ist zu reisen, zu Hunderten voll gepfropft in großen offenen Waggons, mit Frauen und Kindern, mit kleinen Gepäcken, mit müden, bleichen, erstarrten Gesichtern, die Flucht vor dem grimmigen Feinde ergreifend. Ganz Bolechow ging auf den Bahnhof, um dieses schauerliche Schauspiel anzusehen. Um 12 Uhr abends begannen die „Slichot“. Meisterhaft schildert hier der Verfasser zwei Typen, die zwar nicht selten sind, doch aber eigenartig und erschütternd auf uns wirken. Da ist der alte Vorbeter der an den hohen Feiertagen der Vermittler zwischen der Gemeinde und Gott ist. Es bebt seine Stimnie, als er in der schauerlichen Nacht in klagenden, sehnsüchtigen Tönen das bekannte: „Woulochiu laawojnejnu“ vorliest. Die Stimme erhebt sich zu dramatischer Stärke, als er das „Schrna Kojlejnu“ hersagt; da packt ihn ein Schauer, er ist nicht mehr der Vorbeter, der Geschriebenes zu rezitieren hat, nicht mehr der Vorleser fremder Gedanken, das große beginnende Leid des Judenvolkes treibt ihn bis zum Altar, er reißt die Türe auf und bittet Gott nicht mehr um Erbarmen, sondern fordert Gerechtigkeit. „Erhöre unsere Stimme, habe Mitleid mit uns —“ ein gellender Schrei der Verzweillung ist es, der durch Mark und Bein dringt. Nicht mehr rezitiert er die ursprünglichen hebräischen Worte, er wendet sich in seiner täglichen Sprache zu Gott und ein Schrei dieser leidenden Seele ertönt „Schon genug dein Zorn, dein Volk Israel ist in Gefahr“. Donner und Blitz tönt aus dieser Stimme, es ist nicht mehr der Ruf eines einfachen, armen Menschen, es ist die Entladung eines Gewitters, das Wirken eines Elements, das Toben eines Orkans. Noch einige starke Worte entströmen seinem Munde, da hört inan den Fall eines Körpers, der Vorbeter stürzt entseelt von den Stufen des Altars.