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Jüdische Zeitung · 1916-10-18 · 41 (18.10.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
41 (18.10.1916)
Date
1916-10-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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%. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 lieh unzugänglich, und seine Unzulänglichkeit wird mit jeder Generation auffallender. ,Einerseits spielen die Kultur und die Interessen des Staates, in dem er lebt, eine immer wachsende Rolle im inneren Leben des einzelnen Juden und beschränken immer enger das Gebiet der Betätigung, durch die sein Judentun) < sich äußert; und andererseits wird die Auffassung dessen, was es bedeutet, Jude. zu sein, immer unklarer, unsicherer aus Mangel an einer konkreten Verkörperiiciuing jüdischen Lebens, welche als leitende Norm dienen könnte, infolgedessen geht die natürliche Entwicklung des emanzipierten Juden du;c'.'. Assimilation zum vollständigen Aufgehen.in die Umgebung. Dieser Prozeß würde noch schneller bis zu seinem logischen Ende verlaufen, wenn er nicht durch den Antisemitismus aufgehalten würde. C-cnn wie vollständig ernst und in mancher Beziehung erfolgreich die Bemühungen des emanzipierten Juden, sich seiner Umgebung zu assimilieren, sein mögen, sie täuschen niemanden anders als ihn selb:-:. Die ganze außerordentliche Loya'i.ät des emanzipierten Jude.i zu seinem Lande, seine tätige Hingabe an dessen Ideale und Interessen ist unantastbar. Nichtsdestoweniger fühlt ihn die umgebende Welt als etwas verschiedenes, immer noch als einen Fremden, und dem Maile seiner Erfolge und Bedeutung auf den verschiedenen Wegen, die ihm offen stehen, kommt im Allgemeinen das Maß des Widerwillens und Mißtrauens, die ihm begegnen, gleich. So gehen die Erscheinungen der Assimilation und des Antisemitismus nebeneinander einher, und die Lage des emanzipierten Juden ist, obwohl er es selbst nicht sieht, sogar tragischer -als die seines unterdrückten Bruders. Es ist mithin klar, daß die Existenz materiell gut situierter jüdischer Gemeinden im Westen kein Gegengewicht darbietet gegen die Zerstörung eines großen jüdischen Zentrums in Osteuropa. Die Wahrheit ist, daß. die Tatsachen der jüdischen Lage, im Westen wie im Osten, richtig betrachtet auf dieselbe verhängnisvolle Quelle der Schwäche im jüdischen Kampfe um das Dasein hindeuten: auf den Mangel einer festen Heimstätte, wo das jüdische Volk leben und sich entwickeln könnte, und zwar in den von seinem eigenen nationalen Charakter und den eigenen nationalen Idealen bestimmten Richtungen. Weder das Zusammenpressen großer Massen von Juden in die Ghetti, noch die Anerkennung des Rechtes der einzelnen Juden als freie menschliche Wesen außerhalb der Ghetti zu leben, kann dem jüdischen Volke eine solche Heimat ersetzen. Diese Wahrheit, welche die Geschichte i des Judentums im 19. Jahrhundert einleuchtend gemacht hat, wird durch die Ereignisse des großen Krieges noch schärfer hervorgehoben. Aus Palästina Vom Pasteurinslitut in Jerusalem. Die Gründung dieses Insiitutes hat im Lande ungemein segensreich gewirkt. Aus allen Teilen des Landes, vom Libanon bis zur Wüste, konu-ien die Kranken nach Jerusalem. In Nummer 7 unseres Blattes veröffentlichtjen wir einen Bericht des Leiters dieses Institutes, der sich auf die Zeit vom 15. November bis 15. Dezember 1915 bezog. Nun bringen wir im folgenden einen Gesamtbericht, der eine üebersicht über die Leistungen dieser Institution seit seinem Entstehen ermöglicht. In der Wutscfiutzabteilung finden Personen, die von tollwütigen T.eren gebissen sind, die zur He lung notwendige Behandlung. Seit der kurzen Zeit des Bestehens dieser' Abteilung .wurden bis jetzt bere ts etwa 900 Personen behandelt. Es wurden ferner 28 Gehirnuntersudhungen aut Tolfwut (bei Tieren) ausgeführt. Bis zur.Gründung dieses Institutes mußten die Gebissenen hach Kairo oder nach Konstantinopel reisen und infolge der langen Dauer dieser Reise hatte man im Lande, auch unter den jüdischen Kolonisten, viele Opfer der Tolfivut zu bekfagen. Das Vertrauen und die Achtung, die das Institut genießt, .st außerordentlich und trägt viel zum Prestige der jüd sehen Bestrebungen bei. 'Der Leiter des Institutes, Dr. Bekam, ist fortgesetzt bemüht, durch Publikationen in den hebräischen, deutschen und arabischen Zeitungen des Landes und durch Broschüren etc. die Bevölkerung über die Tollwut und ihre Behandlung aufzuklären und leistet damit namentlich jetzt während des Krieges besonders wertvolle Dienste. Die Serologische Abteilung ces Pasteur-!, nötitutes wird namentlich von Krankeinnäusern und .Lazaretten in Anspruch genommen. Es wurden bis .jetzt über 1470 serologische Untersuchungen ausgeführt. In der V a cci n o -1 h e r a p e u t’h i s ch e n .Abteilung wurden bis zum Herbst 1915 1140 Pockenimptungen ausgeführt. Dr. Beham hatte mit Hilfe der Mil tärbehörden, die die' erforderlichen Mittel lieferten, jm Anschluß an dje bestehenden Abteilungen eine Pockenlymphanstalt ins Leben gerufen, nachdem die Einfuhr tr scher, noch wirksamer Lymphe immer schwieriger geworden war. Für mehr aTs 55.000 Pockenimpfungen wurde oereT.s Lymphe an die Behörden geliefert und über 30000 Personen der Bevölkerung aller Kreise konnten schon mit der sehr wirksamen Lymphe geimpft werden. Lern Institut ist es gelungen, sich Inmitten unglaublicher Schwierigke ten üurenzukämpfen und der Regierung und der Bevölkerung Achtung vor jüdischer Arbeit einzuflößen. Es st eine Ehrenpflicht zunächst für alle Mitglieder des „Vereins für die sanitären Interessen In Palästina“, das Institut mit affen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Heilbäder In Palästina. In einem Aufsatz der „Na;u!w.Wochenschrift“ macht Dr.A. Friedmann aut dieberühmten Thermalbäder Palästinas aufmerksam, die größtenteils in dem vulkanischen Jordan-Gebiete liegen. Die hohe Temperatur dieser Bäder ud ihre aussergewöhnliche Lage — etwa 200 m unter dem Meeresspiegel — machten diese Bäder schon in der Zeit der Aniike bekannt und berühmt, tseben den Bädern von Tiberias genosseu noch diejenigen von Gada a und El Hantmi, die im Winter;o hess I.leiben wie im Sommer, seit jeher hohen Luhm und Bewunderung als Naturwund r. Ihre unvergleichlich schöne Lage, die noch tu ule inmitten allgemeiner Zerstörung von einstiger Schönheit kündet, und die Heilkraft ihrer Quellen machien sie zu d n ersten Badeplätzen der alten Welt, und auch heute noch suchen namentlich die Eingeboien.n aus allen Teilen des Landes durch diese Quellen Heilung und Hilfe. Die wissenschaftliche Ur.teisuchung dieser berühmten Thermen i^t für die wirtschaftliche Erschliessung des Landes von hoher Bedeutung. Es ergab sich, daß dieTempeiaiuren dieser palästinensischen Quellen 58, 7, 61, 5 und 61. 9 Grad C. betrugen., bas Thenralwasser entspricht in seiner Zusammensetzung einer Lösung, die in einem Liter 32.298 g Salz enthält, wobei Chlor und Natrium, sowie Srlfat und Hy irocarhonationen vorherrschen. Der hohe Salzgi halt und die U'ad'oaktivität der Quellen sind beso iders bedeutsam. Polnische Juden und Szekler stürmen die Lemberger Reichsstraßen Das in diesen Tagen (im Verlag R. Löwit) erschienene Heft des „Jüdischen Archivs“ enthält die folgende, interessante Schilderung; die dem „Az cst“ vom 2. August 1915 entnommen ist: An der ganzen Front hat sich eine Riesenschiacht entwickelt. Rechts von uns, wo ein Szeklerregimcnt stand, kam es zum Handgemenge. Mann rang gegen Mann, und auch hier, wo es nichts mehr Neues gibt, bildete die Sensation dieser Tage der Sturm der polnischen Juden. Eine aus vierhundert Mann bestehende Landsturmformation wurde dem tzusammengcschrumpften berühmten Szeklerregiment zugeteilt. Das Kommando setzte nicht viel Vertrauen in die alten Juden mit Peies und Bart und erließ den Befehl, sie nicht anzurühren, falls sie im Sturm Zurückbleiben sollten. In diesem Gefechte haben die Szekler langstielige, zweischneidige Spaten ins Ha idgemenge mitgeführt. Im letzten Delirium des Gemetzels geschah ein Wunder: die Szekler Löwen rissen die vierhundert Juden mit sich fort. Keiner blieb zurück. Mit dem Tefilin (Gebetriemen) auf der fahlen Stirne, wild kreischend gingen sie zum Sturm los. Drehten das Gewehr um, wie sie es bei den Szckiern sahen, mit großen Sprüngen m sprangen sie vorwärts und brüllten: Schma Jisroeli (Höre Israel!) Als es zum Handgemenge kam, warfen sie das Gewehr weg und stürzten mit krampfhaft gekrümmten Fingern, mit den Nägeln auf die Russen los. Die ganze Wildheit und blutige Leidenschaft des Morgenlandes brach aus ihnen hervor. Der langstielige scharfe Spaten der Szekler vollbrachte eine furchtbare Arbeit: Er warf die Beine und zerschnitt die Schädel. An manchem Punkte der Russensch'.aeht stürzte die russische Mauer ein — an anderen. Pimkten stemmten sich die zwei riesigen Menschenmengen gegeneinander; in tödlichem Ringen schlugen "die zwei Menschen zusammen. Nach einstündigem, fürchterlichen Ringen haben die Szekler und die Juden die Front auch hier durchbrochen, das Kartoffelfeld aber war feucht vom Blute. Die Russen haben alle ihre Stellungen aufgegeben und aus den durch Granaten zersprengten, zerschütteten Grabenmauern lugte hier und dort die hlutige Hand eines russischen Toten hervor oder ein Stiefel in merkwürdiger Lage und Stellung. Hie und da lag eine herrenlose Tellermütze am Rand eines aufgewühlten Schützengrabens voll Blut und blutiger Haare. Längst dämmerte es bereits, als der letzte Gewehrschuß verhallte. Reiner und voller Mondschein ergoß sich über den weiten Wald. Es ist eigenartig und "Vielleicht eine Halluzination gequälter Ohren, nach dem Gefechte kommt einem die Stille unendlich vor. Vielleicht hat der Vollmond diese Riesenstille über die Gegend ergossen. In dieser Nacht kam auch die zweite Lemberger Reichsstraße in unsere Hand. Ungestört spazierten wir auf dem im Mondscheine glänzenden hohen Damme, ui der stillen Juninacht hätte Uns nichts an das 'Gefecht erinnert, rrären nicht längs aer Straße und auf dem Fahrdamm Leichen gelegen, Russen, Szekfer, Juden, Moskauer Gardisten, Infanteristen und Landstürmer, rücklings liegend, mit ausgebreiteten A.rmen, wachsgelbe, bärtige Gesichter, ihre blutige Stirne dem Monde zugewendet. Ludwig Zilay. Aus der jüdischen Welt Auszeichnung der Feldrabbiner in Deutschland. Alle vierzehn im Felde betindüchen deutschen Eeldrabbiner, mit Ausnahme von zwei kiirziicn neuernarnfen, haben das Eiserr.e Kreuz erhalten. Das Grab des Wunderrabbi. Vor hundert Jahren starb in Tachau in Böhmen ein durchreisender frommer Jude ausdem Osten, ein Wunderrabbi, der auf dem dortigen Friedhof beerdigt wurde. Er hat ein Testament hinterlassen, das sich im jüdischen Museum in Prag befindet. In diesem in hebräischer Sprache geschriebenen Testament wurde der Ausbruch des Weltkrieges vorhergesagt. Es heißt da, daß nach hundert Jahren gewaltiges Unglück über die ganze Welt und besonders über die östlichen Juden hereinbrechen werde. Viele fromme Juden würden zum Wanderstab greifen müssen. Diese Juden, heißt es in dem Testament, mögen an das Grab des Rabbi nach Tachau pilgern und dort ihre Gebete verrichten, dann werde Gott sich erbarmen und das Unglück abwenden. Der Ruf des Wunderrabbi und die Kunde 'von seinem Testament hat sich bei den, Ostjuden erhalten, und tatsächlich pilgern jetzt unzählige Flüchtlinge nach Tachau, um dort am Grabe des Heiligen zu wehklagen und zu beten. Herr Dr. Wohl, der Rabbiner von Tachau, hat die hebräische Inschrift aut dem Grabe des Rabbi ins Deutsche übertragen. Die Anfangsbuchstaben aut' dem Grabstein bilden eine kabbalistische Formei und ergeben die Jahreszahl des Ausbruches des Weltkrieges. , Von der Tätigkeit der jüd. Sta l träte in Warschau. ln der letzten Sitzung des Stadtra.es gab es lebhafte Judendebatte.i. Bei Beratung der Stadtanleihe von 20 Millionen erklärte Farßstein, daß die Juden für die A.deine stimmen werden, in der Hoffnung auf n mmehr erfolgende vollständige kommunale Gleichberechtigung. Hirschhorn brachte vor, daß bei Verwendung der früheren Anleihen die jüdischen Kleinhändler völlig ignoriert wurden. „Die Juden,“ sagt er, „bringen 60°,'o der Steuern auf und erhalten von der Stadt keine einzige jüdische Schule, in den polnischen Sehuien'unterliegen jedoch die jüdischen Kinder allerlei Begrenzungen und Zurücksetzunge'V 5m Namen der Jüdischen Volksgruppe stimmte er gegen die Anleihe. Von polnischer Seite traten ihm S z ukowski und Ilski entgegen. Eis..rer widersprach den Anklagen Hirschhorns, ietz.-erer aber leistete sich eine antisemitische Rede, in der die Juden als die hassensurfd verfolgenswerten Erzfeinde der polnischen Nation hingestellt wurden. P r i I u t z k i nannte diese Behauptung eine elende Verleumdung vonseiten der „Kosakophilen“. Da er den Ausdruck nicht zurücUnanin, wurde ihm vom Vorsitzenden das Wort entzogen. Versöhnend wirkte die Schlußrede de: jüdischen RatHiaunes Trusker, der in ruhiger Sachlichkeit die Mär von den jüdischen Feinden der polnischen Sache widerlegte und die Notwendigkeit keit der Zusammenaroeit für beide vielgeprüfte Nalier.cn betonte. Das Anleiheprojekt wurde darauf mit allen gegen vier Stimmen angenommen. Die jüdische Ackerbausdnufls in Grojec. Die jüdische Ackerbauschule in Czenstoniew bei Grojec, die schon 15 Jahre unter der Leitung der Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Landarbeiter in Polen existiert, wird zur Zeit völlig umgestaltet.. In Warschau wird ein Vorbereiiungskurs eröffnet für Schüler, die später in diese Ackerbauschule eintreten wollen. Aufbewahrung jüdischer Kunstgegenstände und Altertümer der Kriegszone. Die Expedition, die die jüdische historisch-ethnographische Gesellschaft nach den im Kriegsgebiet sich befindenden jüdischen Städten zwecks Sammlung und Abtransport der jüdischen Kunst- und Altertumsgegenstände im Dezember vorigen entsandte, erstattete jetzt über ihre Tätigkeit in der Umgebung der Stadt Minsk Bericht. Wir entnehmen ihm, daß in einer ganzen Reihe von Städten die Expedition zu spät kam und eine große Anzahl Thora-Rollen und Kunstwerke während der Schlachten oder Evakuationen völlig vernichtet wurden. Die meisten Gemeinden baten die Expedition, ihre Fürsorge nicht bloß auf Kunstgegenstände und historische Quellen zu beschränken, sondern auch die Thora-Rollen und Bibliotheken der Synagogen zu retten. Bis. jetzt gelang es der Expedition, an deren Spitze der Vertreter der Gesellschaft Herr B. Z. R u b-

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