Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 41 (18.10.1916)
- Date
- 1916-10-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sen. 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 schaftsleben zu gründen, und zwar aut der Grundlage einer geistigen Idee: die Idee der rwigteit Israels in Verbindung mTt der Ewigkeit und Universalität cfes Gottes* Israels. Diese Idee, der, als Correlat, der Glaube an die künftige Wiederauf ri Ortung des Volkes in seinem Heimatlande aigeknüpft war, bildete die Wurzel der jüdischen Lebensanschauung und hat im jüdischen Kampfe um das Dasein die Stelle der konkreteren Lebensäußerungen einer Nationalität eingenommen. Israels Volk, Israels Gott, Is'aeis' Land — bilden den unvergleichlichen Kern, um welchen sich die äußere Schale des Glaubens, der Ueberlieferung, des religiösen Ritus, der gesellschaftlichen Sitte bildete. Deshalb waren in Babylon, in Spanien, in Nordafrika, in Frankreich und Deutschland, sowie später in Polen große Gruppen von Juden imstande, ein besonderes eigenes Leben zu schaffen und >zu erhalten, indem sie immer von ihrer Umgebung borgten — besonders auf dem Gebiete der Sprache — uoer'sfcfi immer der eigenen gesonderten Identität .bewußt hu ben. Die .Gerehichfie des indischen Volkes im Exil ist die Geschiente des Wachsens una des Verfalls dieser sukzessiven Zentren ‘jüdischen nationalen Lebens^ oder — wenn map ein Wort prägen dürfte, um das Fehlen der vollständigen Nationalität auszudrücken — subnationalen Lebens. Das weitaus wichtigste dieser Zentren in moderner Zeit ist in Polen nach. den großen Wanderungen der Juden von Deutschland im Mittelalter entstanden. In Polen entwickelte sich’ eine große jüdische Gemeinschaft, gleichartig in Charakter uni Lebensart und sieh von - den umgebenden nichtjüdischen Gemeinschaften wesentlich unterscheidend. Sie hatte ihre eigene Sprache — Jüdisch-Deutsch oder Jiddisch — eine Weiterbildung des Miffe'hoclideutschen, das von den ersten jüdischen Einwanderern nach Polen mitgeführt worden war, — ihr eigenes Erziehungssystem, auf Bibel und Talmud fußend, ihre eigene Gemeindeorganisation, ihre eigene Ideenwelt und Lebensansdiauun'r. Diese gleichartige jüdische Gruppe überlebte die Teilung Polens, welche das Land in politischer Beziehung zerfleischte, ja sie erweiterte sich nach Rußland und Rumänien hinein und, in kleinerem Umfange, nadi Deutschland und Frankreich. Von dieser Gruppe, wie von einem großen Reservoir, strömten die Juden in nriner wachsenden Mengen im Laufe des 19. Jahrhunderts in die Länder des Westens, um dort die politische Freiheit und ökonomischen Möglichkeiten', die ilr en in der Heimat hartnäckig versagt wurden, zu gewinnen'. Mit sehr wenigen Ausnahmen gilt es, daß es in Westeuropa oder Amerika kei-cn Juden gibt, dessen Vorfahren — unmittelba-e oder entferntere — nicht in einer der Tausenden von Gemeinden geboren wären, die zusammen 'die gleichartige, Jiddisch sprechende ribnationale Gruppe von Juden in Osteuropa bilden. Es ist deshalb keine Uebertreibung, zu sagen, daß das osteuropäische Judentum seit einigen Jahrhunderten das wirkliche Zentrum jüdischen Lebens ist, und daß bei meiner Sprengung ohne das gleichzeitige Schaffen ei-es neuen Zentrums die Existenz der Juden als Volk bedroht wird. Es ist eine Ironie der jüdischen Geschichte, ' daß dieses vital wichtige Zentrum des Judentums besonders in dem letzten Jahrhunde't unter materiellen Bedingungen leiben mußte, die so traurig und so wenig beneidenswert waren, wie man siefh bloß vorstellen kann. Seine Solidarität, seine Treue gegen die eigene Lebensart und Ueberlieferung, sein hoher Wert als eine Heimstätte jüdischer Gelehrsamkeit und jüdi-che.i Idealismus sind um einen beinahe unglaublichen Preis aufrecht erhallen worden.. Wo wir uns hinwenden im östlichen Europa, überall sehen wir die Juden degradiert, entweder politisch oder ökonomisch oder' in beiden Beziehungen, und aut eine niedrigere Stufe gestellt. als jedes beliebige Proletariat in Europa. Bald der rohesten Unterdrückung durch die Regierung, bald dem1 Hasse einer unwissenden Bevölkerung ausgesetzt, von dem Boden abgeschnitten, ohne Gelegenheit, ihre Fähigkeiten durch Handel und Gewerbe frei zu betätigen, haben die Juden augenschein'ich i’- einv:; materiellen Ansporn, der eigenen Ueberlieferung treu zu bleiben. Daß die gleichartige jüdische Masse unter solchen Verhältnissen sich e halfen hat, ist fast ein Wunder. Es kann nur durch einen ganz außerordentlich stark«! nationale^ Instinkt erklärt werden. Aber Verfolgung und ökonomisches Elend haben viel gewirkt. Juden sind in wachsenden Mengen zur Auswanderung getrieben worden, im physischen ode’- geistigen Sinne des Wortes. Große Massen haben in Westeuropa und Amerika Zuflucht und bessere Lebensbedingungen gesucht; viele haben den Kampf aufgegeben und die Taufe als Mittel der Befreiung angenommen. Und neben diesen auflösenden Kräften war eine andere Kraft tätig, weniger greifbarer Art, aber .ebenso sicher wirkend. Mit der Erhaltung der traditionellen Lebensweise war eine gewisse Feindseligkeit moderner Kultur und modernen Vorstellungc; gegenüber verbunden; aber diese können nicht auf ewig ausgeschlossen werden, und in dem Maße, in dem sie in die Gli’etti hineindringen, wirken sie mächtig auflösend auf jüdischen Glauben und jüdische Sitte, an deren Platz sie nichts spezifisch Jüdisches einsetzen als im besten Falle einen breiten Universalismus, der praktisch die Annahme der umgebenden nationalen Kultur bedeutet. Vor einem halben Jahrhundert begannen pinige der weitschauendsten russischen Juden die Gefahr einer Auflösung ars Folge der Annahme fremder Gedanken und Sitten zu verliehen und für das einzig mögliche Mitte1 zu eitern: das Schaffen eines neuen ‘Zentrums des Judentums im aLen Heimatlande der Juden und unter freien Verhältnissen, wo jüdisches Leben, in seinem eigenen Boden wurzelnd, sich in moderner Richtung und ohne seine Eigenart zu vertieren, ‘entwickeln könnte. Welche Weiteren Zerstörungen diese aut lö'-enden,Kräfte froch in der üiombrenen Judenheit während der nächsten oder der zwei nächsten Generationen armcrichtet hätten, wira 'niemand erfahren: denn jetzt wird der große Krieg ihr Werk beschleunigen. Es ist noch zu früh, auch nur annähernd den Einfluß des Krieges auf die großen' jüdischen Zentren, wo er zum Teil geführt wird, abzuschätzen, aber es ist schm klar, daß er dem großen Reservoir jüdischer K ai: durch Jahrhunderte einen zersdimeltci izien Schlag versetzen wird. So läßt der Krieg das jüdische Problem in einer tragischen Deutlichkeit vortreten. Nicht bloß^ sind Hunderttausende von Juden in heimatlose Wanderer verwandelt worden, den Verheerungen der Krankheiten und des Hungers ausgesetzt und nur mit der schwächsten Aussicht, jemals die früheren ökonomisch geordneten Verhältnisse wieder zu erreichen. Das ist der äußere Anblick des jüdischen Beitrages zur Geschichte der Kriegsleiden, und . der ist entsetzlich' genug, um Aufmerksamkeit zu cr.-'gcn, selbst in ei-er Zeit, wo Schrecken durch rhte Welt schreitet. Aber die innere Seite der Tragödie und die für das jüdische Vo'k noch fürchterlich bedeutsamere ist die Vernichten'r der Heimstätten jüdischen Lebens und jüdischer- Gelehrsamkeit, die Zersplitterung des sozialen Organismus, der trotz seinem Mangel an Freiheit und materieller und politischer Kraft am vollständigsten das Vitale und Dauernde im Charakter und in den Idealen des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachte. Die Zerstörung, die der Krieg den Juden in Polen gebracht hat, ist mit der Vemictitun g Jerusalems’ durch die Römtr verglichen worden, una der Vergleich ist durchaus nicht phantastisch. Denn der furchtbare Schlag trifft außer den Einzelnen auch das Herz der Nation. Für eine oberflächliche Betrachtung freilich könnte es aussehen, a’s ob die Bedeutung der jüdischen Kolonien auf dem östlichen Kriegsschauplatz für das Gcsamtjudentum hier übertrieben worden sei. Zugegeben, l<ö~nte man sagen, daß die Leiden der polnischen Juden gewaltig sind, zugegeben sogar, daß der Schaden nicht wieder mi”zumachen sein wird, und daß das jüdische Volle wirklich für immer eine seiner vornehmsten KraUquetlen verloren hat, so sind doch die jüdischen Ansiedelungen im Westen immer noch da, rnd ihnen stehen .viel (größere imä,"ri’.”c Hilfsmittel sowie unendlich viel ausgedeh tare politische Möglichkeiten zur Verfügung, als jemals die russischen und polnischen Juden. besaßen, oder erwarten durften. Ist es nicht in de1- Tat, fragen wir, eine bedeutende Que le der Stärke -ür das jüdische Volk, daß es nicht „alle seine Eier in einen Ko-b ge'egt hat“, so daß. die Erhaltung des Volkes als ein Ganzes nicht von dem Schick- a1 einer einzelnen Gruppe bedingt iV, mag diese’i- : im übrigen noch so (grob in i .heia iterd Tat machen tjie Bedingungen, unter we'chcn die sein? — Die Frage ist natürlich, genug: aber in der Juden im Westen leben, es ihren Gemeinden unmöglich, dem Gesamtjudentum die Dienste zu leisten, (Tic bisher von den jüdischen Kolonien in Osteuropa geleistet wurden, — trotz ihrer unbedingten Ueberlegenneit. an politischer Freiheit, an ökonomischer Stabilität, an Ueberein- . Stimmung rii/i den Forderungen cDr modernen Kultur. 'Denn eine Folge der politischen und sozialen Emanzipation der Juden im Westen ist die ''Aufhebung ihres ‘Solidafitätsgefühls geworden. Sie haben das Recht erreich1, am Lebm der modernen Nationen Anteil'zu nehmen, rieht als eine nationale oder subpationale 'Grunge, sondern als Individuen. Freilich, die verschieaenen jüdischen Gemeinden sind immer noTi upi iure Synagogen und üörigen Institutionen, äauptsäch.Iich phiräntropischrn Charakters, .gruppiert. „Judentum“', als ein reTiriösss System aufgefaßt; tritt an die Stelle ths Gefühls von A.n "ehörigkeit zum jüdischen Volke mit seinen Ueber'ieferungen und Idealen. Aber vom Gesichtspunkte der-jüdischen Solidarität ist der Ersatz schmerz- 6 Jüdisches Wörterbuch mit besonderer Berücksichtigung der gegenwärtig in Polen üblichen Ausdrücke von Gen. Konsistorialrat D. Dr. Hermann L. Strack, Professor der Theologie in Berlin. Verlag J. C. Hinrichtiehr Bush Handlung, Leipzig. Preis M. 5.—, geb. M. 6.—. f'.in Jiddisch, das heute-noch von Vielen für ein verderbtes Deutsch, von anderen für einen Jargon gehalten'.wird, ist in der Person des bekannten Gelehrten und Orienta’isle.i Prof. Hermann L. Stradlk ein Freund erstanden, der für dessen Rechte und Anerkennung als Sprache mehr ais in der bekannten, billigten Art der öffentlichen Sympathiekundgebungen eintritt. Schon in seinem beachtenswerten Aufsatz über „Die jü tische Sprache“ in der „VossiSChen Zeitung“ bekundete dieseehrwürdige Gelehrte eine innige Beziehung zu den Ostjuden und zu ihrdr Sprache, zu deren Ehrenrettung er sich mit dem ganzen wissenschaftlichen Rüstzeug wappnete. Nun ist das von ihm angekündigte Wörterbuch erschienen, das umso begrüßenswerter ist, als es geeignet erscheint, zum Verständnis der jiddischen Sprache auch in nidhtjüdischen Kreisen iuni somit auch zur Steigerung ihres Interesses für dieselbe beizutragen. In einer längeren Einleitung bemüht sich der Verfasser den Benutzern des Buches die nötigen Behelfe zu geb'en, indem er nicht nur dis jiddische, heb'äiscre und polnische Alphabet bring; und erläutert, s mdern auch tlie hebräische und jiddische Grammatik kurz skizziert und überdies eine kurze Leseübung im Jiddischen und eine Anleitung zum Lesen des Hebräischen gibt. Diesen schließen sich die heb'äischen Dalumi ezeidmungen und ein alphabetisches Verzeichnis der Wochenabschnitte iusw. an. - Das eigentliche Wörterbuch, auf das der Verfasser „manches Jahr des Sammelns und zwölf Monate angestrengten, teilweise recht öden Arfieitens“. verwendete, umfaßt 205 > Seiten und enthält eine immense Fülle von Stoff. Eine besondere Berücksichtigung fanden, wie sriion ar.f dem Titelblatte ^gedeutet, die gegenwärtig in Polen üblichen Ausdrücke, woran natürlich der Krieg und seine Begleiterschei :un?ei einen rieht unbedeutenden Anteil haben.' Selbstverständlich' kann dieses Wörterbuch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, wie es auch sonst Kringel aufweist, die bei dem ersten Wer1--: dieser Art (von früher vorhandene jiddische Wo te. Verzeichnisse. wie das von Bischoff, kö i eu den Namen Wörterbuch nicht beanspruchen', sowie im Hinblick da~auf, daß der Verfasser ein nichtjüdischer und dazu westlicher Gelehrter ist, dem die Schriftsprach-.' besser als die gesprochene Sprache bekann: 'ist, nur zu ler iflieh, erscheine-). Wir wollen hier von Einze h riten absehen und daher die Aufzählung der unrichtig übersetzten Worte (so wird z. B. „versugen“ mit „anordnen“ und „verwehren“ mit „verbieten“ — Seite 152 — übersetzt, während richtig „versugen“ mit verbieten und „verwehren“ mit verhindern zu übersetzen ist), sowie der massenhaft fehlenden, im täglichen Geb'auch vorkommenden Ausdrücke unterlassen. Im allgemeine; möchten wir nur bemerken, daß wir es als störend empfinden, daß der Verfasser bei den hebräischen Ausdrücken sich ausschließlich an die heb'äisch-aramäische Schreibart hält und diese zunächst oder lediglich diese verzeichnet, ihre Leseart und Anwendung im1 Jiddischen jedoch entweder ganz oder nur ungenügend berücksichtigt. Als Eeispiel sei hier auf folgende Ausdrücke hingewiesen: Statt des im Jiddischen nur in der Zusammensetzung gebrauchten (wörtlich: Gelächter und Scherz), sind diese zwei Worte im vorliegenden Wörterbuch g-: sondert und dazu in hebräischer Schreibweise ve zeichnet u. zw. (S. 70) pnd (S. 78), ohne (laß die Art ihrer Anwendung auch nur mit einem Worte betont wird. Di; Wort (Tat, /Aufgabe, S. 127) hinwieder soll das im Jiddischen ntr als bekannte und häufig gebrauchte Wort ersetzen usw. Fernehätte der Autor sich entweder nur auf die a 11g c m e! ix gebräuchlichen Ausdrücke beschränken und alle solche, die nur in manchen Gegenden gebräuchlich sind, asssChalten, oder, wofern er aut diese letzteren nicht verzichten wollte, a 11 e berücksichtigen sollen. Ist dies jedoch nur hinsichtlich mauere' Ausdrücke geschehen; da; u ohne die nötigen Hinweise, so bedeutet das ni h: bloß eine Lücke, sondern es ist auch geeign::, bei den Benutzern des Buches einige V.rwirrung hervorzurufen. Es muß nicht erst betont werden, daß wir mit dieser Hervorhebung nicht etwa die Kri.isierung diese-s isonst so wertvollen Buche; beabsichtigen, sondern 'vielmehr die Au.fceve un; der Mängel wünschen; wozu sich balddie Gelegenheit bieten. dürfte, da der Autor in se'nt Einleitung die Herausgabe eines kurzen Lesebuches in nicht ferner Zeit arikü.ndigh Auch wird die Bezeichnung .Jüdisch“ stets durch .Jiddisch“ ersetzt werden müssen, da sie am allerwenigsten in ein wissenschaftliche-.' Werk hi.ueinpaßt. Das „Jüdische Wörterbuch“, dessen äußere Ausstattung vornehm ist, stellt zweifellos ein gutes Hilfsmittel für das Verständnis der jiddischen Sprache'dar rnd kam datier a'l » Freu den derselben wärmstemempfohlen (werden. M. H e n i s c h.