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Jüdische Zeitung · 1916-10-18 · 41 (18.10.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
41 (18.10.1916)
Date
1916-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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- / JIBISCHE ZEITUNG NFiPnNRL -JÜDISCHES ORGAN KM« Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Ol SMl! Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., ZirkusgaMe Nr. 33. — Sprechstund täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuritekgestellt — Aboonemenstspreise: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: GanzjShr. Mk. 10.—, halbjäbr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjihr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 41 Wien, Mittwoch, den 18. Oktober 1916 — 21. Tischri 5677. . X. Jahrgang. Rüstet Euch! Der Krieg hat die Menschen nicht versöhnlicher gestimmt, er hat sie nicht weitblickender und nicht duldsamer gemacht. --Krieg mag als „Stahlbad“, als „reiniv.f’vEgendes Gewitter“ angesehen werden, einen v ■ 'veredelnden Einfluß auf die Gemütsbildung wird ihm die regste Fantasie nicht zuerkennen. Er hat die menschlichen Instinkte verschärft, er wird deshalb die Beziehungen zwischen den Menschen, Völkern und Gesellschaftsgruppen gewiß nicht harmonischer gestalten. Die Anzeichen hiefür treten immer deutlicher zu Tage. Die Fundamente des „Burgfriedens“ beginnen da und dort abzubröckeln und, was der freie Wille nicht mehr zusammenhält, das muß eine vielbeschäftigte Polizei im Schweiße ihres Angesichtes zusammenleimen, i Auch das Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern und das Verhältnis der Juden zu einander wird in diesem Sinne beeinflußt. Der Traum, , daß der Krieg den Antisemitismus geschwächt hat, ist wohl [ endgiltig ausgeträumt. Die antisemitische | Propaganda, welche während der ersten Ungeheuern Erschütterung für kurze Zeit innegehalten hat, hat längst wieder eingesetzt j und ihre Mittel sir d, entsprechend dem Charakter der Zeit, brutaler und gefährlicher als im Frieden. Die antisemitische Agitation ist praktischer und unmittelbarer geworden. Wer antisemitische Zeitungen ' liest, muß sich hierüber klar werden. Die Ausbrüche des Judenhasses, auf die man hier, trotz der Zensur, stößt, übertreffen alle Friedensleistungen auf diesem Gebiete. Die Propaganda ist weiter geworden und greift tiefer denn je ins tägliche Leben. Es stehen den. Juden große Kämpfe bevor. Wichtiger aber noch ist die Frage Wie beeinflußt der Krieg das Verhältnis der Juden zu einander? Es wäie töricht zu glauben, daß die unheilvollen Einflüsse des Krieges gerade vor diesem Verhältnisse Halt machen werden, ja, daß der Krieg dem Judentume Gesundung bringen wird! Gewiß, der Jude ist im Kriege jüdi.-cher geworden und an diesen Umstand lassen sich schöne Hoffnungen für die Zukunft knüpfen. Aber der Jude als Individuum ist nicht besser und die jüdische Gesellschaft nicht harmonischer geworden, ebensowenig wie die anderen. Der Krieg hat unter den Juden ärger gewütet als unter irgend einem anderen Volke. Er hat hunderttausende Existenzen entwurzelt, er hat die Juden durcheinander geworfen, er hat sie dort verjagt und hier zusammengepreßt. Er hat die Schichtung gründlich verändert. Viele sind versunken, wenige sind emporgestiegen. Und unter den Emporgestiegenen sind die Schlechtesten in der Mehrzahl, genau so wie in der nichtjüdischen Gesellschaft. Die Entwirrung ajl dieser Zustände wird viele Opfer erfordern. Das jüdische Leben wird sich eine geraume Zeit unter dem Zeichen des schwersten Konkurrenzkampfes abspielen, die Individuen und Gruppen werden hart und rücksichtslos aneinander stoßen. Angesichts der Ungeheuern Gefahren, welche das Judentum von außen und innen her bedrohen, heißt es, sich rüsten! Wenn der Frieden ein wehrloses Judentum antrifft, dand wird er es zerschmettern! Es muß ein jüdisches Zentrum geschaffen werden, um welches sich die Juden scharen können, wenn es gilt, dem äußern Feind zu trotzen. Es muß eine Stelle geschaffen werden, von welcher aus ein hilfreiches Eingreifen in die inneren Kämpfe stattfinden kann. Es muß diejenige jüdische Vereinigung ausgebaut werden, welche alle sozialen und religiösen Gruppen umfassen kann: Die jüdisch nati o nale Organisation. Der „Jüdische Nati onaiverei n für Österreich“ hat sichdie Vertretung der Interessen der österreichischen Judenschaft zur Pflicht gemacht. Er hat seit seinem Bestände viel ersprießliche Arbeit geleistet. Wenn er aber den großen Aufgaben, die nach dem Kriege seiner harren, auch nur annähernd gewachsen sein soll, ist es nötig, daß sein Ausbau schon jetzt und mit Aufwand aller Kräfte betrieben wird. Dessen mögen alle eingedenk sein, denen die Zukunft der österreichischen Juden am Herzen liegt! Juden Österreichs! Tretet dem Jüdischen .Nationalverein bei! Die Generalversammlung des Jüdischen Nationalvereines in Oesterreich Dienstag, den 17. ds. Mts., fand in den Räumen Ües zionistischen Büros die diesjährige ordentliche Generalversammlung des „Jüdischen Nationalvereines in Oesterreich“ statt, an -der eine ansehnliche Anzahl von Mitgliedern sich beteiligte. Den Vorsitz führte der Obmann, Herr Ing. Robert Stricker, der auch den Rechenschaftsbericht erstattete. Unter Hinweis auf die Zensur- und Preß Schwierigkeiten, sowie auf die sonstigen, mit dem Kriege zusammenhängenden Umstände, die einer Vereinstätigkeit auf breiter Basis hinderlich sind, besprach der Referent die Wirksamkeit des Vereines in der abgelaufenen Periode. Er hob schließlich die eminente Wichtigkeit einer national-politischen Organisation für die Judenheit Oesterreichs hervor und betonte, daß für die Arbeit des Vereines nach Beendigung des Krieges schon jetzt gerüstet werden müsse. Jetzt gelte es, Mitglieder zu werben und-füjr denVerein, sowie für dessen Ziele, zu agitieren. Dieser Bericht, der von Herrn Sekretär H e n l s c h ergänzt wurde, rief eine lebhafte, mehrstündige Aussprache hervor. Hiebei kam der Wunsch fast sämtlicher Teilnehmer nach häufigen Diskussionsabenden, nach einer regeren schriftlichen Propaganda und nach einer jüdischen Presse zum Ausdruck. Es wurde auch die Schaffung eines Agitationsfonds angeregt.- Nach Erteilung der Decharge für den abtretenden Vorstand, beschloß die Generalversammlung einstimmig folgende von Herrn Dr. K a d i s c h unterbreitete Resolution: Getreu dem Krakauer Programme erklärt dieGeneralversammlung des „Jüdischen National Vereines nr Oesterreic h“, an seinem Programme der Erhaltung und Erneuerung Oesterreichs unerschütterlich 'festzuhalten. Sie erklärt weiters unter Festhaltung der Forderung der Anerkennung der Juden als gleichberechtigter Nation alle Bestrebungen zu unterstützen, welche auf Herstellung des Vö 1k e rt r t e d e n s und eine großzügige Wirtschaftspolitik gerichtet sind. Die Generalversammlung schloß mit der einstimmigen Wahl folgender Herren für den Vorstand und für die sonstigen Funktionen: Adolf B ö h m, Börsenrat Adolf Brecher, Dr. S. Feldblum, S. A. Häusler, Meier Hern sch. Dr. Hermann Kadisch, Dr. Satomon Kaßner, Ing. Oskar Kramer, Adolf Stand, Leopold Sitzmann, Ing. Robert Stricker, Dr. H. Sußmann, Löbf Taubes und Reichsratsrevisor Rudolf Taussig. Der Zionismus und das jüdische Problem Von Dr. Ch. Welzmann *) Das sogenannte jüdische Problem erscheint in verschiedener Gestalt in den Verschiedenen Ländern. Sobald wir abeir 'durch die obere Schicht zufälliger und vorübergehender Erscheinungen in das Problem hineindringen, tritt es jn seiner Reinheit hervor: es gilt einer nationalen Gruppe, die sich von den ältesten Zeiten her erhalten hat, ohne die gewöhnlichen Merkmale einer Nationalität zu besitzen, in der modernen Welt einen Platz anzuweisen. Es trifft dieses zu, Gleichgültig ob man die Frage von innen oder von außen betrachtet, vom Gesichtspunkt des Juden oder von dem der Welt. Die modern» Welt stellt den Juden dem Problem gegenüber, einer Form eigener Existenz ohne die Stützen territorialer Souveränität und politischer Einrichtungen zu finden; und der Jude stellt ditt modenje Welt dem Problem gegenüber, ihm einen Platz in ihrem gesellschaftlichen Bau herauszufinden, der es ihm ermöglidht, als ein menschliches Wesenzu leben, — ohne von ihm zu verlangen, daß er aufhöre, Jude zu sein. In beiden Fällen erhält das Problem seinen besonderen Charakter durch die Tatsache, daß die Juden, einfach als Juden betrachtet: als Mitglieder der nationalen Gruppe, der vor 2000 Jahren Palästina gehörte, niLnt mehr die nationale Einheit Besitzen, die durch den Besitz eines Heimatlandes, einer gemeinsamen Sprache und gemeinsamer Institutionen zum Ausdruck gebrächt und gesiühert wird. Seme trnanung durch die zweTiausendjährige Zerstreuung verdankt das Jüdisdh'e Volk seiner Fähigkeit, sich, wie sich auch die äußeren Bedingungen gestalteten, ein eigenes Gemein- *) Aus „Zionism and the Jewish Future“ ed. by H. Sacher (London, Murray 1916) — Uebersetzung. Soeben erschienen: IF Lieferung 6/7 des „Jüdischen Archivs" Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“ Verlag'R. Löwit, Wien, I. Rotenturmstraße 22. Preis 1 Krone

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