Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 40 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 liegenden kleinen Orten angesiedelt worden sind, die (übrigen iri' Kow-el.* Nach Mogiljow wurden aus Kurland 800 Juden geschickt, durch Minsk zogen am 6. Mai 5000 Juden aus Kurland. ' Die Zahl der äiis Kurland ausgewiesenen Juden ist schwer festzustellen. Nach einigen Berechnungen reichte sie bis an 50.000 oder 60.000. Um die ganze Bedeutung dieser Zahl zu begreifen, muß man berücksichtigen, daß die Juden in Rußland nur in Städten das ^Wohnrecht haben und daß Kurland sich außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons befindet. Die Ausgewiesenen haben viele Jahrzehnte und Generationen hindurch dort gelebt und-waren im städtischen Leben stark eingewurzelt. Es ist also klar, daß durch die Ausweisungen dem Lande Wirlsdiäftlich ein großer Schaden zugefügt wird. Die Städte verloren einen'-bedeufenden Teil der wirtschaftlich' tätigen Bevölkerung, und das geschäftliche Leben ist fast erstorben. Aus Mitau wird berichtet, daß von dort in Rjeziza (Gouvernement Witebsk) 8000 Juden an gelangt sind. Nach der Ausweisung der Juden aus Windau blieben in der Stadt nicht mehr als, 1500 bis 2000 Einwohner. Alle Handlungen und gewerblichen Unternehmungen wur- •den geschlossen. Es muß hier bemerkt werden, daß in Mitau aie russischen Behörden „große Gnade“ walten ließen,: indem sie, von der Gewohnheit abweichend, einige Juden te'ießen, nämlich: einen Arzt, namens Eeitelberg, der. als Stadtarzt im staatlichen Dienste steht, zeitweilig auch — einen. Fleischhauer, Rolow, und noch' einige kranke Juden., Den Charakter einer ungeheuren Katastrophe für das ganze Landgebiet nahmen die Judenvertreibungen an,; als sie sich auch auf das Gouvernement Kowno ausdehnten. Die dortigen Verwaltungsbehörden erhielten vom Mi'itärkommandanten folgenden Befehl-: „Infolge der Verordnung des Armeebefehlshabers sind alle .Juden, die westlich der Linie Kowno - -Jari'oW -Wilkomir - 'Rogowl - Ponje- ■wez - .Poswö-l - Salati - Bausk w"ohnen, ausnahmslos aus; dem Gebiete auszuweisen. .Die genannten Punkte selbst gehören auch 'in das Ausweisungsgebiet. Sobald die jetzt von den Deutschen besetzten Gebiete vom Feinde ge-«: säubert und von-unseren Truppen besetzt sind* ist die Maßregel auch ohne Verzögerung auf die dort wohnenden Juden anzuwenden. Die Ausgewiesenen müssen nach einem der folgenden Stadtkreise übersiedeln: Bachmut, Marimol, Ko-, beljaki, Konstantinograd, Lodnvitz, Lubni, Mirgrod, Rorifna und Chorli (im Gouvernement Poltawa). Der Endtermin der Uebersiedlung ist der 5.-Mai .Nach dieser Frist wird das Verbleiben eines Juden westlich der genannten Grenze kriegsrechtlich bestaft. und die politischen Behörden, die nicht wirfsame Maßregeln ergriffen haben, werden enthoben und vors Gericht gestellt , werden. Indem ich dies r zur , Kenntnis bringe, bitte ich, mir vom Abschlüsse der ausnahmslosen Ausweisung der Juden telegraphisch bis 5. Mai, 12 Uhr nachts, Bericht zu irrstatten. Ueber den Gang der Ausweisungen au, den jetzt vom Feinde besetzten Orten ist nach Maßgabe der Vollziehung .zu melden.“ Auf Grund dieses Erlasses wurden die Juden aus Kowno, Schawü, Ponewjesch, Wilkomir ausgewiesen. v Zionistische Arbeit in Kongress: ‘; Polen. ' .;j (Schluß.):; rv'v > Ein ausführliches Referat über hebräische Erzi ehung hielt am zweiten Tag der Warschauer Konferenz Herr S. L. Gordon. Er stellte ein umfassendes Programm für. die verschiedenen Schulen auf,, die in immer größerem Umfange in vielen Städten von den ■ Zionisten gegründet werden. „Eine zionistische Schule ist z\var keine Fabrik 'zur Erzeugung von" Zionisten, aber sie muß ihren Zöglingen eine nationale Erziehung geben. Eine Schule ist nicht nur eine pädagogische Anstalt, sondern zugleich auch' eine (nationale Institution jzur Schaffung fii--? Volkes. Die kleinein Kinder 'müssen nicht nur eine hebräische Kultur erhalten, sondern auch eine allgemeine Bildung. Aber; diese allgemeine Bildung muß in hebräischem Gewände, in der hebräischen Sprache vermittelt werden.“ In seiner Rede Wendete sich, der Referent negen die befremdende Tatsache,* daß nationale Juden.- und sogar Zionisten ihre Töchter in :Gymnasieiv schicken, wo das Studium der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte vollkommen ausgesdialtet -sei, und sogar in solche Schulen, in denen getaufte Lehrerinriien unter-; richteten. Der. Redner stellte den-Antrag, eine Erzi eh u ngsk orn m i ss ion zu. wählen, die die von Zionisten .gegründeten Schulenbeaufsichtigen sollte, damit sie ganz jüdisch seien, in ihrer Sprache und in ihrem1 Geiste: Als,Hauptaufgabe bezeidmete er die Gründung eines Lehrerseminars. Der Vortrag fand größten Beifall. Daß sich über das Referat eine eingehende Diskussion entspann: ist leicht begreiflich'. Die Schul- und Spradhenfrage wurde von allen Sei'.en erörtert. Am Vormittag dieses zweiten Tages hätte eine besondere Konferenz der- Hebraisten St'attgefunden.- Alle Teilnehmer stimmten darin überein, daß es notwendig sei, eine allgemeine hebräische Organisation zu gründen.;- , . Der Beginn des dritten Tages war von dem Berichte der Natipnalfondskömmission imd' der" Besprechung von Vorschlägen, die der Vergrößerung der Einnahmen dienen sollten, ausgefüllt. Es sind überalj dieselben Methoden, weshalb wir darüber hinweggehen, können. Nach einer Pause wurde das Thema über die Erziehüngs-, Schul- und Sprachenfrage wieder aufgenommen. Im Schlußwort erklärte G o r d o n : „Wir machen keine Experimente mit unserer Schuljugend. Davon haben sich die Delegierten gestern bei ihrem Besudle unserer Schulen über- ,' zeugen können. Sie nahen, die hebräisdVe Sprache der' Kinder gehört, die' in ihrem Munde zu lebendigem Leben geworden ist. Was unsrer Verhältnis!zum Jidisdien anlangt, so ist es uns überall dort, w.o es nicht der Ausbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache im Wege' steht, näher als'andere Sprachen, da es doch schließlich die Umgangssprache unseres Volkes und’ unsere eigene Umgangssprache ist.. Aber dort. wo ’ Jidiscli, das ,Gebiet der hebräischen ^Sprache berührt, dort kämpfen wir dagegen^b&vwir unserer , einzigen'nationalen: Sprache ^Bestand und En'.widcluhg . igeridhert haben:“ %^ 'rrS};! Hierauf., wurdenfolgende Resolutionen angenommen::-. iäj . , 1. Neiberi-.def -Zentfaileitung wird "ein K u- ‘. r a t o r i u m gegründet, durch das' alle Schül-; An gelegenheiten,. A' endkurse.'.usw,. geld!et: werden, die unter -drin Einfluß'der "Zionisten’des Landes s'rehen. , . 2. Die U nterri ch t s s'p r a.’ch.e. in, diesen ^Schulen fürl alle Unterrichtsfächer .-ist dieLh e-? b r ä i sc.li e; Sprache. Anmerkung: . Wo es.aus bestimmten Gründen mimögHch'tfstg^ieSen Bes : sdiluß vollauf durchzuführen,;■ soll, die*: Unter-' ' richfssprache für dieallgeJneinehFädiefji- . disch, sein. ..; , , . , 3. Das. Kuratorium -arbeitet einen einheitlichen Leb rp I an für,: äße .-Schulen Vrides Landes - aus. -.- 4. Das Kuratorium 'hat einen Instrukteur zu ernennen, der von -Zeit zu Zeit die Schulen des Landes besucht. 5. Die Zcnrralleitun-’j muß sofort 'die Vör- ' ' hcreihingen zur Gründung eines hebräische^ Lehrerseminars für hebräische und allgegieine . 'Unterrichtsgegenstände... in,*;Angriff nTimep. Die Ühtemdhtssprädie'rdieses \ Institutes ist die hebräischer...■■ -■ * 6. Die' Zentralleitung v muß nationale Jugendliteratur herausgegeben. 7. Die Zentralleitung muß Schritte tun, daß in 'den Schulen, in denen -es eine 'Viriimmtc /ah' jüdischer Schüler gibt, einige- S unden für die hehrpisc-he Spräche bestimmt werden.: : 8. Ueberall,-wo es möglich ist, muß dafür gesorgt werden, daß eine besondere Ko:mmissi.on für hebräische S'chulängel egerih eiten geschaffen wird. Wo dieses, unmöglich ist, muß dafür gesorgtwerden, daß ein zionistischer Vertreter iri die Kommission gewählt wird, die die Schule, des,,betreffenden Ortes beaufsichtigt, oder daß wenigstens, ein hebräisches Kuratorium gegründet * wird. 0. Die Zcntralleituhg soll sich an alle Turnvereine wende-', um' aus ' ihrer Mitte T u r'n- I e hrer ,f ü r d,j;e>-he-b r ä i sch eh. Sc hu len zu erhalten. 4 { . . ln der zweiten Tagung des dritten: Tages stand die Frage der z i o n i s.t i S c h-e n Presse zur Debatte. Dr. Klumel hält e'nen kurzen Vortrag'über die Bedeutung rind die: Lage der: Hazefira, der einzigen zionistisch-hebräischen Zeitung; die in den:, letzten..; Jahren er-, . halten geblieben, ist Und,: fordert,.daß - die. Zio-. nisten ihre mäterielle Grundlage sidhe-.i ind ihr die Möglichkeit geben, sich wenigstens1 inr Maße des: ^gegenwärtig - Erreichbaren ■zu . entwickeln. Aber die zionistische Organisation in-Polen könne und. dürfe sich,nicht.mit -einer hebräischen Presse allein begnügen. Es'sei ein notwendiges Bedürfnis, die zionistische1 Wochenschrift "„Da s';j ü- '( di sehe Volk“ wieder 'herauszugeben, die yor dem . Krieg in -Warschau erschien . und darum schlägt der Redner vor, sofort, die VorbereitiingeH zur Wiederherausgabe' dieser Wodfre-Schnft in Angriff zu nehmen. Aus den darauf folgenden Wechselreden : wurde;-, den- Versammelten klar,' "'unter welch schwierigen finanziellen Verhältnissien ' die' Redaktion der „Hazefira“ und ihre Mitarbei'er während des Krieges arbeiten, besonders ■ seit der Zeit, da Herr Poidlisehewski,;der : Oömer der „Hazefira“, Warschau verlassen:hat. Und wenn die Hazefira sich bis auf, den heutigen. Tag erhalten hat und ihre Aufgabe als/liebräier ihr die schönsten, klarsten Töne des Volksliedes a'o All dis Streben und all das unendliche (Leid’ indische- Volksmassen fanden in ihnen einen mächtig-n Widc-hall. Die Zionslieder, in denen; eine glühende! Dichterseele ewige Sehnsucht in tieftraurigen Weisen erzittern läßt, die Arbeits'i' ier, die Vorläufer der Zorneslieder von Rosenfetd wurden, und seine epischen und allegorischen.Schöpfungen drangen tief in das nationale Bewußtsein der jüdischen Volksmas:en in Rußland und weckten eine Fülle schlummernder Kräfte, .die allmählich auch auf das- Ge- ’ samtiudentum ausstrahlten. Daß Frug, dem es beschieden war, im Mo-, mente.Tiefster sozialer und nationaler Gährung der neunziger Jahre in Rußland seine Harfe er-, klingen zu -lassen, sich mit glühendem Enthusiasmus der Biiühew'eguhg ansdiloß und deren Deuter und Verkünder wurde, hebt vielleicht . den Edelmut des Menschen über das Künstler- tum , des: Dichters empor. Und Vielleicht liegt hier eben des Rätsels Lösung, daß ein Dichter, der trotz starker nationaler Note in der jiddischen Sprache verhältmäßig wenig -und auch kaum etwas über das Uurchsch'nittsmäß Hiiiausragendes gcschafjsi, — im Volksbewußtsein breitester Massen seit drei Jahrzehnten zu .einem der Großen itn Dichterreiche emporwuchs;- - * Ein Lebensvoller Widersprüche und eine Dichtkunst, die 'den Stempel der Tragik trug. Er' kam als jüdischer Bauernmerisch zu' uns und erstickte allmählich im. Moder dumpfer Ue'bcrlieferung: Er brachte den gesunden, einfachen Erdgerudh heimatlicher Scholle in das jiddische Schrifttum, , idoch bald verwelkte seine duftige Blütensprache .unter dem Zwangeines Lebens, das der Erde entrückt war und einer Sorache, die erst vom Sklaventum blinder NaChäliriiung sich allmählich; losziilösen begann. Der .‘urwüchsige, I cbensstrotzehde Dichlor und , erste Künstler, der aus Eurona ins Jiddische eindrarig, verwandelte sich -allzubald in einen tränenerfüllten Elegiker des jüdischen Lebens. Trauer, Gram und Kummer wurden zu: einem alle seine Schöpfungen durchflutenden Element. Im Russischen ei i Echter, Wahrer, und Großer, , ward er.im liddirchen ein matter, ermüdeter, zerklüfteter Epigone. , Und hier liegt vielleicht seine tiefste Tragik. In einer fremden Sprache leuchtete seine . ganze Persönlichkeit im vollen Glanze echter Dichtkunst aut -.— in der eigenen, zu. der ihn historische Notwendigkeit und ein ungestümes Sehnen zog! — vermöchte er hur mit träneneirstickter 'Melancholie eines durchschnittlichen Dichterlings zu schaffen. Der große Ruhm — der mächtige'Widerhall seiner Schöpfungen in: den Millionen'! — Ach, eitler Wahn ist der Ruhmfür einen edit-en Dichter, wenn ein gewaltiges Weinen seine Seelte erschüttert, während seine Lippen nur 'zu stammeln vermögen .... Dr. Z. F. Finkelstein.. Aber Oie Sterne? „ Vcxn S. Frug. „ Uebertragen von Th. Z l o ci s.t i. .. . Es.glänzt der Mond.- Es glänzen die Sterne; In wallender Nacht über Berg lind Tal : . . , Und wieder -les’, ich. Idiie uralten Blätter; . Ich las sie tausend, und tausende . Mal. Und wie ich lese die heiligen Worte, . Hält midi eine Stimme, gebannt:1; . ■ - ' „Mein Volk;; Du wirst sein wie : die Sterne am , " -; - Himmel,' v Wie1 am ■ Meeresgestade1 der Sand;“ v! 1 Idi weiß es, mein Gott: Voni,Deiner.Verheißüng: Wird sich erfüllen das: leiseste Wort. .' i. Idi Weib -es, mein Gott: Es sucht, niir Dein Wille L'ie .richtige Zeit, clen riditigen Ort.; Und eines hat schon-'die Erfüllung jgjeSeheb, Ich hab’^ es mit allen Shmeit giefühlt : / -' ■ Wir sind zu treibendem Sande ^geworden, Von jeglichem FußeIdürehivühlt. :1.;• •. : ■'■■■(■ Es hat sich,erfüllt! ... ,-i Wie Sänd oind Wie Steine; Zerstreut;und 'zerstoben, zu Sch'ah'de .unä Spott! ... Nun aber die Sterne init leuchfendem Scheine,1 Die Sterne,. die Sterne, Wo' ‘sinjd sie, mein Gott?,: . ..