Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 40 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nrnnn. -jüdisches drern Mit Beilage „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ _ Redaktion. Administration und Inseratendufnahme: Wien, II., Zirkusgane Nr. 33. — Sprechstunden «K»* * «««wochentiiich. .{** 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuröckgestent. — Abomemenstspreise: Für Oesterk Tn_gLftiShr K 5.- Vierteljahr. K 3.-. Füf Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halber. Mk. 5—, Vierteljahr. m^l-. T0rGÄbrige A^Jd: Ganzj^. FVcf lS.-. Einzelexemplare 20 h. - Postsparkassenkonto 133.404. - Telephon 45.325. Nr. 40 Wien, Mittwoch, den 11. Oktober 1916 — 14. Tischri 5677. X. Jahrgang. Die Ausweisungen Oer Juden in * RuhlanO. Von WI. Kossowski. (Schluß.) im April 1015 wurde der Uebersicdlungszwang auch auf das Göuvernement Suwalki ausgedehnt, welches gleichsam den Liebergang zwischen Polen und Litauen bildet. Dank der ■grenzenlosen Erfindungsgabe der russischen Behörden auf dem Gebiete der Repressivmaßregeln, wurde von nun an ein neues Motiv in die Ausweisungspräxis hineingetragen: die Ausgewiesenen wurden in den Stand von Sträflingen versetzt, sie verloren das Recht, sich den Ort ihrer neuen Ansiedlung auch* innerhalb der jüdikhen Ansiedlmmszone in Rußland zu wählen und erhielten Passierscheire nach: bestimmten Sgidikreisefi. Sie wurden meist von Wachen eskortiert, in die größeren Städte, die am Wege lagen, ließ man sie nicht einmal zu kurzer Rast hinein. Wenn sie infolge eines Versehens der Pölizci doch hintingelangtcn, wurden sie schonungslos herausgejagt. , „Rasswjet“ vom' 10. Mai (Nr. 10) ergänzt dieses Bild durch neue Details: „Tn Mertsch h -finden sich schon seit einigen Wochen 3000 -Flüchtlinge aus dem Gouvernement Suwalki. Sie können nicht befördert werden, da die Bahn sie nicht kostenfrei befördern will. ‘Man kann sich leicht vqrstellen, in welcher Enge und unter welch unmögliche Lebensbedingungen diese 3000 Menschen in dem kleinen Oertchen zusammengepreßt sind.“ — ,,!n Balwerzeschski hatten die Juden Leiden und Erniedrigungen zu ertragen, die sogar den russischen Juden in der jetzigen Zeit fürchterlich erscheinen “ Den Ort Pren mußten 400 Familien verlassen. ' Am 14 . April zogen 500 Flüchtlinge über Grodno nach Witebsk. Alle sind aus dem Gouvernement Suwalki ausgewiesen, aus Lipsk, Konziowo, Sopozkino, Golinki, Krasnopol, Ssern usw. Alle in Grodno bisher verbliebenen Flüchtlinge aus Suwalki sind — viele Eisenbahnzüge füllend — ■ abbefördert worden, nach Witebsk (500 Personen), Mogiljow (400), Kremen tschug (365), Umanj (200). Ende April und anfangs Mai wurden neue Ausweisungen in kolossalem Maßstabe vorgenommen. Sie umfaßten das große Gebiet der Gouvernements Grodno, Kowno und Kurland. Für die Ausweisung der Juden aus dem Gouvernement Grodno wurden bereits im März Maßregeln getroffen. Wie ..Rasswjet“ vom 29 .März, Nr. 18 aus Grodno berichtet, „haben dort in den letzten Tagen über 300 Familien Befehl erhalten, sofort die Stadt zu verlassen. Es gelang, die Ausweisung bis nach Ostern hinauszuschicben.“ Anfangs April wurde von ZitCmir ans Kiewer jüdische Unterstützungskomitee telegraphiert „Aus Grodno sind 5000 Frauen, Kinder und Greise zu erwarten, darunter .viele. Arbeiterinnen cler Tabakfabrik Schereschewski.“ Dann finden wir schon ■ m den Zeitungen die gewöhnlichen Berichte über die Bewegungen der Juden. „In Berditschew erwartet man die Ankunft der ersten Flüchtlingsschaar, 390 Personen.“ Nach Wilna kamen Flüchtlinge aus Druskenski, wo die ganze jüdische Bevölkerung aus- ' gewiesen wurde. Auf Anordnung der Militärbehörden wurde der jüdischen Bevölkerung in ’ Kurschew, Gonion lz und den umliegenden Orten der Kreisstadt Bjelostok im Gouvernement Grodno, 6000 an der Zahl, befohlen, in der Zeit vom 4. bis 7. Mai auszuwandern. Dann, wurde diese Frist bis zum 13. Mai prolongiert. Die Juden werden nach jenen. Gebenden des jüdischen Ansiedrungsgebietes in Rußland evakuiert, die noch nicht dem Kriegsrayon einverleibt sind. Anfangs Mai kamen die Gouvernements Kurland und Kowno daran. Laut Bericht dies „Rischski Wjestnik“ („Rjetsch“ Nr. 120, 3. Mai) wurde am 30. April ein Befehl herausgegeben, demzufolge alle Juden ausnahmslos bis zum 4. Mai Kurland verlassen mußten. Zur Anstellung wurden ihnen die Gouvernements Mogiljow, Tschernigow, Poltawa, Jekaterinoslaw und Taurien, mit Ausnahme der Kriminsel angewiesen. Diejenigen, die sich bis zum 4. Mai nicht selbst entfernen, sind mit ihren Familien unter Polizeieskorte nach irgend einem der erwähnten Gouvernements zu befördern und außerdem kriegsrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Dem Berichte der „Rischskaja Myßl“ zufolge, ist gegenwärtig in Riga wegen der Ausweisungen aus Kurland eine große Anhäufung von Juden! bemerkbar, die sich auf der Durchreise nach, den befohlenen Orten dort befinden. Sie kommen mit der Eisenbahn, mit DampfsiChiffen, aut Pferdewagen oder gar zu Fuß. Die Behörden sehen strenge darauf, daß keiner der Ausgewiesenen in den OstseeprovinZeny verbleibt. Diejenigen, ‘die in, den. ersten. Tagen nach Riga gingen, um sich dort bleibend, anzur siedeln, wurden sofort gezwungen, über Düna-, bürg nach dem Gouvernement Mogiljow abzureisen. Der Stadtkommandant von Reval nützte sogar die Gelegenheit dahin aus, daß er einen Befehl herausgab, der die Stadt nicht nur den Kurländer Juden, sondern auch den Juden aller anderen Gouvernements verbot. Es heißt nämlich in diesem Befehl: „Ich untersage das Betreten des Festungsgebietes allen Personen jüdischer Konfession, die aus Kriegsnotwendigkeit aus den Gouvernements Kurland, Livland, Kowno oder überhaupt aus dem Kriegsrayon verwiesen sind“. Es ergossen sich neue Wellen in den Flüchtlingsstrom : Nach Orscha kamen aus Kurland1 1000 flüchtende Juden, von denen 150 in den um- | Simon Samuel Frag. j Er ward beinahe zur legendären Gestalt. ■Nannte man die Erslrri' und Besten der jüdischen Literatur, so ward auch Frug genannt. Wenn er auch bei uns herZ1ich' wenig gelesen, un i noch weniger verstanden, aber dafür maßlos überschätzt war. Doch in Rußland und Amerika, wo das Jiddische als lebensstrotzende Tradition in den dichtesten Volksmässen gehegt und gepflegt wird, erklingen die naiven, traurigen und mitunter ungelenken Lieder Frugs in tausend Varianten und begleiten als' Echo jüdischer Tragik Millionen Menschenkinder von der Wiege bis zum Grabe. - \ i wg ■ : r ■" Daß seine-jiddischen Schöpfungen nur ein matter Abglanz waren eines großen Dichters, dessen tiefste Seelenschwingungen ausschließlich in einer wildfremden russischen Sprache im Glanze echten Künstlertum's erstrahlen — was Scherte das die jüdischen Volksmassen? Daß Frug,!der treffliche'Nachfolger eines Puschkin und Lermontoff, in der jiddischen. SpraChe nur ein altes, verhutzeltes Geschöpf sah, mit kranken, kurzsichtigen Augen, gelbem, .eingeschrumpften Antlitz, verjammert, in Lumpen gehüllt — dies war wohl in der Richtlinie geschichtlicher. Entwicklung dies Cr Literatur gelegen. Man steigt notgedrungen und mit verbissenem Groll eines weltmännischen Hochmutes zu diesem Stiefkind de- Judenseefe herab und bleibt doch zuletzt mit dem ganzen Herzeleid an ihm hängen ... ' Die .Meinung des Dichters, die Wege, die ihn zum Judentum zurückFührten und die stillen Kämpfe, die Frug als reifer, auf der Höhe echten Künstlertums angelangter Dichter zu bestehen hatte, bis er die Wendung zur verachteten Volksliteratur machte — gar oft hat er dem herzergreifenden''Ausdruck verliehen — doch am1 Wenigsten wurde dies gerade in seiner Dichtung beachtet. Das Volk, das in den achtziger Jahren vom Orkan wütender Progrome aufs tiefste erschüttert wurde, lechzte nach tröstenden, vom tiefsten Mitleid zeugenden Worten und diese fand es in vollem Maße in Frugs glühenden Volksliedern. Nur an diesem fand es Gefallen, geradeso wie es sich in seinem' Jammer an den rabiaten Weisen eines Goldfaden oder an den abenteuerlichsten SchaudermärChen eines Schajkievicz entflammen konnte. Es mochten wohl armselige Künstler gewesen sein, die aus der Not des Augenblicks erstanden, der Tragik dieses Zeitabschnittes in naiven, kindlich anmutenden Volksweisen Ausdruck gaben — als tieffühlende Menschen wuchsen sie unwillkürlich, getragen vom mächtig widerhallenden' Echo Millionen geknechteter und nach Erlösung lechzender Seelen. Der Volksdichter als trefflichster Ausdruck breitester Massen, die Volksmasse als tiefster Nährboden wahrer Dichtung — dies eigenartige Schauspiel offenbarte sich nur einzig an der Wieo-e der jiddischen Literatur. Und zum Träger solcher Dichtkunst ward eben Simon Samuel Frug. Schon das Milieu, aus dem er hervorging, war ganz neuartig. Ein Stämmling einer durch des Zaren Gnaden auf einer Bauernscholle angesiedelten Judensinpschäft in Babrori Kut. (Chersoncr Gouv.) Wenn jüdische Dichter herkömmlicherweise aus kleinen Städtchen den ganzen Jammer des Judeneiends in die jiddische oder hebräische Literatur hineinschteppten, brachte Frug als Erster mit sich Erdsjeruch und die erlösende Wonne eines aus der Naturscholle herausgewachsenen Menschenkindes. Das tiefe, urwüchsige Naturempfinden, das in den Liedern Frugs lebte, war neuartig und ward bahnbrechend für das ganze jiddische Schrifttum. Umsomehr, als der Dichter bereits als anerkannter russischer Schriftsteifer sich der jiddischen Literatur zuwendete und in die Reihe der klügelnden VerSmacher eine moderne Technik und europäisches Künstlertum einführte. Dah ihm die Sache nicht leicht wurde,; bekannte er nur allzuoft. Eine spröde, kauderwelsche Mischsprache, in der sich berufene und unberufene Dilettanten zügellos gebärdeten, fand er nochvor. Mit Groll und dem' ungewöhnlichem Trotz eines zielbewußten Künstlers ringt Soeben erschienen: MF* Lieferung 6/7 des „Jüdischen Archivs“ Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv“. VerlaglR. L5wit, Wien, I. Rotenturmstraße 22. Preis 1 Krone