Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 38 (7.9.1916)
- Date
- 1916-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Der neue jüöisdie flafionalftalenöer. Knapp vor den Festen ist der Kalender erschienen, auf den wir seit seiner Ankündigung mit großer Spannung gewartet'haben. Der erste Jahrgang hat sich dank seiner geschickten Anlage überall so gut eingefühirt, daß wir in dem zweiten ein ebenso sorgsam zusammengestelltes Büchlein onit wertvollen Beiträgen und interessanten, unbekannten Bildern erhoffen durften. Wir können mit Befriedigung feststellen, daß der neue Nationalkalender hält, was der erste versprochen' hat. Die beiden verdienstvollen Herausgeber, Otto Abeies - und Ludwig B a t o, haben alle Mühe darauf gewandt, die Arbeiten sowohl in publizistischen als literarischen Teil so aufeinander abzustimmen, daß das Werkchen wie aus einem Guß gemacht erscheint. Der einleitende Artikel stammt yon Ludwig Bato. Er behandelt in übersichtlicher Weise die Ereignisse des Kriegsjahres 5677. Ihm schließt sich, eine schwungvolle Betrachtung von Otto Abeies mit dem Titef „'Zwanzig Jahre politischer Zionismus“ an. Diese wie die folgenden Abhandlungen von AdoIt Böhm über „Großzügige Palästinaarbeit“, Adolf Stand, der die Einwirkungen Theodor Herzls auf seine Gefolgschaft behandelt, und Nach1 um Goldmanns, der eine Besinnung auf die Grundlagen des Herzischen Zionismus fordert, stehen unter dem Eindruck unseres nationalen Unglückes, das durch diesen unseligen Krieg' ins unermeßliche gesteigert wurde und im Zeichen der Erinnerung an Theodo(r HerzI, der vor nunmehr, zwanzig. Jahren mit seinen gewaltigen Plänen vor das jüdische Volk trat. Mit einem' kulturellem Thema befaßt sich in einem1 (sehr'ansprechenien Aufsatz Heinrich Löwe, der Von der Auferstehung und dem „Leben (einer toten Sprache“, der hebräischen natürlich, erzählt, wahrend sich O'sias Thon mit denen auseinande-setzt, die den Osten „entdeckt“ zu haben meinen. Egon Zw ei.g bei schäftigt fei"h mit ..Unserem Volksschätz“ und liefert manch treffliche Bemerkungen zur Psychologie seiner Freunde. Sein Bericht über „Die Palästinaa-beit des -Jüdischen Nationalfonds im Kriege“ ist sicher geeignet,' uns in unseren Sammlungen füdie Stärkung unserer Betriebsmuter anzuspornen. Die Namen Max Rrod, Martin Bub er, Alfons Petzold, A-nold Zweig, Otto Hauser, zeigen, daß die Redaktoren gute und neue Kräfte heranzuziehen sich bemühten, um für _den 'Kalender Interesse zu erwecken. "Selbstve-ständlich sind -auch unsere ostjüdischen Dichter in Uebersetzungen vertreten. Aber wie es (unmöglich ist, jede Abhandlung, "änd mag sie noch so gut sein, gesonde-t anzuführen, so können wir die einzelnen belletristischen Beiträge auch nicht einmal mit' der Ueberschrift (nennen, wollen wir den Raum für eine Empfehlung [nicht übermäßig überschreiten. Viel Freude werden den Käufern des neuen Kalenders die Illustrationen' bereiten.. Unter den Porträts von Ch. N. B i a 1 i k, Moses Heß und Scho lern Al ei ehern ist das von Heß zum’ ersten Mal veröffentlicht. Es ist die Reproduktion eines feinen Oelgemä'des, über dessen Herkunft der Kalender nähere Auskunft gibt. Auch das Faksimile des Konzeptes eines Schreibens. das He-zl an die Kulturgemeinde München gerichtet hat. fwird vielen willkommen sein, denn Vschon der Anblick der Schrift Herzls ist ein ästhetischer Genuß. Ist Von dem oder jenem nicht gesprochen worden, 'so .'möge man darin kein Urteil ’erb'icken. Sind wir auch in gewissen Punkten mit Herausgebern und Mitarbeitern nicht einer Meinung, so heben wir den Kalender doch aufuchtig und ehrlich und wünschen ihm' viele Abnehmer. Sie werden sich nicht enttäuscht sehen, wenn sie ihn lesen. Aus der allgemeinen Presse. ln der „Neuen Züricher Zeitung“ vom 8. August d. J. findet sich an leitender Stelle, ein von Omega gezeichneter Aufsatz, der „Krieg und Zionismus“ überschrieben ist .und den wir hier im Auszuge wiedergeben, ohne im besonderen auf die wenigen Stellen hinzuweisen, wo die Darstellung nicht ganz zutrifft. „Der jetzige Krieg hat der zionistischen Bewegung einen ungeahnten Aufschwung gegeben "Das östliche Zentrum der Juden, das „Reservoir des jüdischen Geistes“, wie es in einer jüdischen. Schrift genannt wird, steht vor einer Umwandlung. Das Judentum in Polen und Rußland kommt .in Fluß. Voraussichtlich, wird sich nach dem Krieg der Wunsteh nach eher starken Abwanderung geltend machen. Wohin sollen sie sich wenden? Nach Westen? Man scheint es beinahe zu fürchten... Auf diese Frage haben die Zionisten eine kurze und bündige Antwort: Palästina! Der Zionismus erstrebt bekanntlich für das jüdische Volk die Schaffung'einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Er will die Gleichberechtigung eines fest geschlossenen, staatlich organisierten Judenvolkes im Rat der Völker herbeiführen. Der Jude soll in Zukunft nicht mehr ^Deutscher, Franzose, Engländer, Russe, Oesterreicher, Italiener, Bulgare, Rumäne usw. sein, was er nach Ansicht der Zionisten doch niemals wird, sondern offen und klar Jude, und zwar aut Grund seiner Zugehörigkeit zu dem öffentlich, anerkannten Judenstaate, ln der ganzen Welt soll der Jude, wenn ihm unrecht geschieht, wie alle Völker den Schutz seines Botschafters»gc>-- nießen. Natürlich soll Palästina der Sitz dieses Judenstaates, sein. Sein Volk soll durch das Bandgemeinsamer Religion, hebräischer Sprache und jüdischer Staatsangehörigkeit zusammengefügt werden. Dieses Ziel soll auf drei Wegen erreicht werden. Einmal durCh die Schaffung eines Nationalfonds;, was bei der großen Geschicklichkeit der Juden in Geldangelegenheiten nicht zu schwierig sein kann. Schon sind viele Millionen beisammen und wenn im Jahr 1915 die Beiträge zurückgegangen sind, so erklärt es sich daraus, daß die meisten Gaben dem Hilfswerk zum Besten der durch den Krieg bedrängten Juden zugewandt wurden. Amerika allein hat hiefür über sechs Millionen Franken ausgegeben. Das zweite und wirksamste Mittet ist d:e Ansiedlunqin Palästina. Es besteht eine Reihe jüdischer Ackerbaukolonien, blühende jüdische Dörfer inmitten fruchtbarer Ländereien. Wohl werden für schwere Arbeiten zumal in der Sommerhitze eingeborene Taglöhner beigezogen. Aber sie arbeiten auch selber, und dank den erroßartigen Geldunterstützungen jüdischer Millionäre und 'Milliardäre marschieren diese iüdF-hf-n B.v'“rn in der Bearbeitung des Landes mit neuz-Tlichen Errungenschaften und Maschinen an der Spitze des ganzen Landes. Seit Jahrhunderten wüst liegende Gegenden haben sie ip blühendes Gartenland umgewandelt. Die Zahl der jüdischen Ansiedler wächst mit jedem Jahr. Es sind ‘ Jetzt mindestens 120.000, darunter etwa 10.000 Bauern. Allein in Jerusalem wohnen 60—70.000 JiHen. Freilich sucht man dort ihre Nachbarschaft gern zu vermeiden. Sie sind unsauber, zudring'idi. vielfach frech. Aber man trifft unter ihnen auch brave, zuverlässige, arbeitsame Menschen, die als Schneider, Schuster, Tischler, Polsterer, Weber usw., natürlich aber vor allem als Händler, reichlich ihr Brot verdienen. Da jeder, der den Anforderungen des orthodoxen Judentums Genüge leistet, aus jüdischen Kassen die Chatuka bekommt das heißt ein Almosen von einem Franken täglich für jeden Kopf der Familie, können sich auch die ganz mittellos Zuwandernden mit Leichtigkeit durchbringen. Das dritte Mittel zur .Erreichung der zionistischen Ideale ist die WFderbe!eh"n'T der hebräischen Sprache. Jahrhundertelancr war das Hebräische eine tote Sprache. S:e führte nur noch in Büchern (itrtd in der Liturpfe der jüdischen Gottesdierfrtes ein stille= D«!~en. leiht erlebt die Welt daS merkwürdige Schauspiel, daß eine seit mehr als zwei Jahrtausenden untergerraugene Sprache, die schon zur Zeit Jesu nicht mehr gesprochen wurde, wieder aus dem Grabe aufersteht. In den zionistischen Schulen Palästinas ist von den Kinderhorten an aufwärts Hebräisch die Unterrichtssprache. Sri* zehn Jahren besteht in Jaffa sogar ein hebräisches Gvmoasium mit zweihundert Schülern und i" Haifa wird ein Polytechnikum ceplant ebenfal’s mit hebräischer Unterrichtssprache. Die reichen luden allerdings, die sich unter den abendländischen Vö’kern ‘ine geachte‘e und einflußreiche Stellung erwo'hen haben, wollen von der Auswanderung nach Palästina nichts wissen. Sie verlachen den Zionismus ato eine Tollheit und wollen durchaus nicht mit den armen Stammesbrüdern in Polen und Puß'and in einen Topf geworfen werden. Aber auf die Dauer neben . bei einer Volksbewegung niriit solche doch relativ kleine, satt gewordene Krrise den Aus- Schlag, sondern die hungrige große Masse, die rinem innern. unwiderstehlich-m. oft unbewußten Drang folgt. In Rußland soll aber sogar in den Kreisen des gebildeten und woh’habenden luden-y tums der Wunsch nach' Auswanderung sich gemehrt haben. Es soll sich um Hunderttausende handeln, die kommen wollen, wenn ihnen gesicherte Lebensbedingungen verschafft werden können. Die, Zionisten wollen Sfe in Palästina mit offenen Armen aufnehmen. Mit der Türkei hoffen sie schon ins reine zu kohrtnen, da sogar der amerikanische Botschafter in Konsfantinoic-I namens Morgenthau einer der Ihren is*. So hofft der Zionismus, nach dem Krieg dH S’ßhaftmachung der Juden in großem Maßstab .fortführen zu können, und zwar nicht mehr imr mit armen, am Bettelstab daherkommenden; Juden. Sollte das ein Anfang zur Lösjmg der Judenfrage sein? Prophezeien ist müßig. Aber dieser Drang nach Palästina zurückzukehrer\ nachdem man zwei Jahrtausende hindurch nichts davon gehört hat, ist eine Tatsache, die' zum Nachdenken stimmt. Es ist, wie wenn die Prophetenworte aus dem Alten Testament plötzlich Farbe und Leben bekommen wollten. Allerdings sind bei der heutigen zionistischen Bewegung nicht religiöse Motive ausschlaggebend. Es ist vielmehr der Trieb der Rassenzusammengehörigkeit, der dem heutigen „Nationalismus“ entspricht. Aber wer will wissen, ob nicht auch) noch tieferliegende Beweggründe mitsnielen? Der Krieg verbietet uns, im Blick auf die Zukuijft irgend etwas „unmöglich“ <zu nennein.“ j Sven-Redin in lel-flwiw uni in KisiMesZion. Jaffa, 15. August 1916. Der berühmte schwedische Schriftsteller, Dr. Sven Hedin, der sich seit mehreren Wochen auf einer Reise durch die Türkei befindet, um insbesondere die türkischen Fronten zu besuchen, ist vor acht Tagen in Jerusalem eingetroft'en, von wo er sich hach mehrtägigem Aufenthalte nach dem ägyptischen Kriegsschauplätze begeben soll. Von Jerusalem aus machte Herr Dr. Hedin einen Abstecher nach Jaffa, hauptsächlich um hier die deutschen Kolonien S a r o n a, das jüdische Stadtviertel T e 1 - A w i w und die iüdische Kolonie Rischon-Ie-Zion zu besichtigen. In Gesellschaft von Herrn Dr. Thon und dem Vertreter der J. C. A., Herrn Bril, traf er am 10. August morgens früh in Tel-Awiw ein. Er besuchte hier das Haus Waad (Gemeinedeamt) wo ihm der Bürgermeister von Tel-Awiw,'Herr Disengo'ff, an Hand von Plänen und Abbildungen Aufklärung über die Entstehung und Entwicklung Tel-Awiws gab. Tel-Awiw mit seinen Gärtchen und teilweise schmucken Häuschen, seinem' in orientalischem Stil gebauten Gymnasium machte einen sehr günstigen Eindruck auf den Gast. Ganz gerührt war Sven Hedin, als ihm der Uebersetzer einiger seiner Schriften und Beschreibungen aus dem Tibet, Herr Krischevsky, Lehrer an der Jaffacr städtischen Mädchenschule, diese Uebersetzungen, die vor einigen Jahren in der Jugendschrift „Hamoledet“ erschienen waren, überreichte. Sven Hedin vernahm mit sichtlichem Interesse, wie gern seine Schriften von der hebräischen Jugend gelesen werden. Von Tel-Awiw 'fuhr Sven Hedin nach S arona. Dort wurde er von den Komiteemitgliedern der Kolonie und sonstigen Einwohnern mit größter Herzlichkeit empfangen. Von Sarona fuhr Dr. Hedin weiter nach Risch onl e - Z i o n. Unterwegs ließ er sich von seinen Begleitern über das Land und die jüdische Kolonisation informieren. In Rischon empfing ihn Herr Meerowitz, Mitglied ,des Verwaltungsrates des Weinbiuernsyndikats, der Vorsitzende des Waad der Kolonie, Herr L u b m a n n, und andere Kolonisten. ‘'Sven Media besichtigte eingenena 'die faiscboner Weinkeliereien mir aTIen ihren Einrichtungen und gab in warmen Worten seiner vollen Anerkennung für die kulturellen Leistungen der Juden in Stadt und Land Ausdruck. Aus der juöisdien Welt Pogrome in Rumänien. Dem „Berl. Lokalanzeiger“ wird aus Stockholm gemeldet: In der Mehrzahl der rumänischen Städte in der Moldau inszenierten Nationalisfenkreise Pogrome, wogegen die russischen Vorbilder verblassen. Als die jüdischen Männer sofort zu den Fahnen berufen waren, zog der Mob in Ja^sy und in Botoschani von Haus zu Haus und plünderte alle Familien, die ihrer männlichen Beschützer beraubt waren, aus. In Botoschani beteiligten sich am Raub auch Gendarmen. Nirgend wurde versucht, den Pöbel zurückzuhalten. In Jassy, wo sehr reiche Juden wohnen, wurden die Frauen von zwanzig bekannten jüdischen Kaufleuten, deren Männer im Felde stehen, als Geiseln genommen. Zwei Synagogen wurden von der Menge mit Steinwürfen zerstört. Es wurde sogar der Versuch unternommen, sie anzuzünden. Der Ober-, rabbiner wu'de gezwungen, in lächerlichem Aufzug, allgemein verhöhnt, durch die Stadt zu ziehen. ln Galatz. in BraUa und in Ismaila, wo sich russische Soldaten beteiligten, nahmen die Pogrome blutigen Charakter an. Hier leitete Militär die Pogrome. Soldaten drangen in die Häuser, rissen Frauen und Greise heraus, beschuldigten sie der Deutschfreundlichkeit und- Spionage und erschossen sie standrechtlich. Die zahlenmäßig geringe jüdische Bevölkerung in Crajova ist dezi- •miert. ■ 9 , Es ist ein Hohn auf die Lage der rumänischen Juden, daß das Zentralkomitee der rumänischen 'Judenschaft trotz dieser Vorfälle, einen Aufruf ergehen lassen muß, in dem es die Glaubensgenossen zum freiwilligen Eintritt in die Armee auffordert. Die russischen Juden in England. Die englischen Tageszeitungen beschäftigen sich unausgesetzt mit der Frage der Auslieferung der in ihrem Lande weilenden russischen Juden Der Minister des Innern Mr. Samuel hat sich entschlossen, den russischen Juden eine Frist bis zum 30.September zu setzen, innerhalb derer sie sich freiwillig zum Heeresdienst in der englischen Armee melden können, außerdem soll es politischen Flüchtlingen und solchen, die aus gewissen Gründen des Gewissens nicht kämpfen wollen, gestattet sein, an einen besonderen Gerichtshof zu appellie-en. Er ist zu diesem Vorgehen durch einen Vorschlag eines Komitees russischer Juden bewogen worden, die in London und anderen Städten eine Rekrutierungs- Campagne zu eröffnen gedenken. Der „Daily Chronicle“ ist. mit dieser Milderung einverstanden; im-