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Jüdische Zeitung · 1916-09-07 · 38 (7.9.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
38 (7.9.1916)
Date
1916-09-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2' ' JÜDISCHE ZEITUNG . Nr. 38 allen jüdischen Parteien Rußlands beschickten Komitees für Flüchtlingsfürsorge, das bei einer Zahl von 700.000 Schutzbefohlenen mit einem jahresetat von 9 Millionen Rubel arbeitet. Sie erstreckt sich lediglich, da die staatliclien Flüchtlingsunterstützungen verhältnismäßig ausgiebig sind, aut die Befriedigung kultureller Bedürfnisse, in erster Reihe auf die Errichtung und Erhaltung von Schulen. . » Schulen! Ach, wie einfach und leicht stellt sich dieses Problem bei »anderen Völkern dar. Wenn es hoch geht, gibt es Kämpfe zwischen den Anhängern der konfessionellen und denen der areligiösen Sehnig. Bei uns liegen die Dinge ganz anders, zumal das Volk zwei Sprachen sein ejgen nennt und da gilt es, vor allem zu eiitscheiden, in' welcher. Sprache das heranwachsende Geschlecht unterwiesen werde. Und so ward aus dem Schulkampf alsbald ein regelrechter Sprachenkampf, der sowohl von der hebräischen wie auch von der jiddischen Seite mit gleicher Erbitterung geführt wird. — Die Erkenntnis, daß nur der alte jüdische hebräische Geist einen starken Schutzwall gegen die slawische Kulturinvasion bilden könne, bricht sich auch in Russisch-Polen Balm und veranlaßt? auch die österreichischen Zionisten zu einer Kundgebung. Allenthalben, hauptsächlich in den von den Deutschen besetzten Gebieten^ werden ■ hebräische Schulen und Kurse eingerichtet. Besonders hervorzuheben ist es, daß sich die zionistischen Parteien überall — oft ohne von einander zu wissen — klipp und klar .fürs Hebräische entschieden. Hand in Hand hiermit geht das Aufblühen des hebräischen Geda i/k ens in allen Ländern der Diaspora. Das arg vernachlässigte Studium der hebräischen Sprache hat in der Diaspora einen nie geahnten Umfang genommen, mit flammender Begeisterung widmet sich ein erheblicher Teil unserer Jugend einer der heiligsten nationalen Auf- .' gaben, der Wiedereroberung unserer Sprache. Audi die' Heimat unserer Sprache, P a 1 äs t i n a, ist nach den furchtbaren Leiden des ersten Jahres - wieder halbwegs zu sich ge- ■ kommen. Wohl ist es wirtschaftlich immer, noch' abgesperrt, die Plantagen vermögen ihre Produkte immer noch nichtäuszuführen, weite - Kreise der Bevölkerung leiden harte Not, ein erheblicher Teil der männlichen Bevölkerung wurde zum Militärdienst eingezogen, niditsdestoweniger trat dem Vorjahre gegenüber eine große wirtschaftliche Entspannung ein. Sie ist vor allem der musterhaften, vielverheißenden Gemeinbürg- - Schaft der jüdischen Kolonisten, der geradezu großartigen Selbsthilfsaktion, die in der Stunde der Gefahr von allen lebenskräftigen nationalen Anstalten, Verbänden und Kolonieverwaltungen eingeführt wurde und der tätigen Mithilfe der Diasporajudenschaft zu verdanken. Noch hat der Name Erez Jisreal seinen wundervollen Klang nicht eingebüßt, ja, die Palästinaliebe wurde in den letzten Jahren unter der befruchtenden Einwirkung .der zionistischen Arbeit viel kräftiger und zielbewußter. Eine begrüßenswerte Folge ist die in Europa auch von verschiedenen nichtzionistischen Kreisen, wie von der Agudat-Israel, dem Hilfsverein der Deutschen Juden und dem Oesterreichischen Komitee — welch letzteres bedauerlicherweise nur österreichische Staatsbürger unterstützt;— eirigeleiteten Hilfsaktion für Palästina. , * * Die Folgen der Heuschreckenplage wurden allmählich überwunden, doch kam in diesem Jahre über das Land eine neue, viel schrecklichere Heimsuchung: der Flecktyphus. Der ' Krieg brachte diese Seuche ins Land, die viele brave Kämpen des jungen Jischuw in der Blüteihrer Jahre hinwegraffte. Gegenwärtig scheint errim Abnehmen begriffen zu sein, dafür droht aber die Cholera .... Die Ernteäussichten sind in diesem Jahre recht günstig, dennoch ist die, Getreideversorgung des Landes noch eine , recht schwierige. Unter den Kolonien stehen die kleinen, aut (fern Getreidebau basierenden Kolonien Galiläas wirtschaftlich unvergleichlich günstiger da, als die großen Plantagehkolonien Judäas. Denn während die letzteren auf den Export angewiesen sind, haben die getreidebauenden Kolonien im Lande selbst lohnenden Absatz. Die inneren Verhältnisse haben sich gebessert Die Ausweisungen hörten auf, es traten Pers'onalveränderungen in der Verwaltung ein, die für/die-Gestaltung der Verhältnisse von entschiedenem1 Nutzen waren. Trotz aller Schwierigkeiten wurde die kulturelle Arbeit in jeder Weise energisch fortgesetzt. Der ganze junge Jischuw, der jetzt sogar auf die alte Siedlung Einfluß zu gewinnen anfängt, ist von dem unerschrockenen, — und jetzt können wir es wohl sagen — kriegserprobten Willen beseelt, das große nationale Werk über alle Fährnisse hinaus zu erhalten und zur Blüte . zu bringen. Amerikas Jüdenheit, die immer ein wenig aoseifs Tag vom gewohnten Gange des jüdisthen Lebens, kam eigentlich — trotz der beinahe erreichten Seelenzahl. A'on drei Millionen — erst fm Kriege zur Geltung. Neben der großzügigen Hilfsaktion für die notleidende jüdische Bevölkerung in .Osteuropa und in Palästina, trat in diesem Jahre immer mehr der Kongr.evßgeda nke in den Vordergrund. Kurz nach Kriegsausbruch entstand in nationalgesinnten jüdischen Kreisen der Vereinigten Staaten 'der Gedanke eines amerikanisch-jüdischen Kongresses. Er sollte eine Kundgebung der amerikanischen jüdenheit für die jüdischen Rechte werden. Und so fand am' 26. März in 'Phifädefph'ia die den Kongreß vorbereitende Konferenz statt. Die Tagung, an der -357 Delegierte in Vertretung von 3381" Vereinen in 81 Städten und 28 Staaten anwofinten, legte das Programm des Kongresses -^Wahrung der nationalen Rechte der Juden in aer Diaspora und in Palästina — fest und beschloß, daß der Kongreß spätestens bis Ende 1916 stattfinden müsse. Am 28. Aprii* fand in Jöhanriisburg der sü dafri Iranisch-jüdische Kongreß statt, ah dem 300 Delegierte aus allen jüdischen.Kreisen Südafrikas teilnahmen und der . dem Sinne nach dieselben .Beschlüsse faßte wie die Philadefphiaer Konferenz. eine überaus kräftige und ausdrucksvolle' nationale Demonstration stellte die im Juli 1916 in Lausanne abgehaltene „SConferenz der unterdrückten Völker“ dar. Die zionistische Organisation kann sich rühmen, in diesem Jahre ganz außerordentliches geleistet zu haben: sie hat sich aufrechterhalten.- Sie ist der einzige interterritoriale Verband, der im dritten Kriegsjahre geeinigt und unentwegt dasteht,- allen Fährnissen des Krieges Trotz bietend, dank der zielbewußten Leitung und der angespannten .Opferfreudigkeit der Zionisten, sowohl derer, die an der Front ihr Leben in die Schanze schlagen, wie auch derer, die daheim geblieben sind. In den kriegführenden Ländern ist an . eine planmäßige Propagandatätigkeit nicht zu denken; hier gilt als oberster Grundsatz: Erhaltung der Organisation. Und diese ihre Pflichterfüllten die Zionisten allenthalben. Der Jüdische Nationalfonds hat über alles Erwarten schöne Erfolge gezeitigt; einige Länder, wie Oesterreich, brachten bedeutend höhere Beträge auf als im Frieden. Die Zionisten aller Länder, die der nationalen Idee treu blieben, bewahrten ihre Anhänglichkeit auch unserem' Volksschatz. Hervorragende Erfolge erzielte in Oesterreich .— später auch in Ungarn' — die „Kriegslandsspende“ des jüdischen Nätionalfonds: 150.000 Kronen in einem Jahre.. . •* . Eine besondere Wichtigkeit wohnt der zionistischen Tätigkeit für das Palästina- H i If s we rk inne. Außer der von Zionisten initiierten großzügigen Sammlung in Amerika, setzen die Zionisten in Deutschland, Oester-, reich, der Schweiz, Argentinien, Bulgarien — ja selbst in 'dem so arg heimgesuchten pol-- nischen Okkupationsgebiet und in Rußland — die Sammlungen1 für das bedrängte Land („Notstandsaktion für Palästina“) fort. Die noch fortdauernde Höhe der Lebensmittelpreise, der Mängel an Medikamenten, die Fürsorge für die Familien der Eingezogenen ‘und der Mangel an Verdienstmögliclikeiten machen die Fortführung des Hilfswerkes für Palästina unbedingt notwendig. ' Auch außerhalb Rußlands und Kongreßpolens lagen die Zionisten allenthalben ihren nationalen Pflichten den Flüchtlingen gegenüber ob; auf diesem Gebiete leistete ganz Hervorragendes die österreichische zionistische Organisation. - frühen Morgen bis zum späten Abend und in ihrer kindlichen Rücksichtslosigkeit die Stube , mit ihrem Lärm füllten. * Ein Problem für den Arzt, vor allem -der Schwerkranken Ruhe und frische Luft zu sdiaffen. Oh Schulweisheit, wie versagst du im russischen Ghetto! ■ Uns tat ■ und flüchtig. Als ich mit den Kampftruppen jene Stätten betrat, in denen noch der widerliche Geruch der Möskalen war, da sah ich sie hervorkriechen aus? ihren Verstecken, aus Erdhöhlen,^Brunnen, verschütteten Kellern; die scheue Angst nodr ..in dem Zügen, doch schon voll Vertrauen aufhorchend, wenn ich sie im Jargon ansprach. Noch schnell zusammengerafft, was die sengenden Kosakenhorden übrig gelassen hatten, dann fort von den verbrannten Wohnstätten. Denn noch stand der Kampf nicht; noch konnten die Russen zurückkehren und die Erde dröhnte von den einschlagenden Geschoßen. Oft fragte ich mich, wohin diese Hunderte und Tausende wandern, wo sie Platz finden würden in den verbrannten und verwüsteten Städten, über die der’ Krieg hinweggefegt hatte. Später sah ich sie im Ghetto. Merkwürdig; dort, wo ich [meinte, daß auch schon die dort Anwesenden zu wenig Platz hätten, da fanden auch noch die Hinzugekommenen Unterkunft. Denn der Reiche, . der zwei Stuben bewohnt hat, trat eine dem Flüchtling - ab. In die einzige Stube, in der der Melämed seine Frau und fünt Kinder durch Unterricht von einem Dutzend Jungen notdürftig ernährte, nahm er noch gastfreundlich den Melämed aus der Nachbarschaft auf, der gewiß nicht weniger hungrige Magen zu sättigen hatte und seinem Gastfreunde daher noch Schüler wegneh’men mußte. Jeder Erwachsene braucht zu gesundem Leben vier Kubikmeter Luft in seiner Wohnung. Ja- Wohl, in 'den Lehrbüchern der Hygiene, aber nicht im russischen Ghetto! Dort braucht er nicht einmal' Eiweiß, es sei denn, daß er lange vor den deutschen Gelehrten den Stickstoff der Luft zu ^Eiweiß Verdaut. Stickig genug ‘ist »sie ja. Aber .Eiweiß vom Ei oder Von Fleisch? Das war ein- ImäL Jetzt gibt es kaum genug (Brot und Erdäpfel und zu Schabßes eigen Häring. Ja, die Kosaken haben gut verstanden, was Väterchens „lieben Juden“ gebührt. Donkosaken und andere! Auch ein glückliches Wiederfinden. i : „Herr Doktor! Sie haben mir mein Enigel gerettewet, mit Ihnen geht der Malach Refuel, atre Lentr sagen (es, (vielleicht geht auch mit Ihnen Elije nuwe und.Sie können mir sagen, was mit mein’ Sohri ist. Er ist in Krieg gegangen, er weiß nicht, daß sein Weib gestorben ist, daß ich alt, .schwach Weibel seine drei Winzigen ernähren muß. Zehn Monate habe idh schon nichts von ihm gehört“ Ganz leise weinte diese verhutzelte Großmutter vor mir, daß kaum einer in der soldatenüberfüllten Straße diese Szene bemerkte. ‘Mir aber ward ies Weh ums Herz, denn ich dachte an die jausende von Müttern, die nichts vom "Schicksal ihrer Söhne wußten. 'Und um wenigstens dieser ein gutes Wort zu sagen, sprach ich ihr davon, wie auch meine Mutter um ihren Jüngsten gebangt hat, bis nach 10 langem Monaten die Kunde kam, daß. er. mit schwerer Verwundung in Sibirien liege. „Schaut, Frau Leje, dort bringt man wieder russische Gefangene; sucht Euch unter denen ein jidisch .Kind und tut irim Gutes und denkt, daß zur selben Stund eine einsame Mutter auch Euer Kind versorgt!“ Wie sie noch zu meinen Worten resigniert nickt, da wird sie bleich und fällt zusammen, „Mein Jisrul“ höre ich sie noch rufen.' Der österreichische Kommandant ist ein guter Mann, er erlaubt, daß der Gefangene mit seiner Mutter und seinen drei Kindern die Nacht im Hofe des Transporthauses zusammen verbringen, ehe er abtransportiert wird. Und ,am . nächsten Morgen Jkommt Mutter Leje noch glückstrahlend zu mir und —. Doch nein! Was’sie da zu mir sprach, da sie meine Hände in ihren knöchernen, VerscTirumpften hielt, das gehört ja doch nur mir, der ich'zusammengewächsen bin mit diesem getretenen;, verlästerten (und Verspotteten Volke, der ich verstehen lernte ihre Sprache, ihr Leid, ihr Schicksal und ‘ihre brennende Sehnsucht.' Ich bin gesessen mit Rifke, der Sechzehnjährigen, die so viel Leid in ihren brennenden Augen trug, mit Chaskel, dem ■ Schneidergesellen, mit Sdünul, dem'' JBadchen, mit Hunderten jeden Alters, aus ihnen allen floß zu mir herüber die Qua/ des Schicksals, die unsterbliche Zähigkeit jüdischen Höffens und ward das Gut, das ich mir aus dem kultürmordenden Krieg retten und bewahren will. — \

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