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Jüdische Zeitung · 1916-09-07 · 38 (7.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
38 (7.9.1916)
Date
1916-09-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JLCI5CHE ZEITUNG NHT*nNRL -JÜDISCHES DRGRN Mit Beilage „DER JÜDISCHE NÄXIONALFONDS“ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahiäe: Wien» II., Zirkusgame Nr. 33. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgesteHt. — Abomemenstspreiser Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr.'Mk. 10.—, halbjäbr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Emzelexemplare 20 b. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.32S. Nr. 38 Wien, Mittwoch, den 7. September 1916 — 31. Elul 5676. t X. Jahrgang. die bisher die Erörterung jüdischer Probleme ängstlich vermieden, öffneten bereitwillig ihre Spalten der Besprechung der ostjüdischen^Frage. Viele Westjuden, die bisher nur eine dunkle Ahnung von dem traurigen Schicksal der russischen Juden hatten und sich von ihnen wie einem armen Verwandten femhielten, entdeckten plötzlich den Osten, wobei ihnen die in gutjüdischen Kreisen geläufigsten Kenntnisse der Ostjuden als funkelnagelneue Wahrheiten erschienen. Mit Staunen sah man im Laufe der allseitigen Erörterung der Ostjudenfrage jüdische Gegner des jüdischen Nationalgedankens für die Anerkennung des jüdischen Volkstums im- Osten gegenüber den Assimilationsbestrebungen in die Schranken treten. Allerdings verknüpften dies viele mit anderen Erwägungen, indem sie das jüdische Interesse einfach in den Hintergrund treten ließen und die Frage lediglich vom deutschen- Standpunkte beurteilten.. Hiebei war ihnen die jiddische Sprache ein willkommenes Mittel, darr aut zu verweisen, dab die Juden ganz und gar ein deutsches Kulturelement bilden. Die ständige Betonung. dieSes Standpunktes fügte den Juden hüben und drüben namenloses Elend zu. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die jüdischen Assimilanten erblickten in der Anerkennung des . jüdischen Volkstums im Osten eine große Gefahr für ihr „Deutschtum“! Heillose Angst erfaßte sie bei dem Gedanken, daß nun Ostjuden nach Deutschland einwandern könnten. Diese Befürchtung lag auch bei den Judenfeinden vor. Und so ging von der Assimilantenpresse ein mit großem Tamtam in Szene gesetzte Agitation für die Assimilation der Juden mit den Polen aus, wobei die jüdischen „Sonderbestrebungen“ nicht nur als unberechtigt, sondern als für die Juden nachgerade in höchstem- Maße sichädlich' samt und sonders verdammt wurden. Die Assimilanten sowohl wie die Judenfeinde gingen von verschiedenen Voraussetzungen aus, imer beide — die einen verschämt, die anderen klipp und klar — verlangten .dasselbe: die Grenzsperre für die Ostjuden! Die jüdisch-nationale Presse una die bewußtjüdischen Schriftsteller wiesen, ihrer Aufgabe bewußt, die inneren und äußeren Feinde nach Gebühr in die Schranken zurück. Merkwürdig ist, dab die österreichische Tagespresse und der österreichische Büchermarkt — von den polnischen und jüdischen Blättern abgesehen — von der Ostjudenfrage überhaupt keine Kenntnis nahm. Außer der strengen Zensur dürfte daran die'*ins Maßlose gesteigerte, selbst durch den Krieg nicht überwundene Scheu vor jüdischen Fragen schuldtragend sein. Einen positiven Erfolg zeitigte wohi die Erörterung der Ostjudenfrage nicht — spätere Ge- * schlechter werden sich über den kleinlichen Gesichtspunkt gewisser westjüdischer Größen nicht genug wundem können —. allein sie lenkte die Aufmerksamkeit im allgemeinen auf die J u d e ntrage. Im Zusammenhänge mit der Ostjudentrsge ergriffen viele Publizisten und Gelehrte dieTeder, um über Päfästina und die zionistischen Aussichten — die übrigens durch Ausstreuungen der Ententepresse auch sonst oft in der Presse behandelt würden — zu schreiben. Neben vielen symphatischem Aeußerungen ~sef~auf die Ausführungen, des Berliner Professors Doktor Ballod. verwiesen, der für die jüdische Massenansiedlung in Palästina eintritt. Aber nicht nur in den von den Zentralmächten besetzten russischen Gebieten und in Galizien, dessen Judenschaft unter dem Kriege sehr viel gelitten hat, auch in Rußland haben die Ereignisse in der Lage der Judenheit gewaltige Veränderungenhervorgerufen. Mit brutaler Gewalt vertrieb die russische Heeresverwaltung vor dem Rückzuge einen Teil der jüdischen Bevölkerung Polens, Wolhyniens und der angrenzenden Gouvernements, insgesamt eine Million Seelen nach dem Inneren Rußlands. In Gegenden, die nochnie eines Juden Fuß betreten, slchossen über Nacht große jüdische Siedlungen hervor. Unseres Volkes unvergleichliche Zähigkeit und sein von keiner Nation der Erde erreichter Wille zum Leben schufen hier Werke des Wunders. Inwenigen Monaten entstanden im Innern Rußlands große jüdische Gemeinden. Großartig und national, im besten Sinne des Wortes, gestaltet sich die Tätigkeit des von Das Kriegsjahr 5676.*) Von Ludwig Batö. Das Ende des letzten Jahres hat mit einer Kette gewaltiger Ereignisse abgeschlossen, die für das Schicksal des jüdischen Volkes von besonderer Bedeutung sein dürften: der Eroberung Russisdh-Polens und eines Teiles von Woihynien. Noch haben wir viel zu wenig Distanz zu den Ereignissen uhd viel zu wenig Uebersicht,( um uns über die Lage der Juden in den von den Mittelmächten besetzten Gebieten ein abschließendes Urteil bilden zu können. Neben der Frage der Verwaltung erhebt sich drohend der Schatten eines anderen Problems, das viel wichtiger und entscheidender ist, die p o In Is.c'h-jüdisch Frage. Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, über die .einzelnen Phasen eines noch nicht abgeschlossenen, mit Erbitterung geführten Kampfes zuberichten-. Gerade in der letzten Zeit, jwie dies die Warschauer Wahlen zum Stadtrat r beweisenpfreten Merkmale einer Besserung in Erscheinung, die den Beweis liefern, daß bei einigem' gutem Willen zwischen beiden Völkern gute Beziehungen geschaffen ' werden könnten. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität täte den polnischen Bestrebungen gewiß keinen Abbruch, allein gewisse polnische Kreise scheinen es auf die nationale Vernichtung des geschlossenen jüdischen Völkskörpers abgesehen zu haben. - ' ■ Die Eroberung. Polens und der polnisch-jüdische Kampf zeitigten eine ganz unerwartete Erscheinung. Sie rollten die „O s t j u d e nfrage“ auf und dieSe ward über Nacht „aktuell“. Die führenden Blätter Deutschlands, *) AuSzug aus dem leitenden Aufsatze des soeben erschienenen, überaus reichhaltigen „J üdisehen Nationalkalenders 5677“, redigiert von ptto Abeies ünd Ludwig Batö. Verlag .Jüdische Zeitung“, Wien. Preis K 2.80 exklusive Porto. FEUILLETON. In oEthnpierlen Stätten. Von Chajim. Gitl will starben. ,jHerr Doktor! Ein Zuwachs; eine verwundete Jüdin!“ Aus den entstellten Zügen des jungen Weibes schreit die -Angst, tief haben sich die Schrecknisse der jüngst erlebten Stunden in sie eingeprägt. Stillschweigend läßt sie die oft Schmerzhafte Untersuchung über sich ergehen, - und doch merkt man,. daß auf ihren Lippen eine schicksalsschwere Frage schwebt. Die Geschichte ihrer Verwundung ist voll Tragik. Ihr Wohnort war eines der letzten Bollwerke der Russen, die Kämpfe um dessen Besitz besonders blutig. Als die Russen fühlten, daß sie aus der Stadt fortmüßten, da kühlten sie ihr Mütchen an den Juden, So daß diese sich versteckt halten ■ mußten bei Tag und NaCht. In ihren Löchern harrten sie der Befreier und hungerten. Manch einer hielt es nicht aus und mußte das mit dem Leben büßen, denn die Kosaken durchstreiften die Gassen. Eines Morgens bat Gitl — sie starb fast vor Hunger — ihren Chussen, er möge nachsehen, ob die Oesterreicher schon kämen, und so schlich er vorsichtig auf das Dach des exponiert stehenden Hauses, um sehnsüchtig über den Fluß zu spähen. Doch die drüben hatten ihn auch gesehen, hielten ihn für einen einen russischen Beobachter und sandten eine ' Granate auf ihn. Die österreichische :Artiirerie schießt gut, das Geschoß schlägt ins Haus, die Eltern und zwei Geschwister waren im Nu befreit von allen Erdenqualen, nnr dem Chussen auf dem Dache war nichts geschehen; Gitl liegt jetzt bei uns im Spitale mit elf Wunden, der Unterschenkel und ein Finger gebrochen, das Sprunggelenk durchschossen. Und endlich die bange Frage: „Herr Doktor, wer ich starben?“ Und dann der Nachsatz: „Ich will zu mei* Marne“ ünd noch einer, langsam, nachdenklich „ober ich hob doch versprochen mein Chussen, daß ichwer immer bei ihm bleiben!“ Doch die Wund Versorgung bereitet ihr jarge Schmerzen* ein entsetzlich f eilender Schrei: „Ich will starben, starben v/iil ich, ich will1 zu mei Marne!“ Dann wird sie ruhiger, ihre Gedanken beginnen sich zu verwirren und sie beginnt zu singen, eine merkwürdige Melodie aus vielen jüdischen Volksliedern; den Text improvisiert sie, singt von Mutter Rachel, die über alle jüdischen Leiden weint, von der Schönheit Gan Edens, wo ihre Mutter ihrer harrt, vom Gule9 und vom Meschiach, und wieder der entsetzliche Schrei: „Starben will ich-“ „Hysterie“, diagnostiziert der Kollege. Ich aber sah den todtraurigen- Blick aus den trockenen Augen von Gitls Chussen, ihrer schweren Leiden unschuldiger Ursache und las auch aut seinen Lippen den „hysterischen“ Schrei: „Starben will ich — —“ Beim Melamed. „Malke Lerner wartet draußen, Sie sollen zu ihrer kranken Mutter kommen“. Die kannte ich Schon sehr gut. Mit ihren dreißig Jahren glich sie einer Fünfundvierzigerin. Zu ihrer Lungentuberkulose hat sie noch eine Lungenentzündung bekommen. Welk, dürr und abgearbeitet lag sie im einzigen Bett ihrer einzigen Stube, die zugleich Küche war und Wohnstube für Eltern und fünt Kinder, an deren wackligem Tisch eit tremde Kinder zusammengedrängt saßen, vom

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