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Jüdische Zeitung · 1916-09-22 · 37 (22.9.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
37 (22.9.1916)
Date
1916-09-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 37 Es ist ohne weiteres klar, daß durch' den ununterbrochenen Kampf im Innern die Wucht unseres Auftretens n^ch. außen bedeutend geschwächt wird. Erstens Tein quantitativ, und zweitens, weil man uns immer Vorhalten kann, dab unsere Forderungen sich' nicht mn den Wünschen des ganzen Volkes decken, da ja die Assimilation andere Forderungen aufstellt und doch auch einen Teil des jüdischen Volkes' bildet Dagegen läßt sich aber nichts machen. Ebenso wie die Assimilation ein geschichtlicher Prozeß ist, den gewisse historische Momente mit Notwendigkeit hervorgebracht', haben, ebenso bildet der Kampf gegen die Assimilation vom allgemein-nationalen Standpunkt eine Notwendigkeit und zugleich1 unsere geschichtliche Auf- gäbe. So wird nun die zweifellose Erstarkung des nationalen Gedankens nach dem' Kriege das na-« tionale Moment bei den normal sich entwickelnden Völkern aus dem politischen Tageskampf allmählich entfernen. Im jüdischen. Leben wird es aber noch' schärfer in den Vordergrund treten und unserer Entwicklung in der nächsten Zeit einen Stempel aufdrücken. Nationale Bewegung und Assimilation werden -mit einer verdoppelten Heftigkeit aneinandergeräten und um den bestimmenden Einfluß aut die Zukunftsgestaltung unserer Geschicke miteinander ringen. Erst nach dem' Siege des nationalen Prinzips: über die assimilatorischen Tendenzen wird auch' für uns die Zeit kommen, wo sich das Nationale von selbst verstehen wird. Dann erst wird das Volk wahrhaft frei sein, dann erst wird sein Genius ungehindert walten und wirken können. Dr. Wilhelm Berkelhammer. Dr. Heinrich Loewe. Rermann Cohen und der Zionismus. III. Die hebräische Sprache. Nur ein einziges Verdienst erkennt Cohen dem Zionismus zu, obgleich er es sofort wieder einschränkt und zurücknimmt. Denn davon, daß die ganze jüdische Jugend, die zu der Zeit, wo Cohen selbst jung und ein Mann der besten' Jahre war, sich vom Judentume nur abkehrte, aurch das Entstehen und Verbreiten des national-jüdischen Gedankens und der zionistischen Sehnsucht nicht mehr ihre Zukunft in der Taufe sondern in der bewußten Rückkehr zum Judentume sieht, davon weiß Cohen nichts. Daß selbst die Bekämpfer des Zionismus, so weit sie jüdisch' gerichtet -sind, diese ihre jüdische Gesinnung min-’ der oder mehr dem von ihnen bekämpften Zionismus verdanken, das kanjn er deshalb nicht sehen, weil er selbst philosophisch und nicht historisch denkt, und deshalb bei seinen wirklich tiefen Gedanken den Blick für die menschliche Tatsachenwelt nicht so klar hat, um solches .geschichtliche Werden zu beobachten, in dem er selbst sich jüdisch gewandelt hat. Die hebräische Sprache will er pur als h e ilige Sprache anerkannt wissen. Nicht eine profane Umgangssprache soll uns das Hebräische sein, sondern nur die Sprache des Heiligtums. Ja, aber warum hat denn die Reform, der ja Cohen schon durch seinen eihstmaligen Vorschlag, den Sabbath am Sonntage zu feiern, typisch aiigehörte, das Hebräische aus dem1 Heiligtume zu vertreiben sich bemüht. Wenn nicht die getadelten Orthodoxen und die geschmähten Zionisten wären, dann wäre doch überhaupt für die heilige Sprache des Judentums kein Platz mehr im jüdischen Heiligtume. Hat man es doch von liberaler jüdischer Seite bereits für Gotteslästerung erklären wollen, daß wir Juden in hebräischer Sprache beten, statt den richtigen Schluß zu ziehen, daß wir das Hebräische, das wir unter dem Einflüsse der Reformbewegung vergessen haben, um des Heiligtumes willen wieder lernen müssen. So heilig ist doch die hebräische Sprache nicht, daß um Ihrer Heiligkeit willen wir unheiligen Menschenkinder sie überhaupt nicht verstehen dürfen. Uncf Vre war es in der Zeit der Propheten. Da sprach' doch' ejas ganze Volk die hebräische Sprache. Auch die Sünder und Missetäter. War die Sprache damals noch nicht heilig? Und wann ist sie so heiliggeworden, daß Kinder und Säuglinge nicht mehr ihre ersten Töne in ihr laillen dürfen? Und hier weicht der Meister erheblich von seinen scheinbaren Gesinnungsgenossen ab. Denn sein "Nationalgefühi ist stark genug, um ihn zu veranlassen, für die Pflege des Hebräischen einzutreten. Sie darf auch’ nach Cohen keine tote Sprache sein. Aber erst die Zionisten stellten die Forderung auf, daß man die hebräische Sprache wieder als lebende Sprache in den Mund des lebenden Volkes einführen solle und müsse. Erst die Zionisten und sie ganz allein haben allen den heftigen liberalen Angriffen zuwider den gewaltigen Schritt getan, der. zwischen diesem Fordern und dem ungeheure Schwierigkeiten entgegentürmenden wirklichen Ausführen der Forderung liegt. Und nun stellt Cohen die Gegenforderung auf: Wir, d. h. er und seine Kampfgenossen gegen den Zionismus: „H ier müssen wir dem Zionismus den Rang ab laufen“. Wir unsererseits können es darauf ankommen . lassen.' Bisher sieht es leider nicht so aus, als ob dem Zionismus der Rang abgelaufen würde. Man hat eine hebräische Sprachorganisation gegründet. Hat sich bemüht, sie absolut fern vom ' Zionismus zu halten, um ihre Wirksamkeit auf alte Juden auszudehnen. Man hat geflissentlich alles vermieden, was in der Identität der Personen wie eine Gleichsetzung mit dem Zionismus ausseben könnte. Man hat Sich Sorgsam1 gehütet, nur ja nicht zionistisch zu sein. U,nd was geschah? Außer von seiten der Zionisten fand die „Histadrut ‘ibrit“ von keiner Seite eine Förderung. Wohl aber empfanden die liberalen und die in ihter Nachbarschaft sich befindlichen gleich gütigen Juden es als eine Stärkung des unbequemen nationalen Judentums, 'wenn das Hebräische zunähme. Daher setzte .eine Bekämpfung der „Histadrut ‘ibrit“ ein, die zwar nichtso stark war, wie die des Zionismus, •weil ja auch die hebräische Bewegung in Deutschland erst noch im Anfangsstadium, _sich befand, als der Krieg ausbrach, aber ein Vorstoß gegen die 'hebräische Bewegung, die uns die schönsten Aussichten; stellt, für später nach dem Kriege,' wo wir unsere hebräischen Bestrebungen mit doppeltem Eifer wieder aufnehmen werden. Also wir müssen leider noch lange warten, bis sich die liberalen Juden daran machen, dem Zionismus auf diesem , Gebiete den Rang abzulaufen., Sollten sie es aber doch tun wollen, nun wohl: Wir sind es zufrieden. Denn es kanjn keine bessere Vorschule und Einführung für Nationaljudentum geben, als die gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache. In dem Augenblicke, wo die hebräische Sprache wieder im Munde einer jüdischen Jugend in Deutschland lebt, wo diese Wieder die Quellen, uns'erer großen Natiönalgeschichte in den Originalen lesen kann, werden wir unabhängig von der protestantischen Bibelkritik, die zwar in 'ihrer eigenen Kirche keinen Erfolg hat, wohi aber unter unseren Juden verheerend wirkt. Wer erst wieder imstande ist, unsere großen Propheten im Original zu lesen, der wird sich auch nicht mehr Vorreden lassen, daß die alten Juden in weichlicher Humanitätsduselei die Zukunft fihres Volkes auflösen wollten, sondern wird den großen menschheitskulturellen Zusammenhang'erkennen, den das nationale Judentum zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit schuf, wird aus der alten hebräischen Literatur die heilige Begeisterung holen, daß eine Nation siCh nicht in Atome auflösen dürfe, die so Großes der Gesamtmensdiheit geleistet und geschenkt hat. Aber Cohen erkennt zuweilen doch, daß er sich bei den K. C.-em nicht ganz an der Stellebefindet, die er sucht.' Er, der tief religiöse Mann, der wirklich etwas vom prophetischen " Judentum in sich verspürt,. zu dem wir bewundernd aufschauen und dessen unangebrachten Angrift wir eben deswegen zurückweisen müssen, weil es doppelt gefährlich ist, wenn ein solcher Mann der Lebensbewegung des Judentums entgegentritt, er empfindet es als sehr gefährlich für das Judentum, daß so viele seiner Söhne eigentlich Dissidenten sind. Das trifft nun zwar aut die meisten Zionisten nicht zu. Wohl aber auf ihre studentischen und akademischen Gegner, so-weit nicht ieinige gerade orthodox sind. Unsere jüdische Religiosität kann aber nicht eher in ihrer Lauterkeit, Kulturkraft und menschlichen Innigkeit im Bewußtsein von Nichtjuden anerkannt werden, als bis vor allem die Juden äufhören,' ihre innere Politik nach der Abwehr antisemitischer Angriffe zu orientieren. Das wird erst wieder der Fall Sein, wenn das gesamte Judentum, wie es im Zionismus der Fall ist, positive jüdische Ziele hat. Das bloß negative Judentum jener Mitstreiter Hermann Cohens, die er für seine teilweisen Gesinnungsgenossen ■ hält, das nur dadurch besteht, daß es angegriffen wird, ist an und für sich in sich wahr. Unwahr: wird es freilich dann, wenn es die tiefen Grundsätze von Männern wie Hermann Cohen, die ihm völlig fern, noch ferner liegen, als der Zionismus, zu vertreten glaubt. „Wahrhaftigkeit ist jedoch die menschliche Grundlage der Religiosität. Auch' für Gott selbst macht die jüdische Weisheit die Wahrheit zum '.Siegel1 der Göttlichkeit.“ Wo .daher die innere Wahrhaftigkeit der Religiosität fehlt,” da kann, auch die politische Grundstimmung nicht richtig orientiert sein. Eine nicht beabsichtigte, aber darum nicht weniger bemerkbare Unwahrhaftigkeit liegt in dem Erscheinen der antizionistischen Herausforderung Hermann Cohens in den K. C.i'Blättera. Denn äußer der Zugehörigkeit zur jüdischen Nationalität und der gemeinsamen vermeintlichen Gegnerschaft gegen den Zionismus hat Hermann Cohen' nichts Gemeinsames mit seinen Mitarbeitern. Vielmehr sollte ihn sein positives jüdisches Programm an die.Seite der ebenfalls jüdisch-positiven Zionisten führen, . um so mehrm als Hermann Cohen ja, wie aus seiner kleinen .Schrift hervorgeht, zu einem „jüdisthnationalitätischen Standpunkte“ gekommen ist. Hermann Cohens Irrtum ist es, ciaß er bei der politischen Polemik wieder einmal verkennt, wo er selbst hingehört, wie damals, wo er nach seiner _ eigenen Klage schon einmal für nichtzionistische Politiker gegen den Zionismus auftrat, und dann sehen mußte, daß diese selben Politiker eben aus Politik siCh mit den Zionisten zusämmenfanden, als ihnen das besser paßte. Hier ist der Irrtum ein ähnlicher. Er hat bei den Zionisten auch Nichtreligiöse gesehen. Daß diese öle Ausnahme sind, beachtet er ebenso wenig, wie daß auf der Gegenseite dies die Regel ist. So - erfreulich es darum, ist, daß er seine Mahnung, 'hebräisch zu lernen und sich der jüdischen Religiosität zu befleißigen an die Leser der K. C.-BIätter richtet, wobei freilich der Erfolg abzuwarten ist, so falsch war es in seinem eigenen Sinne, sich gegen die Zionisten zu wenden. Wir hätten gewünscht, daß jetzt während des Krieges, wo unser Staat ebenso wie die jüdische Nation dringend des inneren Friedens bedürfen, Angriffe auf den Zionismus unterblieben wjiren.‘ Unsere Gegner können sich nicht dazu verstehen. Nun denn, aus den Schützengräben wird eine, stahlhart gewordene jüdische Jugend zurückkehren, die gelernt hat, wie wertvoll es ist, für eigene Ideale kämpfen zu können. Diese junge jüdische Kraft der Ueberlebenden aus den Schützengräben wird nach dem Kriege den Zionismus zum endgiltigen Siege führen. Zum Osfjudenproblem. Der Präsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern veröffentlicht in der „Neuen Freien Presse“ vom 2. v. M. einen „programmatischen Beitrag: Zum Ostjudenproblem“, dem wir die' nachstehenden interessanten Stellen entnehmen, wobei wir uns1 jeder Stellungnahme enthalten. Hervorzuheben ist noch, daß dies der ers te Aufsatz in der maßgebenden Wiener Tages-« presse über dieses Problem ist. Denn gewisse Kreise in- und außerhalb der Redaktionen haben es bis jetzt zu verhindern gewußt, daß in dieser Presse auch nur eine Andeutung darüber erscheine, daß es ein Ostjudenproblem gibt, während bekanntlich in Deutschland die Presse aller Schattierungen eine Menge von Aufsätze in dieser Frage brachte und bringt. Unter dem Hinweis au'f die trostlose / Lage der drei Millionen Juden im Okkupationsgebiete und aut die Hoffnungen, die in die Neugestaltung der Verhältnisse gesetzt Werden, fährt Dr. Stern unter ianderem an: „Zwei Momente sind da hervortretend: die große Zahl, und die Eigenart, welche man nicht mit dem Schwamm wegwischen kann und darf, welche vielmehr auch im allgemeinen bürgerlich’ staatlichen Interesse wohlwollende Beachtung eiheischt. Ausgeschlossen von jeder öffentlichen Bedienistung, sind unter ihnen alle Arten von gewerblicher, Tätigkeit vertreten. Ausgeschlossen in der Regel auch vom Grundbesitz, weist eine statistische Aufstellung für Kongreß-Polen vor dem Kriege' nur den minimalen Prozentsatz- — 2.33 -Prozent — der Juden in der landwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit aus, und kann dieselbe in dem weiteren Ansiedlungsrayon gleich Null angenommen werden. Die maßlose, erdrückende Konkurrenz in jeglichem Zweige gewerblicher Tätigkeit, die hieraus resultierenden Hungerlöhne, Erwerblosigkeit — darauf war una jst eben die Aushungerungs-, Ausrottungspolitik der russischen Staatsverwaltung gegen ihre jüdischen Untertanen gerichtet. Russischer Politik entspringt, auch die gegenseitige Verhetzung von Juden und Polen* welche vor einigen Jahren, anläßlich einer . Dumawahl in Warschau, zu einem Seither, auch während des Krieges fortdauernden Boykott der jüdischen Geschäfte und Handwerker führte, wodurch Not und Elend in der jüdischen Bevölkerung noch1 fweiter bis auf das Aeußerste gesteigert wurden. Mit solchen unmenschlichen, barbarischen Zuständen aufzuräumen, ein Mensichenrecht, „das. Recht, das ‘mit dir geboren ist“, zu statuieren, hat die österreichische Verwaltung — wir müssen es mit Dank begrüßen — sofort als ihre Aufgabe anerkannt. Mag nun das Faustsche Schlußwort „Im Anfang war die Tat“ nicht zutreffen, da das Wort, das Gesetz, der Tat vorangehen muß, so möge doch die. Tat dem Worte unmittelbar nachfolgeri. Die Tat allein. Sie bekundet den ernsten .Willen .der öffentlichen Verwaltung und sOiCh ernste ‘Willenskundgebung ist zehnfach feeboteh in einem Lande, in welchem .bisher nicht geschriebenes Gesetz, und nicht natürliches Menschenrecht, son-. dern Rechtlosigkeit' und Willkür, Gewalt und Korruption’ die Herrschaft führten. Um nicht etwa mißverstanden zu werden, füge ich hinzu, daD selbst die grausame Judengesetzgebung noch, durch bösartige Praxis ■ verschärft- und über-

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