Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 37 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NFiTnNflL -JÜDISCHES DRERN Mit Beilage :„DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,- Ztrkusgasse Nr. 33, — Sprechstunden täglich von 11—12 Ulw vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstsprefee: Für Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, viertelfähr. Alk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzj2ir. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. Nr. 37 Wien, Freitag, den 22. September 1916 — 24. Elul 5676. X. Jahrgang. Soeben erschienen: Durch den Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien, II. Zirkusgasse 33, wie durch alle Buchhandlungen zu beziehen : Juöisdrer NafionalttalenOer 5677 Zweiter Jahrgang Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Batö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Vornehm ausgestattetes, illustriertes zionistisches Jahrbuch. Aus dem Inhalte seien folgende Beiträge hervorgehoben: Ludwig Batö: „Das Kriegsjahr 5676“, Dr. Otto Abel es: „Zwanzig Jahre politischer Zionismus“, Adolf Stand: „Theodor Herzl und wir“, Nachum Goldmann: „Zurück zu Herzl!“,. Adolf Böhm: ^Großzügige Palästinaarbeit“, Dr.Osias Thon: „Die Entdeckung dps Ostens“, Dr. Heinrich Loewe: „Von dem Leben einer toten Sprache“, Dr. Egon Zweig: „Die volkserzieherische Bedeutung des' Jüdischen Nationalfonds“. Der reichhaltige literarische und belletristische Teil enthält Essays, Novellen, Skizzen, Gedichte und Nachdichtungen von: Otto Abeies, . Ludwig Batö, C'h. N. Bialik, Max Brod, Martin Bub er, Dr. Z. F. Fink eistein, David Frischmann, S. Frug, Otto Hauser, Josef Kiss, Ernst Müller, Josef Patai, A lf ons P e tz o 1 d, M. Scherlag, Scholem-AIejchem, Abraham Sonne, Arnold Zweig. * » Das Buch, dessen Umschlagbild von W i 1h’elm W achtel gezeichnet wurde, bringt Bilder von Hermann St/ruck, Wilhelm Wachtel, Aufnahmen des Jüdischen Kriegsarchivs, Porträts jüdischer Schriftsteller und zahlreiche interessante Illustrationen. Leichtes Feldpostformat. Preis K .2.S0 M. 2.— exklusive Porto. Das nationale Moment nadi Sem Kriege. Abgesehen davon, welche Kräfte den gegenwärtigen Krieg . hervorgerufen haben, erscheint eines als sicher und über jeden Zweifel erhaben: die gewaltige Stärkung des nationalen Gedankens, deren Zeugen wir bereits jetzt sind und die nach dem Kriege sicherlich in noch' bedeutenderem Maße zunehmen wird, ln seinem bemerkenswerten Aufsatz „Zur Judenfrage“ (im Augustheft des „Juden“) hebt E. Pemerstorfer onit Recht hervor, daß das 19. Jahrhundert noch keineswegs die Nationalitätenfrage erledigt; hat. Dem’ 20. Jahrhundert ist es erst vorbehaltieln geblieben, das europäische Nationalitätenproblem einer gründlichen und allseitigen Lösung zuzudführen. „Alle Nationen — sägt Pernerstorfer — werden nach dem Kriege kommen üpd die Tafeln ihrer Forderungen aufstellen. Auch die Juden werden kommen! Nicht aut diese allgemeine Tatsache jedoch wollten wir heute 'Hinweisen. Sie liegt so klar zutage, daß es ganz überflüssig erscheint, darüber weiter Worte zu verlieren. Wir sind uns alle dessen bewußt, daß .es für heute unsere vor? . nehmste Pflicht ist, alle Kräfte und Mittel zu sammeln, um für die Aufgaben, die uns bevorstehen, vorbereitet zu sein. Die große Zeit nach dem Kriege darf uns nicht ungerüstet überraschen, darf nicht über uns und unsere Forderungen hinweggehen und auch nicht andere über unser Schicksal entscheiden lassen. Wo alle Völker für ihr Recht eintretere werden, dürfen wir, denen die Kriegszeit die furchtbarsten Leiden zugefügt hat, gewiß nicht Zurückbleiben. Im friedlichen Ringen der Nationen nach dem Kriege wird aber ein wesentlicher Uater-L schied bestehen zwischen uns und den anderen, , ein Unterschied, der für unsere. ganze Sonderstellung und anormale Lage* sinnbildlich ist. Die anderen werden im Kampf um ihre nationalen Rechte und Entwicklungsmöglichkeiten als geschlossene Einheit auftreten, während wir nach wie vor an zwei Fronten werden fechten müssen: nach außen hin um die Anerkennung unserer Forderungen und gleichzeitig gegen den inneren Erbfeind, die Assimilation!. Daraus erklärt sich die verschiedene Bedeutung des nationalen Moments in unserer Politik und in der anderer Nationen. Bei den letzteren wird das nationa'e Moment infolge seiner von allen Klassen und Parteien gleichermaßen anerkannten; .Bedeutung eine Solche Selbstverständlichkeit im Bereiche der inneren Politik werden, daß es voraussichtlich überhaupt aufhören wird, als politisches Unterscheidungsmerkmal zu gelten. Der deutsche Reichskanzler deutete in seiner Rede vom 5. Juni d. J. darauf hin, indem er sagte: „Wohl weiß ich es; daß die Unterscheidung zwischen nationalen Parteien und anderen in den politischen Kämpfen vor dem Kriege viel bedeutet hat. Aber es wird doch die schönste Frucht sein, die dieser Krieg uns im Innern bringt, daß wir die Unterscheidung in Zukunft endgültig fahren lassen, weil sie keine Berechtigung mehr hat, weil sich das Nationale eben von selbst versteht.“ Wenn wir die Stellung! der Sozialistischen Mehrheiten in den kämpfenden Staaten, und zwar in all en kämpfenden Staaten, betrachten, so überzeugen wir uns, daß die Bemerkung des Reichskanzlers von tiefem Einblick in die Dinge zeugt. Klassen- und Parteikämpfe werden natürlich nicht verschwinden, sie werden möglicherweise noch heftiger geführt werden, aber die Unter-i Scheidung zwischen nationalen und antinatiopalen Parteien wird, wenn die Anzeichen nicht trügen, ihre politische Geltung verlieren. Denn das Nationale Versteht sich von selbst f— wie ’Bethmann- Hollweg sagt. Wie wohltuend dieser Umstand für die Reinheit der politischen Kämpfe sein dürfte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Wie oft artet der. Nationalismus in Chauvinismus aus und wie oft vergiftet der Chauvinismus das ganze öffentliche Leben! So wirü die politische Atmosphäre nur daran gewinnen, wenn die einander befehdenden Parteien die nationale Waffe aus ihrem Arsenal abschaffen werden. Es wird sie hinfort alles trennen, was sie bisnun getrennt hat, nicht mehr aber das nationale Moment, denn „national“ werden sie im gleichen Maße alle sein. Man kann eben nicht mehr oder weniger national sein, wenn man überhaupt national ist. Ganz anders stellt sich! die Situation bei uns Juden dar. Unsere historische Entwicklung im 19. Jahrhundert bringt es mit sich, daß bei uns sich das Nationale nicht von selbst versteht. Das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität und Nation (nach Hermann Cohen bilden wir eine Nationalität, aber keine Nation.. .) bedeutet mchc die Konstatierung einer offenbaren Tatsache, sondern ■ gleichsam ein politisches Credo. Das was bei anderen Völkern im politischen Leben eine selbstverständliche und stillschweigende Voraussetzung ist, die man nicht erst hervorheben muß, weit sie jedem so tief im Blut steckt, .daß sie von der Persönlichkeit einfach* nicht zu trennen ist, — das bedeutet bei uns die Stellungnahme zum Hauptproblem unserer Gegenwart. Der Deutsche ist im ötfentlichien Leben Konservativer, Liberaler, Sozialdemokrat usw£, — ob er sich zur deutschen Nationalität bekennt, wird niemandem einfallen zu fragen. — Der Jude muß jsidh '.aber vor allem anderen mit seinem Judentum auseinandersetzen und offen Farbe bekennen: ob er sein Judentum im nationalen Sinne bejaht oder verneint. Deshalb \vird die Unterscheidung zwischen nationaler und antinationaler Couleur in unserem öffentlichen Leben nicht verschwinden, auch wenn sie bei glücklicheren Nationen ganz verschwinden sollte. Vielmehr wird sie im Golus immer das politische Merkmal bilden für die zwei Strömungen rm jüdischen Leben der Gegenwart: Assimilation und nationale Bewegung. Das primäre beim jüdischen Politiker wird stets sein nationaler Standpunkt sein, und erst in nächster Linie wird seine Stellung zu religiösen, wirtschaftlichen u. a. Fragen in Betracht kommen. Von diesem Gesichtspunkt aus ist der Unterschied zwischen Zionismus und jüdischem Nationalismus in seinen verschiedenen Abarten, wiewohl er prinzipieller Natur ist, doch nicht so bedeutend, daß sich; diese Richtungen der Assimilation gegenüber nicht vereinigen $md auf einer gemeinsamen politischen Plattform zusammenführen lassen könnten. Die sehr bedeutsamen Vorgänge im Warschauer Gemeinderat beweisen deutlich’, daß, wiewohl die Zionisten andere Wege m der Politik wandeln als die Nationalisten, dennoch beide Zusammengehen und immer wieder Zusammengehen müssen,, wo es sich* um den Kampf gegen die Assimilation handelt. Vor Jahren (1898) hat bereits Achad-Haanx mit dem ihm eigenen tiefen Verständnis unserer Dinge und Probleme gesagt: „;Wer .vom der Assi-t mffafion sich' fosgesa'gf, hat gfefchsatn Uer ganzen zionistischen Lehre beigepflicfitet“.