Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 37 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. $7 boten wird, wie denn auch beispielsweise der russische „Pogrom“ wohl; mit Blut geschrieben, aber noch nicht kodifiziert ist. Wir wollen uns hier eingehender mit der Volksschule beschäftigen. Was die hohen Schulen, auch die Mittelschufen, anbetrifft, jso mag die Abhilfe im wesentlichen durch Auflassung der Aufenthaltsbeschränkung und des Prozentsatzes geschaffen werden. Auch die Gründung una Ausgestaltung von jüdischen Handwerker- und Handelsschulen dürfte keine Schwierigkeiten machen. Nicht so einfach steht die Sache mit dem Problem der Volksschule, welches auch eine Sprachenfrage in sich schließt. Da in Polen die Schule und Sprache polnisch sind, müssen die Juden, wenn sie auch nach den Polen die nächstgrößte Volkszahl aufweisen> Polnisch als die Sprache ihres Landes erlernen, muß ihnen Polnisch die Muttersprache werden. Nun stehen wir aber vor der eigentümlichen Tatsache, daß dort die Juden Sich eine eigene Sprache herausgebildet haben, „Jiddisch“, em mittelalterliches Deutsch, versetzt mit slawischen und hebräischen Brocken. Für drei Millionen im Okkupationsgebiete (weitere 'drei Millionen im übrigen Rußland) im Lande und auch dort, wohin sie der Wanderstrom führte, jenseits des Ozeans, in Amerika, ist sie die Muttersprache, die Verkehrssprache für Rede und Schrift. Sie hat eine Literatur, tiefsinnige Poesie und Prosa, wissenschaftliche und belletristische Werke, Uebersetzungen und Uebertragungen klassischer Werke, verbreitete Journale. Und ein nicht zu unterschätzender Vorteil! Sie ist ein deutsches Idiom, eine tüchtige Vorschule zur Erlernung der deutschen Schriftsprache! Sie ermöglichte die Verständigung tait den in Polen _ einrückenden deutschen Truppen. Man mag mit ihr etwa das Holländische, die tiroleriSche Mundart oder das Sichwyzer Dütsfch in Parallele stellen, mit denen sie die härten Gutturallaute gemein hat. Es ist anzuriehmen und es ist wünschenswert, daß für die jüdischen Kinder auch jüdische Volksschulen errichtet werden und daß ihnein nach' Wähl der Eltern der Besuch der jüdischen oder der allgemeinen polnischen Volksschule freii gestellt sei, und da mag nun in den jüdischen Volksschulen sowie in der jüdischen Handels-1*" schule neben der polnischen auch für die deutsche Sprache, diese Weltsprache, diese große Vermittlerin des Verkehrs mit den Völkern der Erde, sei es als Unterrichtssprache oder Lehrgegenstana, gebührend Raum gelassen werden. Ueber eine Volkszahl von drei Millionen — die zweitnächste im Lande — mit der Nivellierwafze gleiten, kann nicht die Aufgabe eines wahren Kulturwerkes sein. Auf eine weitere Erörterung des jüdischen Schulproblems einzugehen, über weiches noch .sehr viel zu sagen wäre, verbietet der mir hier zu Verfügung stehende beschränkte Raum. Nur die allerwichtigste Forderung will ich noch berühren, dahingehend, daß die zu erlassenden ■Schulgesetze und Schulverordnungen nicht ais tote Buchäaben auf dem Papiere bleiben, wie wir in unserer Nähe währzunehmen in der Lage sind, sondern als ein lebendiges Güt in Geist und Wesen gehandhabi werden. Vor wenigen Wochen lasen wir eine Kundmachung der obersten Militärverwaltung „Feiertagsruhe für Militärpersonen im Monat Juni, je nach den verschiedenen Konfessionen: Katholiken, Altkatholiken, Protestanten, Griechisch-Katholische, Griechisch-Orthodoxe und Israeliten, betreffend die Pfingstfeiertage, Islamiten, betreffend die Ramazanfeier“, dann noch besonders für die Ungarn, „betreffend die Namenstagsfeier ihres Landespatrons Stephan des Heiligen“. Und da drängt sich mir nun die Frage aut, ob nicht das, was. in dem strammen Militärdienst als zulässig, sogar geboten erscheint, auch im bürgerlichen Verkehr, im Geschäftsleben, Anwendung zu finden hätte. Allerdings verbietet kein Gesetz dem jüdischen Kaufmann und Handwerker, seihe Feiertagsruhe zu halten. Wohl! Direkt verbietet es das Gesetz nicht, aber indirekt macht eS ihm eine konfessionelle Feiertagsruhe unmöglich, wenn er auch die Feiertage anderer Religionen und Konfessionen einhalten muß, da bei solchen zwei- oder mehrfachen Feiertagsruhen die Störung in seinem Erwerbe empfindlich wird. Wie vermag der arme Jude mit seiner Häpde Arbeit für sich und seine Familie Brot zu schaffen, .Wenn er — der Fall liegt vor — innerhalb neun Tagen nur zwei Tage für seine gewerbliche Tätigkeit frei hat. Wir stehen hier einer geschlossenen Drei-Millionen-Bevölkerung, der zweitgrößten Volkszahl im Lande, gegenüber, einem hohen Prozentsatz derselben — in den Städten 30 bis 92 Prozent und darüber — und da scheint es wohl angezeigt, die Rücksicht aui die Eigenart walten zu lassen, weiche ich am Eingänge dieses Artikels als eines der Postulate des in Angriff zu nehmenden Kulturwerkes hingestellt habe. Es möge den strenggläubigen Juden, welche ihre Sabbat- und Feiertagsruhe halten, nicht der Zwang auferiegt werden, auch die für andere Konfessionen gebotene Ruhe ah deren Feiertagen und Sonntagen durch Sperre JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ihres Geschäftes und dergleichen mitteiern zu müssen. Die geschäftliche Ruhe, die Andersgläubigen gewährt und auferlegt wird, möge auch dem Drei-Millionen-Volke in seiner weitaus überwiegenden strengreligiösen Mehrheit gewährt, ihm in der Beobachtung seiner religiösen Ueberzeugungen der gleiche Schutz, die Gleichberechtigung gewährt werden. * In den Balkanstaaten, in der Türkei, in Palästina, sind heute und schon seit längerer Zeit größere jüdische Kulturwerke geschaffen, eine jüdische Volksschule in Jerusalem über Initiative des Sekretärs der Wiener israelitischen Kuitusgemeinde Dr. Ludwig August Frankl gegründet von einer österreichischen Jüdin. Elise Herz geoomen Edlen v. Vämel, und erhalten aus den Interessen ihrer Stiftung mit Beihilfe des Hilfsvereinä der deutschen Juden in Berlin, eine Lehrerbildungsanstalt, mehrere Kindergärten, Mädchenschulen, ein jüdisches Gymnasium in Jaffa, eine große jüdis'che Bibliothek, ein jüdisches Technikum (in Gründung begriffen), eine Waisenschule, Knabenvolks- und Handfertigkeitsschulen, jüdische Krankenanstalten, die auCh in Europa bekannte Kunstgewerbeschule „Bezalel“, deren Erzeugnisse > in verschiedenen österreichischen Ausstellungen Anerkennung gefunden haben, und noch manches andere. Des ferneren werden von Juden aus allen europäischen Ländern Armenspenden in großen Summen jährlich nach Jerusalem geschickt und dürfte auch aut diesem Gebiete eine Reformaktion im Zuge Sein. Jüdischer Fleiß und Liebe zur Scholl haben in verhältnismäßig kurzer Zeit ganze Wüstenstriche zu fruchtbaren produktiven Kolonien gemacht. In Konstantinopel ist leben jetzt eine österreichisch-deutsche Judengemeinde neben der dort bestehenden spaniolisdhen in Gründung begriffen. Die von den Mittelmächten auf dem Balkan und im Orient anzuknüpfenden Handelsbeziehungen werden an den dort seßhaften Juden, welche neben den Griechen das Hauptverdienst an der bisherigen Entwickfung des Handels im Orient haben, sehr wertvolle Berührungspunkte finden. Der gegenwärtige, noch sehr erweiterungsfähige Handelsverkehr zwischen den Mittelmächten und »dem nahen Orient würde durch die daselbst seßhaften oder dahin kolonie- Sierten Juden gepflegt und gefördert Schon seit Jahren geht der Auswanderungszug der russischen Juden zu einem nicht geringen Teil auch nach Palästina, Mögen nach1 alledem unsere Staatsmänner, nur das Wohl des Vaterlandes sich vor Augen haltend, sine ira et Studio ihre Entschlüsse fassen; mögen die Neuschaffungen unserem Vaterlande zum Wohl und Segen gereichen. Möge der kommende Friede ein uns allen Glück bringender sein!“ Verband Jütisdier Frauen für Kultur: arbeit in Palästina. Der Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina veröffentf cht seinen Bericht für das Jahr 1915. Der Verband hat, wie alle m Palästina arbeitenden Organ'satjonen, wahrend der beiden Kriegsjahre schwer um seine Existenz zu kämpfen gehabt. Der Spitzenverkaur ist von M 16.483 im Jahre 1914 auf M 6700 im Jahre 1915 gesunken. Die Mitglicderbe träge brachten in den Jahren 1914, itnd 1915 so viel, wie das Friedensjahr 1913 allein. Dazu kommt der schlechte Umwechslungskurs in Palästina, der enorme 'Verluste verursacht. DacfurCh geriet die landwirtschaftliche Farm des Verbandes, die mit einem sehr stark verkleinerten Budget arbeiten mußte, in eine schlimme Situation und es mußten Sammlungen m die Wege gefettet werden, um diese segensreich wirkende Farm 'zu erhalten; Der Verband wandte sich um1 Hilfe nach Amerika, doch steht die Antwort von dort noch aus. Die Spitzenateliers arbeiten gut und wirken in dieser Zeit segensreicher afe je, und die Mädchen sind durch ihren Verdienst in der Lage, ihre Familien zu ernähren. Es ^gehört das treue Zusammenhalten und Mithelfen alfer Mitglieder 'dazu, um dem Verbände weiteres Durchhalten zu ermöglichen. Das Büro des Verbandes befindet sich in beriTn, Bureaünaus Börse, BiirgstraTe'27, Büro 22. Die Gage fler jüöisdien Flütbllinge in Bublani. Dörfern Rußlands und Südsibiriens. 1,446.799 Rubel wurden für sofortige Unterstützungen, bevor die Flüchtlinge noch an ihrem Bestimmungsort angelangt waren, ausgezahlt; 1,448.206 Rubel wurden seitdem zur Erleichterung und Verbesserung ihres schweren Loses verwendet. Zur Unterstützung der galizischen Juden wurde der Betrag von 185.400 Rubel verausgabt. 100.000 Rubel dienten der sanitären und ärztlichen Hilfe für die Flüchtlinge. Die Gesamtzahl der jüdischen Flüchtlinge beziffert das Komitee mit 185.596, das ist um ungefähr 25.000 mehr, als das Komitee im November in seinen Listen hatte. Diese Ziffer umfaßt die nördlichen und südwestlichen Gouvernements Wilna, Livland, Wolhynien, Ekaterinoslaw, Poltawa, Taurien, Charkoff, Minsk, Witebsk, Mohilew, Bessarabien, Kiew, Tschernigow. Es war erforderlich, sowohl Wohnung und Nahrung, als auch Schuhwerk und Kleidung für diese Flüchtlinge zu verschaffen. Die Provinzen des Innern haben eine GcsamtflüChtlingszahl von 74.078 Seelen. Diesje Gouvernements sind: Kursk, Tula, Kaluga, Nischny-Nowgorod und Woronesch. Die Verpflegskosten belaufen sich auf 20 Kopeken per Kopf und Tag. Bemerkenswert ist die Zusam-; mensetzung der durch das Astrachaner jüdische Hilfskomitee verabreichten täglichen Rationen. Sie bestehen aus: V, Pfund Koscherfleisch, li/2 Pfund Brot, Tee, 2 Stück Zucker, V-t Pfund Kartoffeln, Vs Pfund Hülsenfrüchte. Die Frage der Unterkunftsbeschaffung ist eine sehr schwierige, insbesondere deshalb, weil die Flüchtlinge leichter und rascher einen Erwerb finden, wenn sie in privaten Wohnungen wohnen können. Oer Bericht schließt mit der Feststellung, daß das Problem, die Flüchtlinge mit warmen Kleidern und Schuhen zu versorgen, ein fast unlösliches ist. Rus 1er jüdiatan Heit. \ Eine amtliche Kundgebung in Jidisch. Unter der Überschrift „An die Juden in Polen" erläßt die „Medizinische Abteilung“ bei der Zivilverwaltung in Warschau einen Aufruf in jidischer Sprache, in welchem die jüdische Bevölkerung eindringlichst aufgefordert wird, in ihrem eigenen Interesse, wie in dem der Stadt nnd des öffentlichen Lebens die hygienischen Vorschriften zu beachten. Der Aufruf ist im volkstümlichen Tone gehalten und mit vielen Sätzen aus Bibel und Tal mud bekräftigt. Juden in der poIntsIChen Legion. Eine der letzten Listen der gefallenen, verwundeten und vermißten Legionäre der PiJsudzki’schen Brigade weist folgende Juden atif: J. Smigelski u. J. Wackermann — gefallen; Moritz Steuermann, Josef Teichmann, Jakob Swerczik und Adam Warschawski — verwundet; J. Schafran, St. Simchele und R. Warschawski — vermißt. Vom Schulwesen in Lodz. Die Schuldeputation in Lodz ist gegenwärtig mit den Vorbereitungen zur Eröffnung neuer Schulklassen beschäftigt. Es sollen nur wenige neue Schulen eröffnet werden, dagegen soll die Klassenzah! der Schulen bedeutend vermehrt werden. Sämtliche polnischen städtischen Schulen werden im neuen Schuljahr aus vier Klassen bestehen; im ganzen werden vom neuen Schuljahr ab 63 polnische und 35 jüdische Schufen vorhanden sein. — In der letzten Sitzung der bei der jüdischen Gemeinde gebildeten Kommission zur Prüfung von Lehrern der hebräischen Sprache und Religion wurde beschlossen, von den Lehrern Kenntnis der hebräischen und der landesüblichen Sprachen, der Bibel, der Geschichte und Grammatik, sowie der Bearbeitung eines Themas und Abhaltung einer Probestunde zu verlangen. Oberrichter L. D. Brandeis ist von der Mitarbeit am American-Jewish Relief Comm itee und am Joint Distribution Committee (den Kriegshilfsverbänden) zurückgetreten. Dieser Schritt ist wohl darauf zurückzufhüren, daß es Herrn Brandeis in seinem neuen Amte als Oberrichter nicht mehr möglich ist, in der bisherigen Weise in der jüdischen Öffentlichkeit zu wirken. Teilweise haben ihn auch die gehässigen Angriffe seiner Gegner zum Rücktritt veranlaßt Natürlich denkt Herr Brandeis nicht daran, sich von der jüdischnatioalen Tätigkeit und den Arbeiten des Provisional Zionist Excutive Committee zurüchzuziehen. Amerikanisch-jüdische Zeitungen - veröffentlichen einen Bericht des Jüdischen Hilfskomitees an das große Vereinigte Amerikanische Hilfskomitee, an dessen Spitze Felix M. Warburg steht. Das Petersburger Komitee, das von, der russischen Regierung offiziell anerkannt ist, berichtet über seine Tätigkeit bis Ende -Februar, bis zu welchem Datum es 5,709.188 Rubel verausgabt hat. Die Auszahlung erfolgte durch 302 Lokalkomitees in den verschiedenen Städten und Aus Italien. Aus Mailand wird berichtet, daß die sozialistischen und liberalen Kreise in England darüber empört sind, daß ‘die Regierung gewillt sei, die russischen Juden auszuliefern. Es wurde ein Komitee gegründet gegen die Auslieferung und erzwungene Militarisierung der Juden. Man nennt das Vorgehen der englischen Regierung nichts anderes als eine Verletzung des eaig-