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Jüdische Zeitung · 1916-09-15 · 36 (15.9.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
36 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 36 die jüdische Nation, und ihre nationale Zukunft. Ja, wenn man willkürlich Eklektiker ist, wenn man sich auswählt, was einem in den Kram paßt, dann kann man ebenso gut jede christliche Doktrin aus dem Alten Testament heraus beweisen oder sie hineinlesen, wie man auch das Reformjudentum dann in ihm finden kann. Man braucht sich nur an einzelne Sätze zu halten, den Gesamtgeist-aber zu leugnen. Nein, so national, wie die großen Propheten Israels, von dem größten angefangen, von Mosche an bis zum fetzten, war kein noch so nationales Volk des ganzen AN tertums. Nur, daß ihr Nationalismus nicht die Vernichtung oder auch nur Verkleinerung anderer Kultumatiönen verlangte. Es gibt keinen Propheten von Mosche bis auf Malächi, der an Israels Vertreibung dachte, ‘ohne als höchstes Zukunftsideal die nationale Wiederherstellung Israels auf seinem eigenen Boden als untrennbar vom messianischen Zukunftsideal hinzustellen. Nehmt den Propheten diese Hoffnung, und ihr nehmt ihnen die Seele. Es ist darum ein Grundirr tum Hermann Cohens, Zu vermuten, — Und aus diesem Grundirrtume stammen alle seine gründlich irrtümlichen Folgerungen —, daß der Zionismus das Judentum in seiner Gruindlehre grundsätzlich für das Jüdische Volk reserviert hält. Das Gegenteil ist der Fall. Nur, stellen wir fest, daß das Jüdische Volk in seiner jetzigen Lage nicht ganz geeignet ist, würdig seine tiefen prophetischen Ideen in der weiten Welt zu vertreten. 'Denn nur ein Volk, das bei den andern als Volk auch geachtet ist, vermag seinen eigenen nationalen Ideen bei andern Achtung zu verschaffen. Und ein Mes-f sianismus, der Privatgeheimnis einiger Rabbiner und - Philosophen bleibt, wird nicht die Folgen für die Kulturmenschheit haben, die Cohen als hotwendig verlangt Bei der jetzigen Lage des Judentums wird es von den außen Stehenden mehr nach seinen Bankiers find Industriellen als nach seinen geistigen Vertretern beurteilt. Und bei der geringen jüdischen Bildung und noch geringerem jüdischen Interesse sind jene zur Zeit wenig geeignet, die „Mission“ des Judentums zu üben, die das Reformjudentum als sei ri Ideai hinjstellt. Es ist eine völlige Verkennung der Tatsachen, wenn Hermann Cohen glaubt, daß wir das prophetische Ideal irgendwie beeinträchtigt wissen möchten. Im Gegenteil, ist der Zionismus völlig im Sinne des ganzen Prophetentums gelegen. Freilich nicht in der Auffassung, wie sie unter dem Einflüsse protestantischer Dogmen und fn Nachahmung Christlicher Anschauungen vom Reformjudentum, das sich heute aus gewissen Gründen „liberal“ nennt, unjüdisch dem Ge- Drauche für den Kampf tun die bürgerliche Emanzipation angepaßt worden ist. Man darf ebejn nicht den Propheten Jirmijahu nur immer mit dem einen Satze anführen, daß wir in der Stadt, in die uns der Ewige verbannen wird, am Wohle .der Gesamtheit mitarbeiten. Man soll auch daneben den ganzen Propheten sonst anführen oder wenigstens einmal lesen, ‘jenen Propheten, dessen reine Seele kristallisierter jüdischer Nationalismus in seiner lautersten Form ist. Mail soll nicht bloß die vom Christentum als Beweise für Seinen Messias herbeigeholten Sätze des Jeschajahu anführen, um sie allgemein menschlich auszufegen. Man soll den großen Redner und Führer Israels natürlich .menschlich nehmen, wie er war. Müssen es denn gerade die K. C.-er sein, die sich mit Hermann Cohen zusammenfinden, als Vertreter einer prophetischen (Auslegung, mit dem Mensursäbel in der Hand? Gibt es einen Jeschajahu, den man aus der . jüdischen Nation und ihrer nationalen Geschichte auch nur einen Augenblick herauslösen könnte? Nein, 60 (wenig daS Werden find Wachsjen des Judentums ohne einen Jeschajahu zu denken ist, so wenig wäre der Prophet ohne die gewaltige und feurige Liebe zu seiner Nation, ohne die uiiauslösdibare Hoffnung seiner stamtnestümlichen Wiedeiherstellung denkbar. „Gott bewahre ung vor einer Auslegung der Propheten durch die Zionisten“, ruft Cohen aus. Aber dieses Gebet wird nicht erfüllt. Die Wahrheit bricht sich Bahn, und die Propheten werden ihre nationalen und natürlichen Erklärer finden, und der einfache Wortsfrnl der Großen Israels wird hervortreten, so tflar wfe das Sonnenlicht. 1 (Schlußartikel folgt.) Von öep päOagogisdien Elüditlings« försorge. (Hebräische Fluchtlingskurse. — Eine hebräische Unterhaltung mit SektionsJchef Dr. Cwiklinski.} Während 'man in den Berichten über die jüdische Flüchtlingsfürsoge in Rußland so oft -Mitteilungen über eingerichtete Schulen, Kurse udg. liest, ist dieses Gebiet bei uns ganz vernachlässigt, das heißt von uns Zionistein vernachlässigt; denn Schulen allgemeinen Charakters, die unsere Kindes dem jüdischen Geiste entfremden, finden sie in dieser „Diaspora in der Diaspora“ genug. Gewisse Kreise tragen ihre Polonisierungstendenzen bis in die Barackenschule hinein. Auch die „Agudath Israel“ hat einige Chadarim errichtet. Aber wir? Mit Ausnahme der Prager Gesinnungsgenossen, die Vieles und Ersprießliches geleistet haben, ' und des relativ kleinen zionistischen Kinderhortes, einer Schöpfung der sehr verdienstvollen Frau Patak, ist von zionistischer pädagogischer Flüclitlingsfürsorge nichts bekannt geworden. Und doch haben besonders die Wiener Zionisten in anderen Zweigen der Fürsorge so. Hervorragendes geleistet. Und wenn es auch wahr ist, daß hier ■ die Fragen des Magens denen der Schule vorangehen mußten, so hätte doch im Verlaufe dieser zwei Jahre zumindest in bescheidenem Maße etwas unternommen und durch’geführt werdeh können. Dabei hätten wir das Verdienst gehabt, zugleich’ einem Punkte des engsten zionistischen Programmes zu dienen, der Erziehung des Volkes. Auch hätten hebräische Kurse udg. für Flüchtlinge sicherlich zur Belebung des Interesses fürs Hebräische auch in den westlichen zionistischen Kreisen beigetragen, die in Wien z. B. schon seit einigen Jahren die Schaffung eines hebräischen Kindergartens planen, aber nicht zur Ausführung bringen.Wobei die große Zahl der jetzt hier weilenden hebräischen Lehrer und Lehrerinnen vieles leicht ermöglicht hätten, was früher schwer war. Da aber auf diesem Gebiete nichts geschieht, so steht zu befürchten, daß sich bei Eltern und Kindern die Meinung festsetzt, jüdisches Wissen und Hebräisch sind veraltete Dinge, die nur in die engen, Si-vmutzigen Gäßchen des Gstens gehören, nicht abgr in die große, leuchtende „Weltdes wirklichen Lebens“, die sie jetzt kennen gelernt haben und von der sie magisch angezogen werden müssen. Daß aber entsprechende Bemühungen in dieser Richtung nicht erfolglos geblieben wären, bezeugen die verschiedenen Privatkurse und unzähligen Einzelunterrichtsstunden der hebräischen Lehrer und auch der nachstehende Bericht der hebräischen Flüchtlingskurse im Josefine Mendlschen Wohlfahrtshause, XX., Denisgasse 33. Es ist einerseits erfreulich und zeugt von der Kraft des Bedürfnisses der Ostjuden nach dem Hebräischen auch in dieser trostlosen Lage und auch im un jüdischen Milieu, daß diese Kurse ohne äußere Mithilfe nur aus der Initiative und durch’ die Bemühungen der hebräischen Lehrerschaft entstehen konnten und bestehen können. Anderseits aber ist es: beschämend für uns Zionisten, daß wir uns darum gar’ nicht kümmern' — auch die Sogenannten extremen, radikalen Hebraisten nicht. 'Wie hätte sich dies bei gehöriger Sorge und Unterstüztung sicherlich entwickelt und vervollkommnet! Es genügt, damit zu vergleichen, daß die Moskauer „Chowewei Sfath . Ewer“ allein eine ganze Anzahl von hebräischen Kindergärten, Schulen, Internaten, Abendkursen udg. mit einem Budget von einigen tausend Rubeln mo- -natlich unterhält. , Vielleicht nimmt Sich jetzt noch ein Arbeitswilliger der Sache in Wien an? Hier der kurze Bericht (nach den Angaben der verdienstvollen Leiterin _Frl. Rächet Schuber in den Hauptpunkten wiedergegeben): Im Februar 1915 beschlossen die hier weilenden hebräischen Lehrer aus Galizien, hebräische Kurse zu gründen. Die erste, schwierigste Frage, die des Lokals, wurde durch das Entgegenkommen des verewigten Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Gustav Kolm, gelöst, der ein Schullokal in der Tempelgasse und ein zweites in der Toynbeehalle, Denisgasse, zur Verfügung stellte und eine Subvention von 200 K verschaffte. Jetzt werden die Kurse von etwa 50 Kindern täglich besucht, von Anfängern bis zu solchen, die Schon Bibel und Grammatik lernen. Der Unterricht geschieht nach der Berhitzmetliode (Iwrith b'iwirtli) und die Kinder machen bedeutende, erfreuliche Fortschritte. Sie lernen zirka 10 Stunden wöchentlich und zahlen von 1 bis 3 K monatlich; die ärmsten zahlen . nichts. Die Kurse wurden gelegentlich eines Be- - suches in der Baron Hirsch'schen Schule, die Sich’ in demselben Hause befindet, vom Sektionschef, Herrn Dr. Cwiklinski besucht. Er un-' terhielt sich etwa eine viertel Stunde mit der Lehrerin und den Kinderjn über Verschiedenes in einem tadellosen Hebräisch, fragte erstere, ob sie schon in Palästina war oder hinzufahren gedenke und ließ sich Vielerelei von den Kindern vordeklamieren. Auch von Herrn Prof. Dr.Kanitz, sowie!von einem Herrn vom Landesschulrate wurden die Kurse inspiziert. Sie erklärten alle, von den Unterrichtsresultaten überaus befriedigt zu sein. Zu Chanuka trugen die Kinder bei der Jause hebräisChe Gedichte und Lieder unter Klavierbegleitung der Frau Klein vor und fanden bei den Gästen vielen Beifall. Zu Purim spielten die Kinder wiederholt den hebräischen Einakter1 „Nesclief Purim“ und ernteten lebhaften Applaus von seiten der anwesenden Mitglieder des Kuratoriums der Baron Hirschschen Schulstiftung. So sieht die Leitung der Kurse auf das bisher aus eigener Kraft Geleistete mit Befriedigung zurück und erhofft noch -eine weitere Entwicklung. i Sie möchte noch bei dieser Gelegenheit hervorgehoben haben, daß dem Herrn Naftah Siegelbäum der Bestand der Kurse zum großen Teile zu verdanken ist und daß besonders dem Vorstande des Josefine Mendlsöhen Wöhlfahrtshauses, Herrn Kar. Freund, und Seiner Frau Gemahlin viel Dank für ihre vielfachen Bemühungen zugunsten Q'er Kurse und für ihre warme, echtjüdische Fürsorge für die hebräisch lernenden Kinder gebührt. ' ■ ,, Dr. M. N. Eine Einigung in 1er amerilianlstli: jBOisthen Kongrehlrage. (Schluß.) Die zweite Sitzung d er' Konferenz war ausschließlich der Kongreßfrage gewidmet und nahm einen stürmischen Verlauf. Als die. vom Amerikanisch-Jüdischen Kongreßkomitee gewählte Delegation, bestehend .aus den Herren Louis; D. B randeis, Hugo P am und Leon Sanders, von den Herren Dr. Pereira Mendes und Mr. D u s h k i n geleitet, den Saal betrat, wurde sie mit anhaltendem Applaus begrüßt. Rabbi Mendes führte die Delegation mit einer kurzen Ansprache ein, und nach einer herzlichen Begrüßung durch den Vorsitzenden Herrn Marshali ergriff Herr Brandeis das'.Wort und führte etwa Folgendes aus: „Das Kongreß Executiv-Committee als solches hat es aus verständlichen Gründen' nicht für möglich gefunden, Delegierte zu dieser Konferenz zu entsenden. Wir sind jedoch erschienen, um unsere Stellung klarzulegen und um unserem Wunsche Ausdruck zu verleihen, Sie in unseren Reihen zu sehen. Die Kongreß-Bewegung erstrebt die Einigung der amerikanischen Judenheit njeht in Ansich ten, sondern in Taten. Nur ein repräsentativer Kongreß kann in wirklicher Einigkeit arbeiten und die EinSjcht und den festen Willen pller für e i n Ziel formen. An alle Juden Amerikas war der Ruf zur Teilnahme an der Philadelphia-Konferenz ergan-J gen. Wir waren indessen gezwungen, weiterzugehen, ohne durch Ihre Erfahrung und Einsicht bereichert zu werden. Doch unsere Türen stehen offen. In unserem Executiv-Comitee ist Platz gelassen für alle die, die. später, zu uns Kommen wollen. Wir haben •bisher alles nur provisorisch organisiert, um den Späterkommenden Gelegenheit zu geben, an der permanenten endgültigen Organisation teilzunehmen. Wir haben deshalb auch gezögert, ein Wahlsystem zu bestimmen, weil wir Ihr Urteil indieser wie in anderen Fragen nicht entbehren möchten. So schnell wie möglich envünschen wir die Unterstützung und Erfahrung eines jeden Zweiges, einer jeden Gemeinschaft des jüdischen Volkes, damit sich alle zusammenfinden mögen, um wirklich den Willen des Jüdischen Volkes kundzutun, in einer Zeit, die vielleicht die größte Krisis in der Judenheit ausmacht. ' . * Die von Herrn Dr. Mag n es vorgeschlagene’ Resolution macht aber die Aussichten auf eine Einigung sehr zweifelhaft. Sie berücksichtigt garnidit, daß w i r durch die Beschlüsse der Konferenz in Philadelphia gebunden'sind und formuliert das Programm des Kongresses -wesentlich enger, als es die Konferenz in Philadelphia bereits angenommen hat. Die Kongreßbewegung tritt für nationale Rechte in all den Ländern ein, wo diese logisch’erwetse verlangt werden könnten. Dr. Magnes hat iüber „Gruppenrechte“ nur in denjenigen Ländern gesprochen, wo sie von den Juden selbst verlangt würden. Pie Juden in verschiedenen Ländern sind jedoch nicht in der Lage, diese Gruppenrechte selbst zu verlangen. Die , Kongreß- Plattform enthält einen Punkt über Palästina, einen weiteren über eine Kommission zum internationalen Friedenskongreß, welche sich mit den Ju- ' den anderer Länder vereinen soll. HierVon ist in der Resolution von Dr. Magnes nicht die Rede. Vor allem wollen w i r den Kongreß nicht . binden. S i e sprechen hingegen im § 2 Ihrer Resolution über den- „alleinigen Zweck“, alS be- - fürchteten Sie irgend etwas. Die Macht dieser Delegation ist beschränkt. Sie kann nur eine Einigung bewirken. Die Philadelphia-Plattform bindet sie. Zwingen Sie uns nicht, allein zu gehen, wir brauchen Sie, wir er-wünschen die vereinigte Stärke aller Juden für unsere Arbeit, aber Sie müssen Tatsachen in Betracht ziehen, und die Philadelphia-Konferenz, zu der 'zu kommen Sie sich weigerten, ist eine Tatsache.“ Die Rede des Herrn Brandeis machte einen tiefen Eindruck auf die Versammlung. Herr Mayer Sulzbergeer brach' das Schweigen mit dem ärgerlichen Ausrufe: „Ich kam nicht hierher, um phantastische Reden anzü? hören. Dort drüben bluten 5 Millionen Juden zu Tode iind hier sprechen wir über die Organisierung der amerikanischen Judenheit“. Hiermit verließ er den Saai. \ , Herr Oscar Straus Sprach sich darauf gegen einen Kongreß während der. Kriegszeit aus. Herr Dr. Magnes führte .folgendes aus: Wenn Justice ■ Brandeis vor die Juden' dieses Landes mit einem Programm tritt, wie er. es

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