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Jüdische Zeitung · 1916-09-15 · 36 (15.9.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
36 (15.9.1916)
Date
1916-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIML -JÜDI5CHE5 DROHN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ Erschent wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgawe Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht xurückgestellt — Abofmemenstsprefee: Für Oester- _ refch-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, balbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr." 36 Wien, Freitag, den 15. September 1916 — 17. Elul 5676. X. Jahrgang. bischer Nafionaltulenller 5677 Zweiter Jahrgang Redaktion: Otto Abeies und Ludwig Batö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Vornehm ausgestattetes, illustriertes zionistisches Jahrbuch. Aus dem Inhalte seien folgende Beiträge hervorgehoben: Ludwig Bato: „Das Kriegsjahr 5676“, Dr. Otto Abel es: „Zwanzig Jahre politischer Zionismus“, Adolf Stand: „Theodor Herzl und wir“, Nachum Goldmann: „Zurück zu Herzl!“, Adolf Böhm: „Großzügige Palästinaarbeit“, Dr.Osias Thonr „Die Entdeckung des Ostens“, Dr. Heinridi Loewe: „Aus dem Leben einer toten Sprache“, Dr. Egon Zweig: „Die volkserzieherische Bedeutung des Jüdischen Nationalfonds“. Der reichhaltige literarische und belletristw sehe. TeiL enthält Essays, Novellen, Skizzen^ Gedichte und Nachdichtungen von: 011 o A b el e S, Ludwig Bato, Ch. N. Bialik, Max'Brod, Martin Buber, Dr. Z. F. Finkelstein^ Da v i d.F risch m a n n, S. Frug, Otto Hauser, Josef Kiss, Ern'st Müller, Josef Patai, Alfons Pejzold, M. Scherlag, S c.h o 1 e m - A 1 e j ch em, Abraham Sonne, Arnold Zweig. Das , Buch, dessen Umschlagbild von Wilheim W achtel gezeichnet wurde, bringt Bil- . der von Hermann . S t r u c k,... W i 1 h e 1 m . Wachte 1, Aufnahmen des Jüdischen Kriegsarchivs, Porträts jüdischer Schriftsteller und zahlreiche interessante. Illustrationen. Leichtes Feldpostformat. Preis- K 2.80 'M. 2.— exklusive Porto. Bestellungen nimmt der Verlag „Jüdische Zeitung“, .Wien, II. ZirkuSgasse 33, entgegen. Dr. Heinrich. Loewe. Hermann Cohen und der Zionismus. II. Dasi prophetische Judentum. . So weit jedoch' der Zionismus sich bestrebt, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für solche .Juden zu schaffen, die in Zukunft eine jüdische Gemeinschaft umfassen soll, kann er, wenn er nicht mehr verlangt, als was er leisten will, nicht sagen, „f ü r die Juden“; wie das Cohen von ihm verlangt. Denn für die Juden: das würde heißen für alle Juden, auch für solche, die es nicht, wollen, denen die Fortsetzung der alten jüdischen Geschichte in der Seele zuwider ist. Das kann nicht im Sinne des Zionismus sein. Er ist eine Freiheitsbewegung, und darf keinen Zwang ansrtreben. Aber weil in Zukunft diese Gruppe von Juden in Paläsitina. die mit der jüdischen Nation nicht' identisch ist,. von der sicher selbst bei der Ausführung des zionistischere Endgedainkens viele außerhalb der neuen Gemeinschaft leben und sfogar Juden bleiben werden, weil diese Gruppe von Juden unter öffentlich-rechtlicher Gewährt — in der Idee — gedacht wird, S9 muß diese gedachte Gruppe von Juden „jüdisches Volk“ genannt werden, da Volk ein Begriff ist, der öffentlich-rechtlicher Natur, nicht historischen Charakters ist. Also das Baseler Programm der Zionistem muß grade die Heimstätte für das Jüdische Volk und nicht für die Juden verlangen, damit solche . Bedenken nicht aufkommen können, wie sie von Hermann Cohen ganz unberechtigterweise geäußert werden. Denn hier handelt es sich um historische, nicht um aprioristische Begriffe. Juden, die im Sinne Hermann Cohens anerkennen, daß sie innerhalb des Staates und neben ihm noch einer jüdischen Nationalität angehören, die daraus ihre Pflichten für die jüdisiche,Gesamtheit ableiten, öder, weil ihnen das Pflichtgefühl angeboren ist, es nachträglich damit begrifflich erklären, erkennen die Zictoisten als auf demselben jüdischen historischen Boden stehend an, auf dem der Zionismus ruht, und sie sind weit davon entfernt, Unwahrhaftigkeit bei ihnen zu erblicken. Aber auf dem historischen Boden ‘der 'jüdischen Nationalität steht der K. C. nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Dabei soll gern anerkanht werden, daß der K. C. in seiner Art und in. seiner Weise Verdienste hat, wenn sie freilich auch nach einer ganz andern Richtung hin Hegen. Auf die Frage der Religion legt Hermann Cohen besonderen Wert. Wohlgemerkt auf die Religion selbst, nicht auf ihren Namen. Für ihn ist nicht das Wort „jüdischer Religion,“ bk)ß ein bequemes Auskunftsmittel, um den jüdischen Nationalitätsgedanken als unbequem abzulehnen. Im Gegenteile, Hermann Cohen ist wirklich eine tief religiöse Natur. Aber über die Stellung des.. Zionismus zur Religion ist er schlecht unterrichtet. Wenn er meint, daß zwisichen Orthodoxie und Zionismus eine unnatürliche Koalition bestehe, so irrt er sich gewaltig. Es gibt keinen heftigeren Gegner, des Zionismus, als die jüdischrechtgläubige Richtung. Dagegen ist das konservative Judentum, das auf historischem Grunde steht, seiner Natur nach jüdischnationaf. Dies ftfint aber mit Recht den Begriff jüdisch-orthodox ao, efer erst möglich wurde, als die Reform das Judentum aut den Grauben hfnausspieTce, eine Anschauung, die dem alten Judentume vollständig fremd war.’ Ehe die Reform das Judentum zu einer abstrakten kahlen Glaubens lehre machen wollte, |war eine jüdische Rechtgläubig-1 keit schlechterdings unmöglich. Ob es im Zionismus vielleicht Pantheisten gibt, worüber Hermann Cohen sich ereifert, ist ganz belanglos. Wir haben bisher keine Untersuchung darüber für nötig befunden. Aber wir glauben, daß es nicht im Sinne des Judentumes gelegen ist, tiefsinnige Betrachtungen darüber ' anzustellen, ob wir Gott als jenseitig oder als in der -Welt immanent zu'betrachten haben. Wir stellen in echtjüdischem Sinne fest, daß uns das Gesetz gegeben ist, daß wir Gott lieben sollen. Aber uns von diesem' Gotte ein Bildnis una ein Gleichnis zu machen, ihn philosophisch ergründen oder mystisch in sein Wesen eindringen zu wollen, das liegt dem Judentume fern, ist ihm sogar Schnurstracks zuwiderlaufend. Darum weisen wir die Mystik zurück, die zu allen Zeiten aus dem Judentume herausgeführt hat, vom Jeschu, dem Jünger Jehoschua ben Perachjahs an, dann im Juden-Christentume und durch die ganze jüdische Geschichte hindurch bis heute, wie wir an des Beseht früherem Freunde und Gesinnungsgenossen Frank und dem Kischinewer Neu-Israel deutlich genug noch in der neuzeitlichen Entwicklung des Judentums sehen. Wenn Hermann Cohen bei uns ein nicht genügend inniges Verhältnis zum' Judentume 'als. Religion zu sehen glaubt, so wäre es unbescheiden, wollten wir das mit dem stolzen In-die-Brust-werfen: „Wir sind religiös!“ zurückweisen. Wir erlauben uns nur die .Gegenfrage an ihn: Haler im K. C. oder irgendwo sonst bei denen, die uns als angebliche Religionsiirien befehden, mehr davon gefunden? Schließ i.-h läßt sich beobachten, ob jemand die jüdischen Gesetze hält. Aber das Maß innerer Religiosität läßt sich nicht mit dem Zirkel ergründen, Das Verhältnis des 'Zionismus als Jdee zur Religion ist erst hoch genau zu erörtern. Die zionistische Partei kann nur den einen Standpunkt einnehmen, daß sie jeden Juden, der das alte Judentum nicht verläßt, bei seiner persönlichen Auffassung der jüdischen Religion selig Werden läßt. Denn sffe fiat‘ein poetisches Ziel, dem heimatlosen Judentume einen sicheren Ort zu verschaffen, wo es sich frei nach seiner geistigen Natur entwickeln kann. Um dieses reinmenschlichen Zieles willen verzichtet der Zionismus auf alle Diskussionen über Religion — nicht auf die Religion selbst —, um älle Juden zu gemeinsamer Arbeit einigen zu können. Dieser Standpunkt wird ihm leicht, weil es keine Religion ohne Tradition und Pietät geben kann, und weil er selbst auf Tradition und Pietät beruht, während die Auflösung des- Judentums am Ende des achtzehnten 'und im neunzehnten Jahrhundert von dem Mangel an Pietät für historische Tradition ihren Ausgang nahm.'Um der Religion willen, die durch poUtiSchen Kampf nicht gewinnen kann,, schalten wir die Debatte über sie aus denr zionistischen Parteileben aus, um zir einigen und nicht zu trennen. Aber ganzunabhängig davon können wir feststellen, daßr wirklich tief reUgiöser Sinn durch den Zionismus bei jungen Juden erweckt wurde, von dem vorher nichts vorhanden war.'Aber das ist und kannnicht der Zweck einer Rar t ei sein, die sich zur Erreichung eines praktischen, politischen und nationalen Zieles zusannnenschUeßt. Ein besonderes Kapitel in der Polemik gegen den Zionismus war allezeit die refarmerische Auffassung und Umdichtung der jüdischen Messiasidee. Diese hat natürlich eine ganze, große Entwicklung hinter sich. Denn ein Volk, das wie das 'jüdische von seiner hohen Stellung herabgeschleudert, sich im Staube wieder fand, das zu allen Zeiten zu den freiheitsliebendsten Nationen gehörte, und ofoch der Freiheit eilcbehrejn mußte, Schuf sich einen Freiheitstraum, der deshalb so bedeutsam wurde, weil er über das enge nationale Interesse hinaus wuchs. Denn das ist der Wesensunterschied eines jüdischen Nationalismus, wie wir ihn vertreten, Von dem anderer Völker (natürlich de9 'Altertums), daß bei andern Stäqimen, wie bei den Griechen und Römern, die Liebe zum eigenen Wesen die Ablehnung des Fremden einschloß. Bei solchen Völkern war der Nationalismus unzertrennlich mit dem Hasse gegen andere Nationen verbunden, und äußerte sich denn auch regelmäßig als Haß gegen die jüdische Minderheit. Anders der jüdische Nationalismus. Der war 'in der Liebe zum eigenen Volke um kein Haar geringer. Der wirkt sogar heute noch in voller Herzenswärme selbst bei solchen teuten, dte wie Hermann Cohdn erst jetzt nach so vielen Jahren des Zionismus allmählich erkennen, daß dieser jüdische Nationalismus ihnen immanent ist. Aber dieses bewußte jüdische Stammesgefühl lehnte die Existenz anderer Völker nicht ab, Sah in Babei und Asdhur, in Mizrajim -und Aram nicht verachtenswerte Glieder der Menschheit, sondern gleichwertige Gottesgeschöpfe, deren überlegene (freilich nichtreligiöse) Kultur und deren Wert für ' die göttliche Welt uneingeschränkt anerkannt wird. Dieser jüdische Nationalismus war durchaus kosmopolitisch. Und dieses die gesamte Welt in ihre Zukunftsideale miteinschließende Prophetentiun ist das Vorbild jener Juden, die?, nenne man sie Zionisten oder sonstwie Jüdischnationale, in junger Weiterentwicklung die stammestümliche Zukunft des Judentums an den alten prophetischen Idealen neu orientieren wollen. Aber dieser Messianismus, wenn man nach diesem einen von den vielen Gedanken desProphetentums diese Strömung benennen will, ist alles andere als das von den Reformrabbineqn gepredigte Ideal. Jenes ist eine Verwässerung, eine Verdampfung und Verdunstung des alten prophetischen Israelitentums. Denn die Grundlage alles Menschheitsideales der Propheten ist

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