Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 35 (1.8.1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 von jeher glaubte. HerzI widersprach dem — auf Grund persönlicher Eindrücke, die er von Dreyfus' Auftreten gewonnen hatte, der sich vor dem Kriegsgerichte nicht in der Weise benahm, wie es'von einem unschuldig verdächtigten Offizier zu erwarten gewesen wäre. Weder die begreifliche Entrüstung, hoch das ruhige Selbstbewußtsein eines Unschuldigen gab sich an ihm kund, sondern das arrogante Auftreten eines abgefeimten- Verbrediers trug Dreyfus vor seinen Richtern zur Schau. Herz! erbat sich von Schidrowitz dessen Kneifer und stülpte seinen Rockkragen militärisch auf, um Dreyfus besser darstelien zu können ... Es ist* vielleicht nicht bekannt, daß Theodor Herzl in seiner Jünglingszeit sich für die Schauspielerlaufbahn ausbilden lieb und sogar kurze Zeit ein Engagement hatte. Er sp’ielte uns den Dreyfus ausgezeichnet vor; wie er mit Wiegendem Gange vors Kriegsgericht trat, und hauptsächlidi darauf bedacht, blieb, das anwesende Publikum in frecher Art zu mustern, seinen Bekannten zuzunicken, anstatt der Anklageverlesung zu lauschen und seiner gerechten Empörung Ausdruck zu geben. So dachte Theodor Herzl also noch Monate nach erfolgter Verurteilung, Degradation und Deportation über den armen reichen Juden Dreyfus, der auf der Teufelsinsel, dem Vernehmen nach, nur mathematische Probleme löste, sehr viel feine Weine trank und sich ganz ir. sein Schicksal ergeben zu haben schien. Idi war auch zugegen, als Hermann Sudermann zum Besuch bei Herzl weilte und mit ihm über Dreyfus! disputierte — wobei einie Reprise jener kleinen Künstlervorstellung stattfand, als Lever de rideau 'jedoch bloß zu einer längeren Leistung, denn Herzl brachte dann ein neuverfaßtes Lustspiel in Versen zum Vortrag, rezitatorisdi und darstellend;- Sudermann schien ganz verblüfft von dieser Vielseitigkeit. Solche Dinge besiehäftigten damals Herzl in Paris; er begann auch die Ausarbeitung oder Neubearbeitung eines Tabarin-Dramas. Den Neuen Tabarin hat mir Theodor Herzl in diversen Attitüden mehrmals vorgespielt und von einem Zionistenprojekte nicht ein einziges Mal gesprochen. Ich habe ihn nie als so lustig gekannt, wie in der Epoche nach dem Dreyfus-Prozesse, die wie eine' Erholungszeit sich anließ. Beim Diktieren stimmte Herzl manchmal den Ton des Opernrezitativs an, und ich reagierte darauf in der gleichen parodistisclien! Art. — Max Nordau kam öfter zu Herzl; ich hörte dann immer seine, Nordaus, durchdringende Stimme deutlidi in das Kabinet herein, das mir Herzl in seiner Wohnung neben seinem Allerheiligsten einräumte. Das 'Wort „Zionismus“ klang audh dann nie 'heraus, die beiden gottbegnadeten Literaten stritten über andere Dinge. Das Erste, was ich über Herzl hörte, als er naCh Wien übersiedelte, war, daß er dort Radler geworden. Er tat schlimm daran, da er offenbar an einem Herzfehler laborierte. Kränkung -über die Leiden Israels mögen ihm den Rest gegeben haben. Aber nicht die Dreyfusaffäre hat in seinem Edellrrn den Ziojnisten-■ gedanken entstehen lassen, sondern vermutlich nur die damalige antisemitische Hetzjagd in Wien — wie das aus dem Trauerspiel hervorgeht, das Theodor Herzl in Wien verfaßte und dort aufführen ließ, wo im letzten Akt der jüdische Denker im Duell fällt und sterbend ausruft: „Hinaus aus dem Ghetto!“ Als es zum zweiten Teile der Drevfustragödie kam, bei welcher Gelegenheit Theodor Herzl zum Prozesse in Rennes als Berichterstatter wieder auftauchte,- hatte sein Zionistengedanke längst Wurzel geschlagen, er war Präsident der schon weitverzweigten Korporation, ja er war sogar auch schon beim Sultan Abdul Hamid in Audienz gewesen, um die Erwerbung Palästinas für den Judenstaat einzuleiten.“ ■* In einem in den „Münchner Neuesten Nachrichten“ vom 8. August d. J. erschienenen Aufsätze von Dr. Wilhelm KoSch. Professors an der Universität Czennowitz, betitelt; „Das Deutschtum in Oesterreich“, findet sich folgende Stelle :; „Aus diesem Vielerlei der politischen Strömungen im deutschen Lager Oesterreichs erhebt sich nun die große Forderung des Tages. Sie gipfelt in den mahnenden Worten Attinghausens an seine Volksgenossen: „Seid einig, einig, einig!“- Die vielumstrittene jiU denfräge dortselbst 'müßte eine Lösung finden, wie sie Deutsche und Juden in der Bukowina zu ihrem Heile und iifrer Freundschaft längst gefunden haben. Damit wäre ein Haupthindernis für den Zusammenschluß der Deutschfreiheitlichen beseitigt. Mit den Ohristlichsozialen hat der verdiente Vorsitzende des Deutschen Nationalvcrbandes, der Abg. Groß, bereits 1915 Vereinbarungen getroffen, die auf eine gemeinsame Verteidig gung des österreichischen Staatsgedankens und des deutschen Besitzstandes abzielen. Sie würden sich leicht vertiefen lassen, wenn es hüben und drüben keine Sondergruppen gäbe, sondern nur mehr zwei große deutschbürgerliche Parteien .... Mit Phrasen wie „J u d e n l i b erale, Pfaffenknechte, Preußenheuchler“ u. dgl. ist unter ernsthaften Politikern wirklich nicht viel anzufangen.“ - Bus 9er jüdischen Hell. Zur Lage der rumänischen Juden.. Von der besonders in den letzten Monaten unhaltbar gewordenen Lage der rumänischen Juden liefert neuerdings ein eigentümlicher Vorfall in B r a i I a, jn der zweitgrößten Hafenstadt des Landes, einen traurigen Beweis. Wie man erfährt, ist hier ein Ritualmord-Märchen in Umlauf gesetzt Worden, das große Aufregung hervorgerufen hat. Einem Offizier verschwand vor einigen Tagen sein elfjähriger Knabe. Gleich darauf erhielt er eine anonyme 'Anzeige, daß der Junge von den Juden getötet und verbrannt worden sei, um durch seine Asche das Andenkeln des zerstörten Tempels zu feiern. Auf diese ebenso lächerliche wie unsinnige Anklage hin veranlaßte der Staatsanwa’t Hausdurchsuchungen bei den Svnagogalbehörden der hiesigen Judenheit, ohne natürliCn irgendwelche Spur der phantastischen Tat zu entdecken. Wie die dortigen Zeitungen melden, ist vor wenigen Tagen eine Hetzbroschüre gegen den'Talmud erschienen, die darin gipfelt, man dürfe den gefährlichen jüdischen Einwohnern Rumäniens unter keinen Umständen die politischen Rechte zugestehen. Alle Agitatoren ergießen ihren Zorn gegen die'Juden, die sie der Deutschfreundlichkeit beschuldigen. AmerikanisCh-jüdiSche Aerzte-Expedition nach' Palästina. Herr Jacob de Haas, Sekretär des Provisional Zionist-Committee in Newyork, und Herr Julius Pleyser vom Washingtoner zionistischen Bureau, nahmen Gelegenheit, den Staatssekretär ■ Polk .aufzusuchen, um mit ihm die Einzelheiten der ärztlichen. Expedition nach Palästina, die aus 10 Aerzten und 4 ausgebildeten Pflegerinnen bestehen soll, zu besprechen. Sie erhielten die Versicherung, daß die Regierung der Vereinigten Staaten1 alles tun Werde, die notwendige Erlaubnis der verschiedenen kriegführenden Mächte zu erreichen, um so schnellstens; die Möglichkeit für eine baldige Abreise der Expedition zu schaffen. Amerikanisch-jüdisches Hilfswerk. Die Diskussion innerhalb der amerikanischen Judenheit über die Verteilung der amerikanischjüdischen Hilfsgelder für Europa hat nunmehr dazu geführt, daß das „Gemeinsame Verteilungskomitee der Fonds für die jüdischen Kriegsleidenden“ eine Kommisision aus' 6 Mitgliedern ernannt hat, von denen 2 permanent in Russisch-Polen verbleiben, während die übrigen vier nach zwei- bis dreimonatlichem Aufenthalt in Europa nach Amerika zurückgehen sollen, um Bericht zu erstatten. Die Kommission besteht aus den Herren Abel, Abramowicz, Billikoff, Dr. Bogen, Dr. Mag ne s, Penkin; Vorsitzender der Kommission ist Dr. Magne s, der sich bereits in Europa befindet. Die amerikanische Regierung hat ihre Botschafter beauftragt, der Kommission bei ihren Arbeiten behilflich zu sein. Die Kommission hat den Auftrag erhalten, die ganze Hilfsarbeit der amerikanisch-jüdischen Hilfsfonds a Is eine völlig unabhängige zu organisieren. Die Gelder sollen von jetzt ab direkt durch die amerikanische Botschaft überwiesen und durch Komitees verteilt werden, welche die amerikanische Kommission einsetzen wird. Vom Warschauer Stadtrat. In einer der letzten Sitzungen des Warschauer Stadtrates kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Beteilung der jüdischen Arbeiter an den städtischen Arbeiten. Die jüdischen Vertreter, in vorderster Reihe der Stadtverordnete Schereschewsky, alsdann auch die Herren Prilutzky und ßerensohn beschwerten sich über den fast völligen Ausschluß der Juden von der Anstellung als Arbeiter, während von polnischer Seite der Vorwurf erhoben wurde, daß die jüdischen Vertreter.durch diese Beschwerden dem polnischen Volke einen schlechten Namen vor Europa machten. Von S ilen des Magistrats wurde eine direkte Stellungnahme in der Angelegenbeit vermieden. Die Juden Frankreichs tm Kriege. Demnächst erscheint ein Goldenes Buch, herausgegeben vom israelitischen Zentralkonsistorium, das sämtliche jüdischen Kämpfer, die auf dem Schlachtfelde gefallen sind, mit Narrten etc. angibt. Es Wird in der jüdischen Presse auch der Vorschlag gemacht, 'in jeder Synagoge' Erinnerungstafeln an die jüdischen Helden zum ewigen Gedächtnisse anzubringen. Die Liste der gefallenen jüdischen Soldaten schwillt außerordentlich an, die meisten fände« vor Verdun ihren Tod. So wird von einer Madame Piccard in Paris gemeldet, daß sie bereits drei Söhne auf dem Felde der Ehre verloren 'hatte. Sie verlangte deshalb, daß der vierte und letzte Sohn, der auch im Schützengraben * lag, zum Innendienst komme. Der General bewilligte ihre Bitten der Jüngste wurde nach Barle-Duc versetzt. Das Unglück wollte, daß er bei einem Fliegerangriffe auf diese Stadtgetötet wurde.; . .Dasi erste Doktorexamen eines Jaffaer Abiturienten. -- Als' erster Abiturient des Jaffaer Gymnasiums hat Herr Naaman Beermann, aus Jaffa nach einem - sechssemestrigen Studium an der Heidelberger philosophischen Fakultät mit der Dissertation „Die Kriegführung der alten Hebräer“ promoviert. Herr Dr. Beermann beabsichtigt nach dem Kriege nach Palästina als Lehrer zurückzukehren. Ruih aus der jüdischen Welt. Auf der Höhe des Westens. „Katholischer Schujverein . für Oesterreich. Pfingstmontag: Fahnenweihe in der Pfarrkirche zur heiligen Maria Loretto in Jedlesee, weiche in feierlicher Weise Kardinal Dr. Piffi halten wird. Fahnenpatin Frau Martha MaUthncr v. Markhof.“ 1 * * .„Oer Fabriksdirektor Gustav Lustig hatte in seinem Testamente einen Betrag von -100.000 Kronen zum Zwecke der Errichtung einer Stiftung 'hinterlassen, in der Menschen im Sinne der Freidenkerideale erzogen werden sollten. Die Zinsen dieser zu schaffenden Stiftung sollten je einem deutschen und einem tschechischen Freidenkerverein zufallen. Heute beschäftigte sich das Zivillandesgericht . . . der Kurator der in Betracht kommenden Freidenkervereine Dr. Edmund Kornfeld, welchem das Legat zufallen sollte, und der „Wiener Freidenkerverein“, vertreten durch, Dr. Karl Winkler, der die Zinsen des Legats bereits angesprochen hatte. Auch War Dr. Gustav Spieler als Vertreter des Monistenbundd e s erschienen, da auch der 'Monistenbund als Freidenkerverein an dem . Streite interessiert sei . . .“ Das hätte der Testator doch bedenken sollen, daß trotz Seiner Zweiteilung in Tschechisch und Deutsch dennoch ein und dieselbe Mis'chpoche die geistige und ''materielle Verwaltung haben wird! ES gibt ja doch nur eine, eineinige aktive Freidenkerei - in Oesterreich: Kornfeld, Winkler, Hartmann und, wenn es „tschechisch“ heißt, so ist auch noch der Robicek dabei. * . Wie verlautet, haben Weite modern-iSraelitische Kreise sich am letzten Tischa beaw wahrer Trauer hingegeben. An diesem Tage ist nämlich ein Erlaß des Bezirksschulrates bekannt geworden, dem zufolge auch die Kinder konfessionsloser Eltern im Schulunterricht zur Teilnahme an dem Religionsunterricht zu verhalten sind. Die gesetzlichen Rechtsmittel wurden ergriffen. Zum Zeichen des Protestes wird in diesen Kreisen der Boykott aller Kirchenkonzerte für die Dauer von drei Monaten geplant. A.ucli soll zum Zeichen der Trauer in der nächsten Saison' das Grünfeld-Konzert sowie das der Kurz-Halban für die „Zuflucht“ der Frau Goldschmied entfallen. Es werden große Demonstrationen in der Zelinka- und Gonzagagasse ^erwartet. * 1 „Herr Egon Loewi, ein Jugendfreund, hat (natürlidi nicht dem Wanderhunde Blau-Weiß, sondern) dem Pfadfinderbunde eine reizende und prächtige Wiese zur Ve-füTung gestellt. Unweit des vielen Wienern gewiß bekannten Ferienheims' des Wiener Vereins „Gute Herzen**, inmitten eines idyllischen Föhremvaldes . . .“ * „Der ChefredakteUrste!Ivertreter des „Fremdenblatt“, Regierungsrat Wilhelm M e n d 1, ist heute morgens aus dem Leben geschieden. . . . Als Kriegsberichterstatter ... ausgezeichnete Dienste . . . der Verwaltung des Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia“ ...Ein zärtliches und inniges Familienleben. . . J Die Leiche wird in. der Kapelle des Zentralfriedhofes aufgebährt; dort erfolgtdie feierliche Einsegnung. Die Seelenmessen werden in der Pfarrkirche zu St. Rochus und Sebastian gelesen . . . „Dem Leichenbegängnis wohnten bei: Vizepräsident des Journalisten- und Schriftstellervereins „Concordia“ Bernhard Münzmit den Mitgliedern der Verwaltung Stern, Dr. Pisko, Dr. Salkind und Regierungsrat Wilhelm, der Chef- . redakteur des „Fremdenbiatt“ Dr. Julius. Szeps mit den Redakteuren des j Blattes, die Hof- und Gerichtsadvokaten Df. S. Pollak und Dr. Theimer, Bankier Korthy . . . Franziskanerpater Ruffin nahm die EinSegnung vor. Vizepräsident Münz und Chefredakteur Dr. Szeps sprachen Nachrufe.“ Auf die Verwunderung eines Naiven über die Ueberfülle des Zeremoniells konnten wir nur antworten,, daß unseres Wissens für einen Mendl, einen Sohn des Kchille-Arztes aus Tabor und einen Redakteur des „Fremdenblatt“, eine etwas größere Anzahl von Messen und