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Jüdische Zeitung · 1916-08-01 · 35 (1.8.1916) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
35 (1.8.1916)
Date
1916-08-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 „Jüdischer Nationalkalender 5677“ Redaktion: Otto Abetes, Ludwig Batö. . Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Umschlagzeichnung von Wilhelm Wachtel. Der „Jüdische Nationalkalender 5677“ erscheint im 20. Jahre nach dem Auftreten Theodor Herzls. In zahlreichen Arbeiten berufener Autoren 'wird diesem bedeutsamen Zeitabschnitte Rechnung getragen und das Wirken Herzls, die Entwicklung des politischen Zionismus und seiner Institutionen, des national-jüdischen Gedankens und des Hebraismus beleuchtet. — Der reichhaltige belletristische Teil des Jahrbuches und , Reprod iktionen von Bildern und Zeichnungen unserer ersten Künstler verleihen dem zweiten Jahrgange des Jüdischen Nationalkalenders dauernden Wert. Aus der Liste der mitwirkenden Schriftsteller und Künstler nennen wir folgende Namen: Otto Abeies, Ludwig Batö, Ch. N. Bialik, Adolf Böhm, Max Bmd, Martin Buber, Z. F. Finkeistein, David Frischmann, S. Frag, Nachum Goldmann, Otto Hauser, Josef Kiss. Dr. Heinrich Loewe, Ernst Müller, Josef Patai, Alfons Petzold, M. Scherlag, Schalom Alejchem, Abraham Sonne, Adolf Stand, Hermann Strack, Dr. Osias Thon, Wilhelm Wachtel, Arnold Zweig, Dr. Egon Zweig. Leichtes Feldpostformat! — Preis K 2.80 (M 2.—) exclusive Portospesen. Vorausbestellungen sind zu richten an: Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien, II., Zirkusgasse 33. weiten Welt haften bleiben, aber den Begriff von Kultur wira der galizis'che Jude fortan nur in der Stärkung seiner eigenein V o 1 k si n d i v i d u a I i t ä t erblicken, die einzig und allein imstande ist, ihm das Leben als Gleicher unter Gleichen möglich zu machen. NaÄdem ich im vorstehenden die Licht, und Schattenseiten des im Kriege erworbenen Egoismus gezeigt habe, möchte ich noch dem \y uns che Ausdruck geben, daß wir den Volksegoistnus pflegen und auf diese Weise den durch den individuellen Egoistnus verursachten nationalen Schaden wettmachen. Joachim Neigei. Brief aus Neugorh. Gleich bei der Berufung des Herrn Louis D. Brandeis in den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten wurden Befürchtungen faut, daß es ihm nach Antritt seines Amtes vielleicht nicht mehr möglich sein werde, seine'Wirksamkeit in der jüdischen Oeffent'ichkeit im bisherigen Umfang fortzusetzen. Nun hat Brandete tatsächlich seine Mitgliedschaft im Amcrican-Jewish Committee sowie den Vorsitz' ln verschiedenen Sub-Committees des American-Jewish Relief-Committee und seiner Bostoner Abteilung niedergelegt. Die amerikanisch-jüdische Presse ist der Ansicht, daß auch die häßlichen, persönlichen Angriffe aut Herrn Brandeis in der Conferenz für .Jüdische Rechte“, die ihr Echo auch in einer Newvorker Tageszeitung fanden, mitbesirnmend für seinen Entschluß gewesen seien. Diese Angriffe haben übrigens in einer ganzen Reihe von Städten große jüdische Protestversammlungen hervorgerufen, die Resolutionen annahmen, in welchen diese Taktik der Gegner des Herrn Brandeis aufs schärfste verurteilt und zurückgewiesen wird. Die ganze national-gesinnte jüdische Presse .Amerikas, welche die Gefühle der jüdischen; Massen zum Ausdruck bringt, begrüßt es mit Genugtuung, daß Oberrichter Brandeis keineswegs daran denkt, sich von seiner jüdiSch-nationalen Tätigkeit zurückziehen, und daß er weiterhin 'die Arbeiten des Provistonal Zionist Exekutive Committee leiten wird. Es ist nicht jetzt der geeignete Zeitpunkt, Betrachtungen darüber anzustellen, wie groß die Verdienste Brandeis um den Zionismus und um die jüdisch-nationale Idee sind. Wir möchten im folgenden nur das sehr erfreuliche Anwachsen unserer Bewegung und ihrer Institutionen in Amerika im letzten Jahre konstatieren, das nicht in fetzter Reihe 'auf die Wirksamkeit dieses bedeutenden Mannes .zurückzuführen ist. So zahlten im Jahre 1915—16 in den Vereinigten Staaten von Amerika 49.529 Personen den' Schekel gegen 20.310 im Jahre zuvor. In der Zahl von 49529 sind die Schekel des „Order Knights of Zion“, der Zionistischen Organisationen von Newyork, Brooklyn- Cleveland und Baltimore, die etwa 30.000 ausmac'ien, noch nicht einbegriffen. Die Zahl der Anhänger de Zionistischen Bewegung in den Vereinigten Staaten hat sich also im Laufe des letzten Jahres vervierfacht. Das Provisorische Zionistische Executiv-Committee hat n der Zeit vom 8. September 1914 bis zum 19. Juni 1916 den Betrag von 1,136.930 Dollars erhalten, . wovon 453.445 Dollars für die verschiedenen Fonds des P. E. C. bestimmt waren, während 633.023 Dollars private Ueberweisungen darstellen. 52.511 Dollars waren für verschiedene Sonderzwecke bestimmt. Hinzu kommen noch: 100.000 Dollars, die für die Pflanzer-Anleihen in Palästina bewilligt wurden, 115.000 Dollars, die vom Jüdischen Nationalfonds in. den Vereinigten Staaten aufgebracht wurden, und 50.000 Dollars, die von den verschiedenen dem Provisorischen Executiv-Committee unterstehenden Organisationen als organisatorische Abgaben gezahlt wurden, sodaß die Gesamtsumme der vom P. E. C. für zionistische und palästinensische Zwecke vereinnahmten Beträge 1,400.000 Dollars ausmacht. Sehr erfreuliche Fortschritte unserer Bewegung in Amerika konnten auch gelegentlich der am 8. Juli I. J. in Newvork stattgefundenen „Young Judaea Convention“ festgestellt werden, an der sich über hundert Delegierte aus den Vereinigten Staaten beteiligten. Alle Berichte der einzelnen „Clubs“ bewiesen den Fortschritt der amerikanischen Jugendarbeit. Die Abteilung des Staates Newyork umfaßt aßein 3500 Mitglieder und arbeitet mit einem Jahresbudget von 1500 Dollars. Ueberall war der stärkste Zuwachs in den Mädchenklubs zu verzeichnen. Es wurde beschlossen. Pfadfinderabteilungen zu gründen, um sportinteressierte Jungen heranzuziehen. Die Delegierten bewilligten ein Budget von 5000 Dollars. 'Dem Notfonds des.P. E. C. wurden ebenfalls 5000 Dollars zur Verfügung gestellt. Von efen größeren zionistischen Veranstaltungen der letzten Wochen in unserer Stadt sind hervorzuheben: das am 21. Juli anläßlich des am zwölften Todestages Herzls in Cooper-Union stattgefundene große' Meeßng (ein Spezialbericht hierüber folgt demnächst), sowie der „Herzl- Tag“ in Newyork.. Das Ergebnis der auf Straßen und in Häusern durch Flaggenverkauf gesammelten Beträge war eine Summe von 20.000 Dollars für den „Notfonds“ des Provisional Zionist Exe'cutiv Committee. „Der Cbeflep war ein oerhnzelter Hann..." Passiert einem bürgerlichen Blatte ein Malheur, macht die „Neue Freie Presse“ Fehltritte, die zu monströsen Geburten, wie „Grubenhund“ und „Laufkatzen“ führen, so ist die „Arbeiterzeitung“ immer die erste, die es der öffentlichen Lächerlichkeit preisgibt. Recht so. Würde sich aber die bürgerliche ludenpresse nicht genieren, sich mit jüdischen Dingen abzugeben, So w!ire es 'für sie eine glänzende Revanche, aus dem in der „Arbeiter-Zeitung“ vom 21. v. M. erschienenen Aufsatz: „Polnische und jüdische Schulen (Von unserem Kriegsberichterstatter Gustav Noske)“ folgende Stelle abzudrucken : '„Der Cheder, der Herr Lehrer, besitzt keinerlei pädagogische Vorbildung. Erforderlich für sein Amt ist nur, daß er hebräisch zu lesen versteht. Ist er ein armer Teufel . . . Der Cheder war ein noch junger, aber stark verhuzelter, in einen Schmutzigen Kaftah gehüllter Mann usw.“ Wir glauben nicht, daß jemand einwenden wird, „Grubenhund“ und „Laufkatze“ seien deutsche Ausdrücke, die man kennen muß, nicht aber das jüdische „Cheder“. Denn es gibt wohl heute keinen Chamer mehr, der die liberalen Schmocke für gar so deutsch und die sozialistischen für gar so unjüdisch halten sollte, wie sie gerne gelten möchten. Es müßte im allgemeinen ein Redakteur dieser Art wahrlich zu sehr schwerhörig sein, um nach diesen zwei Jahren Ostjuden-iBerichterstatterei die Bedeutung von „Cheder“ noch nicht gehört zu haben. Auch wird niemand den Herren von 'der , .'Arbeiterzeitung“, diesen angeblichen Zwittern aus Halb- Deutsch und Halb-Mensch, die Schmonze glauben, dab sie von ihren Tates her jenes Wort nicht kennen. Zudem: der Bericht ist aus Warschau datiert. Hprr Noske war dort, wie er schreibt, in diesen verschiedenen „Chederschulen, wo man in ein Narrenhaus versetzt zu sein“ glaubt: er besichtigte die Talmuds’chufen. wo „mit dem Studium rabulistischer Spitzfindigkeiten diese Menschen ihre besten Jahre hinbringen“; er war in den „Winkelsynagogen“, wo die Betenden „in große, weite, dunkelgraue Gebetmäntef gehüllt, den Gebetriemen an Stirn und Arm, so aussahen, als wären 'sie soeben aus einer Becluinenschar irgendwo in Afrika oder Asien gekommen“. Dort also nirgends gehört zu haben, daß Cheder nicht der Lehrer ist — wahrlich, man wird diesem Kriegsberichterstatter trotz besten Willens nicht glauben können, wenn Cr nächstens berichtet: „Ich hörte den Donner der Kanonen Mein Freund, einer der „seine besten Jahre mit dem Studium der rabulistischen Spitzfindigkeiten des Talmuds“ hingebracht hat, erklärt das auf eine ganz verzwickte Weise. Herr Noske, der wirklich ein Arier ist, rrieint er, wollte seinen jüdischen Prinzipalen, die bekanntlich nicht erst Gebetriemen anzulegen brauchen, um so auszusehen, als „wären sie soeben aus einer Beduinenschar irgendwo in Afrika oder Asien gekommen“, eine Art Grubenhund- und Laufkatzenfalle legen. Adler-Austerlitz-Emmerling aber überlegte äso: Den goischen Lesern ist es Wurscht. Vor meinen jüdischen Lesern, die ja alle wissen, was „Cheder“ ist, ist es schön, wenn ich von jüdischen Dingen nichts weiß, ln Warschau muß es aber auch der Goi wissen, und darum ist er der Hereingefalfene. Diese Erklärung meines Freundes ist allzu pilpülistisch. Sie kann nur richtig sein, wenn vtetretenf der betreffende Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“ auch einmal als Bocher den Talmud studiert hat. A. Sch. Uns 9er allgemeinen Fresse. (Herzl als Antidreyfusard. — Hat der Dreyfus-Prozeß in Herzl den zionistischen Gedanken erweckt?) Angeregt durch einen Gedenkartikel in einem jüdischen Blatte anläßlich der zwölften Jährling des Todestages Theodor Herzls, in we!chem die zionistische Idee als eine direkte Folge der Verurteilung Drevfus' hingestellt wird, veröffentlicht Joseph Siklossv, nach seiner Angabe „Sekretär und gelegentlicher Vertreter“ Th. Herzls zur Zeit des denkwürdigen Drevfusprozesses, im; „Neuen Pester Journal“ vom 26. ^v. M. ein längeres Feuilleton über „Zionismus lind der Drevfusfal 1“, dem wir die nachfolgenden^ Stellen entnehmen: „Den Grundstein dazu — schreibt Siklossy — daß ich geraume Zeit als Antidreyfusard behände, legte — Theodor Herzl. Er hielt Drevfus für schuldig, auch lange, am Anfänge. Wir hatten nur eine Karte zur Verhandlung des Kriegsgerichtes, die am ersten Tage, bei der Vorführung des Angeklagten, eine öffentliche war. Da ging Herzl hin. Der endlichen Urteilsverkündigung anzuwohnen und darüber die erste, dringende Depesche zu senden, war meine Aufgabe: Herzl mußte in der Kammer bleiben, die dortige Wirkung des telephonisch zu gewärti^enden Resultats beobachtend. Bei alldem, daß ich Drevfus damals für einen Verräter hielt, überraschte mich doch seine Verurteilung, und es waren ganz eigene Gefühle, mit denen ich den abendlichen Lauf zum Telegraphenamt in der Rue de Lille antrat. Als ich dann in die Kammer eilte, vom Vollzüge meiner Mission Meldung zu erstatten, fand ich meinen guten Theodor Herzl im angelegentlichen Gespräche über literarische Diner« mit dem französischen Kollegen und Romancier Montegat beisammen. Von Aufregung bei ihm, der sonst leicht aufgeregt werden konnte, keine Spur. Ich rief ihm auf ungarisch das Drevfus-Urteil zu, er aber nickte nur mit dem Konfe: Weiß schon: ist in Ordnung! Dera_t sah ich Theodor Herzl unter dem Eindrücke der Verurteilung des Juden Alfred Drevfus. Er hielt ihn für schuldig. Das erste Wort einer Vermutung, daß Drevfus unschuldig sein könnte, hörte ich nicht von Herzl, sondern von dem Vertreter des „WoIff-Bu-eaas“, Regierungsrat Schift, aussprechen, am Weihnachtsabend desselben Jahres, der uns bei He~zl vereinte, dessen Haus ein sehr gastfreundliches war. Schiff brachte Dreyfus aufs Tapet, mit der Andeutung, daß eine ernsthafte Bewegung im Zuge sei, seine Unschuld klarzulegen, an die er, Schift,

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