Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 35 (1.8.1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438572-2438606--4942-2444868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEffTUNG Nh 35 sind völlig ungenügend. Knapp vor dem Krieg' erhielt eine französische Gesellschaft die Konzession zum Ausbau der Häfen Palästinas. Vielleicht könnte diese nach dem Kriege an eine österreichische Unternehmung überpehen. In Deutschland haben schon vor dem Kriege und besonders während desselben hervorragende Kolonialpolitiker und Sachverständige, wie Rohr-< badi, Jaeckh, Naumann. Landwirts-haftsdirektor Auhagen, Prof. Ballod, Major Karl Franz Sudres, Hans Rohde u. a. die Bedeutung des zionistischen Ansiedlungswefkes erkannt und in zahlreichen Veröffentlichungen auf sie hin gewiesen. Von diesen sei nur die iüngste erwähnt: ein Artikel ..Das Ostjudenproblem und die Frage seiner Lösung durch den Zionismus“ von Prof. Dr. Ballod (Berlin) im Juniheft der „Europäischen Staats- und Wirtschaftszeitung“. Der Verfasser kommt darin auf Grund sehr eingehender Berechnungen zum Schluß, daß in Palästina 6V» Millionen Juden angesiedelt werden könnten, wenn man großzügig zu Werke ginge. Es w'äre wünschenswert, daß auch in Oesterreich, das - keine eigene Koloriialpolitik treiben kann und das nach dem Kriege noch viel mehr als vor demselben auf eine intensive Tätigkeit in der 'Levante angewiesen sein wird, das Interesse an der Erschließung Palästinas durch jüdische Ansiedler,' die zum Teile Angehörige des eigenen Staates sein könnten, erweckt würde. Gelegenheit dazu wird die in nächster Zeit erfolgende Gründung einer „Oesierreichisch-ungarischen jüdischen Ansiedlungsgesellschaft“ bieten." Eine Einigung in 9er ameriiianisdis jäOisdien Rongrebirage. Am Sonntag den lfi. Juli fand im Hotel Asior zu New-York die in der vorigen Nummer unseres Blattes angekündigte Konferenz nationaijüdischer Organisationen statt, die das American- JewiSh Committee und eine Reihe anderer Organisationen cinberufen hätte, ..mit dem Zweck, Maßnahmen zu erwägen, einschließlich der Diskussion von Vorschlägen, die bezüglich der Organisierung eines jüdischen Kongresse? zur Sicherung der vollen Oleichbe’-ecVi'ning der Juden in allen Ländern unter Abschaffung aller gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze vorge’egt werden könnten: wobei der Ausdruck , volle Gleichberechtigung“ so zu verstehen ist, daß die bürgerlichen, religiösen und nolitischen Rechte gemeint sind und außerdem in denjenigen Ländern, wo verschiedenen Nationen eines Landes besondere Gruppenrechte zuerkannt sind, die Ausdehnung dieser Rechte auf die Juden, sofern diese sie wünschen.“ 27 jüdische Organisationen waren durch etwa. 70 Delegierte vertreten. Zum Vorsitzenden wurde . Herr Louis Marshall, zum stellvertretenden Vorsitzenden Herr Jacob P a n k i n gewählt. Herr M a rsh a 1 / führte in seiner Eröffnungsrede etwa folgendes aus: ,,Die Juden durchleben jetzt einen Momeint, welcher von ihnen verlangt, daß sie die Arbeit . aufnehmen sollten für die Sicherung der politischen u-d religiösen Rechte der Juden in den Kriegszonen und im Anschluß daran die Ausdehnung von Sonderrechten in den Ländern, wo besondere Gruppen diese Rechte genießen, auf die Juden. Ich glaube nicht, daß eS einen einzigen Juden in Amerika gibt, der etwas gegen' .ein solches Arbeitsnro<rramm hätte und der diese Plattform nicht akzcnieretn würde. Jetzt aber Stehen wir einer Spaltung innerhalb de? amerikanisdien Judentums gegenüber. Ich' bin nicht der Ansicht, daß es eine auf Prinzipien basierende Spaltung ist. “Es ist eher ein Mißverständnis zwischen Persönlichkeiten und Grunpen. In" diesem wichtigen Abschnitt der Weltgeschichte und der jüdischen Geschichte müssen wir alles tun für Einigkeit und Solidarität. Wir haben vor der Welt zu erscheinen als eine starke, feste Gemeinschaft, um den Juden jenseits des Ozeanes zu helfen. Denjenigen, 'die den Frieden nicht wünschen, die bis ans Ende kämpfen wollen, ihnen habe idi' nichts zu sagen. Aber für die, welche mit uns arbeiten wollen, Schulter an Schulter, mit dem einen Wunsche, den Judein jenseits des Ozeanes. volle Gleichberechtigung zu verschaffen, habe ich nur das eine Wort: mögen sie sich ims anschließen — wir können zusammen arbeiten. Das ist der Sinn dieser Konferenz. Ich sehe Juden vor mir, die in ihrer Arbeit für das jüdische Volk ergraut sind, ich sehe die Enkelkinder der ersten jüdischen Ansiedler in diesem Lande und ich sehe Juden, die erst kürzlich in Amerika angelangt sind, Repräsentanten des Mittelstandes und der Arbeiter. Hier müssen wir zu einer Verständigung kommen und hier müssen wir ‘es allen Juden Amerikas ermöglichen, mitzuarbeiten an der Arbeit für ihre leidenden Brüder in der alten Welt.“ Den Bericht des „Jüdisch-nationalen Arbeiterkomitees“ erstattete Herr- Dr. Max G o I dl*arb. Dieses Komitee ist von der jüdischnationalen Arbeiter-Konvention eingesetzt worden, die vom 5. bis 7. September 1915 in New-York stattgefunden halte und auf der alle jüdischen Arbeiterorganisationen Amerikas, die mehr als 400.000 Mitglieder zählen, vertreten waren. Auf dieser Konvention war einstimmig der Beschluß gefaßt worden, mit allen anderen jüdischen Organisationen 'Amerikas' zum Zwecke der Abhaltung eines Jüdischen Kongresses auf demokratischer Basis in Verbindung zu treten. Dr. Cyrus Adler erstattete Bericht über die Tätigkeit, des „'American Jewish Committee“;' er-sprach von den Bemühungen dieses Komitees, eine gemeinsame Plattform aufzuste'len, aut der alle amerikanischen luden geeinigt werden könnten. Die vom A. I. C. vorgeSdhlagene Plattform sei sehr einfach gewesen: Gleichberechtigung für alle Juden in der KriegSzone und die Abschaffung aller gegen die Juden gerichteten Ausnahmegesetze. Bis jetzt sei eine Einigung jedoch' noch 'nicht erzielt worden und das A. J. C. habe daher mit verschiedenen Organisationen über eine andere gemeinsame Plattform . verhandelt. Dr. ’J. L. M a g n e s beantragte die Ernennung einer Resblutionskommissioh und schlug, folgende Resolution zur Kongreßfrage vor: ' 1. Die Konferenz erstrebt die Durchführung einer einheitlichen Aktion, cst unter den Juden Amerikas und dann unter den Juden der ganzen Welt, um volle Gleichberechtigung der Juden aller Länder und die Abschaffung aller Sondergesetze, die geo-en sie gerichtet Sind, zu erlangen. Der'Ausdruck „volle Gleichberechtigung“ soll verstanden werden als die zivilen, religiösen und politischen Rechte einschließend und in Ergänzung hierzu die Ausführung von etwa existierenden Gruppen rehten auf die Juden, sofern diese sie wünschen. 2. Für diesen alleinigen Zweck begünstigt die Konferenz die Einberufung eines Kongresses der Juden 'Amerikas. 3. Die Konferenz gibt ihrem hier noch zu wählenden Exekutivkomitee volle Machtbefugnis zur Erreichung der in § 1 genannten Ziele; st0 ermächtigt zu diesem Zwecke das Exekutivkomitee, mit allen anderen Organisationen amerikanischer Juden für die Verwirklichung dieser Ziele zusammenzuarbeiten: sie erteilt ihm dementsprechend volle Machtbefugnis bezüglich der Vorbereitungen zur Einberufung des erwähnten Kongresses der amerikanischen Juden, seihe Zeit, Ort und Wahlmethode wie auch seine Konstitution im allgemeinen. 4. Die Konferenz stellt ausdrücklich fest, daß nichts von dem hier Gesagten die Autonomie irgend einer bestehenden national-jüdischen Organisation schädigen soll. Richter Julian M a r k meinte, daß es richtiger wäre, zunächst die Delegation der ' Köngreßorganisationen zu hören und sich erst später mit diesen Reso'utionen, die vie'leicht 'überflüßig werden dürften, zu befassen. Dr. Soli S-Co-, h e n aus Philadelphia unterstützte den Vorschlag von Richter Mack und die Resolution von Herrn Dr. M a g n e s wurde dem Resolutionskomitee überwiesen. (Fortsetzung folgt.) Die galizisAen Ju9en nadi zwei Rpiegsjatiren. Zwei blutige Kriegsjahre haben Galizien aus dem Dunkel der Vergessenheit gerissen .und es aut einmal zum SchaupVze welthistorischer Ereignisse gemacht. Gewaltige Heere zweier um Sein oder Nichtsein1 ringender ’Mächtegrunpein durchwü'hlten in dieser ereignisreichen Zeit zii wiederholten Malen den blutgetränkten Boden , dieses Landes und' auch gegenwärtig erscheint es in schauerlicher Röte des verwüstenden Krieges. Die Bevölkerung, die alle nur möglichen' Phasen des Kriegs’ebens du-chgemacht und das Unheil in allen seinen Gestalten, in Invasion und Flucht, Belagerung und Beschießung, Hunger und Brandstiftung durchkostet hat — diese Bevölkerung ist naCh einer zwei lahre andauernden seelischen Metamorphose keineswegs dieselbe geblieben, w'ie sie vor Ausbruch des Krieges gewesen ist, und der geübte Beobachter, der über Lana "und Leute nach der gegenwärtigen Läge urteilen will, wird gewiß von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehen und gahz andere Prämissen zur Grundlage seiner Betrachtungen nehmen, als er dies vor dem 'Kriege getan hätte. Vor allem — weil es uns am nächsten angeht — wollen wir die Wirkung des Krieges und seiner Folgeerscheinungen auf die galizischen Juden untersuchen. Wie allseitig unbestritten zugegeben wird, waren sie es, die die schwersten und relativ auch die meisten Opfer in diesem Kriege zu tragen hatten; es dürfte daher bei ihnen, „mehr als bei den anderen Nationen, des Landes, die moralische und politische Metamorphose merkbar zu Tage getreten sein und so manche hiedurch gezeitigte Erscheinung dürfte für die jüdische Oeffentliehkeit von nicht geringem Interesse sein. D,er teilweise moralische Niedergang, ebenso wie die gleichzeitige politische Gesundung — zwei scheinbar diametral entgegengesetzte Erscheinungen — die, wie ich' im folgenden ausführlich darzulegen bemüht sein werde, bei deit galizischen Juden als Folge des Krieges zu Tage treten, entspringen — wie paradox es auch klingen mag — einer und derselben seelischen Umwälzung. Beide sind die Früchte eines durch Leiden und Enttäuschungen gestärkten egoistischen Gefühls, das i n d i v i-: du eli genommen schädlich und demoralisierend ist; hingegen in nationaler Auffassung läuternd und Sanierend wirken muß. Der skrupelloseste Egoismus, der in der Politik, trotz des Herumwerfens mit „Idealen“# von jeher die einzige bewegende Kraft war, enthüllte sich in. diesem Kriege vor der ganzen Welt in seiner wahrsten, ungescfiminkten Rücksichtslosigkeit. Der sancto egoismo — Italien gebührt ohne Zweifel der traurige Ruhm, dieses unverschämte Wort geprägt zu haben — ist nicht bloß Gemeingut der hohen Politik geworden; er hat sich "auch leider bei einzelnen Individuen, die ehemals noch so naiv ware|n, Empfänglichkeit und Sinn für Ideale zu zeigen, in erschreckender Weise eingenistet. Von diesem seelenvergiftenden Bazillus sind auch die Juden niCht verschont geblieben und insbesondere in Galizien äußert Sich der — nennen wir ihn — individuelle Egoismus in eiper verderblichen Interesselosigkeit den Bedürfnissen eigener Volksgenossen gegenüber, wie sie vor dem' Kriege, trotz der immer zu Klagen Anlaß gebenden politischen Indolenz, doch ‘nicht So grell zu Tage getreten ist. Diese individuelle Abgeschlossen, heit, hat Sie auch in materieller Hinsicht vorläufig keine besonderen schädlichen Wirkungen hervorrufen können, weil einerseits die ErwerbsmögliChkeiten für die Daheimgebliebenen fast aller Bevölkerungsschichten infolge devielen Einrückungen zahlreicher geworden sind und anderseits jeder Erwerb durch die Teuerung und die gesteigerte Nachfrage sich lohnender gestaltet — so war sie auf das Erziehungswesen der zügellos heranwachsenden Jugend beiderlei Geschlechts von geradezu verheerender Wirkung. Noch in FriedetiSzeiten war die Jugenderziehung der wundeste Punkt am jüdischen VolksorganiSmus in Galizien und es fehlte deshalb seitens national gesinnter Elemente n!emals an Sanierungsversuch'en, die jedoch fast immer an der unheilbaren Indolenz der jüdischen Masse für das Erziehungsproblem scheiterten. Aber volfends versagt hat das Erziehuntrswerk erst im Laufe des Krieges. Waisen und Halbwaisen, Söhne und TöChter eingerückter oder nadi Rußland verschleppter Väter gehen beschäftigungslos herum und sind ohne Hemmnis .allen Lockungen des Lasters ausgesetzt. Die Moralität dieser Jugend sinkt von Tag. zu Tag und die Kalamität kann, wenn es so fortgeht, zu einer Volksgefah'r sich steigern. Das konnte aber nur in einer Zeit geschehen, da der Egoismus zum Prinzip erhoben und mit der Glorie der Heiligkeit umgeben wurde. Bei so starker Betonung des I c h kann für gemeinnütziges Wirken kein Platz mehr vorhanden sein. Aber hierin, zeigt sich eben auch, die Lichtseite dieser durch den Krieg hervorgerufenen Wandlung, wenn wir sie von der, politischen Seite betrachten. Daß die Sogenannte „Europäisieruncr“ der galizischen luden einen mächtigen Stoß nacl*- vorwärts bekommen hat, ist bei der allerdings unfreiwilligen Berührung der sonst ghettoartig in den Kleinstädten eingeschlossenen typisch-jüdi- SChen Bevölkerung" mit dem Westen wohl begreiflich. Die Folgedieser Annäherung wird sich nicht bloß äußerlich, in dem alfmäligen Abstreifen der Eigenart in Kleidung und Haartracht, zeigen, sondern, viel tiefer gehend, in einer moderneren Auffassung’ über Judentum und jüdisches Wesen sich äußern. Es wird das Bedürfnis fühlbarer werden, die heranwachsende Jugend der westlichen Kultur und Zivilisation in breiterem Maße als bisher näherzubringen, ohne daß in diesen Bestrebungen eine Verletzung jüdischer Religiosität öder jüdischer wesentlicher Eigenart gesehen werden sollte, wie dies vor dem Kriege in ausgebreheten orthodox-jüdischen Kreisen leider der Fall wa-, (Wir glauben, daß der geschätzte Autor in diesem Punkte und in manchem folgenden -in wenig einseitig und zu optimistisch sieht. Die Red.) Von größter Wichtigkeit in dieser Beziehung ist jedoch der Umstand, daß die Kulturreeoingen im jüdischen Volke Galiziens nicht, wie bisher, einseitig der Attraktion von polnisch-nationaler Seite — ergo assimilatorischer Kouleur — ausgesetzt sein werden, sondern vielmehr einen allgemein-weltlichen,. dem jüdischen Natiopalbewußtsein mindestens nicht feindlichen Charakter tragen werden.- Das 'ist ein nationaler Egoismus, dessen säubernde und läuternde Wirkung nicht ausbleiben wird. Dehn der Jude dürfte nach den in diesem Krienc gemachten bitterefn Erfahrungen Ansehen, daß er in dem völligen Aufgehen in einer ihm wesensfremden Kultur und im restlosen Aufgesaugtwerden durch die Wirtsvölker sein Heil" nicht suchen darf. Sein einmal erweiterter Blick wird an der großen