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Jüdische Zeitung · 1916-08-01 · 35 (1.8.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
35 (1.8.1916)
Date
1916-08-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wenn wir von der deutschen Nation .reden. Dagegen gibt es! ein österreichisches Volk, aber keine österreichische Nation, ein Schweizer-Volk, aber. keine schweizerische Nation. Jeder Bürger polnischer Herkunft in der Provinz PoSen oder in Westpreußen gehört zum deutschen Volke. Denn Volk ist ein politischer Begriff. Dagegen redinet er sich nicht ohne Grund zur polnischen Nation. Denn Nation weist auf den historischen Zusammenhang. Ebenso gehört der Deutsche in Wien oder Linz -zum österreichischen Volke. Aber seine Abstammung und Sprache weisen ihn der deutschen Nation zu. Der Bewohner italienischer Zunge m Görz oder TrieSt ist zweifellos Italiener, aber nur soweit seine Nation bestimmt wira. Er gehört unzweifelhaft zum österreichischen Volke und Weist mit dem Schwerte in der Faust die Versuche zurück, ihn aus diesem Volke herauszulösen und ihn einem italienischen Volke anzugliedern, dessen Bürger der gleichen Nation angehören wie er (Selbst. Kurzum, die historische Wissenschaft versteht unter Volk das, was Hermann Cohen „Nation“ nennt, und unter .Nation“, daS, Was er „Nationalität“ benennt. Dann aber ist es ein Streit um Worte und nicht um Begriffe. Wenn Hermann Cohen lernen wird, unsere zionistische Literatur so zu lesen, daß er stets für Volk seinen Begriff Nation, und für Nation seinen Begriff Nationalität einzusetzen hat, so wird er auf diesem Gebiete die Polemik aufgeben müssen, 'da es einem so leöensernsten Manne nicht darauf ankommen kann, um'Wörter zu kämpfen, wo er in den Begriffen einig mit den Zionisten ist. Denn hier unterscheidet er sich ganz erheblich und grundsätzlich von seinen politischen una publizistischen Gastgebern, die keineswegs, wie Hermann Cohen unzweideutig es hervorhebt, in den Juden eine Nationalität erblicken. Indem Hermann Cohen erklärt, — mit Hinblick aui das Judentum erklärt „diese eine, durch den Staat definierte Nation kann viele Nationalitäten in sidh umfassen,“ efkennt er den "jüdischnationalen Standpunkt der Zionisten an, die eben immer auf dem Standpunkte Ständen, das das eine „Staatsvolk“ Angehörige verschiedener Nationen ' umschließen 'könne und zumeist auch wirklich umfasse. Die Nation, die eine historische geeinte Gruppe von Menschen ist, ist damit zugleich berufen, ihre eigene Geschichte fortzusetzen und sich nicht in ejner fremden Nation zu verlieren una aufzulösen. Man darf auch des Entgegenkommens wegen mit Hermann Cohen statt Nation „Nationalität“ sagen, ohne dem zionistischen Standpunkte etwas zu vergeben. Die Unwahrhaftigkeit, die nun angeblich vom Zionismus seinen Gegnern in dieser Frage vorgeworfen'wird, kann sich nicht auf Hermann Cohen* beziehen, und auch nicht auf solche Leute, die wie er, den nationalen oder wie Cohen sagen würde, den nafionalitätischen — Zusammenhang der jüdischen Geschichte und der Judenheit nicht zerreißen, sondern die Geschichte des Judentums als einer historischen Besonderheit fortsetzen wollen. (Fortsetzung folgt.) Das Beu8lkerungspro6lem in Ser türhei und Ser Zionismus. Die in Wien erscheinende Wochenschrift „Der O es t er r. Volkswirt“ bringt in ihrer Nummer 47 vom 19. v. M. unter obigem litel eine Zuschrift von informierter zionistischer Seite, die nicht nur ihrer überaus sachlichen Darlegungen wegen, sondern auch im Hinblick gerecht wird, als dem „reinen und starken Elementaraktiven“, als einem „Führer zum handelnden Leben“. „Dem Elementaraktiven' ist seine Innerlichkeit als eine Fülle von Impulsen gegeben, denen er nur *lnne wird, tim Sie auszuwirken. Dem Elementaraktiven ist das. Dasein als eine Fülle von Wirklichkeit gegeben, die ihn umbildet, die aber ungeduldig darauf wartet, von ihm umgebildet zu werden“. Und hier ist auch der Weg zum „heroischen Juden“, dessen Werden sich in den Kämpfen der Gegenwart ainkündigt. (Geleitwort zu Hugo Zuckermanns Uebertragung von Perez‘: „Die Nacht auf dem alten Markt.“) Das Buch „Vom Geiste des Judentums“ gibt uns tieferen Einblick in das erwähnte Zurückgreifen aut die alten Geistesmächte des Judentums. die sich in der Gegenwart erneuern wollen. Tn der Form des „Mythos“ — eine Bezeichnung, die hinsichtlich des alten Judentums doch nicht ganz einwandfrei ersfcheint — glaubt Buber die schöpferische Gewalt des Urreligiösen zusammenzufassen („Der Mythos der Juden“). Seine konzentrierteste Darstellung jüdischen Geistes, im innerlichsten Weben und in lauterster Lebendigkeit, sind aber wohl die Einleitungen zu den beiden dem Chassidismus gewidmeten Büchern „Geschichten des Rabbi Nachman“ und „Die Legende des Baalschem“. Hier gelingt es Buber wirklich, dem innerlichsten Leben, das- Weg und Ziel zugleich umfaßt, ein neues Wort zu geben, es lebendig wirksam auszusprechen — so wenn die Grundstimmung der Vereinigung auf das Publikationsorgan und auf die Gesichtspunkte, von denen aus die zionistische Frage behandelt wird, wiedergegeben zu werden verdient. Der Verfasser nimmt auf die Ausführungen eines früheren Artikels von Gustav H e r 11 in Nummer 39 desselben Blattes zustimmend Bezug und schreibt: „Mit Ausnahme einiger weniger mohammedanischer Immigranten aus Nordafrika stehen der Türkei keine anderen passenden Ansiedlerelemente in größerer Zahl zur Verfügung, als die Juden. Die Frage, ob diese befähigt wären, 'an der Erschließung Türkisch-Vorderasiens erheblich mitzuwirken, ist daher für „Mitteli euröpä“ von aktuellster Bedeutung. Dies um so mehr, als die jüdischen Einwanderer, . um die es sich handeln würde, aus der Zahl jener Ostjuden genommen werden könnten, die aus dem künftigen Mitteleuropa abströmen werden. Betrug doch schon vor dem Krieg die Auswanderung von Ostjuden aus Russisch-Polen und Galizien über 100.000 Köpfe pro Jahr, und sie wird nach dem Kriege lange Zeit hindu-ch eher anwaChsen als geringer werden. Daß diese Juden ein geeignetes Ansiedlermaterial abgeben könnten, ist man allgemein zu verneinen geneigt, aber nur aus dem Grunde, weil man nicht weiß, tn wefch großer Zahl die Juden in den letzten Jahrzehnten zur Landwirtschaft zurückgekehrt sind. In Rußland zählt man über 200.000, in Argentinien 14.000, in Palästina 12.000, in Nordamerika 5000 landwirtschaftlich tätige Juden. Es ist nicht viel besser bekannt, welch große kolonisatorische Leistung die zionisJische Organisation in Palästina aufzuweisen hat, trotz der enormen Schwierigkeiten, die sich dort ihrer Arbeit entgegenstellen. Diese bestehen vor allem in der rückständigen Agrargesetzgebung der Türkei und in der jeder Intensivierung der Wirtschaften abträglichen Art der Besteuerung der Ernte vom Bruttogewinn in natura, sowie in ihrer Höhe (12t/_. Prozent) und in der Form ihrer Eintreibung (durch private Steuerpächter). Ferner muß der Boden in Palästina meist erst durch große Aufwendungen urbar gemacht werden und der ostjüdische Einwanderer ist ^tuch kein Landwirt vom Fach. Trotz alledem "sind heute in Palästina zirka 12.000 Juden in 40 blühenden Kolonien angesiedelt (die Zahl der in den Städten des Landes seßhaften Juden beträgt heute 80.000 bis 100.000). Für die Erziehung der Juden zur Landwirtschaft sind zahlreiche Einrichtungen getroffen: landwirtschaftliche Schulen, Versuchsstationen, Wanderlehrer, Fachzeitschriften und vor allem die als Ausbildungsstätten .dienenden Farmen des jüdischen Nationalfonds. Besonders bemerkenswert — weil diese Assoziationsform, außer in Italien und Rumänien, nirgends sonst existiert — sind die jüdischen Landarbeitergenossenschaften, die bei Okkupation neugekauften Boders und im Pachtbetrieb gute Erfolge erzielen. Der jüdische Nationalfonds betreibt auch Aufforstung verkarsteter Gebiete, und ist vornehmlich auf dem Gebiete der Arbeiterfürsorge täti<r. Durch den Bau geeigneter Arbeiterhäuser konnte er die erwünschte Ansiedlung einiger tausend Juden aus Yemen sichern u. a. m. Ueber den großen kulturellen Aufschwung der palästinensischen jüdischen Siedlung, das neuhebräische Schu’wesen, das vom Kindergarten bis zum modernen Gymnasium gediehen ist und seine Krönung durch die im Bau befindliche Technische Hochschule in Haifa finden wird, die Einführung de*- kunstgewerblichen Hausindustrie, die Tätigkeit der jüdischen Aerzte usw. in Palästina wäre sehr viel zu sagen. Es genüge aber dies wenige, um die mit allem Wesen der Welt in die Worte gefasst wird: „Mitleben als Erkennen ist Gerechtigkeit, Mitleben als Sein ist Liebe“. In solchen Zusammenhängen mag sich aufs .Neue ein „Sinn des Judentums“ enthüllen aus der neuschöpferisChen Macht des Religiösen heraus. „Worin immer ein anderes Volk sein Heil suchen mag, dem jüdischen ist es nirgendwo anders erschlossen als in der lebendigen Macht, an die sein Volkstum von je gebunden war und durch die es bestanden hat: nicht in seiner ..Religion, wohl aber in seiner Religiosität“ („Jüdische Religiosität“). Religiosität aber „ist das Verlangen des Menschen, mit dem Unbedingten lebendige Gemeinschaft zu schließen, und sein Wille, es durch sein Tun zu verwirklichen und in die Menschenwelt einzusetzen“. Hier aber bindet sich ein positives Ideal an die erschütternde Erkenntnis vom Zwiespalt innerhalb der jüdischen Seele, sowohl im Volksganzen als in dem Einzelnen. Nirgends i'st die innere „Entzweiung“ so sehr das Gegebene als im Judentum, aber nirgends ist auch die Macht der inneren Entscheidung, der große Trieb zur Einheit so sehr in den Mittelpunkt des Lebens gestellt. Die Gewalt des orientalischen Geistes lebt in dieser Konzentration des Lebenentscheidenden auf das Innere und Innerste fort: „Wir leben in der problematischen Situation, die auf diese Versuche (religiöse Reform versuche) gefolgt ist:! in der im- Judentum der letzte alte Aufbau des orientalischen Geistes erschüttert und einem neuen kein Grund gelegt scheint. Und doch Zweifel darüber zu zerstreuen, daß die ostjüdische Einwanderung zur Hebung von Landwirtschaft und Kultur Türkisch-Asiens erhebliches leisten könnte. Der ganz besondere Vorteil, den die jüdische Kolonisation dem öctomanischen Reiche bietet, ist der, daß durch sie nicht nur geeignetes Ansiedlungsmateriai (geeignet nicht zuletzt dadurch, daß die besondere Anziehungskraft, die. Palästina für Juden hat, diese zur größten Ausdauer gegenüber den zahlreichen Schwierigkeiten, die sie zu überwinden haben, befähigt), sowie intellektuelle Kräfte und Kapitalien ins Land gebracht werden, Sondern daß clie jüdischen Fonds auch solche Aufwendungen machen, die sonst in jedem Lande aus - der Staatskasse bestritten werden müssen; für Schulen, Lehrerbildungsanstalten, Versuchsstation nen, Aufforstungen, Arbeiterfürsorge u. a. m. Wie sehr die Juden politisch zuverlässig Sind, beweist die Tatsache, daß über 80 Prozent der Juden Palästinas bei Ausbruch des Krieges die ottomanische Staatsbürgerschaft erworben haben, was bedeutete, daß sie, nach Ablaufeines lahres, in das türkische Heer einzutreten hatten. Welche Wirtschaftsfortschritte Palästina, und zwar — was auch die Ansicht der deutschen und österreichischen Konsuln ist — vornehmlich die jüdische Kolonisation gemacht hat, mögen einige wenige Zahlen illustrieren, die sich auf den Verkehr des Hafens von Jaffa beziehen: Dampfer ' mit Tonnen- Orangenexport Gesamtfaandelg:haJt Import u. Export 1903 425 577.000 2*/. Mlll. Frcs. 19 MilL Frcs. 1910 707 1,115.000 6 . . (1911) 46 . Was die Handelsinteressen unserer Monarchie bezüglich Palästinas betrifft, so importierte sie dorthin vornehmlich fertige Kleider, Papier, namentlich Zigarettenpapier, Sohlenleder, Porzet* lan- und Steingutware'’, ferner vermittelte Triest die Kaffeebezüge des Landes. Nach dem Kriege könnte Oesterreich in allen Arten Textil- und Metallwaren die früheren Lieferanten England. und Frankreich, vielleicht auch in Petroleum! (das für Motorenbetrieb und zur Beleuchtung sehr stark gebraucht wird) Rußland verdrän-, gen. Die Einfuhr von Palästina nach Oesterreich war nicht nennenswert. Hier böte sich eine gute Gelegenheit, den Südfrüchtenimport aus Italien zum Teile durch Bezüge aus Palästina zu ersetzen. In erster Linie stehen hier die Jaffa- Orangen, die früher fast ausschließlich nach Liverpool gingen. (Die Produktion von Orangen in Palästina wird schätzungsweise unmittelbar nach dem Krieg nicht weniger als 1 Million Kisten zu 14-1 Stück betragen.) Außer Orangen könnten auch beträchtliche Mengen von Mandeln und Rosinen und Wein importiert werden, ferner Seife aus Olivenöl, dem zweitwichtigsten Exportartikel des Landes. Voraussetzung für eine solche Hebun" des. Handelsverkehrs wäre die Erstellung billiger Frachtsätze von und nach Triest durch den Lloyd. Dieser hat gute Linien nach Palästina eingerichtet und ist dort sehF beliebt. Die Direktion hatte schon vor dem Kriege die Bedeutung der jüdischen Kolonisation für ihren Verkehr erkannt und Verträge über Personenbeförderung mit dem Zionistischen Zentralbureau abgeschlossen. Die Entwicklung Palästinas steht erst in den Anfängen, hat aber große Zukünftsanssichten. Das Land, das eine besonders günstige Lage besitzt, weist heute ein relativ sehr dichtes Bahnnetz auf, das im Kriege noch ausoebaut wurde, so daß in sehT kurzer Zeit die direkten Verbindungen mit Konstantinopel und Kairo hergestellt sein werden. Während des Krieges sind auch prächtige Landstraßen für Lastautomobilverkehr in größerer .Anzahl angelegt worden. Nur die Hafenanlagen besteht dieser Grund, besteht unerschüttert fort. Dieser Grund ist die Seele des Juden selbst“. („Der Geist des Orients und das Judentum.“) 1 ■ Man kann diese Auffassung jüdischer Religiosität keineswegs mit den überkommenen Religionsformen verwechseln, man kamt sie, deren Wesen auf innere Aktivität hinausläuft, auch nicht mit dem Worte „Mystik“ erschöpfen. Wesentlich ist ihr die Richtung auf universelle Lebendigkeit dem Sinne nach, ihre nationale "Einstellung nach der Seife der Verwirklichung. Sie schließt die unbedingte Forderung in sich ein, ohne doch im Ethischen sich zu erschöpfen. Besonders dankenswert ist es, daß diese Vorträge und Aufsätze, welche als solche zerstreut entstanden sind und erst in ihrer Verbindung eine organische Einheit bilden, gerade jetzt erschienen sind. Die Verdunklung der ruhig-lebendigen Sprache, des Geistes, die Aufgewühltheit der Volksseelen, der furchtbare Anprall des Schicksals, was doch alles wieder zu neuen Entscheidungen drängt, hat auch das jüdische Leben auf seine Art im Innersten erschüttert. Da ist es eine wertvolle Gabe an uns alle, zu Höhen des Volks- und Menschentums wieder aufblicken zu können und die wundersame Sprache einer tiefgeistigen Vergangenheit nebst den hoffnungsvollen Worten von neuen Gestaltungskräften zu vernehmen.

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