Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 35 (1.8.1916)
- Date
- 1916-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 Dr. Heinrich Loewe. fiermann Cohen uni Der Zionismus. I. Der Nationalismus. Hermann Cohen besitzt Autorität im Judentum. Sein Name bedeutet allein mehr als eine ganze Schar von Persönlichkeiten. Wenn er ihn in die Wagschale wirft, so kann er wirken, wie das Schwert des Brennus. Um so mehr hat diese ehrwürdige Gelehrtengestalt die Pflicht, kein bloßes Brennussdiwert aus ihrem Namen werden zu lassen. Um so verantwortlicher ist der Träger diesesNamens gegenüber den Folgen, die die Benutzung seines bloßen Namens nach sich zieht. „Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten“, mahnt: -daher Abtalion. Und was in jenen alten Tagen galt, hat auch noch heute Bedeutung. Gewiß hat Hermann Cohen eine, ganz andere -Steilung in der allgemeinen Weltkultur inne als jeher Abtalion der späteren Makkabäerzeit. Aber, um wiederum ein hebräisches Bild uns zu gestatten — so undeutsdh una unmodern das nach mancher Meinung feein anag —: Abtalion in s e i n e m Zeit-* .alter, und Hermann Cohen in seinem Zeitalter. Wer einen so bedeutenden Namen hat,;'daß:. der Name allein schon, auch ohne Gründe, wirkt, der sollte vorsichtig sein mit seinen Worten, damit nicht diejenigen, die belehrt werden sollten, „aus ihnen lernen, wie sie lügejh sollen". Und das wäre dodh genau daS Gegenteil dessen, was eine solche prophetische Gestalt, wie sie Hermann Cohen ist, erreichen möchte. Auf eine Anregung der Parteileitung des K.- C. (Kartell-Convent Schlagender Verbindungen) hat Hermann Cohen in ihren K. C.-Blättern eine Streitschrift gegen den Zionismus veröffentlicht, die er auch durch den Buchhandel gesondert erscheinen läßt. Er sagt selbst, er betrachte sie als Herausforderung an die zionistische Partei, und es wäre geradezu eine Nichtachtung einer so hervorragenden jüdischen Persönlichkeit, wollten wir diese Herausforderung deshalb nicht enviaem, weil wir es im Interesse des Burgfriedens für geeignet halten würden, jetzt Streitschriften unbeachtet zu lassen, weil das Interesse des Vaterlandes als einer übergeordneten Gesamtheit darunter leiden könnte. Bei einer so sachlichen una ruhigen Auseinandersetzung, wie es unsererseits geschieht, kann trotz der ganz ungerechtfertigten und durch nichts von unserer Seite veranlaßten Herausforderung das Vaterland keinen Sdiaden leiden. -Hermann Cohen tritt als Kämpfer gegen den Zionismus auf den Plan, m einer Zeitschrift, | aut Veranlassung und im Bunde mit dem K. C., a. h. dem Typus der schlagenden Verbindung. Nun kann': man aus grundsätzlichen Bedenken Gegner, der Schlagenden Verbindungen sein. Und Hermann Cohen ist das auch in folgerichtigem jüdischen Empfinden sein Lebelang gewesen. .Während die Zionisten grundsätzlich die schlagende Verbindung für unjüdisch erachten, haben Sie längst inder Praxis sich mit ihr abgefunden, Weil sie glauben, ihrer in heutiger Zeit des Judentums wegen nicht entraten zu können. Anders Hermann Cohen! Er lehnte sie stets ab. Er lehnt sie noch heute ab. Wenn er jetzt die K. C.-Blätter als den geeigneten Kampfplatz für seinen antizionistischen Angrift erkennt, so hat er wohl gewußt, daß der K. C. nicht bloß eine schlagende Verbindung, sondern die schlagende Verbindung kat’ exochen. ist. Der K. G. ist nichts weiter. Seine Mitglieder feind Juden. Sein Wesen ist „Schlagende "Verbindung“. Damit erschöpft - er sich. Was ist nun das Positive, was Hermann Cohen mit den K. C.-ern verbindet? Die Religion? An aer gellt der K. C. wie überhaupt am gapzen positiven Judentum vorüber. So weit er positiv ist, ist der K. C. deutschnatiorial, keineswegs jüdisch oder jüdisch-religiös. Was also ist der gemeinsame' Boden, auf dem sich Cohen und der K. C. zusammenfinden? Nichts als der gemeinsame Kampf gegen den Zionismus. Nur die Gegnerschaft gegen eine positiv-jüdische Richtung, die wie. es sogar Hermann Cohen selbst ausspricht, die ganze Judenheit durchzieht, „in Herausforderung anzugreifen“. Hermann Cohen geht davon aus, dab der Kämpfer für das religiöse Judentum der deutschen Juden im Lager des Zionismus persönlichen Angriffen ausgesetzt. sei. Das ist eine voraussetzungslose Behauptung, die den kleinen Umstand innerhalb der Tatsachenwelt übersieht, daß, während die liberal regierten jüdischen Gemeinden noch immer das Prinzip nicht aufgegeben haben, Zionisten nicht a!s Rabbiner anzustellen, ihnen nicht die Leitung vo,n Religionsschulen oder Bibliotheken anzuvertrauen, überhaupt in jeder Weise aus ihrer politischen Ansicht Schlüsse zu ihrem wirtschaftlichen und sozialen Nachteile zu ziehen, umgekehrt die Zionisten sich nicht durch die wiederholten Angriffe Hermann Cohens auf ihre Arbeit für das Judentum, doch keinen Augenblick seine Bedeutung für die deutsche und allgemeine Philosophie vergessen. Und mehr als einer von ihren Besten bekennt sich als Schüler der Philosophie Hermann Cohens. Aber hier ist nicht Cohen der Ausgangspunkt, sondern die Leitung der K. C.-Blätter, ule von dem Kriege eine natürliche Steigerung des deutschen Nationalgefühls erwartete, und aut jüdischer Seite angeblich nun nicht genügend davon^ zur Durchführung defe schweren Kampfes erkannt und mitgefühlt bemerkte. Ob dasi im Allgemeinen zutrifft, ist nicht unseres Amtes zu untersuchen. So weit es die Zionisten berühren sollte, muß diese Behauptung zurückgewiesem werden. Denn abgesehen von dem, was wir unter Nationalgefühl zu verstehen haben, ist jene' gewaltigste Schwingung der Seeie, die sich al9 Vaterlandsliebe und Staatstreue kundgibt, nirgends stärker, in die Erscheinung getreten, alsl bei den Zionisten Deutschlands. Wir wissen nicht, wie es um die Wahrheit jener Behauptung antisemitisch - akademischer. Blätter bestellt ist, Welche behaupten, dab der Verlust an Toten unter den K C.erjn so merkwürdig gering sei, daß an ihre Tapferkeit nicht ohne weiteres zu glauben wäre. Aber wir nehmen an, daß es sich hier um nichts anderes als um eine judenfeindliche Erfindung handelt. .Was dagegen die zionistische . Studentenschaft betrifft, so war die vaterländische Erhebung gleich am Anfang de9 Krieges eine gewaltige, und hat bis jetzt so! wenig von ihrer ursprünglichen Wucht verloren, dab der Verlust an Menschenleben innerhalb der deutschen zionistischen Kreise ein erschreckender ist. Das gilt in gleicher, .Weise von der groben jüdischen Turnerschaft, die ihrem Programme nach jüdischnational ist. Darunter sind gerade die allerbesten Vertreter des Zionismus, seine hervorragendsten und entschlossensten Verbreiter. und Vorkämpfer. Das hat sich seit den ersten Wochen des Krieges, Wo selbst der erbittertste, engherzigste, ultraliberale Gegner es aussprechen mußte, daß die Zionisten an besonderem Eifer als Kriegsfreiwillige alle anderen hinter sich lassen, in keiner Weise geändert. Also, wenn nach irgend Welcher Richtung hin der Vorwurf mangelnden Opfermutes für Volk und Vaterland zuträfe, so müßte man die Schuldigen anderswo suchen als gerade bei den Zionist eh. Hermann. Cohen befürchtet aber, daß der Zionismus den schwachen Juden, die in der Taufe ihrer Kinder eine Lösung der Judenfrage sehen, die Rechtfertigung gibt, weil an die Stehe des> Reserveleutnants nunmehr die zarte Empfindlichkeit für die nationale Differenz treten würde, aeren Milderung man für unmöglich annimmt. Nun, wer seine Kinder oder sich taufen lassen wolfte, wird diesen Weg finden, wie er ihn früher gefunden hat, ohne des Zionismus als Vorwand zu benötigen.’Braucht er aber einen Vorwand, so wira ihm auch dann keiner fehlen, wenn es gar keinen Zionismus gibt. Wie das durch den Zionismus wieder gewachsene jüdische Gefühl der Judentaufe zugute kommen soll, bleibt das! Geheimnis Hermann Cohens, der hier'einmal etwas ausgesprochen hat, dessen logische oder gar tatsächliche Begründung ihm schwer oder' vielmehr unmöglich sein dürfte. Hermann „Cohen geht von dem lrrtume aus, daß der Zionismus Religion und Nationalität gleichsetze. Darüber mit ihm zu rechten, hätte keinen Zweck, wenn man sich nicht vorher mit ihm darüber verständigt, was er unter Nation und Nationalität versteht. Er weist nämlich mit einer vollen Entschiedenheit zurück, dab Staat und- Nationalität identisch seien. Das ist umso ' lobenswerter, als niemand eine solche Behauptung aufgestellt hat, wenigstens nicht von zionistischer Seite. Im Gegenteile waren es gerade die ZioTtisten, die mit guter Logik und vor allem Kenntnis! und Verständnis der Geschichte und der Staätsbegriffe die Wörter Staat, Volk, Nation und Nationalität sehr Schart erfaß-, •ten und unterschieden. Und gerade daß sie wissenschaftlich genau feststellten, was die deutsche Sprache und" die deutsche .Wissenschaft unter diesen Wörtern begreife, das wurde ihnen von jenen jüdischen Kreisen,' deren satte Begriffe 'hierdurch gestört Wurden, sehr verargt. Das „Antizionistische Komitee“ seligen Andenkens verdankt, wie viele andere zahllose Angriffe aut eien Patriotismus der Zionisten seine Entstehung dem Gefühle der Unbehaglichkeit, das! für seine Mitglieder durch die richtige Anwendung dieser Wörter im jüdischen Gefechichtszusammenhange sich ergab. ' Da es sich nicht .um tiefe philosophische Begriffe handelt, sondern um einfache menschliche Dinge, die auch von Laien verstanden werden, sio ist es keine ‘Ueberhebung, wenn hier kurz noch einmal wiederholt wird, was wir unter Volk '• una unter Nation zu verstehen haben. Während nämlich philosophische Begriffe für uns ungelenke Geister verschwimmen, können wir hier mit beiden Füßen auf Erden stehen, und je fester der Boden1 unter unseren Füßein ist, um so sicherer ist die Nutzanwendung aus der Feststellung dieser Begriffe. Unter „Volk“ verstehen wir im Deutschen das Staatsvol k d. h. die Summe aller der Menfechen, die zu einem Staätsganzert zusammengehören. So umschließt das Deutsche Reich ein Volk, Frankreich ein Volk, das Britische Reich ein Volk. Wir setzen „Volk“ identisch mit „Staatsvölk“. Dagegen ist eine „Nation“ jene Gruppe von Menschen, zu deren Bestimmung keineswegs der Staatsbegrift zugehört. Nation ist ein historischer Begriff. Sie umfaßt eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Geschichte, zu deren Verlaut in erster. Reihe auch gemeinsame Vorfahren gehören. Solcher Nationen sind zum Beispiel die tschechische, die magyaris'che, die Serbische, vlämische, wallonische, irische usW. Daher kann das Wort „Deutscher“ zweierlei Bedeutung haben, je nachdem wir von dem Begriffe Volk oder Natio.n ausgehen. Deutscher ist etwas anderes, wenn wir vom deutschen Volke und etwas anderes, erwarten. Sie soll den jüdischen Lebensstil, der zu verskhwinden droht, in höheren Formen wieder aufleben lassen. Stehen wir nämlich einerseits ganz in der modernen Zivilisation, so können wir andererseits doch nichts von den Dingen aufgeben, in denen sich die Seele unseres Volkes geäußert hat, als da sind: die Sprache, die Sitten, die naive Volkskunst der Lieder und 'Melodien, der Leuchter und Gewänder. Nur müssen wir alle diese Dinge micht als etwas "Heiliges mit scheuer Ehrfurcht behandeln, sondern als das Material, aus dem wir eine neue Schönheit aufzubauen haben. (,,Von jüdischer Kunst.“) Mehr äußerlich ist die Beziehung zur „jüdischen Wissenschaft“. Es kann eigentlich nur. eine jüdische Wissenschaft geben, die des Judentums, die teils von selbst in eine wissenschaftliche Behandlung der Judenfrage und des Zionismus auslaufen müßte, teils von ihr ergänzt werden könnte. Im Gegenwnrtsprogramm ist die Herauslösung der das Judentum betreffenden Partien aus allen, namentlich den ethnologischen und sozialen Wissenschaften. Im Gipfelpunkt ist die jüdische Hoch- Schule oder eigentlich die jüdische Akademie, welch' letzterer die Zusammenfassung des Wissens von Judentum als Aufgabe zufallen sollte. Im Zionismus 'steht Buber durch die Betonung des Kulturprogramms, die bekanntlich auf dem fünften Kongreß zur Gründung der „Fraktion“ geführt hat, ,im Gegensatz zur offiziellen Richtung. Das Achad-Haamsche „geistige Zentrum“ sucht er soweit als möglich innerhalb des Rahmens der Parteibewegung zum Programm zu erheben und zu Wirklichkeitsformen zu verdichten. Die erzieherische Vorbereitung des Volkes bilde die wahre Verbreitung des Zionismus. Audi nicht der Heimatsboden allein könne das Wunder bewirken: „die Erlösung der am schwersten kranken aller Nationen zu einem wahren Leben“. Denn der Boden kann nur die vom Volke selbst mitgebrachten Keime des Neuen zur Entfaltung bringen. („Ein geistiges Zentrum.“) Für die Verwirklichung des Zionismus wesentlich sind die Vereinigung der besten jüdischen Kräfte am Palästinawerke, die Ery neuerung der hebräischen Sprache — denn „wer die hebräische Sprache in sein Leben aufnimmt,, der nimmt die schöpferische Funktion des Volksgeistes in sich' auf“ („Die hebräische Sprache“*) — vor allem aber eine revolutionierende Volkserziehung. Wie Achad-Haam möchte :auch Buber das . Volk der toten Schrift una -'eines sterilen Verstandeslebens in ein Volk des Lebens umwandeln. Hier aber wendet sich das nach außen gerichtete Kulturprogramm immer stärker nach innen: dem innem Erleben des Judentums zu. Als der entscheidende- Punkt, an welchem die innere Wandlung einzusetzen hat, erscheint immer deutlicher nicht die Not der 'Juden im Sinne Nordaus, auch nicht die Not des Judentums im Sinne AChad-Haams, sondern das Problem des einzelnen Juden. „"Rings um uns febt unser *) Ein Referat aus dem Jahre 1909. Volk. Tagaus, tagein geschehen die unscheinbaren Wunder- Seines Elends und seiner Größe, geschieht der schweigsame Schmerz und das stumme Ringen der Millionen. Menschen gehen mit dem Zeichen Gottes auf der Stirn, ohne ihr .Werk begonnen zu haben. Und wir leben und sehen nicht. Und dennoch — wo irgend ein Jude lebt, da ist das ganze Rätsei des Judentums.“ („Was ist zu tun?“) „Der heutige Jude weiß' nicht zu leben, weil er den Zusammenhang nicht hat“, den Zusammenhang im Denken, im' Gefühl und im Willen. Darum bedarf es solcher Zionisten, die es sind „nicht bloß im’ Sinne eines Bekennens, sondern eines Seins“. Darum bedarf es eines neuen Lebens der Jugend, an welche sich Buber so gerne wendet, darum der Mitwirkung der jüdischen Frau als der eigentlichen Hüterin lebendiger Volkskultur („Das Zion der jüdischen Frau“); darum strebt Buber nach Erneuerung der Innig-, keit der alten Feste. Darum' aber auch sein Zunückgreifen 'auf. die großen sedlengestaltenden 'Mächte des Judentums, die ihm in der biblischen Zeit in ihrer Urgewalt, im Chassidismus in ihrer fetzten Offenbarungsform gegenübertreten. Zugleich entfaltet Sich in den Schriften Bubers selbst immer mehr von jener durchglühten Innigkeit und innerlichen .Willensspannung, die er in den chassidisChen Grundbegriffen: Hitlahabut und Kawwana so herrlich gezeichnet hat. Charakteristisch, daß Buber auch erst, nachdem er vom AeußerliCh-Programmatischen losgekommen ist, der entschwundenen Gestalt Theodor Herzls ganz