Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 34 (25.8.1916)
- Date
- 1916-08-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Berechnungen, die einer Nachprüfung bedürfen, interessieren, als ihr. Stil, entwirft. Dje Deutschen sind, wie jede grdße Nation, schon lange gewöhnt, weltwirtschaftlich zu denken und zu rechnen. Daß aber Herzi* den Mut hatte, das jüdische Volk zu einer Organisation zusammenzuschmieden, die in der Lage wäre, weltwirtschaftliche Projekte auszuführen, das ist einer seiner größten Züge. Wir haben von ihm gelernt^ in großen Proportionen zu denken und zu wollen. Diese Errungenschaft werden wir trotz aller notwendigen Kleinarbeit festhalten. Und heute Scheint der Moment gekommen zu sein, wieder einmal eine Unternehmung in Herzl’s'chem Stil zu versuchen. Ich5 meine damit die Schaffung einer Ansiedlungsgesellschaft mit einigen Millionen Kapita. in Amerika. *) Daß wir trotz unserer zahlreichen Institutionen eine solche brauchen, ist oben ausgelührt wordeft. Es handelt sich nicht allein lim 'die Ansiedlung an und für sich, scjndern auch in engem Konnex mit ihr, um große technische Arbeiten und Meliorationen .Die großen Bahngesellschaften, z: B.- jene der 'Bagdadbahn, bauen nicht nur die Bahn, hindern — um 'diese rentabler zu machen —" erwerben auch' Landstrecken in der Breite einiger Kilometer längs der Straße und siedeln dort Bauern an. Ebenso sorgen die Gesellschafter, welche .die Bewässerung der Ebenen von Adana und Konia durchführen, durch Ansiedlungsarbeit gleichzeitig dafür, daß sie genügende Kundschaft für die Wasserabnahme bekommen. So könnte man sich beispielsweise denken, daß eine Gesellschaft etwa eine Konzession für Ausnützung der Jordanwasserkräfte erwirbt, mit gleichzeitiger Ueberlassung von Landstreifen längs des Flusses, um Abnehmer für ihre Anlagen anSetzen zu können. Daß eine solche Gesellschaft mit großem Kapital arbeiten muß, ist von vornherein klar. Hier kann es sich nicht um kleine Sammlungen oder Werbung von Pfundaktien handeln. Man mub von Anfang an mit einem großzügigen Plan auftreten und dafür auch große Mittel werben. Aus einer Reihe von Gründen ist Amerika das! geeignete Land, um dort eine Gesellschaft großen Stils als Trägerin ‘der Ansiedlungsars beit ins Leben zu rufen. Während Eurona durch den Krieg finanziell auf das Stärkste in Anspruch genommen ist, hat sich Amerika in ungeahnter Weise bereichert. Dort ist man auch von jeher gewöhn*, mit großen Ziffern zu rechnen. Es ist ein neutrales Land und für die Verharfdlungen um Konzessionen etc. äußerst geeignet, um so meh", als es fast immer hinen jüdischen Vertreter an dem maßgebenden Orte besitzt. Für die Gesellschaft wird man Männer von so grollem politischem Einfluß Wie Brandeis, Strauß. Morgenthau u. a. gewinnen können.Die drei Millionen Juden Amerikas sind durch' den Krieg in Bewegung geraten, ein großer Teil von ihnen gehört den Organisationen an, die den „Jüdischen Kongreß“ beschicken werde", der sich mit der 'Judenfrage nach dem Krieg beschäftigen soll. Auf diesem Kongreß werden die Zionisten aut jeden Fall ihre Ansicht vertreten müssen,, dah die Judenfrage nur durch eine großzügige Kolonisation Palästinas gelöst werden kann.' Sie werden ihre diesbezüglichen Pläne entwickeln un dem Kongreß Vorschläge machen müssen. Man denke sich nun, daß eine solche Versammlung der Vertreter der amerikanischen judensChaf*, die. Wie nach aller Stimmung anzunehmen ist, dem zionistischen Gedanken svmpätisch gegenüberstehen würde — die Schaffung einer großen Ansiedlungsgesellschaft beschließen würde — könnte man da nicht hoffen, die nötigen großen Summen zu=am menzubringen, um einen Versuch im „amerikanischen“ Stil zu machen? Es ist wahrlich Dich*, Anregungen zu geben und uchwer, sie in die Tat umzusetzen. Aber von hunderten von P'änen reift doch immer einer oder der andere. Vielleicht ist es dem hier ausgesprochenen bescliiedc", zur Tat zu werden. *) A's ein guter und nicht unbedeutender Anfang nach dieser Richtung ist der auf diese schon früher unterbreitete Anregung hin gefaßte Beschluß des letzten zionistischen DeIegiertenta'Tes in 'Philacie'nnla betreffs der Gründung einer Gesellschaft mit einem autorisierten Kanital von eine" Million Dollar anzuseher, die dem Zwecke der Erhaltung der iüdrchen Ko’onien in Pa'äs+ina und der Entwicklung der ökonomischen HilfsoueU len dieses Landes dienen soll (siehe „Jüd. Zeitung“ Nr. 33.) Red. „Jüd. Ztg.“! Jüdischer National Ralenüer 5677. Redigiert uon Otto Rbeles und Ludwig Batö. Verlag „Jöflisdie Zeitung“ Wien.! Erscheint in den nächsten tagen.! JÜDISCHE ZEITUNG Die amepihanisdisjaoisdie Kongreß bewegung. Auf der Sitzung des Organisierungs-Committees, die unter dem Vorsitz von Louis D. Brandeis am 22 Juni in Newyork stattfand, wurde- Zunächst über die Einladung des American Jewish Committe zu der “von ihm einberufenen Konferenz verhandelt. Auf Grund des hier gefaßten Beschlusses hat das Organisierungs-Committee des amerikanisch-jüdischen Kongresses folgendes Schreiben an das American Jewish Commttee gerichtet: „Sehr geehrte Herren! Ihre Mitteilung vom 16. ds., in der Sie uns einladen, Delegierte zu einer Konferenz zu entsenden, die am 16. Juli m dieser Stadt abgehalten werden soll, „mit dem Zwecke, Maßnahmen zu erwägen, welche auch die Diskussion von Vorschlägen umfassen, die vorgelegt werden könnten, bezüglich Oganisierung eines jüdischen Kongresses zur Sicherung der vollen Gleichberechtigung für die Juden aller Länder, und der Abschaffung aller gegen sie gerichteten Ausnahmegesetze“, hat dem Executiv- Orgariisierungs-Komitee für einen amerikanischjüdischen Kongreß auf seiner Sitzung vom 22. ds. Vorgelegen. Dieses Komite ist eingesetzt worden durch die Vorkonferenz in Pbi'adelnhia am 26. und 27. März, zu der alle jüdischen Organisationen eingeladen waren, und die ein bestimmtes Programm zur Einberufung eines jüdischen Kongresses auf einer demokratischen Basis zur Arbeit für die Erlangung 'jüdischer Rechte angenommen hat. Unter diesen Umständen könnten Wir, ohne diese Angelegenheit unserer ganzen Körperschaft von nationalen und zentralen Organisationen und städtischen Kongreß-Komites zu unterbreiten, an einer Konferenz, Welche aufs neue die Fragen zu erwägen beabsichtigt, in denen wir bereits Schritte unternommen haben, folgerichtig nicht teilnehmen. Es ist auch klar, daß die Organisationen, die sich der Kongreßbewegung angeschlossen haben, dadurch, daß sie durch die Entscheidungen der Vorkonferenz gebunden sind, rrgenffich nfcht teilnehmen können an Verhandlungen, welche die Annullierung des von ihnen angenommenen Programms ers'reben könnte*1. Wir haben daher beschlossen, die Einladung zu der von dem American Jewish Committee und anderen Organisationen einberufenen Konferenz abzulehnen. Wir haben weiterhin beschlosse'n. ein Komitee von 3 Männern zu ernennen, die, wenn .sie eingeladen werden, bereit Sein werden, Ihrer Konferenz beizuwohnen und vor den dort versammelten Delegieren die Ansichten unserer Körperschaft dnrzulegen. Wir beeiden uns Ihnen ferner 'mitzuteilen, daß in dieses Komitee folgende Personen ernannt worden sind: Oherrichter Louis D. Brahdeis. Richter Hugo Pam und früherer Richter Leon Sanders. Wir werden Ihn“*1 'H-VHir sein, wenn Sie uns sobald wie mög’ich m Pfeilen wollten, ob Sie wünschen, daß unser Komi*ee vor Ib-e- Konferenz, erscheint, damit wir di" Mitglieder hiervon So rechtzeitig in Kenntnis setzen kön"en, daß me fn der Lage sind, der Einladung Folge zu leisten.“ Das Fxekutiv O^canisi^iings^omitce hat ein Rundschreiben an die ejr/c'nen indischen Organisationen der fol<renfl-ti Lände" n-e"ichtet: Argentinien. A.ustrah'en. P.madn. .Dänemark. Deutschland. England. Frankreich. Oesite"rcich, Rurfi.än:er, Rußland, Südafrika, Türicei und Ungarn. In dem Rundschreiben, welches vom a. Mai 1016 datiert und vom Obmann des Orgamsntionskomi+ces, Louis D. B r a n d e i s. tinterzeichnet ist. wird u a. mitgetmit. daß der Kongreß für spätestens den 1. Jänner 1917 in Aussicht benommen ist. Auf diesem Kongreß sollen jene Persönlichkeiten gewählt werden, .welche bevollmächtig sein sollen, namens der Gesamtheit der amerikanischen luden z" sprechen und -»u handeln. Die von diesem Kongreß zn e"«,äh,e',d"ji Repräsentanten werden a"ch die Vollmacht e*halten. mit Vertreten Hv jüdi-chen Or"a"isa*ionen in Eurona wegen cle~ einzuschiacenden Weges Beratungen zu pflegen. Weite"s weist das Schreiben auf die mannigfachen Schadicr-inm-m der Tunen fn den kriegsführpn,|on Ländern hin 'mH enthält als Forderungen d"- amerikanischen luden und als Richtschnur für die Juden anderer Länder torgende Sätze: „1. Daß das! Urteil der Juden in Bezug auf die wirksamste Methode, unser Problem zu lösen, festgesetzt werde. 2. Daß die Forderungen dg" luden beka"nt neo-eben (werden. jso daß s:e in den 5n*ernaticna!en Beratungen besondere Peachtung finden. 3. Daß die luden auf diese Weise ihrem Entschlüsse. die Verantwortlichkeit für die Lösung des Jüdischen Problems auf sich zu nehmen; und durch nersönliche Anstrengung und andere Opfer zu diesem Endzwecke beizutragen, Ausdruck geben-, Seite 3 4. Daß eine dauernde Organisation gesdiaffen werde, welche in der Lage sein soll, in dem Bestreben zu beharren, dfe Politik der Juden zu einem festen Abschluß zu bringen, und imstande zu sein, die finanzielle Verantwortlichkeit, unr diese Politik zu dauernden Erfolge zu führen, auf sich zu nehmen.“ Das Organisierungs-Komitee beschäftigt sich weiterhin mit der Frage des Wahlmodus zum- Kongreh, faßte jedoch noch keine Beschlüsse.'Die Frage wurde bis zur nächsten Sitzung vertagt. Das Budget des Organisierungs-Komitees wurde für das laufende Jahr auf 34.000 Dollars festgesetzt. Professor Dr. Felix Frankfurter, Mitglied des Provisorischen Zionistischen Executiv-Committees in Newyork, istaius dem American'Jewish Committee ausgetreten. In eitlem von der amerikanischen Presse veröffentlichten Schreiben legt er dar. daß er a us den gleichen Gründen, wie Herr Dr, Harrv Friedenwald, die Arbeits-Methoden des American Jewish Committee verurteile und infolge dessen nicht mehr in seiner Mitte mitarbeiten könne. Wir PaläsfteHinterlänätep. Anfangs März d. J. veröffentlichte das Exekutivkomitee der Zionisten -Oesterreichs einen Aufruf der mit den Worten begann: „Die jüdischen Landarbeiter in den Kolonien Palästinas schalten allwöchentlich einen Fasttag ein, um die durch den Krieg geschaffene Krise überdauern zu können.“’ Dann wurde die bedrohliche Situation, in der "ich „unser Sto'z, unser teuerstes Gut, das Palästinawerk“, jetzt befindet, geschildert und die Sammlung zugunsten des .Palästinahilfswerkes für die jüdischen Kolonien“ eingeleitet. Seither sind sechs Monate vergangen. Die Not in Palästina ist womöglich noch bestiegen {Nach einem Privatbriefe soll ein Kilo Weizenmehl dort jetzt 10 Frands kosten.), der Hunger, der buchstäbliche Hunger, wurde immer allgemeiner, und wer das nicht glauben wollte, oer Hunger t vphus legte tief traurige Zeugenschaft dafür ab. . Wir abe", wir Zionrten Oesterreidhs, die auf Kongressen und Konferenzen und in Zeitungsartikeln und in Schriften prinzipiell lind treu und test die Garde der , Praktischen“ stellen, die wir in den verschiedensten Variationen logisch beweisen oder sentimental erfühle", da fl. die praktische Kolonisation Palästinas die einzige Grundlage usw.... — wir haben in sechs Monaten für dieses Pa'äsrinahi'fswerk an Spenden, Sammlungen, diversen „Erlösen“ und „Reinerträgnissen“ usw. usw. in Oesterreich, Ungarn, Bosnien und Herzegowina ganze 29.000 K aufgebracht! Schämen wir uns nicht? Man wei’" nicht entschuldigend auf die Kriegslands">ende u. dergL hin. Denn, zieht man davon all das ab. was Nichtzionisten aus <Phiiantronie oder a*ide_en Beweggründen gespendet haher, ro bleibt für tms Zionisten dann wahrlich kein rühmlicher Rest! Man nehme sich die Mühe und den wehmütigen Genuß, die einzelnen Spender und Snendenliöhen in den Ausweisen zu studieren, wieviele da fehlen und mit wievielem manche da sind, und tiefe Frrsgung wi"d einen nacker, Zorn und Schmerz. Werst man wieder in Entschuldigung auf die allgemeine Kriegsnot hin, auf die Einnahmeverringerung und AuSgabenvermehrun1', die Sie brachte und bringt, so ist erstens der Gegenhinweis geböte", daß es ja bri un-, wie unter den anderen, viele gibt, denen der Krieg diese Verschlechterung der materiellen Labe nicht brachte, und viele. deren Einnahmen rieh sogar erhöhten. — Wo sind nun die? Unsere Kriegsgewir,nsteuer, wo ist sie? Noch entscheidender aber ist: Beruft man sich auf den Krie-, so darf auch nicht vergessen werden, daß er gezeigt hat, wetche früher nie geahnte Laoten die Gemeinschaft auf ihre Glieder lenen darf — und unsere zionistische Oem"m~Ch'>Ft dürft-, müßte dies nicht? Einige haben doöh bei u"s für Legionen geschwärmt, daß unser Bhit für Palästina zu fließen hätte. Ist dies auch jetzt ni"ht ausführbar und nicht angezeigt, co müssen wir uns doch zumindest als ehrliche Hinterländler von Pa iästina fühlen. Weiche s-hiverpn Opfer haben aber überall die Hinterländler zu tragen — gegen diese verschwinden wahrlich die paar Kronen für Palästina! Es ist einmal der schöne Ausspruch getan worden : Wir Zionisten haben uns ohne Zwang der Macht und nur kraft des Ideals in der Torrn unserer Organisation so etwas wie quasi einen Staat gezimmert, in dem in 'miniature alle wesentlichen Funktionen ühd Organe eines solchen lebendig sind. Nun ahe", da dieser unser Organismus, wie viele andere, stärke-e, in tiefer Not und Kriris schweb*, lassen wir ihn in Stirb, aus Träghei*, Kleinlichkeit und Opferscheu! Abe" das Aktionskomitee hat jetzt oft erklärt, daß überah, wohin esich mit Wünschen und Erklärungen bezüglich Palästinas wendet, nur immer die Quantität und Qualität unseres dortigen Werkes die Grundlage jeder Erörterung bilden und nicht die