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Jüdische Zeitung · 1916-08-25 · 34 (25.8.1916) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
34 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 jüdische zeitung Nr. 34 Augen ..verloren hätten. Mit Unrecht. Gerade ihre kleine Arbeit in 'Palästina hat es ermöglicht, ASS wir heute schon, bloß 20 Jahre nach Herzte erstem Auftreten, 12 Jahre nach seinem Tod, an-rtie Aufgabe-herantreten können, eine Kolonisation. größeren Stils in Palästina zu betreiben. Können und müssen! Denn kein Zionist — auch keiner der „praktischen“ — der in die Schule Herzls gegangen ist, hat je geglaubt, daß unser Werk von Bedeutung für die Lage der Gesamtjudenheit werden könnte, wenn es nicht tnach mühseligen aber notwendigen Vorarbeiten, eine gewisse Mindestausdehnung gewinnen konnte. l>ie Periode von 1908 (Einsetzen der praktischen Arbeit der neuzionistischen Bewegung) bis zum Weltkrieg war solchen Vorarbeiten gewidmet. Nun aber stehen Wir erst vor der eigentlichen großen Aufgabe: Eine systematische Kofönisation größeren Stils durchzuführen. Diese Aufgabe ward uns Schon vor dem Krieg und ohne den Krieg durch unseren zionistischen Willen gestellt. Nach dem Krieg wird sie aber eine noch viel größere Dringlichkeit haben als' zuvor. Denn es ist nach .allem anzunehmen, daß die nächsten Jahrzehnte die entscheidenden für unsere Bestrebungen sein werden. Die neue Türkei wird das Werk der Aufschließung der Produktivkräfte des Reiches, das sie vor dem Krieg " nur zögernd beginnen konnte, weil säe durch fortwährende äußere Verwicklungen daran gehindert war, mit Energie und Einsicht, unterstützt durch die Finanzkraft und technische Hilfe . der Ihr verbündeten Großmächte, betreiben. Der Hunger der Welt nach Rohstoffen und Nahrungsmitteln wird rieben dem 'Eigenbedürfnis der Türkei nach' Entwicklung des Reiches ein mächtig . treibendes Moment für jene Aufschließung sein. .Auf der anderen Seite hat sich die Ostjudennot durch' den Krieg fürchtbar verschärft und ist auch ein Problem geworden, das riieht nur, wie bisher bloß der Aufmerksamkeit der Juden — . oder vielmehr eines kleinen Teils der Judenheit, erregt, goridern um dessen Lösung sich Großmächte eigentlich zu bemühen haben werden. Daß führende politische Kreise während des Krie- ' ges den Zionismus als eine zur Lösung dieser Frage geeignete Bewegung kennen und schätzen felemt haben, ist nicht nur bloß eine erfreuliche rSriheinung von großem Werte, sondern es verpflichtet den Zionismus, der .erst jetzt ins volle Licht der PÖffentlichkeit tritt, fortan mif Auf- gebot aller Kräfte in größerem Stile zu arbeiten. Die Augen der jüdischen, wie der nichtjüdischen Welt werden nach dem Krieg auf ihn gerichtet sein, was seine Verantwortlichkeit ungemein steigern wird. Allerdings: Nicht vom Zionismus allein hängt es! ab, daß leine planmäßige Kolonisation größeren Stils in Palästina betrieben werden kann. Viele wichtige Voraussetzungen — die politische und namentlich die argrarrechtliche — können nur von der Türkei selbst geschaffen werden. Die Aenderung des Bodenrechtes, des Hypothekenwesens und der Besteuerung der Landwirtschaft (Oscherfrage) sind aber so wuchtige und unerläßliche Bedingungen, für eine wirtschaftliche Hebung der Türkei, daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß 'die türkische Regierung nach dem Kriege Sie mit aller Beschleunigung 'in Angriff nehmen wird. Es bleiben für die Ansiedler’tätigkeit aüßer- . dem noch genügend Hel Schwierigkeiten, die eine Lösung eiheischen. Noch sind die Betriebs- Trage, die Kreditfrage und die Arbeiterfrage nicht gelöst Doch ist es klar, daß deshalb nicht endfos experimentiert werden darf. All diese Dinge werden eher zur Lösung kommen, wenn man .praktisch an sie herantritt. Soviel Erfahrung besitzt die Bewegung mach 34 jähriger Kolonisation ' heute Schon, um einige wenige grundle- -gende Maximen gewonnen zu haben. Daß nach diesen eine größere Aktion zu führen möglich ist, zeigt, uns der Vorschlagdes ungemein saclikundigen/..-Agronomen des! Palästinaamtes, J. Oetttnger, der dahin geht, an eine systematische Ansiedlung von Gruppen, die aus je 100 Familien (als Mindestmaß für eine Kolonie) bestehen sollen, zu schreiten. In den ersten . drei Jahren könnte je eine solche Kolonie ent» stehen, in den weiteren Jahrein vielleicht je zwei U. S. f. Denkt sich Oettinger die Ausführung auch auf Grund der Kriegslandspende, also durch den Nationalfonds, so ist doch zu bedenken, daß dieser nicht als direkter Kolonisator auftreten kann. Es hat sich schon bei den bisherigen Versuchen gezeigt, daß dies riieht richtig wäre, Denn solange lVir kein Bankinstitut haben können, daS langfristige Kredite zu geben in der Lage ist, würde der NF — da die in Frage kommenden Ansiedler selbst nur einen kleinen Teil der nötigen Mittel besitzen werden, — wie in Degania und Merchawja, wahrscheinlich gezwungen sein, die nötigen Baulichkeiten selbst zu errichten, ferner aus seTnen eigenen oder den Mitteln ihm angeschlossener Fonds (GenossenSChaftSfonds) Betriebsvorschüsse zu geben, so daß er ein mehrfaches des Bodenwertes in der betreffenden Kolonie festgelegt, außerdem im letzten Ende 'das Risiko der Ansiedlung zu tragen hätte. Dies entspricht nicht der Aufgabe und den Mitteln des NF. Daß er bei einigen wichtigen Versuchen mit genossenschaftlichen Siedlungen in dieser Weise vorgegangen ist, rechtfertigt sich damit, daß diese Versuche für das NF.-Prinzip der Nationalisierung nicht nur des 'Bodens, sondern auch der Arb eit ungemein wichtig sind und Experimente darstellen, die nur aus Gemeinschaftsmitteln veranstaltet werden können. Aber eine größere progressiv zu steigende Ansiedlungstätigkeit kann doch riieht auf der Grundlage aüfgebaut werden, daß der NF. dafür % der Mittel aufbringt üna das Risiko fast zur Gänze trägt Es ist für ihn genug, wenn er den Boden, dessen Wert Oettinger mit 50 o/o der Kosten der ersten Investitionen "(Frs. 20.000 für eine Bauernfamilie) veranschlagt, beistellen soll.. Auch dies wird er natürlich nur bei einem Teile einer islblChen Ansiedlung zu tum in der Lage sein, trotz aller mit Recht erwarteten ungemeinen Steigerung seiner -Einnahmen mach dem Krieg. , .Je mehr der NF seine Mittel in .Baulichkeiten, Krediten, Inventar etc. für Ansiedluhg festlegen würde, desto weniger könnte er für seine eigentliche Aufgabe: Boden zu kaufen und gemeinnützige Arbeiten izu finahzieren (Aufforstung. Arbeiterfürsorge etc.)’ übrig behalten. Daher würde eine solche Arbeitsweise den NF. von seiner Bestimmung 'imehr und 'mehr ablenken und seine Betätigungsmöglichkeiten ungebührlich einschränkend Dies kann gewiß kein Zionist wollen. Vielmehr wird es nötig sein, für die Ansiedlung eine eigene Gesellschaft zu gründen, den „Ansiedler- Unternehmer“,' wobei bei dem Worte „Unternehmer“ mehr an die Durchführung der Ansiedlung, als etwa an ein vorwiegend auf Gewinn gerichtetes’ Streben zu denken ist. Dr. R u p p i n, der die gründlichste theoretische Kenntnis und praktische Erfahrung in diesen Dingen hat, wollte mit der Gründung der Landentwicklungsgesellschaft nichts anderes. Diese, (die PLDC) killte ja nicht nur Boden kaufen una parzellieren, soriflern auch — nach Art de9 preußischen Arisiedlungsfonds — die ganze Kolonisation durchführen. Tatsächlich hat' die PLDC durch’ Inbetriebsetzung der NF.-Farmen diese Aufgabe in Angriff genomriien. Mangels genügender Mittel hat sie sich aber bald auf ein einziges Tätigkeitsfeld zurückziohen müssen, daß allerdings sehr wichtig ist, den Kauf, die Parzellierung und die Okkupation des Bodens, die Vorbedingungen jederart von Kolonisation Sind. Man könnte nun vielleicht der Ansicht sein, daß der PLDC neue Mittel zuzuführen wären, damit sie ihr volles 'Arbeitsprogramm durchführen könnte. Diese Ansicht wäre eine unrichtige. Die PLDC braucht schon zu ihrer wichtigen beschränkten Tätigkeit; so viel Mittel, daß alles, was wir ihr davon werefen verschaffen können, immer nur zu wenig sein wird. Auch ist es unökonomisch, eine Institution mit einer Reihe verschiedener Aufgaben, von denen jede einzelne besonders eigenartig und schwierig ist und ein speziell geartetes Risiko zu tragen hat, zu belasten. Im Uebrigen zeigt die zionistische, Erfahrung — man denke an den J. C. T. — dab es unmöglich ist, für Institutionen neue größere Mittel aufzubringen, die ihre anfängliche Aufgabe verlassen mußten, da diese, so wie geplant, nicht durchführbar waren. ES empfiehlt sich daher schon aus diesen Gründen die Schaffung 'einer neuen Institution. Dafür spridit besonders die folgende Erwägung. Jede Volksbewegung, auch Iwenn sie über noch so viel Kräfte und Mittel verfügt, muß es verstehen,' für ihre Aktionen nicht nur die richtige Form, sondern auch den richtigen Zeitpunkt zu wählen. Für den Zionismus ist gerade jetzt ein Augen-, blick gekommen, wo gerahezu zum Handeln aufgefordert wird. Hatten die Zionisten f rüher auch Berge von Broschüren, Artikeln etc. über die Ostjudenfrage veröffentlicht, jahrzehntelang darüber Reden gehalten, niemals konnte dies der gesamten Oeffentlichkeit diese Frage aktuell machen, indes der Krieg mit all seinen bekannten Begleiterscheinungen dies mit einem Male in einer solchen Intensivität getan hat, Wie sie stärker nicht denkbar ist. Und ebenso ist der Zionismus — die Bewegung eines national empfindenden Judentums — durch den Krieg plötzlich als ein realer Faktor der Entwicklung anerkannt worden. Eine solche Zeit ist wohl geeignet, uns mit einem Schlage vorwärts zu bringen, wenn wir die großzügige politische Art unseres Meisters herzi anzuwenden imstande sind. Niemals' hat der verewigte Führer uns so gefehlt, als im jetzigen Augenblick. Wir fühlen förmlich, wie seine Augen auf 'uns gerichtet sind mit der Frage: Werdet Ihr Euch als meine wahren Schüler erweisen? Und eS wird sich zeigen, daß die Zionisten seine große Lehre nicht vergessen haben, daß ihre Jahrzehnte lange „Kleinarbeit“ nichts anderes War, als' Vorbereitung und Experiment, daß tsSie aber niemals die von Herzi gegebenen großen Gesichtspunkte verlassen haben. Politik ist die Kunst des Möglichen. Und wie (sehr Herzi, 'dessen Pläne als „utopisch“ sogar bei den Führern der Chowewe-Zion galten, damit etwas durchaus Mögliches erstrebt hat — nur in Dimensionen, die dem am Kleinen haftenden Juden übermenschlich vorkamen — zeigt unS ein Artikel eines bekannten Nationalökonomen. und Professors der Berliner Universität, Dr Ballod, in der „EuropäischenStaats¬ und Wirtschaftszeitung“ (Nr. 16) über „Das Ost, judenproblem und die Frage Seiner Lösung durch den Zionismus“. Prof. Ballod berechnet — ganz im Alt-Neuland-Sti1, nur mit exakten Ziffern und Daten — die anbaufähige Bodenfläche Palästinas, die Kosten großer Bewässerungs- und Elektrizitätsanlagen, und kommt zum Schlüsse, dab bei einer rationellen Ansiedlungsmethode 6 Millionen Juden in Palästina mit einem Durchschnittskostenaufwand von nur ca. 600 FrcS. pro Kopf angesiedelt werden könnten. Abei noch mehr. Ballod denkt sich die Kolonisation so, daß 'die Türkei der jüdischen Gesellschaft das ganze Land verkauft oder verpachtet und ihr für Privatbesitz das 'Enteignungsrecht gibt. Wäre das nicht genau daä was Herzi mit dem Charter meinte? Wir dürfen uns allerdings' Tficht wundern, daß ein deutscher Oekonom So großzügige Projekte, an denen uns nicht so sehr die einzelnen Seine literarische Grundeigenschaft verlieh seiner . Verlegertätigkeit jene rastlose Produktivität, die .me in Schablone erstarrt, sondern ständig Neues schafft; die dauernd fortschreitet, fast alfzusehr [überquellend an der Füße der Anregungen, Gedanken und Ziele, die sie zu verwirklichen trachtet Wer die Namen all der Zeitungen und Zeitschriften liest, die Ben Awigdor gegründet hat wer all die Bibliotheken und Schriftensämmlungen überblickt, die er publiziert hat, wer all .die zahlreichen Projekte kennt, die er verwirklicht. hat, ah die zahlreichen noch, für deren Verwirklichung die Zeit noch nicht reif war, erschrickt förmlich vor der Rastlosigkeit, Elastizität und ungewöhnlichen Dynamik dieses Mannes, den ein Projekt eigentlich nur reizt solange seine Verwirklichung tausend Schwierigkeiten zu überwinden hat und der im selben Augenblick, da es gesichert ist bereits an ein neues denkt. Es ist leicht zu ^erstehen, wie segensreich ein „Verleger“ dieser Axt gerade für die neuhebräische Literatur werden mußte, der bei der Fülle der Talente nichts! mehr fehlte, als der starke Organisator, der ihr die äußere gesunde Basis 'schaffen konnte und die in Ben Awigdor einen solchen Organisator von geradezu vorbildlicher Art gefunden hat Seine Verdienste um die Entwicklung der neuhebräischen Literatur kann man darum garnidht hoch genug ans'chlagen. Sie Sind vor allem einzig in ihrer Art und unersetzlich'. Er ist nicht nur ein bedeutender hebräiScher Schriftsteller, deren es so manche, nicht nur ein warmherziger Förderer der hebräischen Literatur, wie es deren viele gibt, sondern er ist bis heute in vielen Hinsichten so etwas wie die zentrale organisierende Persönlichkeit derselben geblieben. Sein 25 jähriges Jubiläum als Verleger una Schriftsteller fällt in eine Zeit, da unter den furchtbaren Wirkungen dieses Krieges auch die hebräische Literatur in jhrer Entwicklung jäh gehemmt und unterbrochen wurde; und es ist wohl auch persönlich für - Ben Awigdor das Schmerzvollste an seinem Jubiläumstag, daß er ihn nicht mitten im. Kreise all der hebräischen Schriftsteller und Dichter feiern kann, denen .er Führer und Verleger war, und deren größten Teil heute von ihm, der in Warschau verblieben ist, getrennt ist. Wenn aber die hebräische Literatur auch in ihrer äußeren Organisation heute bereits so stark ist, daß sie sicher sein darf. Selbst die Stürme dieser Zeft zu überdauern, so trägt mit das stärkste Verdienst daran zweifellos Ben Awigdor. Die jüdischen Schriftsteller Warschaus gedenken dad Jubiläum Ben Awigdors in gebührender Weise zu feiern. Mit Rücksicht aut die gegenwärtige Ferienzeit hat' der „Verein jüdischer Schriftsteller und Journalisten“ beschlossen, die öffentliche Feier bis zum Herbst zu Verschiebern DaS gesamte Warschauer Judentum nimmt an Seinem Jubiläum lebhaften Anteil und mit ihm darf die gesamte Judenheit an diesem Tage nicht achtlos Vorbeigehen; denn der JubiläumStag Ben Awigdors ist ein Jubiläumstag der neuhebräischen Literatur; und nichts spricht wohl Deredter von den Verdiensten una der Bedeutung Ben Awigdors; als diese Tatsache, die seinen persönlichen Jubiläumstag zu einem solchen des gesamten jüdischen Volkes erhebt. * In den Warschauer literarischen Kreisen werden Vorbereitungen getroffen, das 25 jährige Jubiläum Beri Awigdors als Schriftsteller und Verleger würdig zu feiern. Es finden diesbezüglich Beratungen von Schriftstellern Und jüdischen Persönlichkeiten statt. In Aussicht genommen sind: Die Veranstaltung eines entsprechenden Banketts una einer größeren, 'öffentlichen Versammlung, ferner die Herausgabe eines speziellen Sammelbuches, worin sich sämtliche Schriftsteifer zu beteiligen hätten, die an den verschiedenen literarischen Unternehmungen des Jubilars Anteil genommen haben.

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