Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 33 (18.8.1916)
- Date
- 1916-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 „Jüdischer Nationalkalender 5677" Redaktion: Otto Abefes, Ludwig Batö. Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien. Utnschlagzeichnung von Wilhelm Wachtel. Der „Jüdische Nationalkale n der 5677“ erscheint im 20. Jah re nach dem Auftreten Theodor Herzls. In zahlreichen Arbeiten berufener Autoren wird diesem bedeutsamen Zeitabschnitte Rechnung getragen und das Wirken Herzls, die Entwicklung des politischen Zionismus und seiner Institutionen, des national-jüdischen Gedankens und des Hebraismus beleuchtet — Der reichhaltige'belletristische Teil des Jahrbuches und Reproduktionen von Bildern und Zeichnungen unserer ersten Künstler verleihen dem zweiten Jahrgange des Jüdischen Nationalkalenders dauernden Wert. Aus der Liste der mitwirkenden Schriftsteller und Künstler nennen wir folgende Namen: Otto Abeies, Ludwig Batö, Ch. N. Bialik, Adolf Böhm, Max Brod, Martin Buber, Z.F. Pinkelstein, David Frischmann, S. Frug, Nachum Goldmann, Otto Hauser, Josef Kiss, Dr. Heinrich Loewe, Ernst Müller, Josef Patai, Alfons Petzold, M. Scherlag, Schalom Alejchem, Abraham Sonne, Adolf Stand,'Hermann Struck, Dr. Osias Thon, Wilhelm Wachtel, Arnold Zweig, Dr. Egon Zweig. ' Leichtes Feldpostformat! — Preis K 2,80 (M 2.—) exchisive Portospesen. Vorausbestellungen sind zu richten an: Verlag „Jüdische Zeitung“, Wien, II, Zirkusgasse 33. te im Unterhause schnitt Mr. King die Frage wegen der Drohung an, die im militärpflichtigen Alter stellenden Fremden auszmvei:en, welche Untertanen befreundete Länder sind und es äblelinen, in der englhc’.ien Armee zu dienen oder vor einem speziellen Gcichtshof zum Zwecke der Befreiung zu erscheinen. Mr. King hielt eine längere Rede, in der er 'die große ökonomische Bedeutung der rusiiichen Juden für England und den nützlichem Einfluß der jüdischen Bevölkerung für jedes Land darlegte und schloß: Ich erkenne an. 'daß die ‘Frage sehr schwierig ist und daß es Viere gibt, die der Meinung sind, dab di: Fremden, die Obdach und Asyl hier gefunden haben, auch Opfer bringen mü'-sen. Es fragt sich nur, welches Opfer soll man von ihnein fordern. ICh habe drei Vorschläge zu machen. 1. Der Home-Seceta-y soll erklären, daß er (ij,v~e Menschen nicht ausweisen w’ird, sondern daß er ihre Lage gut erwägen und ihnen alle Möglichkeiten, sich der Armee anzuschließen, geben wird, ferner daß er auch in gerechter Wejsfe eine Befreiung vom 'Mi’härdienst gewähren wird. 2. Daß alle diejenigen, die sich der englischen Armee anschließen, alle Rechte eines englischen Bürgers "bekommen sollen. 3. Daß man ein spezielles Bataillon aus denjenigen rMensChen bilden soll, die die englische Sprache nicht beherrschen. Mr. Herbe rt Samu e 1, Home-Secretary, erklärte, die Frage der Dep ortier ung n a c h Rußla nd Werde jedenfalls erst gestellt werden, wenn ein dienstpflichtige-' rrs'is-her Jude trotz der 'Abweisung seines Befreiungsgesuches durch eines der zii gründenden Tribunale sich weigern sollte, in die englische Armee einzutreten. Für po’itbche Flüchtlinge werden auch dann noch Ausnahmen möglich sein, der Minister lehnte es jedoch ab, alle russischen Juden als politische F'ü-ht’inge zu betrachten. Hinsichtlich der Natura'Hierung steht die Regierung auf dem Standpunkt, 'daß di“"e erst ei-ige "Monate nach dem Eintreten in die Armee zu e-folsen habe. Den Gedanken einer jüdischen Legion lehne die Regierung ab. Im Oberhause richtete Lord She ffiel d einige Anfragen an die Regierung. zu acen Begründung er eine längere Rede hielt. Fr forderte, daß 'England auch fernerhin das As-d-"cht für die au~ Rußland und Polen vor Verfoi"‘ng unn f Inferdrückung entflohenen Inden wah-e. Die Heranziehung der russischen Juden zum ’Mi’itärdiensi müsse in ‘einer entsprechenden Form geschehen. Man imüsse ihnen die Möglichkeit geben, ebenso wie bis zum "Zwan-rsdienst für die Engländer, freiwillig jn dis A.-mee einzutreten. Fr sei überzeugt, daß ein freundlicher Appell an die russischen Juden Erfo'g haben werde Es müsse aber denjenigen, die sich Weigern, sich der englischen Armee anz''S:hließen, gestattet sein, ins neu tra le Ans I a ti d zu gehen. FChlieRIHi uroter-tierte Lo-d Sheffield "egen die Terrorisierung der russischen Juden durch die Polizei, die ihnen schon jetzt mit der Ausweisung nach Rußland droht. ‘ Auch Lord Lo r e b u r n verlangte für die r-’ssrehen Juden das Recht des Abzuges nach pinem neutralen Lande. Grnße' Aufsehen erre~t: im Hause und in der Oeffent’ichkeit sein energischer Ausspruch: ..Wenn ich "in Tude wä-e oder auch nur einen Tropf"- jüdischen Blutes in mir hätte, ließ ich mir liebedie Hand absdhneiden, a’s 'das zu tun. was Mr. Samuel' getan'hat. näm'ich diesen Leuten zu s^-en: we-n ihr nicht in derenglischen Armee ‘dienen wollt, «■•erden wir euch. na"h R-RLmd 7urü"'—kicken.“ Gegen dis A.-'Sw-isung nach Rußland s-rach auch Lora Russell.. Die Mitglieder der Regre'!tng, Lord San rill « r st und Lord I. r> -s d - -y n ", wa^eu in sichtlicher Verle^nheit ob diesebewegten fudend"ba*te :m Ho-ne of Lords. Sandh—st "-klärte, die Re-i'-rung könne el-em 7re-‘en Abzug russischer Juden ins neutrale Ausland nicht zustimmen. Sie werden vor besonderen Ge-ich*en ihre eventuellen BefreiungögesuClie beg-ünden körnen. Seine sonstigen Erklärungen deckten sinh mit denen von Mr. Samuel. Lord Lansdowne erklärte offenherzig, über die ganze Sache nicht informiert zu sein. Er werde aber der Regierung mitteilen, wie sehr sich die edlen. Lords die Sache zu Herzen nehmen und Instruktionen verlangen. Vielleicht werden diese Debatten Mr. Samuel daran erinnern, daß er als Jude nicht unbedingt verpflichtet ist, den russischen Juden gegenüber rücksichtsloseste Kaltherzigkeit an den Tag zu legen. . * Die Vertreter der jüdischen Synagogen-Gemeinden Englands, Board ot Deputies genannt, hielt in der zweiten Ju’ihälfte eine anßerortlentliche Konfenrenz ab. Sic hatte den Zweck, zu der Frage des Militärdienstes der russischen Juden Stellung zu nehmen und die Leitung, Lord Rothschild ‘und Mr. Henriques, haben ein bedingungsloses Votum für 'die Politik des Ministers Samuei beantragt. Lord Rothschild hat persönlich in sehr energischer Weise eingegriffen. Es ist je’aoüh nicht gelungen, ‘die ungeteilte Zustimmung der Konferenz zu erlangen. Die Delegierten von Manchester und der Zionist Daiches führten die Opposition. Es kam schließlich ejn Kompromiß zustande. Die Konferenz, billigte die Heranziehung der russischen Juden, zum Dienst in der englischen Armee, verwarf jedoch die Eventualität einer Deportierung nach Rußland. Bel der Beantwortung einer" Anfrage von King im Untere hause, stellte sich nunmehr das Merkwürdige heraus, daß die Leiter des Boards der Regierung nur den ersten Teil der Resolution, die vom Vertrauen spricht, mitgetcilt haben. Man muB aut die Folgen dieses Doppelspieles neugierig sein* Bus 9er russisdien Hölle. Der Minister des Innern hat laut „Russkiia Wjedomosti“ eine Erhebung eingeleitet, um genau festzustellen, wie viele Juden in dein Zentralgouvernements leben und welche Berufe sie ausüben. Das Ergebnis soll der ReiChsduma vorgelegt werden als Grundlage zu einem Gesetzerlaß betreffend das Wdhnredht. Demnach wird das Zirkular, das diese Frage früher geregelt hat, aufgehoben, Man vermutet, daß weitere Wohnrechtsbeschränkungen eiitreten werden, wie es mit der Aufnahme in den Schulen schon der Fall ist. Nach den Bestimmungen des Ministeriums der Volksaufklärung von 1909 sollte ^der Prozentsatz der jüdischen Schüler in den Gymnasien des Ansiedlungsgebietes 15, außerhalb desselben 10 und in ‘den Hann'Städten 5 betragen. Für das Jahr 1916/17 w ra Schon eine neue Nortn geplant mit einem geringeren Prozentsatz. Völlig unerwarteten Schwierigkeiten sehen sich jetzt dje Juden m den russischen Kurorten ausgesetzt. Es wurde ihnen nämlich nicht verboten, 'die kaukasischen Bäder zu besuche i, aber ihr Aufenthalt hängt von der Gnade der Ortsbehörden ab. Dr. Natancöhn schreibt der „RjetsCh“ aus Pjatigorsk: Ich habe m zwei Wochen von "keiner Judenausweisung gehört, aber die jüdischen Gäste müssen sich einer demütigenden Meldung bei der Po’ezei alle paar WoChen unterziehen. Man gibt ihnen von jeder Seite zu verstehen, daß sie unerwünschte Gäste sind. Im Selben Hotel wohnte ich zusammen mit dem Svdikus eines großen Unternehmens in Kiew. Obgleich er als Akademiker das Wohnrecht besitzt, begnügte die Polizei sich nicht imt seirem Paß, sondern verlangte noch ein Universitätszeugnis. Man muß die Härten und Widersprüche der sogenannten „gesetzlichen Formalitäten“ erlebt haben, um zu begreifen, wie sehr sie den Juden den Aufenthalt vergiften. Es ist nicht zu vergessen, daß es heute nicht so einfach ist für Kranke, eine Heilauelle ailfzusuChen und daß man hier unglaublich viel Kraft, Zeit und Geld aufwenden muß, um eine Fahrkarte und eine Wohnung zu erlangen. Die psychischen Ein- drücke sind gerade dazu geeignet, die Wirkung der Kur zu unterbinden lind die Haltufng der Behörde wirkt ansteckend' auf das Publikum, für das die Juden zum 'Sündenbock werden für alle Mängel der Organisation, 'cs sind "sogar Falte vorgekommen, dab alte jüdische Frauen aus den Mineralbädern während des Badens fortgeschickt una in die größte Erregung versetzt wurden. Die Rassen ia ßaliziea. Unter der Ueberschrift „Maß nähme n geg en Verh eh 1 ung“ veröffentlicht die angesehene Moskauer Zeitung „Russkija Wjedomosti“ vom 16.—29. Juli 1916 den „‘Jüdischen Nachrichten“ zufolge folgendes Telegramm ihres Korrespondenten in Kiew: „Durch einen Tagesbefehl an die Armeen der Südwest-Front schließt der Oberkommandierende General 'Bru s s i low aus der Kompetenz des Zivilgeriehts alle Gerichtssachen wegen Des ert eü 'r em'und'V erhell 1 ungen von J aden aus und übergibt'sie der Kompetente der Kriegsger cfite. Für die Verleitung zum- Desertieren ist die Strafe für die im Militärdienst stehenden Jude n bis. auf 6 Jahre Verbestserungsanstalt oder bis 8 Jahre Zwangsarbeit erh öht worden. Es ist ferner beantragt, außerdem auf die jüdische Gemeinden, m., welchen die jüdischen Deserteure sich verbergen, Geldstrafen aufzuerlegen. Dieser Tag esb e fehl bezieht sich auch auf die v on russischen Tru p pen besetzten Gebiete in'Galizjen.“ Eine Interessante Jabresiilanz. Am 5. August jährte sich der Tag, an dem das deutsche Heer seinen Einzug in Warschau gehalten hatte. Die jüdische Presse Polens be- SDriCht die Bedeutung dieses Ereignisses für die Juden. Besonders ausführlich läßt sich darüber das „Warschauer Tageblatt“ aus, dem wir den nachstehenden kurzen Ueberblick entnehmen: „Mit dem Einzug der Deutschen — aeftrebt das ,.W. T.“ — trat ein großer Umschwung ein. Die jüdrC’e" Zeibm^en durften wieder erscheinen, und di“ Inden erhielten iji diesem wichtigen Moment die Möglichkeit, ihre Angelegenheiten in ihrer Muttersorache zu behandeln. Der Geist Euronas trat in Gegensatz zur as:atischen Tyrannei. Er zeigte SiCh ■ auch sofort in ‘dem . Verhalten zu den polni ch - jüdischen Beziehunhungen. Zu einem guten Einvernehmen, wie dieses eigentlich unter Kindern eines Landes herrschen müßte, fch't noch viel, aber trotz al'edem i®* eine Wendung z'tm Guten schon elngetre‘en. E« wurde der Burgfri"de Drok'amiert, durch den die Hetzereien der russischen Lakaien unmöglich wurden. Sodann begann das Bürgerkomitee s'ch cm wenig mehr für Juden zu interessieren. Die jü-lrChe Gleichberechtigung, die die Juden bH dahin nur auf dem Papier besaßen, wurde p-ak'rch du-chgefüh-t. Die Besatzungsbehörden nahmen Juden ah Beamte in verschiedenen Abtei'ungen an. Ei"De Juden erhielten auch bürgerliche Aemter in Ein-ichtnngen, die von vermiedenen oolnischen Komitee: "e'eitef werden. Es tnumohierte das fo-tschrittiich“ Prinzjtr, wonach Juden auch fähig -in'!, ein Amt zir bekleiden ebenso wie Nichtjuden. Besondere Aufmerksamkeit fordern die neuen Foortverbände. Daß die Juden Gymnastik treih°n, war den Ruslsen gar nicht recht, da sie es für die Vorbe-ePung eher ,.Revolution“ hielten; heute sind Scouts- und Turnvereine geschaffen, di- Hunderte von 'Mitgliedern zähle«.. .Das' Kommando auf Heb-ärch oder JidiSch und der Geist, der dort herrscht, stempelt diese Bewegung als jüdisch-nationale. Eine (ganz neue Zeit begar*i für die Juden auf kulturellem Gebiet. Gleich dje ersten Bekanntmachungen der Okkupationsbehörden p-öklamier-