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Jüdische Zeitung · 1916-08-11 · 32 (11.8.1916) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
10 (1916)
Issue
32 (11.8.1916)
Date
1916-08-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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vr.?2 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 aber sollten die Kleiderträger des langen "Reckes gedenken. Sie sollen dafür Sorge tragen, daß ihre Gewandung allen Ansprüchen der Sauberkeit und der Reinheit entspricht, woran es ja leider ofimals sehr mangelt. Ein jeder Weiß, dab man auch in dieser nicht europäischen Kleidung sehr sauber und sehr vornehm aussehen Kann. Wir hoffen, daß eines Tages diese uns glückliche Inschrift am Eingänge des Gartens verschwinden wird und daß es etwa ganz allgemein heißen wird: Menschen mit unsauberer Kleidung (sei sie nun orientalisch oder europäisch) ist der Zutritt v erboten. In jüdischen Blättern aber hoffen wir, solchen Ratschlägen, wegen der langen Kleidung in der nächsten Zeit nicht wieder zu begegnen.'*’ Zu vermerken ist noch, daß die in Regensburg erscheinende, die st eng ort* odoxe Lanbhütie“ den zitierten Aufsatz tm „Moment“, der sich gegen die Tracht wendet, mit sichtlicher Zustimmung ahdruct t und daran die Bemerkung knüpft, daß es jedenfalls als feststehend gelt-n mög\ daß die wahre orthodoxe Frömmigkeit nicht no wendig an die alte Tracht gebunden ist. In diesem Zusammenhänge dürfte auch eine Stelle in dem Artikel „Wir und die Flüchtlinge“ von Dr. Nathan B i r n.b a u m (Jüdischer Nationalkalender 5676) interessieren, die wir nachstehend wiedergeben: „Daß das heutige Allerweltskleid — schreibt Dr. Birnbaum — „zu den ,europäi:chen Errungenschaften' gehört, — glauben ja die Europäer, zumindest in ihren besten und tiefsten Exemplaren, selber nicht. Weder wenn sie mit der Richtung auf’s Wesen des Judentums bewußt oder unbewußt einverstanden sind, noch wenn sie zurück zum Wesen des weißen Heiden wollen und die~.es ihnen Europäertum bedeutet. Sakko und Steifhut sind sicherlich weder Erfüllungen noch Symbole der sehnsüchtigen Bewegung der Menschheit nadi Gerechtigkeit Liebe und Einheit. Und na'ür’ich noch weniger des Triebes der Menschheit zu 'kulturelle'* Piffe-enzierung. Am a’lerwenigsten aber sind sie das, was vom heidnischen Standpunkt im höchsten Maße mitentscheidend, vom jüdischen und tatsächlich euronäischen auch nicht zu verachten h'\ — nämlich schön.' Sk* stellen vielmehr nich+s wi'er da»*, als einen ReFex des heidnischen Aufruhr"; Unseres zeitgenössischen Fu^opa, der sich auch in materiati'tis’,'eu Nivelüerunorsbestrebungen äußert, als ein Svmo'om des Niederganges Selbs'än''iren Scl’iö*’heitcs*'h-iffe-'s individueller Gesandhehp", a's Sc’’*önheitsfab1*iksware an Stelle von .Schönh°itsl<"nSt'pi«+"n", als ein Unglücksding ohne a”e Möglich!*' i’ auto“<~mer. und damit wahrhafter Schönheit. Und auch r,ie weibliche evon-spehe K'ei'h:nn vermnnr nur dirc’* f,ie nnverhältpl'mäPin stärkere Beteiligung iede** einzelnen Individn.a'ihät an ihrem Aufbau darüber hinweg7idä""c'’e*’, ''aß ~ie ebenso wie die männlich" ohn" Stil und Pathos ist. Natürlich wi-, — wir wc*r'en daniemals zugcben. Wozu m*>-';clii"rten wir denn auch au der Ivm'z" ries H"1Hin*un,gsvi|rrps für alle euronäüch"" ..Kultur“-Mas~"-,nr+i1<ei.? Und nie werden wir anders a ls mit ei *"m Lächeln b"l”sti"-+er Ueherleennheit die Z"mu'ii ’g ->uf-e’uTie^, Kaftan .und St**"im"l mit Sakko und Steifhut zu vergleichen. Aber unsere be'us'igfe Ueherlegenheit ist doch nur di° nBe, ura’te Protzen-Ges*e. Und Kaftan nnd S+reimei ko-nm-'i durch' ihre FigenenHvickhtnnr. Hureh den kräPinen Willen einer rc'hönferis~'i'"n Gesamtheitsoee1", der in •Tinen Z”m A.uadruck komm*, für die heitsfrane zumindest inB"tracht, wäh'-end die so-nnannte europäische lUeidu-g ei-fa-h rharaksnVJ ein einziger e*iroräi~che** Ku’turskan-. dal i=t. Ah"1* djp iiiTische Tra"ht ist doch -i-hf einmal jüdi"cv, r'"lr’dern .-i1*r>'4ni"'Ti — flüs*°rt uns von irnren'i'vo ein di'etti"render Scharteke dritter >•' d »vd** '■•erne-s»-, dnß sie durch diese Ni-htiüdi-'eh-r-rkknnun— für i*—s ein-pn+iiCU! nefiahiHfi«rf r..-;n so'He. \Y/i- -reifen die Weisheit orm-'nr auf, rein a'~ man^eite "s1 sonst s" Alb°’*';heitefi fn "n»r»r Bpvv':sführm'r. Di" nrp-cl,ichtliche Unrichtigkeit der Rehauntnnul*ümm»ri uns ni**ht. Unn daß man Gewordenen und Gewesenes niemals frlejrhcef7en 4arf, ’i'in-n wir nicht... Auch haben wir no'h andere Argumente auf Lager. Unsere Gründlichkeit begnügt sieh nicht mu Eurouas Schönheit rnd Tra'h'enkunde. Wir fühlen uns Veroflichtet, in die Breite und Tiefe zu gehen. In die Breite — indem wir nicht oh e Schlauheit den Begriff der Kleidunauf die menpchli'-he Haut ausdehnen. Plötzlich — wir wissen kaum selbs4, woher es über uns kam1 — ist eine notwendige Verbindung zwischen dem Kaftan und der Unreinlichkeit her "•erteilt. Daß wir uns dabei nicht an die vielen G**s*alten in ebenso würdevoller als r"j*e** jüdi-che* K'eidun-, dis wir selber sahen, erinnern, ist noch -ar nichts. Viel kennzeichnender für im ist, daß wir uns unter den nichtjüdrchen Nationen nicht umgerehen oder mit offenen A.ugen nichts gesehen haben. Nicht geseh"-, daß Reinlichkeit leider nur sehr wenigen Völkern emen is*, iyid mit Knltur h d-m tieferen Sinn der geistigen u'nd gesellschaftlichen Möglichkeiten und Gestaltungen einzelner Völker, sowie mit natürlicher \ssthetik nicht notwendig verbunden sein muß! Nicht gesehen, wie heute eine weite, weite Schichte gerade des weißkragigsten und grii ldiichst gewaschenen Europa in einen schmachvollen Verfall der Gestaltungskraft in Lebensform und Kunst begriffen ist! Nicht erfahren], daß, um von. den neueren Völkern zu s’chweigeäi, die alten Griechen z. B. gar nicht reinlich waren und doch, wie man erzählt, so etwas wie Kultur und Aesthetik hatten! Na'ürlich müssen wir dann auch' unsere Flücht’ingsbrüder, Wenn sie in ihrer Masse nidht so reinlich leben, als es unserer Uebung en [sprich *, für minderwertig halten. Und dürfen so sicher, so unglaublich sicher sein... Zumal wir ja auch in die tiefsten Tiefen der Frage geleuchtet za haben g1 oen, — dort wo die Relic oegimt: Die, die angeblich an Kleidern und Haartrachten hängt, und die, die sich davon frei gemacht hat. . . Daß wir dabei die Tatsachen nicht ganz richtig grunpieren,'die Religion afs gewärtiges Faktum geistiger Macht in das Sodomsbett unserer Religjositätereien zwängen, ein nicht mehr zu überhietendes Unverständnis für die notwendige see’enorganisatorische Kraft der Formen, eventuell auch der peripheren, an den Tag legen, dafür abe~ reden, reden, reden... ist wohl kein Zufall.“ flus Palästina. Neue Opfer und Sifhi'zmaßregeli. Neue Verluste hat der junge, gegenwärtig so schwer geprüfte Jischuw zu verzeichnen. In Dam askus starb an Flecktyphus der jüdische Architekt Baruch Fabrikant. Vor füut Jahren kam er als vielversprechender junger Architekt und eifriger Z onist nach Palästina und lieb sich in Jerusalem n’eder. Er begann bald sein Wissen und seine Begabung -’n den Dienst des neuen jüdischen Jb.huws zu stellen. Nach reinen Entwürfen wurden eine Anzahl großer jüdischer Gebäude Jerusalems und später auch die neuen Straßenviertel Jaffas gebaut. Während des Krieges wurde er von den Behörden nach Damaskus berufen, wo ihn die im Lande noch immer wütende Krankheit dahinraffte. Der Verstorbene war 33 Jahre alt und hinterließ eine junge Frau. Im Alter von 24 Jahren verschied in Jeru-: salem der Lehrer der orthodoxen Schule Ez- Chajim, Z’wi RiWlin. Seit 1014 war er Lehder der hebräischen und türkis hen Sprache in der 'Kolonie Rosch-Pim. Vor cin'gen Monaten erlag derselben Krankheit sein Bruder Elijahu R i'w /in, der a's Feld-Apotheker tätig war. Bald daraut wurde von derselben Krankheit auch seine Mutter weggerafft. Der Verstorbene hinter’ieh eine junge Frau und ein kleines! Knd. Nach achttägiger F'eck typhuck rank heit starb am selben Tag in Jerusalem ein angesehener Kaufmann der rephardtschen Gemeinde R. Jizchak M r*s rachi. Einen beronders sc' weren Verlust ha'te die Marokanir-che Gemeinde in Jerusalem durch den Tod eine? der beliebtesten Rabbiner und Gelehrten, Rabbi Schalom B u c h w o t. * Angesichts der drohenden Gefahr der Cholera wurden sämtlich; EirJwchner Jerusalems verpflichtet, sich 'mit Serum mpten zu lassen. Dr. Arje Gol dberg veröffentlichte im „Hacheruth“ einen ausführlichen Aufsatz über die Bedeutung dieser Imnfu.ig, in dem er die jüd - sehen Einwohner zur 'Erfüllung dieser Pflicht aufforaert. Das Strauß’sc.e Gesundheitsamt in Jerusalem eröffnete in den Vorstädten zwei Abteilungen, in denen die Aermeren unentgeiti ch una die Bemittelteren um geringen Pre s diese Serumimpfung erhalten. Der neue deuk.Ek-.e Konsul. Der neue deutsche Konsul in 'Jaffa, Hcir Schobinger besuchte in Begleitung des Herrn Dr. Jakob Thon, des gegenwärtigen Leiters des Palästinaamtes, das hebräische Gymnasium n Jafta. Der Konräu1, der die orientalischen Sprachen beherrscht und dem selbst die hebräische Sprache nicht unverständlich ist, wohnte dem Unterricht in türkische', hebrä scher una französischer Sprache, ih Physik, Geograpfi e, Mathematik usw. bei und sprach sich anerkennend über alles aus, was er zu sehen unll zu hören bekam. Ein grcßeis, neues Projekt. Die in Damaskus erscheinende ’Ze tschrift „Chark“ bringt die Nachricht, dao d e Verwaltung der Hedjas Bahn aut die Initiat ve ihres Directors Dykmann Bey ein großes und vielversprechendes Projekt ausgearbeitet habe, um die Wacserfälle auszunützer, die üi einer Entfernung von 60 km an der Hedjas Linie gelegen sind. Es sind dies die Wasserfälle von Tel-Cheab und von. Vazizon in der Nähe von Daraa. Die Ingenieure, die man dorfh n geschickt hat, haben konstatiert, daß die Kräfte, die d e Fälle geben können, 0000 P. S. betragen werden. Diese Kraft wird für die Bahn zw sehen Daraa- Damarkus von Afule nach Daraa und nach Jerusalem und von Afule nach Aman nutzbar gemacht werden. Der übrigbleibende Rest der Kraft soll für die Be'eucniung der S äJte Daraa, Tiberias, Nazareth, Haifa, Jafta, Jeru.altm verwendet werden. Eine elektrische Bahn wird überd es Afule mit Nazareth verbinden. Ein anderer Te i des Wassers sofi als Trinkwas^er für die Bewohner on Daraa benutzt werden, sowie zur Bewässerung der Gärten und Felder. Der Direktion der Hedjas Bahn hat erklärt, dah ma.i sich an die Ausführung dieses Projektes sofort nach K-iegsbeendigung machen werde und daß man sich sofort alle dazu notwendigen Maschinen verschaffen werde. Es hcißf, dais 100 Dynamomaschinen rm See von Tiberias benutzt werden sollen, um die angrenzenden Terrains zu bewässern. Dem Andenken Schalom Alejchems. Außer der Trauerversammlung in Jerusalem über die wir bereits ber chteten, wurden auch anderwärts in Palästina öffentliche Versammlungen ’ikcid Gedenkfeiern abgehalten, ln der Aula des hebräischen Gymnasiums th Tel-Aw w würdigten in ausführlichen Reden (f e Schriftsteller Bedeutung des verstorbenen Dichters. In der Svnagoge von Tel-Awiw sprach der greise Sch. Ben z .o n una Br e n n e r cfie literar sehe Schriftsteller Rabinoivit z und be den Handwerkern <lie Herren J. Ch. Brenner und Joseph S p r i n z a k. Es wurde beschlossen, zur Ehrung des Andenkens von Schalom Alejchem eine periodi'che Publikat on unter dem Titel „Schalom-Alcjcivem“ erscheinen zu lasser, in der die besten Erzeugnisse des Humors der Weltliteratur in hebräischer Uebersetzung herausgegeben werden sollen. Eine fandwirfcchaftl'c’ e Bbliothck in hebräirccer Sprache. Die jüdische Kolonisat on Palästinas wird seit längerer Zeit durch die n hebräischer Sprache erscheinende Fachzeitung „Hachaklai“ gefördert. Es fehlen aber bisher populär abgefabte Handbücher und es ist daher ein dankenswertes Unternehmen des bekannten Agronomen J. W i 1 k a n s k y, jetzt eine landwirtschaftl che Bibliothek in hebrä scher Sprache zu schaffen. Die Bibliothek w rd folgende Abteilungen umfassen: 1. Handbücher für den praktischen Gebrauch, 2. Soziologisch-landwirischaftl che Ableitung (Geschichte der Kolonisation n verschiedenen Ländern, Koloni ation von Neuland, Genossenschaftswesen, Gemeindewesen auf dem Lande usw.J, 3. Tage fragen, 4. Mitteilungen aus der auswärtigen Landwirtschaft (Beschreibungen von Fachleuten über ihre Reisen nach Algier, Itaf en, Ca'ifornien), 5. Monographien una Arch v zur Sammlung von Materialien über verschiedene landwirtschaftliche Probfeme, 6. Dorfgeschichten aus der Weltliteratur (Erzählungen aus (lern Leben verschiedener landwirtschaftlicher Berutsschrehten, irsbe .ondeere aus dem Leben des Pioniers in Neu'ändernj. Eine große Anzahl von Original-Aufsätzen und Uebersetzungcn sind im Manuskript bere ts fertiggecteellt. Litera *i d es. Im Verla r „Hacheruth“ erschien in Buchformat eine hebräi.Che Uebersetzung der türkisch en E in b er u f u n g.sg e s e t z e mit den dazugehörigen Erlä sen. Unter der Redaktion des Schriftstellers R„ Bin j a m i n begangen in Jaffa in zwangloser Folge Samme hefte für Poesie und 'Prosa unter üem Titel „'.amoetf“ zu errcAeihen. Die Inden im HarsAauer Stadfrat. In der zweiten Sitzung des neuen Stadtrates in Warschau, die am 31. v. M. stattfand, wurden gewählt: zwei Vizepräsidenten und sechs Sekretäre, darunter ein Jude, u. zw. Herr Boleslaw Eig n e r. Ebenso wurde in die Kommission für die Aufarbeitung de9 Reglements ein Jude, Ing. Adolf W e i ß b I a 11, hineingewählt. In der Sitzung vom 3. d. M. wurde der sogenannte „Magistrat“ bestehend aus 12 Räten gewählt, der zusammen mit dem Präsidium das Vollzugsorgan des Stadtrates und daher der faktf-che Herr der städtischen Wirtschaft ist. Unter diesen 12 Magistratsräten sinü auch zwei Juden una zwar Ing. Weißbfa t t und Meier Rundste in. Ais Vertreter wurden Ing. N. fla.pern (Assimi'.ant) und Dr. E. Portner (Zionist) gewählt. Mit der Wahl des Ing. Weißblatt als Magistratsrat verlieren die Juden, ein Mandat im Stadtraf, da diese beiden Aemter von einer Person nicht bekleidet werden dürfen. Die Hoffnung der Juden, ’dab dieser Vertust durch das Einspringen des Ratmannsteilvertreter Emii P er e z als Ratmann sich wird wettmachen lassen, hat sich nicht erfüllt. Dieser Verlust dürfte die Juden belehren, daß die in l’iiiikunft niemals etwas aus der Hanu geoe:*, ehe sie des Ersatzes sicher sind. -Bemerken*.wert isf, dab wegen der zwei Magistratsratsvertreter sich ein Kampf im „vereinigten -jüdischen Wahlkomitee“ abgcs .'elt hat una

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