Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Der Zuangsöienst der russisdien Juden in England. Der „Frankfurter Zeitung“ wird unterm 4. d. aus Christiania telegraphisch wie folgt gemeldet : Die englandfreundliche Zeitung „Verde.isgang“ macht aufsehenerregende Veröffentlichungen über die Behandlung rus sisc'h er polit,s eher Flüchtlinge und Juden, die sich seit Jahren in Eng fand aufgehalten hatten und dort ein sicheres Asyl gefunden zu haben t glaubten. Danach hat die englische Behörde von dreihunderttausend Flüchtlingen, die allein in London sich befanden, 25.00Ü Juden ausgewählt und sie vor die Wahl gestellt, entweder nach Flandern als Soldaten zu gehen oder a n Rußland ausgeliefert zu werden. Diese 25.000 stehen, wie ein glücklich entkommener Flüchtling im „Verdensgang“ erzählt, Tag und Nacht unter Polizeibewachung. Die politischen Flüchtlinge würden jedoch kaum nach Flandern, sondern an die russische Knute oder den Galgen ausgeliefert Rußland schlüge so zwei Fliegen-i mit einer Hand. Es erhielte 25.000 verhaßte Juden als Kanonenfutter und die jungen russisdien Akademiker ausgeliefert, die zu Tausenden aus politischen Gründen Rußland den Rücken gekehrt haben. Diesen würde Rußland sicher an der Front Urias-Posten geben, um sie so schnell loszuwerden. Nodi Wahrscheinlicher sei jedoch, daß man sie sofort an den Galgen knüpfefl, oder nach Sibirien senden werde. Mit Maxim Gorki wäre sicherlich ein gleiches geschehen, wenn man nicht Europas Unwillen befürchtete. All die jungen Menschen, die man jetzt aus London Rußland gewaltsam in die Arme treibe, Studenten, Juristen, Ingenieure* Schriftsteller und die verhaßten Juden, die .schon in Friedenszeiten wie in einer Hölle lebten, seien jetzt mit einem male gut genug, für Rußland, ihr Vaterland in den Kampf zu gehen, wie Negersklaven. Man bringe Sie in London an Bord von Segelschiffen und werfe de in die Ladungsräume. Die Schiffe führen direkt mach Archangelsk und Alexandrowsk. Seit mehreren Wochen gingen täglich ein paar solcher Sklavenschiffe von England über die Nordsee nach Rußland und so werde es weitergehen, bis alle „Landesverräter“ auf russiJ. scher Erde in Sicherheit gebracht seien. Von ihrem Vaterland hätten sie nie eine andere Behandlung, erwartet, aber, sb Schließt der Bericht: Hätte man nicht von England, dem großen Beschützer der Kiemen und Unterdrückten mehr Humanität erwarten (müssen? v In diesen Tagen wurden mehrere Versammlungen in Christianja wohnender Russen abgehalten, die an die englische Regierung eine Eingabe richten wollten, die wahrscheinlich durch den Gesandten eines neutralem Staates in London überreicht werde. Ueber diese Angelegenheit berichtet die „Jüd. Rundschau“ in ihrer letzten Nummer wie folgt: Am 15. Juli brachte die Times einen Brief an den Herausgeber von J a b o t i n s k y, der für die Formierunjg der in die englische Armee eingereihten russischen Juden in eigefnen For- ■ mationen eintritt In der gleichen Nummer der Times äußert sich die Redaktion zu diesem' Thema, indem sie das Problem der russischen Juden, die vor dem Krieg nach England gekommen sind, als eine Frage sui generis bezeichnet. Es schein*, daß nur die freiwillige Meldung den russischen Juden in England die zwangs’mäßige Rekrutierung ersparen kann. Darauf deutet ein von Joseph Co wen Unterzeichneter Aufruf des Executiv Council of the Eng'i/n Zionist Federation an die in England weilenden russischen Juden, von der Erlaubnis der britischen Regierung, welche den Juden russischer Staatsangehörigkeit gestattet, in der englischen Armee zu dienen, Gebrauch zu machen, bevor dieses Privileg zum Gesetz geworden ist. Die-breiten Schichten der russischen Juden in England sind aber auch mit diesem Kompromiß sichtlich nicht einverstanden. Herrn Jabotinsky wird zum Vorwurf gemach*, daß er durch seine privaten Vorschläge die Aufmerksamkeit der englischen Regierung auf diie Rekrutierungsmöglichkeit unter den russischen Juden gelenkt hat Eine Versammlung in der Londoner Toynbee-Hall, in der Herr Jabotinsky sprechen sollte, wurde von 'den Teilnehmern gesprengt und in einer Resolution wurde den „Jabotinckys aller Art für ihre Handlungen gegen unsere Interessen die Verachtung ausgesprochen.“ Auf den oben erwähnten, von Joseph Cowen gezeichneten Aufruf geht wohl auch die Opposition des Zionistischen Vereins in London „WestJCentra! -Zeire Zion“ zurück, in dessen Namen der Sekretär Schme-ling in der Londoner jidrehen Tageszeitung „Die Zeit“ vom 13. Juli im Irr-Cratenteil davon Mitteilung mach*, daß dieser Verein keine Beziehungen zu der Engli'h Zionist Federation mehr pflegt und die Gründung einer neuen jüdisch-zionistischen Föderation für England plant 1 jÖDISCHE ZEITUNG Zur Frage Ser ostjüOiscfien Mt. Neben der großen, umfassenden Judenfrage, gibt es auch viele räumlich oder zeitlich be-' schränkte „jüdische Fragen“ älteren und jüngeren Datum?, von denen die Frage der tradi-i tionellen ostjüdischen Kleidung die allerjüngste ist. Diese in der Haskalahperiode stark diskutierte Frage verschwand automatisch mit dem Auftreten der jüdischen Renaissancebewegung, um jetzt infolge der durch den Krieg hervorgerufenen unmhtelbaren Berührung der ostjüdischen Massen mit dem Westen wieder aufzutauchen. Da dieses Näherkommen beider jüdischen Teile großenteils nur ein rein äußerliches war, mußte es folgerichtig das Aeußere bei den Ostjuden, ihre Tracht und die Schleifenlocken gewesen sein, die in gewiesen westjüdischen Kreisen Anstoß erregte, und das man mit ebensolchen rein äußerlichen Mitteln reformieren möchte: mit Messer und Scheere. ' Diese „Reformbcstrebungen“, denen wir seit geraumer Zeit im Westen in der Form von, Zeitungsartikeln und Aufrufen begegnen, fanden jedoch bei den Octjuden — von der jüngeren ostjüdischen Generation abgesehen, die mit der Zivilisation auch die europäische Tracht allmählich annimmt — keinen nennenswerten Widerhall. Und es bedurfte erst eines Zufalles, tirp/ das Aufrollen der , Kleidungsfrage auch in den c ^jüdischen Kreisen und eine Stellungnahme zu ccrselben seitens der jüdischen Prasse Im Osten z l bewirken. Wir meinen nämlich die kultur-!.i, torisch zweifellos wichtige Bekanntmachung, die seit einiger Zeit am Eingänge irgend eines Warschauer Parkes angebracht seihsoll, wonach die betreffenden Pa rkanlagen nur von Leuten in europä i Sch er K 1 e idung betreten werden dürfen. Diese Inschrift veranlaßte nun die Warschauer Tageszeitungen „Moment“ und „Hazefirah“ zu einer Stellungnahme gegen die alte ostjüdiSche Kleidung. Indem wir im folgenden diese interessanten Auslassungen auszugsweise reproduzieren, möchten wir noch auf den wesentlichen Unterschied hinweisen, , der zwischen den jetzigen Kampf gegen die :jüdieChe Kleidung und dem eingangs erwähnten vehementen Kampf gegen dieselbe in der Haskalahperiode besteht. Heute wird diese von treüjüdisch Gesinnten aus praktischen Motiven bekämpft, ’ im Gegensätze zur erwähnten Haskalahzeit, Wo für diesen Kampf ausschließlich die bekannten Ässimilationsbestrebungen, welche sich gegen alles Jüdische wendeten, maßgebend waren. ln seiner Nummer vom 12. Mai schreibt der „Moment“ zu’ ,dieser . Frage: „Ich berühre eine Frage, die der Teilnahme eines großen Teiles der orthodoxen polnischen Juden sowie des jungen Geschlechtes sicher ist, soweit es sich zum orthodoxen Lager zählt. Die Frage, die: ich m£ine, ist die Kleiderfrage. Keinen kleineren Wunsch hätte ich. als der, daß der erste Beschluß und der erste Schritt der neuen orthodoxen Organisation der Aeinderung unserer Kleidung gelten möchte, daß wir die . langen Röcke und altfränkischen Hüte mit europäischer Kleidung vertauschen. Dieser Wunsch ist nicht' mein besonderes Eigentum, sondern 00 o/o der langgekleideten Juden- Polens und fast das ganze junge Geschlecht des orthodoxen Lagers denken so. Ich fühle, wie sie diesen Vorschlag gerade alle mit großer Dankbarkeit aufuehmen und für sich ein jeder denkt: „Ach; wer doch damit heraustreten könnte!“ In einer späteren Nummer (16. Juni) schreibt dasselbe Blatt: „In manchen jüdischen Kreisen hält man noch immer mit großer Pietät an der alten Form der Kieidung fest, von der sich die Gesellschaft schon völlig losgesagt hat. Man sieht Männer in den altvaterischen langen Röcken und daneben Frauen ln ganz moderner Kleidung mit ho'hein Schuhen. Wenn man die alte traditionelle Form wahren wollte, weyhalb hat man sie nicht auch bei der Frauenkleidung beibehalten? Jüdische Jünglinge müssen Sie altmodische Mütze, mit dem 'Schirm tragen, die aller Welt Sagen soll: Ich spotte über alle eure Moden und Gebräuche: -Die jüdbehe Dame dagegen trägt den feinsten modernsten Hut, die höchsten Absätze und den kürzesten Rock, Sie darf in der Mode vorangehen, während ihr Verlobter in altvaterischer Tracht geht. Womit kann man dies erklären? Das Leben hat uns hin- und hergeworfen, so dan wir unS ständig nur noch am äußersten' Rande anklammem konnten: das Extremste ist uhder Element. In der Mitte fühlen wir unS ohne Boden. Wir'haben nicht das Gleichgewicht, uns gleich weit von "beiden Extremen zu halten. Dies 'ist für uns sehr charakteristisch und es ist ä'ueh der Fall in, der Kleidungsfrage. Anstatt unsere Söhne in 200 Jahre alte Formen zu zwingen und unsere Töchter sich nach der neuesten Mode kleiden zu lassen, wäre es da nicht viel'besser Söhne und Töchter in das gewöhnliche, nicht schreiende Gewand der Gegenwart* zu kleiden? Keine Mode 'des Mittelalters, aber auch keine der Zukunft 1 Ni. 32 Das hat nichts mit Religion und Tradition zu tun, sondern versteht sich, wenn ma^i unter Menschen lebt, von selbst.“ Die „Hazefirah“ vom 7. Juli veröffentlicht einen „Brief an die Redaktion“ in dem es unter anderem heißt: Im Mittelalter 'haftete unseren Kleidern der Schandfleck -a n,. der unsvon der übrigen Bevölkerung sonderte. Dieses Zeichen existiert nicht mehr An dessen Stelle trat jedoCh der „Kaftan“, der uns dem Spott preisgibt. Wir klagen nicht über den Konservativismus unserer orthodoxen Brüder i:i religiösen Dinge.i, sondern darüber, daß sie a i dem langen Rock festhalten und ihn zu einem wesentlichen Bestandteil der Religion, zum Symbol der Gläubigkeit und 'der Zugehörigkeit zum Judentum machten:“ Gegen diese Angriffe auf die altjüdisdie Kleidung wendet sich Dr. H. P. in einem längeren Artikel in Nr. 261 des „Lodzer Volksblattes“., der an die oberwähnte Bekanntmachung vor , einem Warschauer Park anknüpfl. In diesem Artikel wird u. a. folgendes ausgeführt: „Warum wird diese Kleidung jn Polen von manchen Seiten angegriffen? Doch nur, weil sie die Kleidung der Juden geworden ist. Es kommt hierbei gar nicht mehr darauf an, dab diese Kleidung natürlich weder eine religöse Vorschrift ist, noch tatsächlich eine älte jüdische ist, sonaern in Wirklichkeit in früheren Jahrhunderten die allgemeine Landeskleidung war, wobei man sich nur darum streitet, ob die Kleidung ursprünglich deutsch oder slawisch1 ist. Die Juden haben nun einmal diese Kleidung angenommen unu sie in Polen bis auf den heutigen Tag behalten. Dadurch hat sie Bürgerrecht bei den Juden gefunden und ist, wenn man ruhig urteilen will, wenn auch im geringeren Maße, ebenso ein Ausdruck des geschichtlichen Ganges des jüdischen Volkes im Osten wje die jjdjsche Sprache. Ebenso, wie die Juden die deutsche Sprache ihrem eigenen jüdi Cnen Wesen aigegliqhen und ihr den Stempel 'des Nationaljüdischen allmähhen aufgedrückt haben, ebenso haben sie mit der jüdischen Kleidung allmählich allerlei jüdische Gedanken verknüpft. Ein jeder weiß, warum sie gerade den langen Rock, sozusagen geistig verklärt haben. Er soll Würde und Zurückdrängung des Körperlichen bedeuten, wie das ja fast überall, auch bei den kirchlichen Gewandungen in den langen geschlossenen Kleidungsstücken, zum Ausdruck kommt, die gleiCh- ,sam das Körperliche des Menschen verhüllen sollen: Ein konsequenter Nationalismus müßte auch für den langen Rock So lange eintretejn oder zu mindestens Angriffe auf ihn abwehren, als nicht die JudenSchaft selbst sich langsam' - entschließt, ihn allmählich abzulegen. Solche Dinge schaffen sich mit der Zeit selbst ab, wenn man sie nicht zum Gegenstand eines Streites macht. Jetzt wird vielleicht gerade das Gegenteil -hervorgerufen, was jedem stolzen und aufrechten Juden eigentlich recht Sein sollte, Was? Ihr greift den langen Rock und die Mütze an? Nun gerade jetzt will ich sie erst recht tragen! Und seien wir ehrlich! Müßte nicht eine Solche bewußte Ablehnung, die ich allen den Trägern der langen Kleidung wünsche, (leider weiß ich genau, daß nur wenige diesen Gedanken dabei haben und zumeist nur aus Gewohnheit und aus anderen Dingen beim langen Rock bleiben) uns Achtung abringen? Steckt da nicht ein Stülck .alter jüdischer Volkspsychologie darin? Sina nicht die Jutfen schon von "Moses Zeiten her ein hartnäckiges Volk jgeweser, das nicht so leicht, sei es im Guten oder Bösen, von alten Gewohnheiten gelassen 'hat? Berührt man da nicht eine der lebendspehderiden Wurzel des jüdischen Volke?, der Treue zur eigenen Vergangenheit? Fürwahr wir haben keinen Anlaß, gerade jetzt das große England zu schätzen, das sich' so selbst-/ süchtig in diesem Kriege gezeigt hat, aber hat man nicht immer Respekt gehabt vor dem Selbstbewußtsein der Engländer, das den Wahlspruch gehabt hat: „Recht oder Uhrecht — es ist meine Heimat!“ Leben nicht in.der Seele eines jeden selbstbewußten Volkes solche . Gedanken; unu hat nicht schon in alter Zeit im religiösen Sinne daS Judentum diesen Gedanken zu dem Satz verdichtet: „In Zeiten der Verfolgung, in denen die jüdische Religion angegriffen wird, muh man auch für das' leichteste der Gebote; das' man Sonst nicht sehr beachtete, sein Leben einsetzen.“ (?) Ganz gewiß sollte man diesen jüdischen Gedanken auch auf das Nationalgebiet j übertragen und' ihn dort beherzigen. Ich . glaube selbst, daß die Tage der alteir.i 1 - Kleidung gezählt sind. Solange aber dieses jü-, j di -che Kleid angegriffen wird, muß nian sich § dagegenwehren, nicht nur aus jüdischen, sopidern aus allgemein menschlichen Gründen. Welj eher Staat und -welche Behörde hat ein Recht,' I sich darum zu kümmern, wie 'ich mich kleide? I Es ist überall nur Brauch, anstößige, die Sitt-. lf Jichkeit gefährdende Kleidung in der Oeffentlich- 2 keit zu verbieten. Man darf auch die Bewegungsi '' trCiheit nicht ejnschränken, niemandem den Zu-gfl tritt zu irgend einer öffentlichen Anlage ver-H bieten, iveil er ein bestimmtes Kleid anhat. EinsH