Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEIT NRTIÜNRL -JÜDISCHES DRGflN XM Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ mmWrWn ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — AbonnemenstspreiM: Für Oester- _ ™ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähir. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, balbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 32 Wien, Freitag, den 11. August 1916 — 12. Ab 5676. X. Jahrgang. Die EolgeridifigEteit unserer sozialen fir&eit. Der zionistische Gedanke dürfte wie wir es ja aucn in der Gegenreaktion zu fühlen bekommen haben, unvermittelt und zu allen bis dahin geübten politischen Gepflogenheiten gegensätzlich aufgetreten sein. Wenigstens wurde er so» von der Majorität der Juden und ihren Führern empfunden. Um keine Kraft dem idealen Ziele verloren gehen, vielleicht aber auch, um den Gegensatz in der inneren Anschauung noch schärfer hervortreten zu lassen, entstand der Widerwille gegen jede jüdische Tätigkeit, die nicht mittelbar mit dem zionistischen Gedanken verbunden war. Die Arbeit der Zionisten blieb darum gering genug, umsomehr, als im Anfänge sogar eine vorbereitende Tätigkeit in Palästina selbst unerwünscht erschien.' Die „praktische Palästinaarbeit“ brachte uns erst die Erfahrung, daß entgegen allen Befürchtungen der zionistische Gedanke vertieft, die Zahl der Anhänger vervielfacht, als Bestes abe-, dab das Interesse jedes Einzelnen an der Sache bedeutend erhöht wurde. Allerdings, die Geister, die im Zionismus bis dahin geschlummert hatten, wurden damit geweckt, denn jede geringste Arbeit zeigte ungeahnte Zusammenhänge mit anderen Notwendigkeiten, jedes Unternehmen brachte neue Probleme zum Vorschein. Die Arbeit in und um Palästina befindet sich heute in voller Entwicklung, sie ist für sich allein ein gewaltiger Bau, der viele Kräfte und Köpfe voll in Anspruch nimmt. Wi,e alles1 Lebendige, hat der „praktische Palästinismus“ seine Wellen geworfen, auch er hat uns gezwungen, unser Interesse weit über ihn hinaus zu lenken. Aus dem Palästinismus ist unter Anderem folgerichtig der Hebraismus entständen, für sich allein eine Welt von Gedanken und Inanspruchnahme. Congenial, nur in subjectiv anders gewertetem Gewände, verlangt auch der Jidischismus die intensive Beschäftigung mit dem Wesensinhalte des Judentumes. So gelangten wir eigentlich jetzt erst Runter Beider Führung zum jüdischen Volke, dem wir bisher trotz aller programmatischer Betätigung fremd geblieben waren; wir Zionisten kamen zu den Juden; jetzt erst begannen wir, Juden unter Juden zu werden. Der Krieg mag das Seinige dazu beigetragen haben! Und nun erschlob sich uns eine neue Welt, die man nicht aus literarischen Uebersetzungen, nicht aus der Pogromliteratur und nicht aus einzelnen ku uins versprengten Gliedern dieser eigenartigen Gesellschaft kennen lernen kann,. Wir erkannten das Volk in seiner Umgebung, seinem Leben und Streben, seinen Freuden und seinen Nöten. Wie aber unser Sinn all die. verborgene Schönheit unseres geistigen Volkslebens gierig aufsaugt, gräbt sich die Wuimde des brüderlichen Mitempfindens! über das unnatürliche äußere Leben tiefer in unser Herz. In unserem Inneren erhebt sich die Erkenntnis unseres Judentumes upd das besteht nicht mehr allein aus Jenen, „die sich hier'nicht assimilieren können oder wollen“. Bleiben wir noch eine Weile beim Parteistandpunkt. Auch für jene Kreise, die zunächst für die Palästinakoloni^ation in Betracht kommen, wird es noch geraume Zeit dauern; bis sie zur vollen Leistungsfähigkeit heranreifen. Ob sie diese Reifeze t in Palästina oder im Galuth verbringe;;, es wird immer von der sozialen Fürsorgetätigkeit ab hänge:’, wie hoch die Kosten dieser Vorbereitungsperiode sein werden, wjeviei nationale Güter dabei m Verlust geraten und wie groß der leibl'r'ie un i seelische Schaden wird, der aus dem Warten und dem Uebergange erwächst. Je intensiver und sachgemäßer die Fürsorge, umso geringer wird auch die qualitative und quantitative Sehädgung sein, die dem Palästinawerk durch Abwanderung der dort nicht Bewährten erwachsen dürfte. Wir dürfen aber selbst vom Parteistandpunkt nacht mit einer so kleinen Zahl rechnen, als jetzt für uns in Betracht kommt. Penn sowohl unsere Agitation, als auch die Palästinavorbereitungsarbeit sind ja auf progressives Wachstum eingestellt. Diejenigen, die heut-: von Palästina ncch nichts wissen oder wissen "ollen, können morgen vom Schicksale dahin gedrängt werden. Aber selbst auf Jene, die sich hier assimilieren wollen (von können dürfte wohl kefne Rede mehr sein), dürfen wir für alle Zukunft nicht verzichten. Selbst, wenn sie vorderhand noch jede nationale Fürsorge ablehnen, werden sie ihrer doch bald dringend bedürfen. Ist doch die Lage des jüdischen Volkes eine derartige, daß wir ständig Verluste an Volksgliedern, eine Abnahme des Vermehrungscoefiizienten, Verluste am Nationalvermögen und eine gefahrdrohende Einbusse an Volksgesundheit, moralischer und physischer Widerstandskraft und ökonomischer Basis zu verzeichnen haben. Wie schwer wiegen dazu jene, jetzt unwägbaren Schädigungen, die sich erst in den späteren Generationen durch Verschlechterung der Rasse geltend machen werden! All das sind schwere Verluste unserer künftigen Palästinabilanz, die sich umso schwieriger werden tilgen lassen, je länger die Schädigungen unparalys.’ert einwirken. Es hieße Schnorrer nach Jerusalem bringen, sollte hier eine Schilderung der lebens- und entwicklungshindernden Lage des Judentumes erfolgen. Sie wird nur vielfach verschlechtert durch die Kriegsereignjsse und drängt schon darum zun Fürsorgearbeit. Diese muß aber auch deshalb schleunigst organisiert werden, weil die Lösung der Kriegsverwicklungen sicherlich auch die Judenfrage in irgend einer Weise aufrollen dürfte. Zumindest ist sie mit der Polenfrage innig verquickt; sicherlich wird es zu vermehrter Judenwanderung kommen. Sollen wir weiter so un-vorbereitet bleiben, wie beim polnischen Judenboykott vor dem Kriege oder wie bei den Judenwanderungen nach Kischinew? Sollen wir die Fürsorge weiter der „israel tischen Kultusgemeinde“ überlassen und das nationale Schulwesen der Hirschstiftung, die Ökonom sehe Sorge e r.er Alliance oder einer Ica? Dürfen wir die Wanderwege Tausender unserer Juden von' einem Hilfs- * verein bestimm i lassen? Fern sei es von uns, diesen G: a.iken nur aufkommein zu lassen, da aus deren „philantropischem Systetn“ des „Werft ihn hinaus, er bricht mir’s Herz“, der Schaden nur größer wird. Nur wir, d. Ü. der offizielle Zionismus, der sich seiner Verantwortlichkeit dem ganzen Judentume gegenüber bewußt ist, kann diese großen Aufgaben übernehmen. Wollen andere Organisationen mittun, sie seien herzlich willkommen, denn wir werden jeden Helfer brauchen. Der Geirst aber muß geaient jüdisch sein, denn für schlechten Willen und nationale Unfähigkeit darf das Judentum keinen Spielplatz mehr abgeben. Die Aufgaben, die des Zionismus m Konsequenz dieser Anschauungen harren, sind gewaltig. Es sind ihrer mehr, als selbst der modernste Staat Seinen Bürgern gegenüber erfüllt, da er sich in verschiedene Arbeiten mit privaten Gesellschaften teilt. Trotzdem gilt keine Bange vor deren Erfüllbarkeit. Mit der wachsenden Ausdehnung unseres Arbeitsgebietes werden unsere Kräfte wachsen, ebenso wie die früher gescheute Palästinaarbeit uns neue 'Mittel und frische Kräfte zugeführt hat. Die Inaugurierung der sozialen Galutharbeit bedeutet auch keinen Sprung ins Neue und Ungewisse. Längst schon haben wir diesbezügliche Programme theoretisch fertig. Es gilt nur, die Arbeit auf allen Linien aufzunehme&i. Zu einigen hat uns ja der Krieg bereits gezwungen, als er in die zentralen Provinzen Tausende jüdischer Flüchtlinge warf. Die Kriegsfürsorgetätigkeit am jüdischen. Volke unterscheidet sich vom der normal notwendigen, nur durch den Zwang der Plötzlichkeit, da das Wanderelend ein chronischer Zustand dieses Volkes st. D.e Inaugurierung der sozialen Fü.sorgetätigkeit bedeu'et darum jetzt keine Neuarbeit'mehr, es han-‘ delt sich größtenteils um die Erhaltung und systematische Ausgestaltung aller jener Aktionen, zu denen uns der Krieg gezwungen hat und noch zwingen wird, einschließljch jener, deren Aufnahme in unser Arbeilsprograimin bereits früher vorgesehen war. Hier wie dort gibt es! also bereits bestehende Grundlagen, auf denen weiter gebaut werden kann. Hauptsache aber bleibt dabei, daß alle diese Aktionen die notwendige Großzügigkeit und Einheitlichkeit erhalten, was durch deren Uebernahme in unser offizielles! Arbeitsprogramm und die Unterstellung unter unsere oberste Leitung gewährleistet erscheint. Dr. E. S., z. Zt. im Felde. Nachschrift der R e d a kt i o n : Wir drucken den vorstehenden Artike1, dessen Autor vor dem' Kriege zu den verdienstvollsten Hauptmitarbeitern auf dem Gebiete des „re nen“ Zionismus und namentlich des Jüdischen Nat önaffonds gehörte lind daher diese seine hier ausgedrückten Anschauungen für ihn bezeichnend sind. Wir zwejfeln jedoch, ob an eine derartig umfassende ^Erweiterung der Grenzen“, der der gesch. Autor das W-ort redet, nach dem Kriege wiru gedacht werden können. Dies umsomehr, als nach Beendigung des Krieges gerade die Arbeit in und für Palästina unsere besten Kräfte, gewaltige Mittel unu große Leistungen persönlicher Hingabe fordern wiid.