Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Die PalästinasRöIonisafion nnD Oie OsfjiMrage. Bei allen Schwierigkeiten, die sich dem Zionismus entgegenstellen, hat derselbe gerade in dieser Kriegszeit in einer Richtung einen erstaunlichen Erfolg zu verzeichnen: Der Herzl’sche Grundgedanke von der judenfrage als einer allgemeinen, europäischen Frage hat sich, eben unter den Einwirkungen des Krieges, durchgerungen. Erfreulicherweise mehren sich immerfort die Stimmen, die den Zionismus von diesem breiteren Gesichtspunkt betrachten, seine bisherigen Leistungen entsprechend^ würdigen und seine Möglichkeiten für die Zukunft' hoch veranschlagen. Dem in der vorigen Nummer unseres Blaltes auszugsweise wiedergegebenen, sehr bedeutsamen Artikel des Prof. Dr. C. Ballod reiht sich ein ebenfalls beachtenswerter Ait.kel an, den das politisch erstrangige deutsche Zentrumsorgan, die „Kölnische Volkszeitung"1, in Nr. 572 vom 16. Juli 1. J. unter der Ueberschrift „Deutschland, die Türkei und die Frage der Ostjuden“ an leitender Stelle zum Abdrucke brachte. Indem wir nachstehend die wichtigsten Stellen dieses interessanten Artikels folgen lassen, verweisen wir auf unsere einleitende Bemerkung zum vorwöchigen Artikel Prof. B al 1 o d s, die in mancher Hinsicht auch auf die folgenden Ausführungen zutrifft: „Was bisher von den Zionisten in Palästina geleistet worden ist, ist zu bekannt, als daß ich näher darauf einzugehen brauche. Sie haben unter den größten Schwierigkeiten geradezu Hervorragendes vollbracht und das Problem, dessen energische Lösungsversuche bei ihrem ersten Bekanntwerden in der Oeffentlichkeit vor etwa 20 Jahren bei den meisten ein ungläubiges Lächeln hervcrriefen, bei nicht wenigen auf .schroffen Widerstand stießen, von ihm sei fesigestellt, daß der Gründungsgedanke, die Schaffung eines neuen Israels im Heiligen Lande, in einer Richtung eine erstaunliche Verwirklichung gefunden hat: in der Schaffung größerer jüdischer Gemeinwesen mit selbständiger Verwaltung und in der Durchsetzung des Hebräischen als Verkehrs-, namentlich aber als Schulspiache unter den Juden Palästinas.“ Nachdem der Artikel auf die Bedeutung, die die jüdische Einwanderung in Palästina vor dem Kriege bereits für Deutschland hatte, kurz hinweist, fährt er, .wie folgt, fort: „Den unmittelbaren Gewinn, den dagegen die Türkei aus der Besiedelung Palästinas durch Juden zog, liegt klar. Oedländereien wurden fruchtbar gemacht, die Produktion des Landes ftieg um ein Bedeutendes, eine steuerkräftige und konsumfähige Bevölkerung wurde gewonnen. Viel höhere Bedeutung wird aber das Kolonisationswerk der Juden in Palästina sowohl für uns als auch für die Türkei nach dem Kriege erhallen. Der Krieg hat .sich im Osten in d^n Westprovinzen Rußlands und in Galizien abgespielt, bezw. spielt sich noch dort ab. Diese Gegenden, die mehr als die Hälfte der gesamten Judenheit beherbergten, haben entsetzlich gelitten, die Existenzen vieler Tausende ihrer Bewohner sind zerstört Die Folge davon wird eine Massenauswanderung der osteuropäischen Juden sein und wir werden vor der Frage stehen, wie wir uns ihr gegenüber verhalten und wohin wir sie in ihrem und unserem Interesse lenken, ln Deutschland können wir sie trotz ihrer deutschen Sympathien, derentwegen sie von unse em russischen Gegner besonders zu leiden hatten, nicht aufnehmen. Eine derartige Masseneinwanderung würde auf ungeheure Schwierigkeiten stoßen und weder ihrem noch unserem Interesse entsprechen. Dagegen müssen wir ihnen behilflich sein, in Palästina eine neue Heimat zu finden. Auf diese Weise fangen wir drei Fliegen mit einer Klappe, wir dienen damit unseren, den türkischen und den jüdischen Interessen gleichzeitig. Die osteuropäischen Juden sind in ihrer übergroßen Mehrheit deutschen Ursprungs. Mit deutschen Ansiedlern zusammen wanderten sie vor vielen Jahrhunderten hach dem Osten und begründeten dort Niederlassungen. Nach dem Niedergang der deutschen Kolonisten bewahrten sie sich die Erinnerung an ihr Herkunftsland, wie es noch heute in ihrer Sprache zum Ausdruck kommt. Stellen sie. auch kein deutsches Kulturelement dar, so befähigen sie doch ihr dem Deutschen verwandtes Sprachtum sowie das starke deutsche Element ihres Wesens in hervorragendem Maße Verbreiter und Förderer der deutschen Sprache und Kultur zu sein. Den Beweis hierfür liefert un? die bisherige jüdische Kolonisätionsarbeit in Palästina. Haben die Ostjuden bereits vor dem Kriege in dieser Weise unseren Interessen gedient, so wird jetzt, wo deutsdie Waffen einen großen Teil dieser bisher hart bedrückten und an der Grenze ihrer Widerstandsfähigkeit angelangten Menschenmasse die Freiheit wiedergebracht haben, durch sie deutsche Kultur und Wirtschaft reiche Ernte halten. Sie werden dafür sorgen, daß der deutsche Handel sich ausdehne, das Arbeitsfeld für die deutsche Technik und die deutsche Industrie immer größer werde. Aber auch hierin liegt 'noch nicht der Hauptwert der jüdischen Besiedelung Palästinas für uns. Unsere Interesssen erfordern nach dem Kriege mehr denn je eine starke Türkei. Grundbedingung hierfür ist die wirtschaftliche und kulturelle Hebung JÜDISCHE ZEITUNG der so tief daniederliegenden Gebiete Vorderasiens, in denen die Wurzeln türkischer Kraft ihren Ursprung haben, die das wirtschaftliche und militärische Rückgrat der Türkei bilden. Diese Riesenarbeit werden weder wir noch die Türkei bei der ungeheuren Zahl wiitschaftlicher, politischer und kukltureller Fragen, die nach dem Kriege an uns herantreten und deren Lösung in der Türkei durch das Fehlen .genügender Verkehrsmittel und den Tiefstand der vorderasiatischen Bevölkerung wesentlich erschwert wird, zu leisten vermögen. Unser Hauptinteresse wird und, muß sich vor allen Dingen den Gebieten der Bagdadbahn und dem Ausbau dieser zuwenden, um der Türkei erst mal einen sicheren Halt in Vordeiasien zu geben. Palästina, in dem einst Milch und Honig floß, ist heute ein größtenteils vernachlässigtes, verödetes Land, Meilenweit ist das Land jahrhundertlang unbebaut geblieben. Landwirtschaft, Händel, Verkehr und Industrie sind mir wenig entwickelt, Eisenbahnen und Straßen nur in geringer Zahl vorhanden, die Gesündheits- und Sicherheitsverhältnisse schlecht. Gerade in diesem Lande bedarf ^s daher der Anspannung aller Kräfte, um der Erde ihre Schäfze wieder abzugewinnen. Die einheimische arabische Bevölkerung ist bei ihrem kulturellen Zustande zur Leistung dieser Arbeit nicht imstande. Es fehlt an Händen, um die Hebung des Landes, die, wie die Ergebnisse der deutschen und jüdischen Kolonisation zeigen, wohl möglich ist, durchzuführen, und nicht nur, daß die Bevölkerungsdichte eine sehr mangelhafte ist und um mindestens das Zehnfache verstärkt werden könnte, das Land leidet zudem noch an einer Auswanderungsbewegung, die ihm beispielsweise vor dem Kriege jährlich über 15.000 seiner Arbeitskräfte entzog. Die deutsche Kolonisation kann trotz ihrer musterhaften Leistungen in ihrem Umfange der Aufgabe nicht"gerecht werden, den großen Besiedelungsmöglichkeiten, die das Land bietet, zu genügen. Da gewinnen wir und die Türkei in der jüdischen Kolonisation eine wertvolle Hilfe. Die Juden wenden sich Palästina nicht aus Gründen wirtschaftlicher Natur zu, sie besiedeln das Land nicht, weil sie wirtschaftlichen Gewinn, erzielen wollen, sondern sie suchen in' Palästina wirtschaftlichen Gewinn zu erzielen, weil sie es besiedeln lwollen. Dabei snd sie ein finanzkräftiges und europäisch1 geschultes Element, Welchen Erfolg eine starke jüdische Kolonisation Palästinas der Türkei zu bringen vermag, zeigt uns klar das bisher von ihr GeleU Stete. Die brach liegenden Ländereien werden früchtbar werden, die Ertragsfähigkeit des Landes um ein Bedeutendes steigen, eine steuerkräftige, konjsiimfähige, vor allen Dingen aber eine dankbare, von aufrichtiger Treue gegen die türkische Regierung erfüllte Bevölkerung gewonnen werden. '■ , Ebenso bedeutend ist die Reihe indirekter Vorteile. Die' Eisenbahnen una Schifffahrtslinien werden ihren Nutzen {mehr denn je aus den Frachten der Kolonisten ziehen, ihre Rentabilität wird Sich entsprechend steigern. Die Verkehrsverhältnisse im Lande werden-infolge Zunahme von Handel und Industrie besSer werden,-Straßen und Eisenbahnen erstehen. In dengrößeren Kolonien befinden sich Gasthöfe, die besonders für den Touristenverkehr vön Wichtigkeit sind. In fast jeder Kolonie ist ein Apotheker in vielen ein Arzt, und in einigen sogar ein Krankenhaus zu finden, Einrichtungen, die natürlich auch für die Eingeborenen von Nutzen sind. Vor allen Dingen wird aber die jüdische Kolon:-" sation 'wesentlich zur Erziehung der Landesein- ■ wohner beitragen, indem sie [einerseits den arabischen Grundbesitzer mit den modernen Wirtschaftsmethoden und neuen 'Pflanzungsmöglichkeiteh vertraut macht, anderseits den Fellachen durch Verwendung ihrer Arbeitskraft einen lohnenden Verdienst schafft. In ähnlicher Weise wie die ländliche Kolonisation würde die Jüdische Einwanderung in die"Städte Palästinas ein großer unmittelbarer und mittelbarer Gewinn für die Türkei. Schätzungsweise wuchs die Zahl der Juden in den Städten von etwa 12.000 im1 Jahre" 1867 auf etwa 90.000. im Jahre 1915. In diesem Zeitraum würden Fabriken, Werkstätten, Handelshäuser usw. errichtet, moderne Villenviertel entstanden. Aerzte, Ingenieure, Kaufleute siedelten sich an. Krankenhäuser und Schulein, darunter auch zwei Gymnasien Wurden erbaut. In der jüdischen Einwanderung Wird die Türkei nach dem Kriege das finden, was ihrem Bedürfnissen in geradezu idealer Weise entspricht: einen Volk sz uwachs:, hinter dem k eine feiin d/i che Macht steht. Wenn vor "dem Kriege viele Juden zögerten, türkische Staatsbürger zu werden, So lag dies an den unsicheren Rechtsverhältnissen in der Türkei, gegen die nur die fremden Konsüln "einen 'Rückhalt gäben. Das wira nach dem Kriege anders werden. Unter dem Schutz einer mit Deutschland Verbündeten innerlich erstarkenden Türkei kann und Wird sich" der jüdische Einwanderer nach dem Kriege als türkischer Staatsbürger sicher fühlen. Die Türkei ist kein e'nheitlicher Nationalstaat. Ihr Gebiet beherbergt viele Völker und viele Stämme. Ein großer Teil Ihrer Bevölkerung entbehrt jedes Verständnis für staatliche Organisation, ein anderer Teil, besonders'die levant'mische Bevölkerung, steht unter allen möglichen fremden Einflüssen.-Der Ju de komm t nach Palästina nur'als J ude. Er arbeitet Nr. 31 nich t für f r emde Interessen. Er arbeitet für Sich, will. Palästina zur He tnat wiedergewininenl Er sieht, daß er dieses nur unter türkischem Schutz vollbringen kann" Er bringt aus Europa ein größeres Verständnis für den Staat und seine Einrichtungen mit, als es z. B. de primitive arabische Bevölkerung' bestzt. Je freier die Türkei die jüdische Kolonisation behandelt, dasto fester wird diese in Palästina und somit in der Türkei Wurzel schlagen. Die Juden sind im Laufe ihrer Geschichte bekanntl eh durch Staatshülfe nicht verwöhnt worden. Könnte die Türkei Sich entschließen, si'e gut zu "behandeln, ja sogar ihnen zur Erreichung ihres ersehnten Zieles zu verhelfen, so Wird Dankbarkeit und Treue der Lohn sein. Gera Je in Palästina wird aeh juaen aer ihnen so häufig anhaftende Zug von IntematiönäTismus verloren gehen. Ist^ doch aieser Internationalismus, diese Heimatlosigkeit wohl in der Hauptsache auf ihre soziale Schich tung zurückzuführen, deren Umwälzung ja ein Hauptziel der jüdischen Kolonisation ist. Auf (der nat i o n a 1 - jüd isch e n-un d h ebräi sehen Bewegung ist die ganze Kolonisation Palästinas aufgebaut. Sie 'muß geachtet Werden. Weder darf die Türkei sie unterbinden, noch dürfen w i r verlangen, daß die Juden ausschließlich als Vorkämpfer für deutsche Wirtschaft und Sprache autt reten, denn nur So wird Palästina mit jüdischer Hülfe für uns ein sicheres Absatzgebiet unseres Handels und unserer Industrie, für die" Türkei eine blühende Provinz, de in bedeutender Weise zur Kräftigung "des deutschen Reiches! beiträgt, und für die .Juden selbst wieder zur Heimat.“