Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 31 (4.8.1916)
- Date
- 1916-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NRTIQNF1L -JÜDI5CHE5 DRI Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« ■ Erscheint wöchentlich. —, Redaktion, Administration und Inseratenaufnähme: Wien, II., Zirkuagaaae Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Utn vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurück gestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Eitzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. | Nr. 31 Wien, Frej}ag, den 4. August 1QJ6 — 5. Ab 5676. X. Jahrgang. Nadi den Uarsdiauer SfaölraMilen. Unter den Ereignissen der letzten Zeit im polnischen Okkupationsgebiete verdienen die Stadtratswahlen in Warschau eine erhöhte Beach. tung, da ihre Bedeutung weit über das Lokale und den Moment hinausgeht. Im neuen Stadtrat sitzen bekanntlich unter 90 Ratmännern auch 19 Juden. Dieses Ergebnis entspricht freilich bei weitem nicht der jüdischen Bevölkerungszahl dieser Stadt und noch weniger der Zahl der angemeldeten jüdischen Wähler im Verhältnis zu den nichtjüdischen. Wenn wir aber von der rein moralischen Bedeutung einer stärkeren Vertretung der Juden im Stadtrat absehen, So haben wir keinen Grund, mit dem erzielten Resultate unzufrieden zu sein. Dieser nicht ganz befriedigenden Ziffer können wir e?nen. für die Gestaltung der zukünftigen Verhältnijsfee in Polen und der polnisch-jüdischen Beziehungen überaus wichtigem Umstand gegenüberStellen, den nämlich, daß dieses Resultat auf Grund einer Einigung mit den Polen erzielt wurde, was die Anerkennung der jüdischen Minorität in Warschau u nd _i.hr er Recht e b ejieut et..,Nach den "Vorküinmniisen in Polen in den letzten Jahren, wo die Verhältnisse zwischen beiden Bevölk'erungsteilen sich auf das äußerste -zugespitzt haben, hat diese, wenn audfr nur ad 'hoc erzielte Einigung eine viel größere realpolitische Bedeutung, als die eventuelle Erlangung noch einiger Mandate jüdischerseits, die nur durch1 einen harten Kampf mit den Polen möglich gewes'en wäre, wobei die letzteren für jeden Fall noch zwei Drittel der Mandate besäßen. Wohl diese richtige Einsicht dürfte es gewesen sein, die das „Vereinigte jüdsiche Wahlkomitee“, in dem fast alle jüdischen Gruppen vertreten waren, zur Abschließung des Kompromisses mit den Polen veranlaßte. Eis muß daher grotesk erscheinen, wenn dieser einsichtsvolle und berechnete Verzicht auf einige Mandate von gewisser jüdisch-nationalistischer Seite dazu benützt wird, um das genannte Komitee und insbesondere die Zionisten eines „Verrates an den jüdischen Interessen“ zu zeihen. Und umso bedauerlicher ist es, daß derartige Argumente nicht bloß während der Wahlkampagne, sondern auch jetzt nodh geltend gemacht werden, und daß trotz der längst abgeschlossenen Wahlen der gehässige Wahlkampf im jüdischen Lager und namentlich in der jüdischen Presse Warschaus fortdauert. Auf der einen Seite, der „Moment“ und das „Warschauer Tageblatt“, die Organe des „Jüdischen Volkskomitees“, die auf den unverfälschten jüdischeft Nationalismus ein Monopol zu haben glauben und sich als die einzigen Wortführer der jüdischen Volksmassen und Verteidiger ihrer Lebensinteressen ger'eren. Auf der zweiten Seite die „Hazefirah“ und der „Hajnt“, welche für das „Vereinigte Jüdische Wahlkomitee“ Partei nehmen und das „Jüdische Volkskomitee“ und einzelne Mitglieder desselben ir gleich heftiger Weise bekämpfen. Dieser Kamp, bedeutet nicht bloß eine enorme Schädigung de; Prestiges der jüdischen Presse Warschaus una der dortigen Judenheit überhaupt, er lenkt auch die Aufmerksamkeit der jüdischen Kreise von aer Sache selbst ab und läßt so die wichtigen Ereignisse, die erhöhte Beachtung beanspruchen, in den Hintergrund treten — zu unserem und der Sache Schaden. In dieser Preßfehde und zum großen Teil durch sie veranlaßt, verdient ein Aufruf .des Warschauer Zionistischen Komitees an die dortige zionistische Organisation, der zugleich eine Mahnung zur Einkehr und Umkejpist, besondere Beachtung. „Der Wahlkampf“ — wird ip diesem Aufruf gesagt — „ist bereits abgeschjossen und mit ihm die Zeit der leidensdhaftljcfien Agitation und der unfruchtbaren Rolemik.- Wjr stehen jetzt vor viel wichtigeren Aufgaben. Der Ratmänner, die wir Zionisten in den -Stadtrat geschickt haben, harrt eine Schwere und verantwortungsvolle Arbeit. Sie werden einen harten Kampf führen müssen, sowohl mit unseren nichtjüdischen Gegnern, als auch mit den Gegnern;des jüdischnationalen Gedankens unter ihren jüdischen Kollegen. Die Vertreter der zionistischen Organisation, als Vorkämpfer der jüdisch-nationalen Rechte, werden* ihrer alten Tradition treu bleiben Indem sie ihren Pflichten als Bürger Polens entsprecnen und den polnischen Charakter der Hauptstadt respektieren werden,, werden unsere . Vertreter gleichzeitig die Rechte der jüdisch-na-r tionalen Minderheit und ihre wrtschaftlichen und religiösen Interessen mit der größten Entschlossenheit verteidigen und die volle Befriedigung der jüdisch-kulturellen Bedürfnisse nach den* Prinzipien einer national-kulturellen Autonomie fordern. Unsere Vertreter werden die Initiative ergreifen, für die jüdische Bevölkerung in Warsehau eine eigene jüdische Schule mit eigener Lehrsprache zu erkämpfen, im Einklänge mit der früheren zionistischen Resolution. Mit Verachtung weisen wir sämtliche böswilligen und grundlosen Vorwürfe zurück, die gegen die zionistische Organisation und ihre Vertreter erhoben wurden. Auch sei es niemandem gestattet, auf die zionistische Idee Steine zu werfen, die die einzige Quelle jüdischer Wieder, belebung und nationaler Bewegung ist. Wir fordern alle treuen Anhänger unserer Idee auf, sich um die zionistische Organisation zu sammeln und sich mit vereinten Kräften für die Verteidigung unfeerer nationalen Interessen und für die Verwirklichung unseres zionistischen Ideals zu öetätigenj.“ Auch das „Jüdische Volkskomitee“ wandte sich* mit einem Aufruf an die Bevölkerung, der sich jedoch durch seinen agressiven Ton von der zionistischen Kundgebung unterscheidet. Als Illustration möge die folgende, demselben entnommene Stelle dienen: „Mit erdrückender Mehrheit sprach sich der Wille der jüdischen Bevölkerung gegen die Plutokratie, gegen die ungebetenen Wohltäter, die den Juden im Nacken Sitzen, aus. Sie sprachen sich gegen die erniedrigende Assimilation und ihre Helfershelfer aus.“ Die bedauerliche Spaltung im jüdischen Lager, die dem jüdischen Ansehen durchaus abträglich ist und den uns übelwollenden nichtjüdischen Kreisen nur willkommen sein kann, ist auch in der am 24. Juli erfolgten feierlichen Eröffnung des Stadtrates zu Tage getreten. Ueber diese Sitzung seien folgende interessante Einzelheiten vermerkt: Nach den Eröffnungsreden und Verlestwig einer gemeinsamen Deklaration, brachte der Präsident Prof. Brudzinski folgende schriftlche Erklärung der Warschauer zionistischen Organisation, unterschrieben von den Rätmännem H. Farbstein und Rechtsanwalt Seidemann, zur Verlesung: „Di e z i o n i s t i sch e O r g a n i s a t i o n in Wars chau sol idarisiert sich mit demallgemeinen Wunsche des polnischen Volkes nach einem freien Polen und drückt ihre feste Zu versieht aus, daß das freie polnische Volk die begründeten bürgerlichen und nationalen Rechte der Juden Sichern wir d.“ Dieser Erklärung fügte — wie „Hazefirah“ meldet — Präs. Prof. Brudzinski die Bemerkung an, daß auch er mit den Zionisten des Glaubens und der Ueberzengu ng sei, daß in einem freien Polen die J uden national-kulturelle Autonomie er! ängen würden, was von den Versammelten mit Beifall aufgenommen worden sfei. Auch sollen diese Worte Prof. Brudzinskis: die assim latorischen . Ratmänner derart überrascht haben, daß einige von ihnen sich veranlaßt sahen, nach Sdiluß der betreffenden Sitzung den Zionisten zu ihrem Erfolge Zu gratulieren. Nach dej Deklaration des Sozialistischen Blocks („Bund“ und P. P; S.), der u. a. auch die na t io n a! - k u 11 u r e 1 Ie Autonomie für die Juden und Schulen mit JidiSch als Unterrichtsspr ache verlangte, verlas Herr Hi rs chhorn namens der „Jüdischen Volksgruppe“ (d. i. der vier Ratmänner, die auf Grund des Programmes des ,Jüdischen Volkskomitees“ gewählt wurden), eine längere Erklärung, die mit den Worten begann: „Im Namen der breiten jüdischen Volksfmassen, als die einzigengewähl ten Vertreter derselben u. s. w.“ Diesen Ausdruck hat dann *der Vorsitzende, Prof. Brudzinski, mit der Bemerkung zurückgewiesen, daß „auch die anderen* 15 jüdischen Ratmänner freiwillig von der jüdischen Bevölkerung gewählt seien“. Im übrigen enthielt diese Erklärung eine Reihe von Forderungen, wie z. B. Steuerveranlagung nach Vermögen und Einkommen, Uebernahme .älter öffentlichen Einrichtungen durch die. Stadtgeme'nde, Beseitigung der Arbeitslosigkeit durch Schaffung öffentlicher Arbeitsgelegenheit für Juden und Nichtjuden, SchulzWang und unentgeltlicher Unterricht, Unterhaltung der Schulen mit jidischer Unterrichtssprache durch die Stadtgemeinde unter einem jüd. Schulrat, dem alle jüd. Schulen unterstehen, Gleichberechtigung der Juden bei Besetzung städt. Aemter, Freigabe des Sabbats für die jüdischen Gewerbetreibenden und Anrechnung desselben als Ruhetag. Bezeichnend ist, daß der „Moment“ und das „Warschauer Tageblatt“ in ihren Berichten über die Eröffnungssitzung der zionist'schen Deklaration und der wichtigen Worte Prof. Brudzinsk s mit keinem Worte Erwähnung taten. Sie bekunden damit, daß sie bedauerlicher Weise nach w'e vor das Sachliche dem Persönlichen unterordnen. M. Tf.