Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 10 (1916)
- Issue
- 30 (28.7.1916)
- Date
- 1916-07-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nh 30 eine kulturelle, soziale Autonomie zuerkannt werden soll. Die Juden müssen das Recht haben, nationale Schulen und kulturelle Institutionen zu gründen, ihre Gemeinden Selbst zu organisieren, und in den Behörden der Städte und des Landes muß ihnen das Recht einer nationalen Minderheit garantiert werden. Solche Rechte sind überall dort zu fordern, wo die Juden in großen Massen wohnen, wie in Rußland, Polen, Rumänien etc. 3 .Die volle Verwirklichung des jüdisch-nationalen Ideals ist eng verbunden mit Palästina, defm Lande, von dem unstere Geschichte ih'ren Ausgang nahm und das immer tief verwurzelt in der jüdischen Seele lebte als feine Art Heimweh und seit der Existenz der zionistischen Bewegung als Programm eng verknüpft ist mit der Renaissance des jüdischen Volkes. Dort wollen wir das jüdische Volk in einem Glanze aufleben lassen, der ’ seiner Vergangenheit und der Kulturrolle entspricht, die es in der Geschichte der Menschheit gesnielt hat. Die Widerstände,1 welche der Verwirklichung dieses Zieles entgegengesetzt werden, bilden eine der größten Ungerechtigkeiten gegen das jüdische Volk. Wir fordern daher das Recht einer freien nationalen Entwicklung in Palästina, wir fordern die Freiheit der Einwanderung, die Freiheit der Kolonisation und das Recht, unsere Kultur und unsere hebräische Sprache in unseren Schulen und im gesellschaftlichen Leben frei zu entwickeln.“ Die Herzlfeiern in (Dien. Der Todestag Theodor Herzls wird in Wien, der Wiege des modernen Zionismus und der Stätte, wo HerzI lebte und \virkte, alljährlich in weihevollster Weise gefeiert. Auch heuer' brachten aus diesem Anlässe viele Tausende von Juden ihre große Verehrung für den genialen Schöpfer der jüdischen Freiheitsbewegung, Zionismus genannt, den sie in diesen furchtbarsten aller Tage besonders vermissen, zum Ausdrucke. Die Andachtsfeier. Die Reihe der Veranstaltungen wurde auch dieses Jahr mit dem üblichen Trauergott es dienst, der am Donnerstag, den 20. d. M. um' 8 Uhr abends im großen Leonoldstädter Tempel stattfand, eröffnet. Eine Stunde vor Beginn war der Temoelhof und die Tempelgassfe von Juden beiderlei Geschlechts! dicht besetzt, die absichtlich so früh hergekommen waren1, um sich' den Einlaß in den Tempel zu sichern. Einige Minuten nach' Oeffnung des! Gotteshauses war solches mitsamt den Gallerien bis' zum' letzten Plätzchen — buchstäblich — von ungefähr 4000 Personen gefüllt, und noch immer dauerte der Zustrom von Menschen an, . die sich' vergeblich um Einlaß bemühten und schließlich' draußen blieben mit sichtlichem Aerger über die Versäumnis und nicht ohne Neid über die ,JGlücklichen“, die drinnen waren. In der vorderen Re’ihe nahm die zionistische Parteileitung Platz. In Vertretunig der Kultusgemeinde erschien das Vorstandsmitglied Herr Dr. Markus Spitzer. Es waren auch viele Offizeire uno Mannschaftsnersonen anwesend. Nach’ dem Abendgebet brachte Herr Oberkantor J. Mo rgemstern den Psalm 49 in meisterhafter Weise zum Vortrage, worauf Herr Rabbiner Dr. Funk die Gedenkrede hielt. In einer kurzen aber eindringlichen Ansn-ache wjes der Redner auf die eminlente Bedeutung Herzls für das! gesamte Judentum hin,' das ihn besonders in den jetzigen schweren Zeiten schmerzlich vermißt. Schließlich trug Herr Oberkantor Morgenstern in ergreifender Weise das „EI male rachamim“ vor. Den Tempeldior dirigierte in bewährter Art der Chordirigent Hem Heimann. Am Ausgange wurde von den Schornrim eine Sammlung für das Palästmnhilfswerk veranstaltet, die einen ansehnlichen Betrag ergab. Der Gang zum HerzI grabe. Sonnjag, den 23. Juli fand bei herrlichstem Wetter der feierliche Gang zum Grabe Herzls am Döblinger Friedhofe statt. Der Zug, an dem ungefähr 8000 Personen teilnahmen, rangierte sich bei der Hochschule Für Bodenkultur. An der Spitze schritten mit Herrn Oberkantor I. (Morgenstern die beiden r Päsidenten der galizisdien und westösterreichis’Chen zionistischen Organisationen Adolf S t a n d und k. k. ReichSfratsrevisor Rudolf T a u s s i g und Reichsratsabgeordneter Dr. Benno St raufe her, denen die Mitglieder des! zionistischen Exekutivkomitees1 und zion. Z. K. für Westösterreich' folgten. Eine imposante Gruppe von verwundeten und rekonvaleszenten Offizieren und Personen des Mannschaftsstandes — diie meisten die Brust mit Orden geschmückt —. schlossen sich' den Mb gliedern der leitenden Korporationen an und es machte einen erhebenden Eindruck, daß gerade die Zionisten, die unter Waffen isteh'en, nicht versäumt hatten, ihren verewigten Meister und Erzieher zu ehren. Dann folgten die Scharen der „Schomrim“ mit ihren Mädchenriegen, die Kinder, Mädchen una Jünglinge vom Wanderbund „Blau-Weiß“, sämtliche anderen Jugendorganisationen, die Alte- ' Herren-Riegen und Frauenabtei'ungen der Turnvereine — die Männerriegen sind durchaus Soldaten geworden — und in langem Zuge die treuen' Anhänger des großen Führers, zum größten Teile ostjüdische Flüchtlinge mit ihren Familien. Als! die Spitze des Zuges das Grab erreicht hatte, flankierten die Bannerträger der lugendbünde den'Hügel, schmückten ihn mit Blumengewinden und Herr Oberkantor J. Morgenstern trug in ergreifender Weisfe das „El malie raChamim“ vor und sprach sodann, selbst tieferschüttert, mit weittragender Stimme an ‘der Gruft einen Friedens’wunscb in hebräischer Sprache. Stumm schritt die Menge in geordneten Reihen an der Grabstatt vorüber. Die Defilierung währte über eine Stunde. Auf dem freien Platze beim Friedhofsteingang nahmen hierauf die „SCh'omrim“ und der Wanderbund „Blau-Weiß“ Aufstellung und harrten, bis ihre Fahnenträger, vom Grabe, wo sie bis zum Passieren der letzten Reihen verblieben waren, zurückkehrten. Sie sangen sodann die „Hälikwah“ und zogen von der Gruft Theodor Herzls in die Natur hinaus. Dem geheiligten Wunsche des Führers gemäß wurden auch in diesem Jahre am Friedhofe keine R^den gehalten. Es! war eine würdige und erhebende Feier. Auch hier wurde ein namhafter Betrag zugunsten des Pa’ästinahilfswerkes gesammelt. Ueber die Herzlgedenkfeier vom 26. d. M. berichten wir in der nächsten Nummer. * Herzlfeier in Krems a./D. sthwemmung solcher Facta anführen. Wie bekannt, bestellt in der Hochschule ein Verein jBrüderliChe Hilfe“, eine Institution, die lediglich phrlantronische Zwecke verfolgt. Als sich einer, der Kollegen, der zu dem Teil der Studenten' gehört, welche auf der letzten allgemeinen Versammlung der Studentengesamtheit von einem „Witzling“ mit dem Namen „Araber“ bedacht wurden, an den Vorstand des Vereins wandte, ihm Aufklärung zu geben, warum seine Aufnahme in die Reihe der Mitglieder abgelehht Antwort: „Kollege! Die Anzahl Ihrer GlaubenSworden sei, bekam er vom Vorsitzenden folgende genossen in unserem Verein erreicht schon 40%. Mehr können wir nicht aufnehmen. Wir müssen vorsichtig sein.“ Alle Hinzufügungen sind natürlich überflüssig.“ Aus öer jüöfstäen Welf. Das „Berliner Tageblatt“ beschwert sich darüber, daß nach' einem Bescheide des Breslauer, Magistrates auf die Bewerbung einer jüdischen Lehrerin das Kultusministerium den Standpunkt vertritt, daß jüdische Lehrkräfte nur au sn ah ms weise und zwar für die Dauer des Krieges! zur Vertretung christlicher Lehrer und Lehrerinnen herangezogen werden soften. Weiter übte 'es Kritik an einem Bescheid der Berliner Schuldenutation, in welchem das. Gesuch erner indischen Lehrerin um vertretungsweise Bpsriiäftmung mit der Begründung abgelehnt wird, daß ..der Bedarf der 'städtischen Sehulen an jüdischen Lehrkräften gedeckt“ sei. Die Judenfrage vor der Rerdfsduma. Bei der. Beratung der Anträge zur Beseitigung jdpr . Be s'c'h r ä nk u r* g e n der luden in der Reichsd"ma, sprachen alle sozialistischen Der Verein „Zion“ veranstaltete anläßlich de9 12. Todestages Th. Herzls am Donnerstag, den 20. ds. M .im hiesfigen Tempel einen Trauergottesdienst, sowie anschließend daran im Sitzungssaale der Kultusgemeinde eine Gedenkfeier. Im Rahmen des! Gottesdienstes hielt Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. G. Mehre r eine geistvolle zündende Ansprache, in der er HerzI als! Mensch und Juden schilderte. Herr Oberkantor Heinrich Katz besorgte mit dem von' ihm einstudierten Schülerchor die gottesdienstlichen Funktionen und bewirkte insbesondere "durch’ seinen überaus künstlerischen Vortrag des Trauernsalmes „"EI male rachäm'im“ eine außerordentlich weihevolle Stimmung. In der darauf folgenden 'Gedenkfeier, welche Obmann Gg. Ignaz Repha n eröffn et e. hielt Gg. Schriftführer Karl Sachs eine beifällig aufgenommene Gedenkrede,; Gg. stud. jur. Robert Kolb lasl einige Stelen aus Herzls zionist; Schriften in wirkungsvoller Weise vor. Reichen Beifall erntete Gg. Norbert Sach s mit seinem Vortrag über Palästina und die Bedeutung des Herzlwaldes, was durch das schöne Resultat der Haussammlung für die Baumspende bewiesen erscheint. An dieser Stelle sei auch Frau Erna Wasservogel für ihre Orgelbegleitung, dem braven Schülerchor, sowie der Studentenschaft wärmster Dank gesagt.; ' i ' ■”■'!• Herzlfeier in Petrikau. Petrikau (Polen). Anläßlich der Wiederkehr des Todestages unseres unvergeßlichen' Führers Dr. Theodor Herzls hat die hiesige zionistische Jugend wie alljährlich eine Trauerandacht im ,IKupiecki“-Saale veranstaltet, zu welcher T50 Personen der Petrikauer Bevölkerung, wie mich der Umgegend erschienen waren. Die Gedenkrede hielt Gg. M. Feinkimd, welcher hauptsächlich über die Bedeutung Herzls für das jüdische Volk sprach. Herauf wurde eine Sam'mlung für den Herzl-Wa'd eingeleifet, die fein sehr gutes Resultat ergab. Mit der Absingung der „Hatikwah“ schloß die würdige Feier1. Von 9er UarsAauer Hochschule. Die Warschauer sozialistische Wochenschrift „Nowa Trybuna“ (Nr. 25 vom 17. Juni 19161 schreibt folgendes: „Die chauvinistische Stimmung der polnischen Bürgerschaft hat ihren Ausdruck ebenfalls in den Beziehungen der akademischen Jugend unter einander gefunden. Eine der häßlichsten Erscheinungen des Chauvinismus, der Antisemitismus, blüht ausgiebig in den Mauern der Universität und fängt an, reichliche Ernte zu zeitigen. „Die Zierde des! Volkes“, diese' „künftigen Baumeister Polens“ — die akademische Jugend in ihrer erheblichen Mehrheit — verrät immer und immer deutlicher ihre bourgeoise Herkunft, immer mehr würde feie mit dem Bewußtsein durchdrungen, daß sie die Rolle der Schützer der Interessen der Bourgeoisie erwartet. Als Beispiel möchte ich eine kleine, aber grelle Tatsache, eine aus der unendlichen Ueber- Abgeordne'en. Tsehchenkeli s'el'te fest, daß sp'bft die Arbeiter jüdischen Glaubens in den Putilow. werken neuerdings ans Petersburg ausgewiesen werden. Dag Paßsystem, erklärt« dei» Redner, sei bezeichnend für die Un'erdrü'knng re- Hälfte deS Volkes. Kerenski berichtete, nach dem Verhandlungsprotokoll des Mvristerra+es hebe der Reichskontrolleur Babrowski ausdrücklich den Auftrag erhalten, an der P a r i s e r Konferenz die von England gewünschte Aufhebung aller Beschränkungen der Nationalitäten nicht zuzugeben, Die Regierung verrate die Unlauterkeit ihrer diplomatischen Phrasen, wenn sie trotzdem fernerhin behaupte, den "Krieg für die kleinen Nationalitäten, '"die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu führen. Die Demokratisierung der t'üd. Gemeinde in Petersburg. Der l^nmnf um die Demokratisierung der Petersburger öemcindeorg'anisatiou, der seit einigen Fahren tobt und in letzter Zeit, nachdem die Petersbnrger Gemeinde die tatsächliche Initiatoren und Leiterin der großen Kriegshi’fsorgauisation (geworden war. besonders aktu«ft wurde, nahm letzt seinen erfolgreichen Abs-Nuß. Nach vielen Debatten d«r Verteidiger der Demokratisierung mit den Vertretern der Gemeinde, b«- schloß die letzte allgemeine VerSammbrn-g d«r Gemeindemitglieder, die am 21. Mai unter Vorsitz von M. M. Wiuawer stattfand. die Mitgliedersteuer von 25 auf 3 Rubel herabzusetzen-. Gegen das jüdische Theater. Der Gouverneur von Jelis&wetgrad hat der Tbeatertrunne Fischsohn das Spielen jüdischer Stücke verboten. Auch in Petersburg, wo man bisher iidisch-e Stücke ungestört auffüh'ren du-fte, Setzte in der letzten Zeit in der judenfeindhellen -Presste einie Hetze gegen das iüdischfei Theater ein. . Heb”"’js!c!h! alsi Unterrichtssprache. Der „Oe^erreicbiSchen Wochenschrift“ entnehmenwir folgende Notiz: „Das Budapest- Landesrabbinerseminarium hat, Wie von dort berichtet wird, über Antrag des Präsidenten des Kuratoriums kgl. Rates D*-. Franz Mezey beschlossen, vom nächsten Schuljahre angefangen, sowohl in der unteren wie in der oberen Abteilung für die heb-äistehen Lehr, gegenstände die hebräische Sprache als Unterrichtssprache einzuführen. Diese Neuerung ist um s'o bezeichnender, als gerade in Ungarn in jenen Krere*1. welchen die Leitung des Rabbiner- Seminars anlgehört,' bis vor gar nicht langer Zeit eine entschiedene A.bnegung gegen die Anerkennung der hebräischen Sprache als lebendige Sprache notorisch war. Diese Wandlung, welche auch anderen jüdischen Lehranstalten zur Nachahmung empfohlen werden kann, wird sicherlich nicht ohne Wirkung auf die Erziehung der künftigen Generation der ungarischen Juden bleiben.“ - . Dr. Joäeph1 Epstein gestorben. Im Alter-von 42 Jahren ist Dr. Joseph Epstein in Wilna an Typhus gestorben. Er war einer der besten Zionisten in W3na und hat namentlich für die national-kulturelle Hebung der